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Bernhard Schmid: Der antisemitische »Quenelle«-Gruß

Der Hass der Knödel

Der französische Komiker Dieudonné M’bala M’bala ist bereits öfter durch antisemitische Aussagen aufgefallen. Der von ihm erfundene Gruß »de la quenelle« gilt einigen als Zeichen des Widerstands, ist aber ein antisemitisches Statement.

von Bernhard Schmid

Er ist seit Jahren der aggressivste öffentlich auftretende Antisemit in Frankreich. Nun möchte er sich hinter dem verschanzen, was er als Humor sieht. Am 19. Dezember wurde bekannt, dass der Theatermacher Dieudonné M’bala M’bala, der als Komiker nur unter seinem Vornamen auftritt, bei einer Aufführung über den prominenten Radiojournalisten Patrick Cohen äußerte: »Wenn der Wind sich dreht, weiß ich nicht, ob er genug Zeit haben wird, um die Koffer zu packen. (...) Wenn ich ihn reden höre, Patrick Cohen, …dann sage ich mir: Die Gaskammern … Schade …« Sein Anwalt Jacques Verdier behauptet jedoch, man müsse »den Kontext sehen: ein Spektakel, wo die Leute lachen«, und dazu gehöre auch »Überzogenes oder Absurdes«. Antisemitismus liege seinem Mandanten fern. Dieser wurde allerdings seit 2006 insgesamt sechs Mal in Frankreich und einmal in Kanada wegen antisemitisch motivierter Aussprüche verurteilt.

Zwischen Weihnachten und Neujahr wurde die Debatte darüber heftiger. Die Sendeanstalt Radio France hat Strafanzeige erstattet. Nachdem Innenminister Manuel Valls erklärt hatte, die ihm untergebenen Präfekte sollten Möglichkeiten für ein Verbot der Aufführungen Dieudonnés prüfen, wurden erste Auftrittsverbote durch die Bürgermeister von Marseille und Nantes, den Konservativen Jean-Claude Gaudin und den Sozialisten Patrick Rimbert, in Aussicht gestellt. Unerwartete Hilfe kam vom Front National, der ansonsten, um Salonfähigkeit bemüht, seit der Übernahme der Parteiführung durch Marine Le Pen Distanz zu Dieudonné hält. Der stellvertretende Vorsitzende Florian Philippot sagte am Montag, er unterstütze den Schauspieler nicht, halte »ein Theaterverbot« aber für »eine Straftat«.

Dieudonné M’bala M’bala kam Anfang 1966 im Pariser Umland als Sohn eines kamerunischen Finanzbuchhalters und einer bretonischen Soziologin zur Welt. Ursprünglich vertrat er eher antirassistische und universalistische Positionen. Aber seit 2001/02 steigerte er sich rapide in einen immer offeneren Antisemitismus hinein. Anfänglich motivierte ihn dabei eine Art Opferkonkurrenz: M’bala M’bala begann, sich für die Geschichte der Sklaverei zu interessieren, bekam aber nicht genügend Geld für ein Filmprojekt zum Thema zusammen. Er wollte die Ursache dafür in einem Gedenkmonopol für die Opfer des Holocaust sowie »jüdischen Interessen« im Filmgewerbe erkennen. Sein ideologischer Stichwortgeber wurde der antisemitische Schriftsteller Alain Soral. Er gehört zur extremen Rechten, auch wenn dort kaum jemand mehr mit ihm zusammenarbeiten will, unter anderem wegen seiner starken Egomanie.

In Teilen der jungen Generation und in gesellschaftlich marginalisierten Sozialmilieus haben Dieudonné und Soral, besonders dank ihrer Videos bei Youtube, einen beträchtlichen Einfluss. Dieser gründet vor allem auf diffusen Verschwörungstheorien. In den vergangenen Monaten ist der salut de la quenelle oder »Knödelgruß« populär geworden, den Dieudonné aufgebracht hat – er behauptete von sich selbst, »ein Knödel im System« zu sein, also Reichen oder Mächtigen in die Quere zu kommen. Bei dem Gruß mit weit oben an der Schulter angewinkeltem Arm geht es seinem Erfinder zufolge darum, dem imaginären Gegenüber einen Knödel im Hintern zu platzieren. Es stimmt zwar nicht, dass es sich, wie mit unter berichtet, um eine Abwandlung des Hitlergrußes handelt, doch es geht sehr wohl um eine antisemitisch aufgeladene Version des »Stinkefingers«.

Im September wurden zwei Soldaten in Paris disziplinarrechtlich bestraft, weil sie den Gruß beim Wachestehen vor einer Synagoge entboten und auf einem Video festgehalten hatten. Im Dezember wurde bekannt, dass Angestellte des Asterix-Freizeitparks nördlich von Paris ebenfalls den Gruß gezeigt hatten, gegen sie ermittelt nun ihr Arbeitgeber. Zuletzt machte auch der in einem englischen Club spielende französische Fußballer Nicolas Anelka durch den Gruß auf sich aufmerksam. Er behauptete, »weder Antisemit noch Rassist« zu sein, widmete seine Geste auf dem Fußballfeld jedoch »meinem Freund Dieudonné«. Am Dienstag ermittelte zudem die Polizei in Toulouse, weil eine Person den salut de la quenelle vor der jüdischen Schule Ohr Torah entboten hatte, wo im März 2012 drei Schüler und ein Lehrer von dem Terroristen Mohamed Merah getötet worden waren. Meyer Habib, liberaler Abgeordneter für die Auslandsfranzosen, will nun ein gesetzliches Verbot des »Quenelle-Grußes« vorschlagen.

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