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Martin Niewendick: Die »Bombergate«-Debatte geht weiter

Etwas Stolz auf den Bomber

Eine politische Allianz übt sich in Empörungsritualen, die sich gegen Anne Helm richten. Seit die Politikerin der Piratenpartei in Dresden dem britischen Luftwaffengeneral Arthur Harris für die Bombardierung der Stadt dankte, wächst der Druck auf sie. In der Piratenpartei wird die Auseinandersetzung um das »Bombergate« weitergeführt.

von Martin Niewendick

Die Reaktionen auf ein Interview mit Anne Helm, das in der vergangenen Woche auf der Website der Jungle World veröffentlicht worden ist, fielen heftig aus. Die Politikerin der Piratenpartei hatte darin eingeräumt, die Frau zu sein, die sich im Februar mit dem Schriftzug »Thanks Bomber Harris« auf dem nackten Oberkörper in Dresden ablichten ließ. Anlass war die jährliche Gedenkfeier für die Opfer der Bombenangriffe auf Dresden im Februar 1945 gewesen. Mit ihrer Aktion habe Helm die Opfer der Angriffe verhöhnt, war die Meinung der großen Mehrheit. Dass Helm für die Piratenpartei in der Bezirksverordnetenversammlung Neukölln in Berlin sitzt und für die Europawahl kandidierte, verlieh ihrem Auftritt eine besondere Brisanz. Von der FAZ über die Bild-Zeitung bis hin zur extrem rechten Jungen Freiheit wird nun über die Grenzen des guten Geschmacks gestritten.

Am Mittwoch vergangener Woche äußerte sich Helm in der Bezirksverordnetenversammlung zu der Sache. Dort wiederholte sie das, was sie zuvor bereits im Interview mit der Jungle World zu Protokoll gegeben hatte: »Das war ein Fehler.« Sie habe niemanden verhöhnen wollen und werde in Zukunft auf solche Aktionen verzichten. Der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) betonte, die Piratenpolitikerin genieße nach wie vor den Schutz des Hauses. Es sei nicht hinzunehmen, dass eine Bezirksverordnete mit dem Tod bedroht würde. Die Bezirksverordnetenversammlung machte zwar deutlich, dass sie die »demokratische Protestkultur« in Dresden begrüße. Dennoch hielt sie fest: »Im Sinne dieser Entschließung missbilligt die BVV Neukölln daher alle Ak­tionen, die in verachtender Weise Opfer verhöhnen und Gewalt beschönigen. Politischer Extremismus, der Gewalt entschuldigt, hat in einem demokratischen Parlament keinen Platz.« Deshalb verurteilte die Bezirksverordnetenversammlung »die in Dresden durchgeführte Aktion ›Thanks Bomber Harris‹, an der ein Mitglied dieses Hauses teilgenommen hat«. Die Entschließung wurde auch von der Piratenpartei mitgetragen.

Personen, die Helms Danksagung gutheißen, geben sich nur selten öffentlich zu erkennen. Einige von ihnen sammeln sich auf der Facebook-Seite »Helm statt Helma – Anne Helm soll Bürgermeisterin von Dresden werden«. Der satirische Unterton der Seite, deren Name auf Dresdens amtierende Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) anspielt, wirkt wie eine Reaktion auf den deutschnationalen Jargon vieler Gegner Helms, die auch vor Gewaltdrohungen nicht zurückschrecken. Auf manchen Websites werden sogar offen Tötungsphantasien geäußert.

Die Macher von »Helm statt Helma« versuchen, den Geschichtsrevisionismus vorzuführen, der sich angesichts des »Bombergate« derzeit Bahn bricht. So heißt es auf »Helm statt Helma«: »Ach kommt, Leute. Es ist 70 Jahre her! Man muss auch mal wieder stolz auf Bomber Harris sein dürfen. Schluss mit dem Opferkult! Für mehr Meinungsfreiheit! Unsere Anne spricht einfach nur aus, was so viele denken und sich nicht trauen, auszusprechen. Denn dann wird man gleich als ›links‹ denunziert.« Eine Facebook-Seite, die ein »Stadtverbot« in Dresden für Anne Helm fordert, hat allerdings ein Vielfaches der Fans von »Helm statt Helma«.

Auf einem Tumblr-Blog wird Anne Helm in alle möglichen Schreckensszenarien hineinmontiert, stets mit einer passenden Danksagung auf dem Oberkörper. Helm steht vor den rauchenden Twin Towers, vor einem Knochenberg in Kambodscha, vor Srebrenica, vor Auschwitz. Die Aussage soll offenbar sein: Arthur Harris ist nicht besser als Ussama bin Laden, Pol Pot und Hitler. Demnach wurde auch die deutsche Bevölkerung in Dresden unverschuldet zum Ziel von Terror und Völkermord. Zwecks der kollektiven Entlastung der Bevölkerung Nazideutschlands greift der Blog-Betreiber zu unhaltbaren Vergleichen.

Von der Gruppe Femen, deren Aktionsstil und Logo Anne Helm und ihre Mitstreiterin Mercedes reichstein verwendet haben, hört man zwar nicht derart drastische, inhaltlich jedoch ähnlich relativistische Töne. Im Gespräch mit der Jungle World sagte die Femen-Sprecherin Irina Khanova, »das Volk« habe am Zweiten Weltkrieg keine Schuld getragen, da es manipuliert worden sei: »Wir sind einfach gegen Krieg, egal wer angefangen hat.«

In der Piratenpartei ist man geteilter Meinung über Helms Auftritt. Der Berliner Landesvorstand solidarisiert sich mit der Politikerin. In einer Stellungnahme heißt es unter anderem: »Rufe nach Ordnungsmaßnahmen oder sogar Anzeigen gegen Anne sind hier vollkommen unangebracht.« Dies hatten zuvor einige Mitglieder der Piratenpartei gefordert. Der Landesvorstand geht auch mit der CDU hart ins Gericht. Die Christdemokraten trügen eine Mitschuld an der derzeitigen Kampagne gegen Helm: »Seit Beginn der Legislatur ist Anne Helm persönlichen Angriffen von der CDU Neukölln ausgesetzt. Nun hat die CDU Neukölln eine Hetzjagd durch Neonazis angezettelt, der Anne Helm seit Tagen ausgesetzt ist (…). Mit diesem Vorgehen ist selbst für die Berliner CDU ein neuer Tiefpunkt erreicht.« In der Stellungnahme wird die CDU aufgefordert, »ihre Hetzaktivitäten umgehend einzustellen und sich öffentlich zu entschuldigen«. Zudem sollen die Verantwortlichen in der CDU »die politischen Konsequenzen aus ihren Handlungen« ziehen. Dergleichen ist bislang jedoch nicht geschehen.

Die Hetze von Neonazis gegen Helm findet nicht nur im Internet statt. Die NPD hatte am Mittwoch vergangener Woche eine Demonstration vor dem Neuköllner Rathaus angemeldet. Eine Handvoll Nazis fand sich dort ein, um gegen Helm zu demonstrieren, wurde aber von Hunderten Gegendemonstranten entschlossen daran gehindert. Eier und Tomaten flogen, ein Demonstrant hatte sich »Danke Anne Helm« auf den nackten Oberkörper geschrieben.

Auch solche Solidaritätsbekundungen sind also möglich, aber selten. Als eine der wenigen Unterstützerinnen und Unterstützer stellte sich Julia Schramm schon früh ausdrücklich hinter Anne Helm. Zum Thema »Bombergate« twitterte die ehemalige Beisitzerin im Bundesvorstand der Piratenpartei: »Sauerkraut, Kartoffelbrei – Bomber Harris, Feuer frei«. Am Wochenende ist Schramm nach eigenen Angaben aus der Partei ausgetreten. Der Richtungsstreit darüber, wie links und antifaschistisch die Piratenpartei sein soll, wird jedoch fortgeführt.

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