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Jonas Fedders: Ein Kongress von Verschwörungstheoretikern in Frankfurt

Verquere Denker unter sich

Der einschlägig bekannte Journalist Michael Vogt lud am Wochenende Verschwörungstheoretiker und Esoteriker zu einem Kongress.

von Jonas Fedders

Schenkte man den Ankündigungen im Internet Glauben, so konnte man am Samstag im beschaulichen Neu-Isenburg den »Beginn einer neuen Ära von Kongressen« erleben. Der Journalist Michael Vogt hatte seine »Mitstreiter für eine neue Zeit« in die Hugenottenhalle der kleinen Gemeinde südlich von Frankfurt am Main eingeladen, um den »Quer-Denken-Kongress« zu veranstalten. Über 700 Menschen folgten seinem Aufruf. Die Eintrittskarten für die Veranstaltung waren restlos ausverkauft.

Vogt ist bekannt für seine geschichtsverfälschenden Dokumentarfilme über den Nationalsozialismus und verlor im Jahr 2007 sogar seine Stelle als Honorarprofessor an der Universität Leipzig, weil er an einem Treffen europäischer Neonazis teilgenommen haben soll. Während seiner Studienzeit war Vogt Mitglied der pflichtschlagenden und als extrem rechts geltenden Burschenschaft Danubia. Noch vor zwei Jahren verfasste er in der Verbandszeitung der Deutschen Burschenschaft ein »Manifest zur revolutionären Neuordnung«, in dem er die »Abschaffung des Parteienstaates« forderte und sich über die »Instrumentalisierung der deutschen Geschichte« durch die »gleichgeschaltete Presse« beklagte.

Mittlerweile betreibt Vogt das Internetportal »quer-denken.tv«, wo er diverse Verschwörungstheorien verbreitet, etwa zu 9/11, zu »Chemtrails« oder zur Ukraine-Krise. In Anlehnung an das antisemitische Phantasma einer »jüdischen Weltverschwörung« heißt es in der Ankündigung des Kongresses: »Die Fäden in diesem weltweiten System werden von dem kleinen, aber dicht gewebten Netzwerk der globalen Eliten dahinter gezogen.« Wenig überraschend stammten auch die von Vogt eingeladenen Referenten allesamt aus dem verschwörungstheoretischen und rechtsesoterischen Bereich.

Da wäre etwa Andreas Clauss, der in der Tradition der »Reichsbürgerbewegung« das Grundgesetz als »besatzungsrechtliches Mittel« begreift, oder Andreas Popp, der glaubt, man könne sich nur mit Gold vor dem »Zusammenbruch des Geldsystems« schützen und der nebenbei ganz persönlich vom Handel mit Edelmetallen profitiert. Auch Peter Feist, der neben Jürgen Elsässer einst maßgeblich an der Gründung der »Volksinitiative gegen das Finanzkapital« beteiligt war, zählte zu Vogts Gästen. Die Publizistin Jutta Ditfurth beschäftigt sich schon lange intensiv mit der neurechten Szene. Sie sagt zum Programm der Veranstaltung: »Wer bei diesem Kongress mitmacht, möchte die Shoah vielleicht mit dem schlechten Karma jüdischer Menschen rechtfertigen oder giert einfach nach Gold von Herrn Popp. Es gibt jedenfalls nur miese Gründe, an dem Dreck teilzunehmen.«

Um zehn Uhr morgens begann der »Vorstoß zu einer ungebrochenen Wahrheit« mit dem ersten Referenten, Andreas Clauss. Eigentlich sollte er über die »Herstellung persönlicher Souveränität« reden, doch er kam schnell auf andere Themen zu sprechen, etwa auf Banken. Als Vorstandsmitglied der US-amerikanischen Federal Reserve müsse man wohl einen »Vertrag mit der dunklen Seite der Macht haben«, so Clauss. »Und wenn man sich nicht an ihn hält, kommt der Möllemann-Effekt.« Gelächter. Applaus. Der Redner sprach dem Publikum aus der Seele. Im Foyer der Halle boten derweil Aussteller ihre Produkte an. Sogar Kupferbarren wurden verkauft. »Die kleinen gibt es schon ab 15 Euro«, warb der Herr am Verkaufsstand. Ansonsten reichte das Sortiment von Büchern wie »365 Tage Rohkost« bis hin zu DVDs mit dem Titel »Die Lügen um 9/11«.

Gegen den Kongress hatte sich vorab Protest geregt. Bereits im September hatte ein Dutzend Menschen in einem offenen Brief an den Magistrat die Absage der Veranstaltung gefordert. Sie wiesen auf den antisemitischen und antiemanzipatorischen Charakter von Verschwörungstheorien hin und kritisierten die Vermietung der Räume für den Kongress. Wenige Tage vor dem Treffen der Querdenker meldete sich zudem das Offenbacher Bündnis »Bunt statt braun« zu Wort. In einem Schreiben an den Bürgermeister gab es zu bedenken, dass auf der Veranstaltung mit »verhetzenden Aussagen« zu rechnen sei, weshalb der Kongress nicht stattfinden dürfe.

Im Rathaus konnte man die Aufregung nicht so recht verstehen. Die Inhalte des Kongresses gefielen ihm zwar auch nicht, sagte der Erste Stadtrat Stefan Schmitt (CDU) vorab. Trotzdem gebe es aus polizeilicher Sicht keinen Grund, »warum die Veranstaltung nicht stattfinden sollte«. Das Kulturdezernat habe sich bei der Polizei informiert, es bestünden keine Bedenken. Luise Andersen, die den ersten offenen Brief gegen den Kongress unterzeichnet hat, bezeichnet es dagegen als »nicht nachvollziehbar«, dass das Treffen genehmigt und sogar auf der Homepage der Hugenottenhalle beworben worden sei. »Es kann doch nicht sein, dass eine verschwörungstheoretische und antisemitische Veranstaltung als Teil des städtischen Kulturprogramms angepriesen wird«, sagt sie im Gespräch mit der Jungle World.

Trotz der vorab geäußerten Kritik kam es am Samstag zu keinerlei Protesten. Bis in die späten Abendstunden hinein konnten die Teilnehmenden ungestört den Vorträgen lauschen. Unter ihnen befand sich auch Lars Mährholz, Initiator der neurechten Berliner Montagsmahnwache. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Vogt für den Kongress bewusst das Frankfurter Umland gewählt hat, weil er in der hessischen Großstadt möglicherweise mit größerem Widerstand hätte rechnen müssen. Ein Trost aber bleibt: Angesichts von Ticketpreisen in Höhe von 69 Euro dürfte die verquere Propaganda des Kongresses nur einem geradezu elitären Kreis unverbesserlicher und zahlungswilliger Anhänger zuteil geworden sein.

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