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Antje Molitor: Die Debatte über Leihmutterschaft und die Ratlosigkeit des Feminismus

Klasse Schwangerschaft

Leihmutterschaft und die Ratlosigkeit eines Feminismus, der nicht weiterdenkt. Eine Aufforderung zur feministischen Theoriebildung.

von Antje Molitor

Leihmütter sind Frauen, die eine befruchtete Eizelle in ihren Uterus einpflanzen lassen, das Kind austragen und nach der Geburt den Auftraggebern und biologischen Eltern gegen Bezahlung überlassen. Folgt man der Berichterstattung der bürgerlichen, aber auch der linken Medien, handelt es sich hierbei häufig um Frauen mit geringem Einkommen aus Asien oder Osteuropa, die dadurch ihren Lebensunterhalt, den ihrer Familie oder eine größere Anschaffung finanzieren, dafür aber Gefahr laufen, sozial geächtet zu werden. Das Geschäft wird häufig über Internet-Plattformen vermittelt. Diese richten sich regelmäßig nicht nur an infertile heterosexuelle Paare, sondern bemühen sich auch um eine Vermarktung unter homosexuellen Paaren und alleinstehenden Frauen mit Kinderwunsch, denen weder die Empfängnis und das Austragen einer Schwangerschaft noch eine legale Adoption möglich ist. Adressiert werden also zu einem großen Teil diejenigen, denen die Liberalisierung des Familienbildes in den vergangenen Jahrzehnten die Verwirklichung von (bürgerlichen) Familiensehnsüchten ermöglicht hat, deutet sich hier doch die Möglichkeit an, den Beschränkungen der Biologie zu entgehen. Was sollte man dagegen vorbringen wollen? Müßig zu fragen, erinnert man sich an die Funktion, die der bürgerlichen Familie im Kapitalismus zukommt, die Sphäre des Privaten und der Reproduktion zu entpolitisieren, für Zugehörigkeitsgefühl und Sicherheit zu sorgen.

In diesem Sinne erscheint es auch nicht sinnvoll, die Einzelnen zu kritisieren, die sich der Leihmutterschaft bedienen, um zu einer Familie zu kommen. Das wird ohnehin bereitwillig von den bürgerlichen Medien erledigt.

Um eine emanzipatorische feministische Perspektive auf dieses Phänomen zu entwickeln, ist es wichtiger, nach den zugrundeliegenden Vorstellungen von Familie und Zugehörigkeit und nach der spezifisch weiblichen Position einerseits der Leihmutter, andererseits der Auftraggeberin und deren jeweiliger gesellschaftlich-ökonomischer Einbettung zu fragen.

Welche Standpunkte haben Feministinnen im Diskurs bereits eingenommen? In Frankreich kämpfen Feministinnen verdächtigerweise gemeinsam mit konservativen Katholiken gegen die Leihmutterschaft. Diese sei aus ethisch-moralischen Gründen verwerflich. Allen Ernstes fordern beide Seiten, den aus Leihmutterschaft hervorgegangenen Kindern die französische Staatsbürgerschaft zu verweigern – was dem Gesetz nach durchaus möglich wäre. So wird die Verantwortung für ein gesellschaftliches Phänomen Einzelnen aufgebürdet. Die Tatsache, dass diese reproduktive Technik den Leihmüttern häufig unter dem Druck finanzieller Not ein hohes Maß an Entfremdung von ihrem Körper abverlangt, sollen nun die Kinder und deren Eltern verantworten. Hinsichtlich dieser Entfremdung werden aus feministischer Perspektive regelmäßig Parallelen zur Prostitution gezogen, woraus sich leider nur selten eine kluge, differenzierte Kritik der Entfremdung unter Rücksichtnahme auf die Spezifik dieser körper- und identitätsnahen Praktiken und deren Einbettung in der kapitalistischen Produktionsweise ergibt. Vielmehr wird moralisch argumentiert und erneut die Schuld bei der einzelnen Auftraggeberin gesucht, so etwa von der schwedischen Feministin Kajsa Ekis Ekman auf dem Blog »Die Störenfriedas«. Sollte dies einmal nicht der Fall sein, schlägt der Versuch der Kritik an den Verhältnissen in eine Argumentation um, wonach die westliche Frau durch die wachsenden Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin unter dem Deckmantel der persönlichen Freiheit quasi gezwungen werde, Kinder auch zu wollen und ihre traditionelle Rolle zu erfüllen, wie die feministische Sozialwissenschaftlerin Gerlinde Maurer im Interview mit Der Standard behauptet.

Die Gründe für einen Kinderwunsch sind sicher durch gesellschaftliche Diskurse beeeinflusst. Trotzdem ist es mindestens ärgerlich, wenn Frauen Entscheidungskraft und die Fähigkeit, derartige Ambivalenzen selbst zu sehen und dennoch ihrem Begehren entsprechend zu handeln, abgesprochen werden und damit die Vorstellung der abhängigen, passiven Frau als Opfer implizit bestätigt wird.

Beide undialektischen Richtungen der Kritik sind in ihrer Verkennung der Wechselseitigkeit individuellen Begehrens und kapitalistischer Vergesellschaftung letztlich ein Schlag ins Gesicht derer, die sich allem zum Trotz sehnlichst ein Kind wünschen, denen es die Biologie aber nicht erlaubt und denen das restriktive Adoptionsrecht – das in vielen Staaten homosexuellen Paaren, alleinstehenden Frauen und unverheirateten Heterosexuellen die Adoption eines Kindes verunmöglicht – keine Unterstützung ist.

Eine wirkliche Kritik der Reproduktionstechnologien erfordert, sie in genau diesem Widerspruch zwischen Wunscherfüllung, Disziplinierung und Klassen- beziehungsweise Ausbeutungsverhältnissen unter Frauen zu analysieren, in dem sie als kapitalistische Errungenschaften notwendig stehen.

Gerade weil treffende feministische Kritik ihre Schärfe oft aus dem Bezug auf häufig leidvolle Erfahrung nimmt, ist die Frage nach den Implikationen veränderter Familien- und Bindungsbilder und der Versuch, diese in ihrem historischen und gesellschaftlichen Kontext zu verstehen, wichtig. Mit der Popularisierung von Reproduktionstechniken ist es immer dringender notwendig, verschiedene Konzepte verwandtschaftlicher Verbundenheit nebeneinander zu akzeptieren. Die Eltern, die sich für eine Adoption oder eine Fremdsamenspende entscheiden, stehen vor der Aufgabe, der biologischen Verwandtschaft möglichst wenig Bedeutung zuzugestehen und teils auf den Prozess von Schwangerschaft und Gebären für den Aufbau von Bindung und Familiarität zu verzichten. Dies scheint im Einklang mit der Liberalisierung und Fragmentierung definierter Familienstrukturen zu stehen, die einerseits durch die Kämpfe der von der heterosexuell-biologisch-reproduktiven Bindung Ausgeschlossenen, andererseits durch die Forderung nach Individuation und Selbst-Sein an Bedeutung gewonnen haben. Zumindest die heterosexuellen Paare, die sich für Leihmutterschaft entscheiden, können ihr Konzept von Familie nicht auf Empfängnis, Schwangerschaft und Gebären stützen. Hier hat die Biologie als verbindendes Element zum zukünftigen Kind die größte Bedeutung. Das Begehren, das die enorme Leistung motiviert, trotz der zwischengeschalteten medizinischen Prozeduren und der teils kontinentweiten Entfernung zwischen Leihmutter und biologischer Mutter die Tatsache der genetischen Verwandtschaft als ausschlaggebend zu erachten, ist für die feministische Betrachtung sehr interessant. Immerhin wurde in jahrzehntelangen feministischen Kämpfen gerade eine vornehmlich biologistisch vorgestellte Bindung an die Familie und die Aufgabenteilung innerhalb dieser kritisiert. Von diesem Standpunkt aus hat der Rückbezug auf eine biologiebetonte Konzeption von Verwandtschaft den Beigeschmack eines Backlash. Eine Erklärung für das Bedürfnis, Mutterschaft fest in der Biologie des Menschen zu gründen und damit durch Natur zu legitimieren, könnte sein, dass die Geschlechtscharaktere, so wie sie über Jahrhunderte zuverlässig bestanden, wenn sie auch die Einzelnen in Ihren Möglichkeiten beschnitten – in der Frau verkörperten Emotionalität, Passivität, Fürsorglichkeit und die Verantwortlichkeit für den privat-reproduktiven Bereich – sich derart aufgeweicht haben, dass die biologische Reproduktion zur Versicherung einer lebenslangen Bindung wieder an Bedeutung gewinnt. Vielleicht tritt in der Folge auch die Verpflichtung der Mutter auf den reproduktiven Bereich noch einmal deutlicher hervor.

Daran anknüpfend stellt sich die Frage, wie diese Mutter einerseits die Belastung durch die Lohnarbeit, andererseits durch die Verantwortung für das Häuslich-Familiäre eigentlich bewältigen soll. Durch die Konkurrenz der Forderungen nach beruflicher und privater Selbstverwirklichung wird die Geschlechterfrage zunehmend auch zur Klassenfrage: Nicht nur die Hausarbeit, auch die Gebärarbeit wird von Frauen auf Frauen mit schlechterem sozioökonomischen und oft migrantischem Status verlagert. Die Perspektive letzterer fehlt übrigens in der medialen Darstellung.

Ich selbst messe der Erfahrung der individuellen Leihmutter eine sehr hohe Bedeutung bei, traue mir aber nicht zu, deren Perspektive zu übernehmen. Weder habe ich Erfahrungen mit Schwangerschaft, noch ein Problem damit, noch kenne ich eine Leihmutter, so dass ich fürchte, dieses könnte nur anmaßend werden. Ich halte es aber für sehr wichtig, die jeweils betroffenen Individuen zu fragen und sprechen zu lassen, um eine internationale und klassenübergreifende kritische Sicht und Solidarität zu entwickeln.

Was müsste also eine kluge feministische Perspektive auf Leihmutterschaft leisten? Um eine Wendung gegen die Frau zu verhindern, muss auf der Grundlage der Erfahrung sowohl der Auftraggeberin als auch der Leihmutter herausgearbeitet werden, wo überhaupt Leid erzeugt und aus gesellschaftlichen Zwängen heraus gehandelt wird. Diese Zwänge und deren Zusammenhang mit der kapitalistischen Produktionsweise müssten analysiert und ausreichend treffend beschrieben werden, um eine umfassende und internationalistische Kritik formulieren zu können.

Die Autorin ist Redakteurin von »Outside the Box«, Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik.

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