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Jakob Hayner: Bertolt Brechts »Untergang des Egoisten Johann Fatzer« im Berliner Esemble

Stadt der Totenköpfe

Ein radikaler Text, eine betuliche Inszenierung: Bertolt Brechts »Untergang des Egoisten Johann Fatzer« am Berliner Ensemble.

von Jakob Hayner

Samstagabend in Berlin, nahe der Spree. Das Licht geht an, das Publikum applaudiert. Mehr aus Pflicht denn aus Lust oder Begeisterung. Im Berliner Ensemble (BE) hat »Untergang des Egoisten Johann Fatzer« Premiere, am 100. Jahrestag des Attentats von Sarajevo. Der Text von Bertolt Brecht wurde selten inszeniert; doch vergessen ist das Fragment, an dem Brecht Ende der zwanziger Jahre arbeitete, auch nicht: René Pollesch hat den Stoff in zwei seiner Inszenierungen an der Volksbühne, »Kill Your Darlings! Streets of Berladelphia« und »Der General«, verwendet. Am kommenden Wochenende finden in Mülheim zum vierten Mal die »Fatzer-Tage« statt. Auch Manfred Karge, der jetzt am Berliner Ensemble Regie führte, hat »Fatzer« 1978 schon einmal gemeinsam mit Matthias Langhoff inszeniert. Die Bühnenfassung, die später im Suhrkamp-Verlag erscheinen sollte, erstellte Heiner Müller.

Das Bühnengeschehen ist schnell erzählt: 1918, Mülheim an der Ruhr. Ein Mann klettert aus einem Panzer. »Ich mache/Keinen Krieg mehr, sondern ich gehe/Jetzt heim gradewegs, ich scheiße/Auf die Ordnung der Welt. Ich bin/Verloren«, sagt Fatzer, der zu einer Gruppe von vier Deserteuren gehört. Die Versprengten versuchen, dem Krieg zu entkommen, ihn zu bekämpfen, den Umsturz zu wagen. Die Gruppe wird durch widerstreitende Interessen gespalten, es kommt zum Verrat, zu einer Exekution. Am Ende sind alle tot. So einfach ist es natürlich nicht, doch unglücklicherweise erweckt die Inszenierung am BE genau diesen Eindruck.

Dabei leidet die Aufführung vor allem an zwei Dingen. Zum einen an der für das BE neu erstellten Textfassung, welche die literarische Fülle und die innere Widersprüchlichkeit des Fragments von Brecht beschneidet, und zum anderen an der Form der Inszenierung, die selbst den reduzierten Stoff nicht entfaltet. Jede Geste scheint nur den Text zu wiederholen, kaum einmal überrascht der spielende Körper mit einer Abweichung vom Gesagten, die sich als widersprüchliches Denkbild verfestigen könnte. Die Worte bleiben eigenartig körperlos, bedeutungslos. In dem Stück geht es nicht nur um die vier Deserteure – Fatzer (Joachim Nimtz), Koch (Roman Kaminski), Büsching (Matthias Zahlbaum) und Kaumann (Thomas Wittmann) –, vielmehr wird der Versuch unternommen, den Schock einer nachbürgerlichen Erfahrung zu artikulieren – so wie Walter Benjamin über den Ersten Weltkrieg schrieb: »Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken und unter ihnen, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige, gebrechliche Menschenkörper.«

Es geht um nicht weniger als den Versuch, dieses neue Verhältnis, den Beginn des »Zeit­alters der Extreme« (Eric Hobsbawm), zu begreifen. Deshalb nannte Heiner Müller das Fragment einen »Jahrhunderttext«. Ausschlaggebend dafür ist sicher auch, dass in dem Text die einzelnen Elemente nicht zur Fabel konstruiert werden, sondern einen unabgeschlossenen, widersprüchlichen Prozess darstellen. Brecht pflegte Lehrstücke einer antagonistischen Klassengesellschaft zu schreiben. Im »Fatzer« kündigt sich etwas davon Verschiedenes an. »Der Text ist präideologisch, die Sprache formuliert nicht Denkresultate, sondern skandiert den Denkprozess. Er hat die Authentizität des ersten Blicks auf ein Unbekanntes, den Schrecken der ersten Erscheinung des Neuen«, schreibt Heiner Müller. Dass die Textfassung des BE hinter das von Brecht fragmentarisch angelegte Konvolut zurückfällt, lässt den Gehalt nicht unberührt; der Stoff verarmt auf der Bühne.

Brecht arbeitet im »Fatzer« mit Chor und Gegenchor, um das Verhältnis von Kollektiv und Individuum zu reflektieren. So rät der Chor dem Zuschauer, die ferneren Geschicke der vier Deserteure nicht mehr zu beachten: »Was der Untergehende sagt/Das ist wertlos. Was sind die Taten/Dessen, der ohne Hoffnung ist?« Doch der Gegenchor verweist darauf, dass nicht wenige sich für das Schicksal der Versprengten interessieren: »Und ihre Zukunft liegt/Nach ihnen. Drum hört zu/Denn viel wichtiger für euch/Ist, was sie sagen, als/Für sie selber.« Doch was könnte das Geschick der Vier erzählen?

Der Hauptkonflikt wird zwischen Fatzer und Koch ebenso um die Frage des Verhältnisses von Individuum und Kollektiv ausgetragen. Fatzer ist Anarchist. Er ist kräftig. Er ist mutig. Er ist nicht besonders listig. Im Unterschied zu Koch. Der denkt strategisch, zynisch. Er will Fatzer mittels Disziplin dem Kollektiv unterwerfen. Doch Fatzer entgegnet: »Ich bin gegen eure mechanische Art/Denn der Mensch ist kein Hebel.« Koch wird zu Terror greifen, der keiner gegen Feinde ist, sondern einer für die Disziplin. Fatzer muss am Ende vernichtet werden, obwohl sie alle bedroht sind. Aus Prinzip. Die Szene umgibt eine Ahnung von der Selbstvernichtung der russischen Revolution in Zeiten der großen Säuberungen unter Stalin. Und es stellt sich die Frage: Gibt es einen Weg durch die Disziplin des Kollektivs zum individuellen Glück? Unter welchen Bedingungen wird eines Tages die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung der freien Entwicklung aller sein können?

Der Faschismus wirft seine Schatten voraus. Fatzer, kurz vor seiner Exekution, auf die die Ermordung der anderen folgt, ruft aus: »Und von jetzt ab und eine ganze Zeit über/Wird es keinen Sieger mehr geben/Auf eurer Welt, sondern nur mehr Besiegte«. Brecht ahnte, dass der Nationalsozialismus sich nicht in den Kategorien einer einfachen Klassenherrschaft würde begreifen lassen. 1932, zwei Jahre nachdem er seine Arbeit am Fatzer-Material abbrach, schrieb er: »In der Roten Fahne stand noch ›Wir werden siegen‹, da hatte ich mein Geld schon in der Schweiz.«

Fatzer und Koch stehen aber gleichermaßen für den Versuch der Revolution in nichtrevolutionären Zeiten. Heiner Müller sah nicht ohne Grund in dem »Fatzer«-Stoff auch die Geschichte der RAF, die die Geschichte militanter Zellen nach dem Verlust des Einflusses kommunistischer Politik auf die Massen war. Fatzer auf der Seite der umstürzlerischen Ungeduld (»Und das, was euch nichts/Ausmacht: dass der ­Regen/Von oben nach unten fällt/Das ist mir/Ganz unerträglich«) und Koch auf der Seite der strategischen Organisation. Verloren sind sie beide, denn von der Masse, die der Idee zur materiellen Gewalt verhelfen könnte, sind sie beide unwiderruflich getrennt. Oder anders gesagt: Die Masse hat sich von ihnen getrennt. Fatzer und Koch repräsentieren auch die widerstreitenden Einflüsse auf Brecht – Nietzsche und Marx –, deutet Heiner Müller an. Fatzer steht für die Ablehnung der Sklavenmoral, den Versuch, in der Wirklichkeit zu siegen, und sei es auch allein. Koch steht für die Beobachtung der Bewegungsgesetze der Gesellschaft, den Versuch ihrer Nutzung für die Revolution. Doch beides ist nutzlos geworden. Die Geschichte ist fortgeschritten und lässt die materialistische Spätaufklärung hinter sich, ohne sie einzulösen. Brecht merkte in seinem Kommentar zum »Fatzer« an, dass dieser die »lähmende Geschichte« ebenso wie die »Zertrümmerung der Anschauungen durch die Verhältnisse« zum Gegenstand habe.

Die großen Städte dienen als Beispiel der nachbürgerlichen Gesellschaft. Die Textfassung des BE lässt die Passagen, in denen die Metropolen als Zeichen des Neuen angeführt werden, komplett weg. Das ist nicht zuletzt deshalb unverständlich, weil Urbanität eine unmittelbare Erfahrung der Gegenwart ist: Erst seit ein paar Jahren leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Abgründig lyrische Zeilen führen das Thema einer neuen Anthropologie unter neuen Verhältnissen ein: »Wir aber wollen uns/Setzen an den Rand der Städte und/Auf sie warten. Denn jetzt muss/Kommen eine gute Zeit; denn jetzt bald/Tritt hervor das neue Tier, das/Geboren wird, den Menschen aus-/zulösen.« Auszulösen? Auszulöschen? Das bleibt ein Rätsel des Textes. »Fatzer« ist sprachlich ungewohnt, oft bricht der Vers ab, bleibt in eigenartigen Formationen, teils wie in rohen Blöcken, stehen. Brecht selbst sagte, dieser Text sei »der höchste Standard technisch«, also auf dem fortgeschrittensten Stand der ästhetischen Mittel. Doch dieser ergibt sich erst aus der widersprüchlichen Gestalt, die in Manfred Karges Inszenierung nicht dargestellt wird.

Am BE erhält »Fatzer« durch die Textfassung und die Art der Inszenierung einen Charakter des Abgeschlossenen, Kanonisierten, Veralteten, Unverfänglichen, Harmlosen. Ein Blick auf das Premierenpublikum legt die Vermutung nahe, dass hier Theater von Rentnern für Rentner gemacht wurde. Dass der Regisseur zum Ende an den großflächig über die Bühne verteilten Totenköpfen, die wohl Symbol des Krieges sein sollten, aber unfreiwillig Züge der Todesnähe der Bühne am Schiffbauerdamm annahmen, ins Straucheln geriet, war fast sinnbildlich für eine missglückte Bühnenarbeit, die über einen Stoff stolperte, der mit konventionellen Theatermitteln eben nicht zu bewältigen ist. Auch stellt diese Inszenierung keinen erhellenden Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg dar.

»Untergang des Egoisten Johann Fatzer«. Berliner Ensemble. Nächste Aufführungen: 10. Juli, 2. September, 28. September

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