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Martin Niewendick: In Duisburg wird gegen Roma gehetzt

Der Antiziganismus zündet

Vorige Woche wurde in einem überwiegend von Roma bewohnten Haus in Duisburg Feuer gelegt. In der Stadt machen Anwohner und Politiker seit Monaten Stimmung gegen Einwanderer aus Südosteuropa.

von Martin Niewendick

Es gebe keinen Hinweis auf einen »fremdenfeindlichen Hintergrund«, beeilte sich die Polizei Duisburg mitzuteilen. Klar sei bisher nur, dass das Feuer in dem überwiegend von Roma bewohnten Haus im Stadtteil Hochheide durch Brandstiftung entstanden sei. Es werde in alle Richtungen ermittelt.

Am 9. Oktober gegen halb zwei Uhr nachts rückte die Feuerwehr mit 50 Fahrzeugen im Ortsteil Hochheide an. Dicke Rauchschwaden quollen aus dem Gebäude. Die 42 Bewohner hatten sich vor den Flammen auf den hinteren Teil des Hausdaches gerettet. Mit Leitern konnten die Menschen evakuiert werden. Das Haus ist derzeit unbewohnbar. 17 Menschen wurden verletzt, sie erlitten Verbrennungen und Rauchvergiftungen.

In Duisburg tobt seit etwa anderthalb Jahren die Hetze gegen Einwanderer aus Südosteuropa, immer wieder herrscht regelrechte Pogromstimmung. Zunächst konzentrierten sich Politik, Presse, Anwohner und andere Bürger auf ein in den Medien zumeist als »Problemhaus« be­zeichnetes Gebäude im Duisburger Stadtteil Rhein­hausen.

Bilder von Müllbergen vor dem Haus wurden publiziert, die wachsende Gefahr durch »Klau-Kids« beschworen und immer wieder Gerüchte über die Bewohner des Hauses gestreut. Nachdem im Internet offen zur Gewalt gegen die Neuankömmlinge und auch zu Brandanschlägen aufgerufen worden war, richteten Unterstützer Nachtwachen vor dem Haus ein.

Einer von ihnen ist Alexander Schleier. Der Duisburger engagiert sich in der Initiative gegen Duisburger Zustände, die sich als Reaktion auf die rassistische Stimmungsmache in der Ruhrgebietsstadt gegründet hat. Die Initiative verbreitet Texte, organisiert Informationsveranstaltungen und beteiligt sich auch an der Nachtwache und an Demonstrationen.

»Seit knapp zwei Jahren breitet sich in Duisburg ein antiziganistisches und rassistisches Klima immer weiter aus, in den vergangenen Wochen hat sich dieses nochmals verschärft«, sagt Schleier der Jungle World. Seit knapp anderthalb Jahren verbreiteten sich Begriffe wie »Problemhaus« in der Presse, zudem werde die Gefahr einer »Flut von Armutsflüchtlingen« beschworen. Von der Duisburger Lokalpolitik erwartet Schleier nicht viel. Diese sehe die Roma vor allem als Problem an. Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link (SPD) sei keine Ausnahme. Vor kurzem habe er für ein Einreiseverbot für Straftäter plädiert.

Schleier möchte sich nicht an Spekulationen über den Brandanschlag in Duisburg beteiligen. »Falls es sich jedoch herausstellt, dass es sich um eine vorsätzliche und fremdenfeindliche Brandstiftung gehandelt hat, sollte es niemanden überraschen.« Die antiziganistische Hetze führe zu Taten. Vor zwei Wochen demonstrierten Anwohner und Rechtspopulisten gemeinsam gegen Einwanderer. Dass die Polizei wirklich in alle Richtungen ermittle, sei zweifelhaft, sagt Schleier. Sie sei in den vergangenen Monaten selbst mit »problematischen Aussagen und Vorfällen« aufgefallen. Nachdem etwa Linke im August eine »Informationsveranstaltung« für »interessierte Bürger« gestört hatten, stürmte die Polizei die Unterkünfte der Roma in Duisburg-Rheinhausen, da sie dort die Täter vermutete. Im Zuge der ­po­lizeilichen Maßnahme sei es zu gewalttätigen Angriffen der Beamten gekommen. Auch seien rassistische Beleidigungen gefallen, berichteten Augenzeugen.

Die Duisburger Stadtverwaltung plant mittlerweile, zehn handverlesene Familien aus dem Haus in Rheinhausen in Wohnungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gebag unter­zubringen, wie der Stadtdirektor und Sozialdezernent Reinhold Spaniel der Neuen Ruhr-Zeitung sagte. Die Initiative gegen Duisburger Zustände beruhigt das jedoch nicht. »Wir versuchen momentan primär, auf das höchst gefährliche Ausmaß des Antiziganismus in Duisburg hinzuweisen und noch Schlimmeres zu verhindern«, sagt Schleier.