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Sarah Pines: Die Sichtbarkeit marginalisierter sexuellen Identitäten im Film

Transforming Hollywood

Sie ist jung, androgyn und talentiert, aber »cis«: Warum die Schauspielerin Elle Fanning für die Rolle eines transsexuellen Teenagers aus Sicht der Transgemeinde nicht die erste Wahl ist. Über die Kritik an »Transface«, die neue Sichtbarkeit marginalisierter Identitäten und die Vorbildfunktion von Netflix und Aristophanes.

von Sarah Pines

Bin ich etwa keine Frau?« fragt die hochgewachsene Laverne Cox mit der blonden Mähne ihr Publikum. Sie hält an der Stanford-Universität im Rahmen der »Transgender Awareness Week« im Mai 2014 einen Vortrag. Cox ist Schauspielerin, Produzentin und Transgender-Aktivistin. Zur Zeit spielt sie die in einem Frauengefängnis inhaftierte Transfrau Sophia Burset in der Netflix-Serie »Orange Is The New Black«. Cox ist die erste afroamerikanische Transfrau, die eine eigene TV-Show – »Transform Me« – produziert und moderiert. »Es ist für jede Transperson revolutionär, sich in einer Welt, die uns unsere Existenz abspricht, dafür entscheiden zu können, gesehen zu werden und sichtbar zu sein«, sagt Cox, die nun auch für einen Emmy in der Kategorie Schauspiel nominiert wurde.

Trotz der stärkeren medialen Sichtbarkeit von Transgenderaktivisten wie Laverne Cox, Chaz Bono und Erica Ervin werden Transpersonen in den Medien weiterhin marginsalisiert. Nicht nur, dass transgeschlechtliche Menschen in den Drehbüchern der Filme und Serien nur selten vorkommen, wenn sie doch vorkommen, wird die Rolle nur selten an eine Transfrau oder einen Transmann vergeben. So wurde die Hauptrolle der im November angelaufenen Produk­tion »Three Generations«, die die Geschlechtsumwandlung eines Teenagers schildert, an die Schauspielerin Elle Fanning vergeben. Die Hauptrolle im Film »The Danish Girl« über Lili Elbe, die erste Transfrau, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzog und 1931 an den Folgen der Operation starb, wurde mit dem britischen Schauspieler Eddie Redmayne besetzt. Auch die Hauptrolle der Netflix-Serie »Transparent«, in der ein Familienvater seiner Frau und den Kindern seine Transgender-Existenz offenbart, wurde nicht mit einer Transperson besetzt. Die Rolle ging an Jeffrey Tambor. Elle Fanning, Eddie Redmayne und Jeffrey Tambor sind Cisgender, wie in der Sexualwissenschaft all jene bezeichnet werden, deren Geschlechtsidentität mit ihrem körperlichen Geschlecht übereinstimmt.

Seit der Ausstrahlung des Films »Dallas Buyers Club« (2013) ist Kritik an den Casting-Gepflogenheiten der Filmindustrie laut geworden. Denn, so der Tenor der Transgemeinde, Transfrauen seien Frauen, Transmänner seien Männer, das Casten von Männern für Transfrauenrollen beziehungsweise von Frauen für Transmännerrollen sei diskriminierend. Kritisiert wird auch die Darstellung von Transpersonen, die hyperbolischen Charaktere, das übertriebene Make-up, theatralische Garderoben und Gesten. So habe zum Beispiel Jared Leto in zahlreichen Interviews über seine Rolle als Transfrau Rayon in »Dallas Buyers Club« nicht die für die Rolle wichtigen Themen HIV, Drogensucht und Sexarbeit angesprochen, sondern stets über Waxing und Make-up gewitzelt. Bei der Besetzung von Transgenderrollen mit Transgenderschauspielern gehe es um mehr als nur um Eitelkeiten, kritisiert der Transmann MJ Kaufmann, Theaterstudent der Universität Yale. Dahinter stehe oft eine lange Geschichte der Scham. »Das Nicht-Casten von Transschauspielern in Trans­rollen und das gleichzeitige Wiederkäuen von Stereotypen bedeutet, unsere Geschichte ohne uns zu erzählen«, sagt Kaufmann. »Wenn es nach uns ginge, würden Transcharaktere von Transschauspielern dargestellt, genau wie afroamerikanische und asiatische Charaktere von afroamerikanischen und asiatischen Schauspielern dargestellt werden«, heißt es auch auf der Website der Gruppe Transhollywood. »Laverne Cox, eine Transfrau, die einen Transgender-Charakter spielt, ist bahnbrechend, eben weil eine Transgender-Schauspielerin für diese Rolle gecastet wurde.« Anstatt von den vielfältigen Lebenserfahrungen der trans­sexuellen Schauspieler zu profitieren, würden Cis-Schauspieler die Komplexität transsexuellen Lebens auf transphobe Stereotype reduzieren.

Dass die Filmindustrie zögert, Transfrauen oder -männer für größere Rollen zu casten, liegt vor allem an dem vergleichsweise kleinen Pool renommierter und talentierter Transschauspieler. Das Casten unbekannter Schauspieler gilt immer als ein finanzielles Risiko, man setzt gerade für anspruchsvolle Produktinen mit ungewöhnlichen Stoffen auf Berühmtheiten wie Jared Leto, um das große Publikum anzusprechen und Oskar-Nominierungen und Filmpreise zu bekommen. Andere Bedenken gelten der Jugend der Darsteller: Junge Transschauspieler brauchen die oft nur schwer zu beschaffende Einwilligung ihrer Eltern.

Vor ein paar Wochen verwies die Gay & Lesbian Alliance Against Defamation (GLAAD) auf die Pionierarbeit einer Reihe von Kinofilmen – unter anderem »Dog Day Afternoon« (1975), »Boys Don’t Cry« (1999), »Soldier’s Girl« (2003) –, die von Cis-Schauspielern verkörperte Transcharaktere zeigen. Auch Laverne Cox möchte keinen Graben zwischen Cis und Transgender aufreißen: »Wir brauchen unsere Cisgender-Verbündeten – homosexuelle und heterosexuelle –, um Transgenderexistenzen Bedeutung zu verleihen.« Dasselbe Anliegen verfolgt das Transgender Economic Empowerment Project (TEEP) des LALGBT Center in West Hollywood. TEEP ist ein Projekt, das sich um die Arbeitsmöglichkeiten und -bedingungen von Transpersonen kümmert. In den Beratungsstellen geht es um ökonomische Fragen und gesellschaftliche Ermächtigungsstrategien. Das Zentrum bietet außerdem Workshops für Bewerbungsgespräche, rechtlichen Beistand bei Namens- oder Geschlechtsänderungen und vermittelt Bewerber an transfreundliche Arbeitgeber.

Als frühes Beispiel eines transfreundlichen Theaterstücks gilt die Komödie »Thesmophoriazusen« von Aristophanes: Euripides hat den Dichter Agathon überzeugt, sich in Frauenkleidern bei einem von Athener Frauen durchgeführten Fruchtbarkeitsritual einzuschmuggeln. Als sein Schwiegervater Mnesilochos von den Plänen der beiden Männer erfahren will, sagt Euripides ihm: »Du kannst nicht davon sprechen, Dinge zu hören, die du sehen wirst.« Kurz darauf betritt der Dichter Agathon in wehenden Frauenkleidern den Raum und lässt sich auf einen Diwan sinken. Um zu verstehen, wie eine Frau sich fühle, erklärt er dem verwunderten Mnesilochos, reiche die Vorstellungskraft allein nicht aus, man müsse sich kleiden, schminken, ja, man müsse riechen und reden wie eine Frau. Die Szene endet mit der Verwandlung des Mnesilochos in eine Frau: Der ältere Mann lässt sich den Bart rasieren, das Genital wird abgeklebt, er legt ein Frauengewand an. Mnesilochos hat Spaß an der neuen Rolle.

Die Kritik an der Praxis des »Transface« – Cisgender verkörpern transsexuelle Figuren – ähnelt der am »Blackface«, einer aus den amerikanischen Vaudeville-Bühnen des 19. Jahrhunderts stammenden Tradition, die auch im Filmepos von D. W. Griffith »The Birth of a Nation« (1915) sowie in der Sitcom »Amos and Andy« (1928–1960) praktiziert wurde und die bis zur afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung geläufige Darstellung von Afroamerikanern durch schwarz geschminkte weiße Darsteller bedeutet. Der Vergleich zwischen »Blackface« und »Transface« liegt nahe, denn in beiden Fällen geht es um an konkrete Körperrealität gebundene Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Der Ersatz afroamerikanischer durch weiße Schauspieler beziehungsweise das geschminkte »Blackface« war Signifikant der Unsichtbarkeit des Signifikats. Das Fehlen afroamerikanischer Schauspieler auf der Bühne war Zeichen ihrer Unterdrückung. Ähnlich verhält es sich mit dem durch Cis-Darsteller repräsentierten Transgender. Zwar ist die ethnische Herkunft kein Ausdruck identitärer »Wahlmöglichkeiten«. Doch in beiden Fällen bedeutet die Unterdrückung körperlicher Realität sowie deren Simulation auf der Bühne oder im Film eine über den Körper des Schauspielers ausgetragene Marginalisierung dessen, was er repräsentiert.

»Bei Körpern weiß man nie, woran man ist. Vor allem wollen wir Genderstereotype vermeiden und Transgenderkörper darstellen«, sagt der Fotograf Leon Mostovoy. Ihm, selbst Transmann, geht es um zeitgemäße Ausdrucksformen von Transgenderidentitäten. Sein jüngstes Buchprojekt »Transfigure« (2013) ist ein Bildband, in dem wie in einem Kinderbuch die nackten Körper der Menschen dreigeteilt dargestellt sind, so dass sich Kopf, Oberkörper und Unterkörper frei kombinieren lassen: bärtige weiße Gesichter mit weiblichem Unterleib und dunkelhäutigem Oberkörper etwa. Die Bilder zeigen die Komplexität und Vielfalt von Gender, Sex und Sexualität. Mostovoys Performance »Trigger Warning« wurde im Juli 2014 im Santa Monica Highways Performances Theater aufgeführt. Die Inszenierungen und Filminstallationen beschäftigten sich mit den Ängsten und Ausdrucksformen von Transgender; gezeigt wurden Bollywoodtänze, Operationsnarben, es ging um Selbsthass und Sexarbeit.

Bertholt Brecht forderte einmal, die moderne Bühne solle sich nicht so sehr für den Profit interessieren, sondern das Interesse der Zuschauer an der Welt wecken. Mit dem Streaming-Dienst Netflix ist bereits eine an die Gegebenheiten des Jetzt angepasste visuelle Plattform entstanden; der Sehprozess ist mobil und offen, gesehen werden kann was, wann und wie viel man will, wo man will. Inzwischen wurde für die Serie »Transparent« mit der Figur des Dale eine neue, von einem Transschauspieler verkörperte Rolle geschaffen.

Die dekonstruierenden Collagen in diesem »Dschungel« fertigten die Berliner Graphikerin Gabi Garland und Tapsi Matzner, die an der Universität der Künste Berlin Bildende Kunst studiert. Beide treffen sich ab und zu, um alte Illustriertenfotos mit der Schere zu dekonstruieren und mit Klebstoff neu zu montieren. Matzner interessiert sich für das empowernde Moment in der Kunst und forscht über den Einfluss von Pudding auf die Entwicklung frühkindlicher Sexualität. Gabi Garland studierte Illustration an der Hochschule für Gestaltung und Buchkunst Leipzig und zeigt ihre Arbeiten auf gabigarland. blogspot.de.

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