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Deniz Yücel: Die Notwendigkeit, PKK und PYD zu unterstützen

Die richtige Seite

Die derzeitige Lage in Syrien und dem Irak macht es notwendig, die PKK/PYD als fortschrittliche Kraft zu unterstützen.

von Deniz Yücel

Halbe Sachen sind keine deutschen Sachen. Das gilt auch für die deutsche Linke und die Frage, wem diese ihre Zuneigung zuteil werden lässt. Früher galt diese nationalen Befreiungsbewegungen, allen voran der palästinensischen. Für einen Teil der Linken änderte sich das bekanntlich ab den neunziger Jahren: Nun galt alle Zuneigung dem Staat Israel, das Prinzip ganz oder gar nicht aber blieb.

Ein Teil dieser dem Staat Israel wohlwollend gesinnten Linken – die anderen lassen wir einmal außen vor, wir sind hier ja unter uns – tut sich damit schwer zu sagen, dass in Kobanê die PKK und die PYD nicht nur auf der richtigen Seite stehen, sondern die richtige Seite sind. Warum? Weil Abdullah Öcalan weniger links ist als Benjamin Netanyahu? Weil der Islamische Staat hipper ist als die Hamas? Oder weil auch sinistre Figuren die PKK und PYD mögen (Christine Buchholz, MLPD), während es mit Israel nur Leute halten, die auch sonst ganz sauber sind (Partei Bibeltreuer Christen, PI-News)?

Lassen wir das. Denn die Dinge sind eindeutig: Wer sich diesen von einem eliminatorischen Wahn beseelten Jihadisten entgegenstellt, steht auf der richtigen Seite. Die PKK und ihr syrischer Ableger PYD aber kämpfen nicht erst seit Kobanê gegen den Islamischen Staat. Während die von den USA gehätschelten nordirakischen Peshmerga die Yeziden verraten haben – von der irakischen Armee ganz zu schweigen –, waren es Einheiten der PYD, die die überlebenden Yeziden retteten.

In Kobanê führen die Kämpferinnen und Kämpfer der PYD und ihre Verbündeten nicht nur eine Abwehrschlacht gegen die Jihadisten, sie verteidigen ein demokratisches Modell: das kurdische Rojava, die einzige Region Syriens, in der die Verhältnisse heute besser sind als vor Beginn des Aufstands gegen Assad. Diese kommunale Selbstverwaltung samt eines recht hohen Grads an Mitbestimmung versteht die PYD nicht als ersten Schritt zur Eigenstaatlichkeit, von der auch die PKK nicht mehr spricht, sondern als Vorbild für ein künftiges Syrien.

Der Rojava-Bericht von Human Rights Watch widerspricht diesem Befund nicht im Grundsatz. Darin werden einige Fälle von Misshandlungen und Tötungen in Gefängnissen aufgeführt. Aber Human Rights Watch spricht nicht von systematischer Folter und lobt die Bereitschaft der PYD zur Zusammenarbeit. Ohne etwas zu beschönigen: Angesichts der Umstände – des Krieges, der fehlenden Unterstützung von außen – fällt dieses Urteil über die kurdische Selbstverwaltung nicht allzu schlecht aus, schon gar nicht schlechter als Berichte über die Freie Syrische Armee. In Reaktion darauf versprach die PYD zudem, auf den Einsatz von Kindersoldaten zu verzichten – sicher einer der schwersten Vorwürfe.

Aufschlussreich auch, was in diesem Bericht nicht vorkommt: die Situation der Frauen und die Lage der Minderheiten. Es gibt keine Erkenntnisse darüber, dass ethnische oder religiöse Minderheiten in Rojava schikaniert würden. Die Frauen wiederum spielen in der Selbstdarstellung der PYD eine wichtige Rolle. Nun kann man sich darüber wundern, warum in einem diktatorischen, aber formell säkularem Regime wie dem Assads erst die PYD kommen musste, um einen großen Schritt zur Emanzipation zu machen, und gewiss wird ein Teil davon Propaganda sein. Aber man kann nicht permanent von der »Revolution der Frauen« reden und die patriarchalen Verhältnisse unangerührt lassen. Ein Ausdruck davon ist, dass die PYD und ihr bewaffneter Arm, die »Volksverteidigungseinheiten« (YPG), auf allen Ebenen nach Geschlechtern quotierte Doppelspitzen haben.

Dieses Modell haben die PKK und die legalen prokurdischen Parteien BDP und HDP – übrigens die einzige Partei im türkischen Parlament, die die Gleichberechtigung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen ins Programm aufgenommen hat – bereits vor einiger Zeit eingeführt. Ausgenommen davon ist nur eine Position, dummerweise die des Oberchefs Abdullah Öcalan. Ihm muss man jedoch zugute halten, dass er oft – etwa beim Gezi-Aufstand – ein besseres Gespür für gesellschaftliche Umbrüche bewiesen hat als manche Vertreter der legalen Partei.

Irgendwann wird die PKK diesen Widerspruch zwischen der autoritären Führungsfigur und dem Bestreben nach innerer Demokratisierung auflösen müssen. Die Voraussetzung dafür ist ein Ende des Kriegs in der Türkei. Das will die PKK erklärtermaßen, zum Unmut einiger Linksradikaler, die ihr Reformismus vorwerfen. Solcher Reformismus aber spricht für die PKK. Ansonsten muss man nicht alles super finden. Es gibt mehr als ganz oder gar nicht.