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Hendrik Otremba: Die erstaunliche Kompromisslosigkeit des neusten Albums der Band »Mutter«

Einer von euch, gegen euch

Man sagt ihnen nach, so kompromisslos wie einflussreich zu sein: Die Berliner Band Mutter beweist auf ihrem jüngsten Album »Text und Musik«, dass es immer noch möglich ist, durchs Raster zu fallen.

von Hendrik Otremba

Eine Dachgeschosswohnung im Berliner Stadtteil Kreuzberg, lichtdurchflutet und aufgeräumt. Es ist noch nicht allzu lange her, dass Max Müller mit seiner Familie hier eingezogen ist. Müller ist mittlerweile Anfang 50, er wird in den nächsten Stunden konzentriert über »Text und Musik«, das zwölfte Album der Band Mutter, sprechen. Seine Klarheit überrascht, wirkte er doch in vergangenen Interviews oft fahrig, nervös, war schwer zu greifen. Etwas scheint sich verändert zu haben – dabei ist Müller nicht nur dem Kiez, in den er als jugendlicher Punk Anfang der achtziger Jahre zog, verbunden geblieben, sondern auch der Kompromisslosigkeit. Sie ist, neben Schlagzeuger Florian Körner von Gustorf, der auf den jüngsten Bandfotos wie ausgewechselt in die Kamera blickt, eine der wenigen Konstanten in der fast 30jährigen Geschichte der Band.

Mutter haben in ihrer Radikalität immer wieder überrascht. Mal ging es hart und so schmerzhaft zu, dass es kaum zu ertragen war (»Ich schäme mich Gedanken zu haben die andere Menschen in ihrer Würde verletzen«, 1989), mal wurden die Konventionen von Tonträgerveröffentlichungen mit Witz in Frage gestellt, indem man eine Plattenseite lediglich mit Aufnahmen skurriler Erzählungen von befreundeten Mutter-Fans bespielte (»Komm«, 1991), mal versuchte die Band in aller Härte, sich der Schönheit anzunähern (»Hauptsache Musik«, 1996), um kurze Zeit später zu behaupteten, dass der Krieg, trotz eines fatalen terminlichen Zusammenfallens der Albumveröffentlichung mit dem 11. September 2001, vorbei sei und ein neuer beginne (»Europa gegen Amerika«). Auf dem Album »CD des Monats«, veröffentlicht 2004, improvisierten Mutter plötzlich frei und blieben fast instrumental und offenbarten in ihrer Werkschau »Das ganze Spektrum des Nichts«, 2005, eine kaum entschlüsselbare Subjektivität.

Schon in den Texten von Die Honkas, Müllers früher Punkband, und in der Abgründigkeit von Campingsex, einem Vorgänger von Mutter, zeigte sich, dass Erwartungen keine Rolle spielten und die Musik stets möglichst losgelöst entstehen sollte. Die häufig mit Mutter in Verbindung gebrachte Verweigerungshaltung bezeichnet Müller trotzdem als Missverständnis: »Ich folge zwar einem Impuls, war aber immer um Zugänglichkeit bemüht, egal in welcher Form. Dass man mir zuschreibt, sperrig sein zu wollen, diese Verweigerungshaltung: totaler Blödsinn. Das habe ich nie so empfunden. Ob es entspannt und locker klingt oder total kräftig, zugänglich sollte es immer sein. Ich würde mir auch wünschen, dass wenigstens ein Lied von uns überall im Radio läuft – aber eben zu unseren Bedingungen. Musik ist meiner Meinung nach gut, wenn sie dich kriegt, wenn du merkst, da rollt etwas. Es kann auch Krach sein, wenn etwas darin steckt, das dich kriegt, dann wird es zugänglich.«

Auf den vorherigen drei Alben klangen Mutter so, als würde die Band sich einem größeren Hörerkreis öffnen. Ihr Sound war auffallend freundlich – was nicht unterschlagen soll, dass es im Werk der Band auch vorher schon immer wieder vereinzelte Stücke gab, die einen positiven Blick auf das Leben richteten. Dann aber redet Müller begeistert von den frühen Flipper, von Head Of David, und es wird klar, dass seine Vorstellung von Zugänglichkeit nicht an Gemeinplätzen geschult ist.

Dass zukünftige Alben wieder anders klingen werden, ist denkbar. Müllers größte Feinde sind Langeweile und Wiederholung: »Ich habe schon gut verstanden, wie das funktioniert, vor allem in Deutschland. Du musst einfach immer wieder das Gleiche machen, dann stehst du irgendwann da, wo du stehen willst. Oliver Pocher ist ein gutes Beispiel: Der ist völlig talentfrei, aber er sitzt wieder und wieder im Fernsehen, weil er mit einer Penetranz immer den gleichen Mist macht. Das könnte ich nicht.«

Die Reise vom Krach, wie ihn Campingsex mit ihrem Album »1914!« veröffentlichten, hin zum größtenteils poppigen, einladenden Klanggewand von »Text und Musik« begann 1986 in Berlin, irgendwo zwischen den Einstürzenden Neubauten, den Ärzten und dem Humor von Die tödlichen Doris. Mutter haben Trends überlebt, die Hamburger Schule geschwänzt und sich sowieso für die Entwicklungen deutschsprachiger Musik nie interessiert, wie Müller immer wieder betont. Aufgeschlossen ist er trotzdem, outet sich als Fan von Kanye West: »Kennst du das letzte Album? Das ist so fett!«

Mit seinen manchmal in die Irre führenden Äußerungen verstärkt Müller den Eindruck, das Werk der Band werde sich auch künftig schwer in den popmusikalischen Kanon integrieren lassen. Mutter fallen noch immer durchs Raster – eine Folge der prägenden Jahre als jugendlicher Punk, auch wenn sich der junge Müller bereits 1982 in einer von Annette Humpe gedrehten essayistischen Dokumentation mit dem reißerischen Titel »Liebe, Geld und Tod« von diesem Begriff distanzierte: »Ein Punk bin ich nicht, das ist doch schon vorbei, es gibt keine Punkrocker mehr.« Heute sagt er: »Das hat etwas mit der Persönlichkeit des einzelnen zu tun, das hätte damals auch Jazzrock sein können statt Punk.« Humpes Frage, was Glück für ihn sei, brachte ihn damals zum Straucheln und er berichtete sichtlich gerührt: Brooke Shields, es mache ihn glücklich, die Schauspielerin in »Endless Love« zu sehen. Von Ironie keine Spur. Aber Shields als Ausdruck des Glücks eines minderjährigen (Ex-)Punks? 30 Jahre später singt er auf dem Mutter-Album »Mein kleiner Krieg«: »Ich will einfach glücklich sein/In dieser kurzen Zeit/Und mich umgeben mit den Menschen, die ich mag.« So einfach ist das also? Was Glück sein kann, lernt man ein Leben lang – vielleicht hat Müller 30 Jahre gebraucht, um eine Ahnung zu bekommen, was Glück für ihn ist. Auch wenn der schon damals abgestreifte Punk in Müllers Schaffen weiterlebt, räumt er heute ein: »Klar, vielleicht bin ich älter geworden.« Außerdem fordere es ihn mehr heraus, Glück und positive Dinge zu formulieren: »Grufti-Texte gehen leicht von der Hand, die kann ja fast jeder ­schreiben.«

Und noch etwas gegen das Etikett Punk mit seinen Klischees: Müller bekennt sich dazu, Frühaufsteher zu sein. Als bildender Künstler kann er auf ein umfassendes Werk blicken. »Manchmal stehe ich schon um fünf Uhr auf und male oder schreibe dann etwas, bevor ich meinem Sohn das Frühstück mache und ihn zur Schule bringe. Meine produktivste Phase ist ganz früh morgens.« Auch das Cover des jüngsten Albums wurde wieder von ihm gemalt, Acryl auf Leinwand, recht kleinformatig. Vielleicht ist es bereits vor dem Morgengrauen entstanden. Das unfertig wirkende, zur Hälfte verwischte Porträt einer Frau – ist es Liz Taylor? Keine hat er so oft gemalt wie sie – gefiel allen Bandmitgliedern auf Anhieb.

Alles hat seinen Platz in Müllers Atelierzimmer, die Zeiten der berüchtigten Mutter-WG in der Kreuzberger Böckhstraße sind vorbei. Die Wohnung war vermüllt, »Wir waren niemals hier«, die sehenswerte Dokumentation von Müllers Lebensgefährtin Antonia Ganz, berichtet von Begehungen durch den Vermieter und das Ordnungsamt. All das trug sich gleich gegenüber auf der anderen Seite des Landwehrkanals zu und scheint doch unendlich weit entfernt. Neben unzähligen penibel aufgereihten und zum Teil sorgsam verpackten Bildern steht eine Spielkonsole auf dem Boden, auf dem Schreibtisch liegt ein Midi-Keyboard, der Bass steht in einem Ständer, alles ist hell und sauber. Hat Max Müller sich also wirklich verändert? Spielt es eine Rolle, dass er vor einigen Jahren Vater geworden ist? »Nein, bei mir hat sich gar nichts verändert. Klar, durch meinen Sohn habe ich mehr Spaß im Leben, allein weil da jemand neues ist, mit dem man sich austauschen kann. Aber ich habe mich nicht verändert.«

Und die Musik? Klangen frühe Alben von Mutter noch nach US-amerikanischem Noise­rock schwerfälligster Gangart, wie ausgebremste Swans mit einem mal zerbrechlichen, mal unglaublich harten Gesang, und war die Band auch in Zeiten warmer Popsongs noch immer tief gebrochen, ließe sich zu den neuen Stücken, zu »Ihr kleines Herz« etwa, sogar tanzen.

Wenn die Veränderung nur von außen herangetragen ist, muss man sich fragen, ob sich Zugänglichkeit wirklich am Sound ermessen lässt: Sind Mutter heute einladender, weil sie einladender klingen? Müllers Texte sind in gewohnt reduzierter und schonungsloser Kunstsprache formuliert. Es juckt und kratzt zwar nicht mehr wie zu Zeiten des Debüts, aber Müller stellt sich noch immer sehr direkt den unangenehmen Dingen des Lebens, die ihn berühren. In »Wer hat schon Lust so zu leben« etwa widmet er sich dem prekären Status der Sinti und Roma in Berlin. Anders als man es von Mutter gewohnt ist, ist dieser Text auf explizite Weise politisch. Lösungen bietet er nicht, sondern beschreibt einen Missstand, ohne dass Müller sich zum Sprachrohr aufspielen würde. Das war schon immer so: Mutters Texte handeln von Beobachtungen und daraus entstehenden Fragen, nicht von Antworten.

»Text und Musik« ist unter erneuten Besetzungswechseln entstanden. Das Gründungsmitglied von Gustorf ist weiterhin dabei, Bassist Michael Fröhlich, der zur 2010 durch Schuldverschreibungen finanzierten Mutterplatte »Trinken Singen Schießen« hinzu kam und damals gerade mit dem Bassspielen begann, hat sich merklich entwickelt und bedient sein Instrument auf »Text und Musik« flüssig. Der sympathische ehemalige Livemischer und spätere Keyboarder Tom Scheutzlich wurde durch Julie Miess ersetzt, die auch Bass bei der Band Britta spielt. Heri Coltello, Gitarrist auf den beiden vorherigen Alben der Band, wurde von Olaf Boqwist abgelöst, von dessen filigranem Spiel und Virtuosität Müller begeistert ist. Es ist nicht zu hoffen, dass es Mutter ähnlich wie The Fall mit ihren ständigen Besetzungswechseln ergehen wird. Bislang scheinen die neuen Mitglieder allerdings eine klangliche Verjüngungskur mit sich zu bringen, wenn auch alle Stücke aus der Feder Müllers stammen und sich die Band in der Produktion so nah an dessen Entwürfe gehalten hat wie niemals zuvor. »Und wir haben so oft geübt wie noch nie«, fügt Müller lachend hinzu.

Interessant am zwölften Album von Mutter ist, dass einige Passagen der neun Stücke an musikalische Inspirationsquellen erinnern, die man eigentlich ausgeschlossen hätte, weil sie entweder zu naheliegend oder zu abwegig sind. Bereits das erste Gitarrenriff in »Wer hat schon Lust so zu leben« lässt den informierten Hörer denken, ein Song der frühen Interpol habe sich auf die Platte geschlichen; das folgende Stück »Qui«, bis auf Müllers Hauchen instrumental, ist eine Mischung aus »Verstärker« von Blumfeld und, viel mehr noch, Songs wie »Lass uns Liebe sein« von Jochen Distelmeyers erster Solo-Platte. »Soviel Platz«, das vorletzte Stück, variiert wohl unbemerkt die Melodie von »Off The Record«, einem Stück des Künstlers Promoe aus dem Jahr 1999. Der schwedische Rapper ist Veganer, für Müller offensichtlich keine Option: »Tiere essen/Zigaretten rauchen«, singt er affirmativ in »Ich will nicht mehr als das«, dem letzten Stück des Albums. Der Text wendet sich gegen falsche Bescheidenheit, Entsagung und vermeintliches Gutmenschentum. Der Song ist rau, erinnert also eher an das Frühwerk von Mutter und verdeutlicht einmal mehr die Perspektive, aus der Müller seit Beginn seines Schaffens schreibt. Nachdem er den Wettstreit der lustfeindlichen Moralapostel angeprangert hat, singt er im Schlussteil reflexiv: »Ich stehe an dem Fenster und ich lehne mich weit hinaus/Nun da alles abfällt, sehne ich mich nach Haus/Ich sehe auf dich herab und stelle fest: das bin ja ich/Ich sehe auf dich herab und stelle fest: das bin ja ich.« Müller zeigte schon immer auf die anderen, aber aus ihrer Mitte heraus, nicht als Richter, höchstens als einer, der sich selbst zu allererst verurteilt und aus diesem Bewusstsein heraus die Welt hinnimmt, wie sie ist – ohne es sich nehmen zu lassen, nachzufragen, warum sie so eingerichtet ist. Auf »Text und Musik« laden Mutter zum Nachdenken ein, wie niemals zuvor. Es wäre gut für diese Welt, wenn die Band es ins Radio schaffen würde.

Mutter: Text und Musik (Clouds Hill/Rough Trade)

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