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Stephan Grigat: Das Buch »Am Scheideweg« von Judith Butler

Deconstructing Israel

Wie Judith Butler in ihrer jüngsten Schrift »Am Scheideweg« das Ende des jüdischen Staates propagiert.

von Stephan Grigat

Es war stets ein Rätsel, warum eine Frau, die die Elogen der US-amerikanisch-palästinensischen Genderforscherin Lila Abu-Lughod auf die Burka gutheißt, als Vordenkerin des Feminismus gelten kann. Abu-Lughod schreibe der Vollverschleierung von Frauen, so Judith Butler, »wichtige kulturelle Bedeutungen« zu. In ihrer 2005 auf Deutsch erschienenen Essaysammlung »Gefährdetes Leben« bringt Butler Abu-Lughods Verdikt gegen die »Dezimierung islamischer Kultur« und eine »Ausbreitung von US-amerikanischen kulturellen Annahmen, wie Sexualität und Handlungsfähigkeit zu organisieren und darzustellen seien«, gegen die Bilder entschleierter afghanischer Mädchen und Frauen in Anschlag. Die Verschleierung der Frau könne, so fasst Butler einen Vortrag Abu-Lughods zustimmend zusammen, auch als »eine Übung in Bescheidenheit und Stolz« verstanden werden und diene »als Schleier (…), hinter dem und durch den die weibliche Handlungsfähigkeit wirken kann«. Kritik am islamischen Tugendterror diskreditiert Butler als »kulturimperialistische Ausbeutung des Feminismus«.

Jener Teil von Butlers Anhängerschaft, der den Feminismus noch einigermaßen ernst nimmt, musste vor solchen Aussagen, die eine Absage an die universelle Vorstellung von Freiheit darstellen, stets die Augen verschließen. Ähnlich verhielt man sich, als mit Butler 2012 einer Autorin der Adorno-Preis der Stadt Frankfurt verliehen wurde, deren Schriften das exakte Gegenteil von Kritischer Theorie sind. Die Absage an jegliches die Gesellschaft transzendierende Denken zieht sich trotz der kritischen Attitüde wie ein roter Faden durch ihre Texte. Im Zuge der durch die Preisverleihung ausgelösten Diskussionen über ihre israelfeindlichen Aussagen versuchten das Preiskomitee und viele Fans der Gender-Queen, Butler mit der Behauptung in Schutz zu nehmen, sie kritisiere lediglich den fortgesetzten Siedlungsbau und konkretes Regierungshandeln in Israel. Das war zwar angesichts der Verlautbarungen der Starphilosophin auch damals schon kaum haltbar, mit der Veröffentlichung von Butlers Buch »Am Scheideweg« dürfte diese Verteidigungsstrategie in der Zukunft aber kaum mehr durchzuhalten sein.

Das 2012 auf Englisch und 2013 auf Deutsch erschienene Buch beginnt mit der Lieblingslüge aller sich als Opfer rachsüchtiger Verfolgung gerierender Antizionisten, die ohne ihre Phantasie, jegliche Kritik am Vorgehen des israelischen Staates werde von der als allmächtig halluzinierten Internationale der Israel-Verteidiger reflexhaft als antisemitisch gebrandmarkt, nicht mehr auskommen. Butler gibt die banale Tatsache, dass es schon immer auch jüdische Kritiker des Zionismus gegeben hat, als bahnbrechende Neuigkeit aus, deren Thematisierung einem ausgesprochen mutigen Tabubruch gleichkomme. Die jüdischen Kritiker des Zionismus wie Hermann Cohen, Franz Rosenzweig und Hannah Arendt dienen ihr als Rückversicherung, um ihrem Hass auf einen »ausbeuterischen Siedlerkolonialismus« der jüdischen Israelis, der bei ihr jenseits aller realen Ereignisse im Nahen Osten existiert, freien Lauf zu lassen und ihn mit höheren philosophischen Weihen auszustatten. Durch Bezugnahme auf die Kritik des Shoah-Überlebenden Primo Levi am Libanon-Krieg von 1982 versucht sie, ihrer grundsätzlichen Ablehnung des zionistischen Projekts selbst den Koscher-Stempel aufzudrücken. So gerüstet, kann sie sich vollends ihrer politischen Programmatik widmen, die ganz wie bei ihrem Stichwortgeber Edward Said auf nichts anderes hinausläuft als die Abschaffung Israels. So findet Butler ihre jüdischen Kronzeugen denn auch nicht radikal genug: Die Vorschläge von Hannah Arendt, Martin Buber und Judah Magnes zum Binationalismus gehen ihr noch längst »nicht weit genug«. Sie will die endgültige Aufgabe des »politischen Zionismus« und streitet für eine klare Absage an jede Form »jüdischer Souveränität«.

Butler fordert die Abschaffung des israelischen Rückkehrgesetzes, das allen Juden die Einwanderung nach Israel garantiert, und die Verwirklichung des Rückkehrrechts der Palästinenser, womit das Ende Israels als jüdischer Staat besiegelt wäre. Angesichts von Butlers Einschätzung, dass der »Verlust der demographischen Überlegenheit der jüdischen Bevölkerung in Israel« mit »Sicherheit die Aussichten für die Demokratie in dieser Region verbessern« würde, ist es nur eine minimale Übertreibung, von einem »Erlösungsantizionismus« zu sprechen. Ihre leidenschaftlich betriebene Desavouierung der Legitimität Israels versucht sie in dem Buch durch ihre bereits seit Jahren proklamierte, von vielen ihrer deutschsprachigen Fans verharmloste oder relativierte Unterstützung des »Boycott/Divestment/Sanctions-Movement« voranzubringen, von dem sich mittlerweile selbst Noam Chomsky und Norman Finkelstein distanziert haben. Butler betont, dass es ihr keineswegs nur um den Boykott von Waren aus Siedlungen in der Westbank geht, sondern um einen umfassenden Boykott des Staats der Shoah-Überlebenden und ihrer Nachkommen, da sonst die palästinensischen »Ansprüche von 1948« und das »Recht auf Rückkehr« aufgegeben würden. Butlers Programm ist eindeutig: Es geht ihr – ganz so wie Ali Khamenei, sunnitischen Islamisten und der PFLP, wenn auch aus einer anderen Vorstellung von einem zukünftigen Zusammenleben in der Region – um die »Befreiung« ganz »Palästinas«, weshalb sie sich auch explizit gegen linke Spielarten des Zionismus ausspricht.

Butlers Zionismuskritik munitioniert die Israel-Hasser jeglicher Couleur – insbesondere die pseudokritischen linken. Sie werden sich am aufgeblasenen Begriffsapparat der poststrukturalistischen Meisterdenkerin delektieren und sich an ihrer prätentiösen Sprache erfreuen. Das Buch ist ein weiterer Meilenstein bei der Delegitimierung Israels. Es ist eine Fortschreibung von Tony Judts Attacken auf den Zionismus als »Anachronismus«, die vor einigen Jahren eine Renaissance intellektuell verbrämten Israel-Hasses im deutschsprachigen Raum einläuteten. Micha Brumlik hat 2012 in der Süddeutschen Zeitung mit Bezug auf Martin Buber für die Schaffung eines binationalen Staates plädiert und kürzlich in Konkret eine Argumentation präsentiert, die auf die Aufgabe des israelischen Rückkehrgesetzes hinausläuft, dessen Abschaffung Butler explizit fordert. Allerdings buchstabiert Butler die antizionistischen Konsequenzen ihrer Israel-Kritik deutlich offener aus, und Brumlik lobt in seiner Rezension ihres neuen Buchs in der Zeit zwar einige ihrer moralphilosophischen Einlassungen, wirft ihr aber »Blindheit gegenüber der Wirklichkeit« vor. Sie genieße als Moralistin »die Reinheit ihrer Überzeugungen und damit sich selbst«. Ginge es mit rechten Dingen zu, bliebe für all jene Butler-Fans, die noch bei der Verleihung des Adorno-Preises meinten, der Autorin gehe es nur um die israelische Präsenz in der Westbank, nicht viel Spielraum. Die Professorin für Rhetorik und Komparatistik betont: »Festzuhalten ist, dass der Binationalismus (…) in meiner eigenen Argumentation nicht in eine Zweistaatenlösung mündet, sondern in einen einzigen Staat.« Selbst die vermeintlich aufgeklärten Antizionisten im deutschsprachigen Raum, die nach zwei Dekaden Kritik und Diskussion zumindest gelernt haben, dass man die Politik der Israelis nicht mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auf eine Stufe stellen kann, wenn man noch irgendwie ernst genommen werden möchte, werden mit Butlers Buch keine rechte Freude haben – so sie es nicht als eine Art Befreiungsschlag verstehen, dass die prominente Jüdin nun genau das sagt, was man als Deutscher eben doch nicht aussprechen könne. In jedem Kapitel versichert Butler aufs Neue, sie wolle die Zionisten sicher nicht mit den Nazis in Verbindung bringen, um genau das zu tun, wenn sie beispielsweise im selben Satz, in dem sie die »deutschen Konzentrationslager« erwähnt, vom »›Erfolg‹ des konzentrierenden Kolonialismus im Westjordanland und vor allem in Gaza« spricht, wo die »Lebensumstände ganz nach dem Modell der Konzentration beengt und verarmt« seien.

Butler abstrahiert nicht nur vom gegenwärtigen Antisemitismus, sondern von der gesamten Vorgeschichte der israelischen Staatsgründung. Die Vertreibungen von Palästinensern 1948 sind bei ihr kein Resultat eines bereits jahrzehntelang währenden Konflikts, der maßgeblich durch den arabischen Antisemitismus befeuert wurde, und keine Konsequenz aus dem von arabisch-palästinensischer Seite provozierten Krieg, sondern im Wesen des Zionismus begründet. Die Vertreibungen von Hunderttausenden Juden aus den arabischen Ländern finden bei ihr keine Erwähnung. Von der Geschichte des arabischen Antisemitismus und den gegenwärtigen Bedrohungen Israels durch das iranische Regime ist auf 280 Seiten ebenso wenig die Rede wie vom Judenhass der Hamas oder der Hizbollah, die Butler bekanntlich für »fortschrittlich« hält und als »Teil der globalen Linken« betrachtet. Über 100 Jahre Nahost-Konflikt stülpt sie ihre zur Schau getragene und faktenresistente universalistische Gesinnungsethik, in der jihadistische Mörderbanden problemlos als Verbündete im Kampf gegen Israel Platz finden.

Nicht nur bei der Verteidigung der Burka, sondern auch in ihrer radikalen Absage an den Zionismus bezieht sie sich auf Lila Abu-Lughod und ihre Kritik an etwas, das sie »jüdischen Exzeptionalismus« nennt. Butlers zentrales Argument ist die Mobilisierung eines abstrakten und geschichtslosen Universalismus gegen den Partikularismus des Zionismus. Zur Unterfütterung ihrer universalistischen Pseudomoral, die, wie bei der eingangs zitierten Apologie der Zwangsverschleierung, jederzeit durch krudesten Kulturrelativismus ersetzt werden kann, verweist sie auf Walter Benjamins Mes­sianismus und Emmanuel Lévinas’ Ethik. Sie verkennt nicht nur das in den unterschiedlichen Ausprägungen des Judentums stets präsente Spannungsverhältnis von Partikularismus und Universalismus, sondern ignoriert die seit Jahrzehnten in den diversen zionistischen Strömungen existierende Diskussion über Separatismus und Kosmopolitismus, über univer­salen Anspruch und notwendigerweise partikulare Praxis. Butler und ihre Fans wollen nichts davon wissen, dass der Partikularismus des Zionismus ein aufgezwungener, kein frei gewählter ist. Wer sich an ihm stört, sollte etwas gegen seine Ursache unternehmen: den Anti­semitismus. Den jedoch befeuert Butler allein schon dadurch, dass sie selbst eine Art von »jüdischem Exzeptionalismus« betreibt und sich für ihre Kritik ausgerechnet den jüdischen Staat herausgreift. Was an Israel kritisiert wird – seine Staatsgewalt, sein Nationalismus, die Absicherung eines Territoriums –, wünscht Butler sich ihrem postnationalen Konzept zum Trotz für die palästinensischen Brüder und Schwestern. Über den Inhalt deren politischer Projekte und deren Nationalismus verliert sie kein Wort und stellt sie außerhalb jeder Kritik. In ihrer Parteinahme für die Sache »Palästinas« entpuppt sich die politische Theorie der postsouveränen Denkerin des Antinationalismus endgültig als Kumpanei mit der Barba­risierung.

Judith Butler: Am Scheideweg. Judentum und die Kritik am Zionismus. Aus dem Englischen von Reiner Ansén. Campus-Verlag, Frankfurt/Main 2013, 280 Seiten, 28,90 Euro

Geändert am 20. Januar 2014

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