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Martin Krauss: Drei neue Bücher über unterschiedliche Facetten des Sports

Ein Song, goldene Regeln und ein politisches Eichhörnchen

Drei neue Bücher beschäftigen sich mit unterschiedlichen Facetten des Sports.

von Martin Krauss

Im Songtext deutet keine Zeile auf Fußball hin: »When you walk through a storm/Hold your head up high/And don’t be afraid of the dark«, und außerdem hätte jeder Schiedsrichter in einer solchen Situation wegen irregulärer Bedingungen (Sturm, Dunkelheit) abgepfiffen.

Und doch gilt »You’ll Never Walk Alone« weltweit als die Fußballhymne, am schönsten übrigens nach wie vor intoniert von den Fans des FC Liverpool im Anfield Stadium. Der Journalist Malte Oberschelp hat nun in einem Buch die Kulturgeschichte dieses Liedes erzählt und gleichzeitig den Zusammenhang von Kulturindustrie und Profifußball untersucht. Der Song, der auch zur Trauerfeier für den Nationaltorwart Robert Enke gespielt wurde (wie auch zur Amtseinführung der US-Präsidenten George H. Bush und Barack Obama), entstammt ursprünglich dem 1909 uraufgeführten Theaterstück »Liliom«, das als Vorlage des 1945 entstandenen Broadway-Musicals »Carousel« diente. Dieses Stück wurde von dem in den vierziger Jahren zur Emigration gezwungenen ungarisch-jüdischen Schriftsteller Ferenc Molnár verfasst und handelt von einer Liebe auf einem Rummelplatz. Das Musical verfassten die Broadway-Autoren Richard Rodgers und Oscar Hammerstein, die es auch aufführten.

In Oberschelps Kulturgeschichte steht der Song im Mittelpunkt und so wird nicht nur klar, warum – erstmals in den sechziger Jahren von der Beatgruppe Gerry and the Pacemakers in die Charts gebracht – der Song in die Stadien passte. Deutlich wird auch, welche Bedeutung Musicals hatten (die sich am damaligen Broadway stark von den heutigen und hiesigen Megaproduktionen unterschieden) und warum es kaum einen bedeutenden Künstler gibt, der nicht schon »You’ll Never Walk Alone« gecovert hat: Frank Sinatra, Louis Armstrong, Shirley Bassey, Ray Charles, Johnny Cash, Aretha Franklin, Elvis Presley, Nina Simone, Barbara Streisand sangen das Stück mit dem magischen Refrain – und diese Liste ist noch unvollständig.

Wie das Lied genau ins Liverpooler Stadion gelangt ist, kann Oberschelp freilich auch nicht erklären: Wurden damals, 1963, vor dem Anpfiff einfach die aktuellen Hits durch den Stadion-Lautsprecher genudelt? Oder versagten eines Spieltages die Verstärker und die Fans sangen sich selbst warm? Oder hat Liverpools legendärer Manager Bill Shankly (»Some people think football is a matter of life and death. I don’t like that attitude. I can assure them it is much more serious than that.«) den Song in einer Fahrt mit dem Bus zur Vereinshymne ernannt und mitreisende Journalisten verbreiteten die Kunde vom neuen Clublied? Oberschelps Buch offenbart jedenfalls, warum diese Hymne aus der Welt des Musicals zur Pophymne taugte und damit einen tiefen Blick in die Seele des Fußballs und seiner Fans erlaubt.

Lionel Messi werden

»Fußballgötter« nennt Harry Scheffer sein Buch, in dem es wenig überraschend doch nur um irdische Kickerei geht. Ein Insider-Report soll es sein, in dem erklärt wird, »wie es in der Welt des Profifußballs wirklich zugeht«.

Was dann da steht, ist allerdings eine aus einem nicht allzu guten Archiv zusammengestoppelte Thesensammlung darüber, was man beachten sollte, wenn aus kleinen Jungs mal Lionel Messis werden sollen: Die Familie ist wichtig, der Trainer, der Berater, die medizinische Betreuung und auch ein Mentalcoach. So beten es Harry Scheffer und seine zwei Co-Autoren herunter und belegen das Ganze jeweils mit einem hier und da eingestreuten Interviewzitat. Gern benutzt: Sätze von Pep Guardiola oder Jürgen Klopp, weil die ja wohl wissen, wie’s geht. Entsprechend kulminiert »Fußballgötter« in »Goldenen Regeln für Top-Profis und alle, die es werden wollen«.

All das irritiert, weil doch jeder hätte merken müssen, dass die Autoren dem Thema nicht gewachsen sind. Das fängt schon damit an, dass gleich auf Seite 15 Olympische Spiele und Weltmeisterschaften verwechselt werden. Und es geht weiter mit Bezügen und Belegen, die schlicht keine sind: Da wird als angebliche journalistische Entdeckung deutschen Vereinen bescheinigt, sie verfolgten die »Messi-Strategie«, also frühe Talentförderung in clubeigenen Trainingszentren. An anderer Stelle wird korrekt mitgeteilt, dass diese Zentren aber etwas mit der Modernisierung des deutschen Fußballs nach seinen WM- und EM-Pleiten 1998 und 2000 zu tun haben – als Namensgeber Messi noch nicht einmal in der Pubertät war. Übergangslos wird dann von Messi zu »den Japanern« gewechselt, weil der »Fall Kagawa« auch nach der »Messi-Strategie« funktioniert habe: Shinji Kagawa wechselte als 21jähriger Profispieler jedoch in die Bundesliga zu Borussia Dortmund, um 2012 lukrativ an Manchester United weiterverkauft zu werden. Kurz gesagt – und mit diesem Beispiel soll es auch gut sein: Da wird vom »Fußball-Insider« Scheffer irgendeine These rausgehauen, die a) nicht originell ist, die b) völlig unzulänglich belegt wird und die ­c) nichts erklärt – außer: dass es für Vereine attraktiver ist, billig an Talente zu kommen, als sie teuer zu bezahlen. Warum dann eine Rezension, wenn das Buch doch so ärgerlich ist? Weil es nicht ärgerlich sein müsste. Die Themen, um die es geht – die Veränderung der Spielerausbildung, der Vermarktung, der Entdeckung und Sättigung von Märkten – sind interessant und wichtig und so manche Information hat man vielleicht doch noch nicht gelesen. So gibt Scheffer zumindest thematisch ein paar Hinweise und – ganz ungewollt – offenbart er, was man nicht laut genug sagen kann: Nicht jeder, der irgendetwas an Bundesliga oder Fifa oder Uefa oder DFL auszusetzen hat, taugt zum Fußballkritiker.

Politisches Klettern

Vermutlich sind Cécile Lecomte, die sich gern »Eichhörnchen« nennt, und ihr Verlag, die anarchistische Graswurzelrevolution, überrascht, wenn man ihnen attestiert, ein Sportbuch vorgelegt zu haben. Aber so, wie man sportliche Praxis kritisch analysieren muss, um ihren politischen Gehalt zu erschließen, so muss man im Fall der »politischen Kletterin« (Lecomte über Lecomte) die politische Botschaft anschauen, um ihre sportliche Bedeutung zu entdecken. Lecomte klettert nämlich auf Hochhäuser, um Transparente herunterrollen zu lassen, auf Bäume, um deren Fällen zu verhindern, und seilt sich von Eisenbrücken ab, um Castortransporte für eine ziemlich lange Zeit aufzuhalten. Lecomte nennt sich »Bewegungsarbeiterin«, spricht von »politischem Klettern« und gibt – in ihrem Buch, wie auch durch die Praxis ihres Protests – ungewollt schöne Hinweise, dass Sport immer auch eine Form der politisch bedeutsamen Kommunikation ist. »Manche Künstler sind für ihre politischen Texte oder Gemälde bekannt«, schreibt sie in ihrem Buch, das lauter kurze Texte von mehr oder weniger gelungener Bewegungsprosa enthält. »Ich äußere mich mittels Aktionskunst und politischem Klettern.« Diese Art der Politisierung sportlicher Praxis hat Vorgänger, auch im engeren Bereich des Kletterns: Der Brite Ed Drummond beispielsweise, der sich »Poet Climber« nennt, bestieg 1979 in London die Trafalgar-Statue, die dort zu Ehren von Admiral Nelson steht, um gegen die Apartheid in Südafrika zu protestieren. Sechs Jahre später standen die drei Briten Jerry Moffatt, Simon Nadin und Noel Craine, allesamt Weltklassekletterer, auch auf der Trafalgar Statue, um die Inuit in Kanada zu unterstützen. Und der Franzose Alain Robert, genannt »Spiderman«, fiel in den Neunziger- und Nullerjahren öfter durch spektakuläre Hochhausbesteigungen auf. Er klettert, um für Greenpeace oder gegen die Erderwärmung zu protestieren. Mittlerweile lässt er sich auch von Firmen verpflichten. Eine Gefahr, die bei Cécile Lecomte nicht besteht. Die Französin war Lehrerin an einer deutschen Schule und lebt jetzt, nur prekär finanziert von freundlichen Förderern und immer wieder von Strafbefehlen getriezt, in einem Bauwagen in Lüneburg. In ihrer Jugend war Lecomte französische Jugendmeisterin im Sportklettern, heute ist sie schwerbehindert – nur das Klettern fällt ihr leicht und das tut sie sehr konsequent. Ob Lecomtes Buch ihr Anliegen wirklich genügend selbstkritisch und analytisch darstellt, kann man in Frage stellen: Wie sie selbst sagt, ist ihre Domäne ja das Klettern, die Praxis. Aber Lecomte erinnert auf wunderbare Weise daran, dass Körperpraxis immer politisch ist. Und das soll ihr mal einer nachmachen.

Cécile Lecomte: Kommen Sie da runter! Kurzgeschichten und Texte aus dem politischen Alltag einer Kletterkünstlerin. Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2014, 189 Seiten, 16,90 Euro

Malte Oberschelp: Die Hymne des Fußballs. You’ll Never Walk Alone. Eine Kulturgeschichte. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2013, 128 Seiten, 9,90 Euro

Harry Scheffer: Fußballgötter. Der schöne Schein des Profisports. Verlag Orell Füssli, Zürich 2014, 224 Seiten, 19,95 Euro

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