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Jonas Engelmann: Die Erzählungen Isaak Babels

»Das Beste, was Russland anzubieten hat«

Von Maxim Gorki wurde er entdeckt, von Stalin liquidiert. Isaak Babels erschütternde Kindheitsbilder, seine schonungslosen Kriegserinnerungen und großartigen Gaunergeschichten liegen jetzt in neuer, einheitlicher Übersetzung vor.

von Jonas Engelmann

Odessa ist eine richtig miese Stadt«, schreibt Isaak Babel in seiner Liebeserklärung an den Ort, an dem er 1894 geboren wurde und der ihn wie kein anderer geprägt und beeindruckt hat, auch wenn er nur wenige Jahre seines Lebens dort verbrachte. Odessa ist ein wiederkehrender Topos seines literarischen Werkes, wenn auch das Odessa, das er den Lesern seiner Erzählungen präsentiert, ein imaginiertes ist, das Ideal einer jüdisch geprägten Stadt im vor- und nachrevolutionären Russland. »Denken Sie nur – eine Stadt, wo sich leben lässt, leicht und klar. Die Juden stellen die Hälfte der Bevölkerung, und die Juden sind ein Volk, das ein paar sehr einfache Dinge sehr gut am Schnürchen hat. Sie heiraten, um nicht einsam zu sein, sie lieben, um ewig zu leben«, schrieb er in seiner Erzählung »Odessa« von 1916.

Im Odessa Isaak Babels scheint dieses jüdische Leben möglich, in der Stadt am Schwarzen Meer mit ihren acht Synagogen und 28 Gebetshäusern, der zweitgrößten jüdischen Gemeinde im ehemaligen Zarenreich, dem osteuropäischen Zentrum der Haskala, der jüdischen Aufklärung und des Zionismus. »Die armen Juden in Odessa werden von den Gouverneuren und Zirkularen ganz konfus gemacht, aber sie sind nicht leicht von ihrer Position abzubringen, es ist eben eine sehr althergebrachte Position. Ihren Bemühungen verdankt sich zu einem erheblichen Teil jene Atmosphäre von Leichtigkeit und Klarheit, die Odessa umgibt.«

Isaak Babel wurde in eine solch »althergebrachte Position« hineingeboren, in eine Händlerfamilie im verrufenen Stadtteil Mo ldavanka, einem von Juden und Kriminellen geprägten Viertel Odessas, das er in seinen Geschichten über die Stadt immer beschreibt. Nun liegt erstmals eine einheitliche Übersetzung sämtlicher Erzählungen Isaak Babels vor, sorgfältig ediert und kommentiert, und liest man sich noch einmal durch das beeindruckende, wenn auch überschaubare Gesamtwerk, so wird deutlich, dass Babel diese jüdische Utopie Odessa, die er 1916 noch als Stadt, in der auch Juden »leicht und klar« leben können, beschrieben hatte, in späteren Erzählungen wieder zurücknahm und andere Aspekte in den Mittelpunkt stellte: Odessa war auch eine Stadt der Pogrome und des Antisemitismus – und der jüdischen Gangster.

1916 lebte Babel bereits nicht mehr in Odessa; er hatte seit 1911 an der Handelsschule in Kiew studiert und zog nach Abschluss seines Studiums nach St. Petersburg, wo er Maxim Gorki kennenlernte, der den jungen Schriftsteller in das literarische Leben der Stadt einführte. »Dieser Begegnung verdanke ich alles«, schrieb Babel später in einem »Autobiographie« betitelten Text. »Ganz augenfällig hat sich erwiesen, dass Sie, mein Herr, nichts vernünftig wissen, aber vieles ahnen (…) Tun Sie sich unter den Menschen um«, hatte Gorki ihm 1917 geraten. Babel beherzigte die Aufforderung, Lebenserfahrung zu sammeln, um seiner Literatur mehr Substanz zu geben. Immer wieder waren die Erfahrungen, die Babel machen musste, negative, oft auch traumatische. Im selben Jahr wurde er als Soldat in den Ersten Weltkrieg eingezogen und an die Front geschickt, wodurch er die revolutionären Unruhen verpasste, die Babel durchaus ersehnt hatte. Lebenserfahrung brachte ihm die Zeit im Krieg dennoch und Erkenntnisse darüber, dass jüdisches Leben in Russland ein gefährdetes Leben war.

In seiner Erzählung »Der Weg« beschreibt Babel den Rückweg eines jüdischen Protagonisten von der Front in Richtung Westen; er wird Zeuge willkürlicher Hinrichtungen von Juden und muss schließlich selber vor den Gewehren der Landbevölkerung fliehen. Mit erfrorenen Füßen entkommt er in den eisigen russischen Winter und wird schließlich von einem Arzt, der ihn behandelt, gefragt: »Wohin? Wohin treibt es euch … Was schweift sie umher, eure Nation?« Die Erzählung »Der Weg«, an der Babel zehn Jahre feilte, stellt diese Frage exemplarisch an das russische Judentum, dessen Lebensbedingungen auch nach der Revolution nicht besser geworden waren, das heimatlos umher trieb und den Anfeindungen der Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt war: Selbst wenn es Wurzeln schlagen wollte, blieb ihm diese Möglichkeit verwehrt. In der ersten Übersetzung ins Deutsche war »Der Weg« – wie auch in späteren russischen Ausgaben – nur verstümmelt zugänglich, zu extrem erschien dem DDR-Verlag »Volk und Welt«, der 1973 eine Werkausgabe Babels veröffentlichte, wohl das Nebeneinander des Glücks und der extremen Brutalität in dem Text, das aber gerade die Größe des Werks von Babel ausmacht. So heißt es in einer zuvor zensierten Passage in der Erzählung über die Zugfahrt des Protagonisten, die in einem Blutbad an den jüdischen Fahrgästen endet, über zwei seiner Mitpassagiere: »Der Lehrer hatte vor ein paar Tagen geheiratet und brachte die frisch Vermählte nach Petersburg. Ihre Hände waren im Schlaf ineinander verschlungen, eine geborgen in der anderen.« Dann geschieht das Unfassbare: »Der Telegrafist zog unter dem Pelz eine Mauser mit schmaler und schmutziger Mündung hervor und schoss dem Lehrer ins Gesicht. Hinter dem Telegrafisten trat ein großer, gebückter Mužik in Fellmütze mit losen Ohrenklappen von einem Bein aufs andere. Der Chef zwinkerte dem Mužik zu, der knöpfte den Getöteten auf, schnitt ihm mit einem Messerchen die Geschlechtsteile ab und stopfte sie der Frau in den Mund.«

Unklar ist, wie bei allen Texten Babels, inwieweit die Erzählung autobiographisch geprägt war, sicher ist jedoch, dass diese Geschehnisse der antisemitischen Realität entsprachen. Babel, der sich von der Revolution erhoffte, nicht mehr als Jude, sondern als Russe wahrgenommen zu werden, war weiter auf der Suche nach der von Gorki eingeforderten Lebenserfahrung und stellte sich in den Dienst der 1. Reiterarmee, die unter dem Kommando von Semjon Michailowitsch Budjonny im russisch-polnischen Krieg eine wichtige Rolle spielte. Die Reiterarmee war 1919 vom Revolutionsrat gegründet worden, zu dem auch Stalin gehörte, und eine Art irreguläre militärische Einheit, die mit eigenen Pferden und Waffen in den Krieg zog und erst gegen Ende des Bürgerkrieges offiziell in die Armee eingegliedert wurde. Unter dem Tarnnamen Ljutow – seine jüdisch Identität konnte er nicht preisgeben, ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen – ritt Babel als Journalist mit den Kosaken nach Galizien, lieferte für die Zeitung Krasny Kavalerist (Roter Kavallerist) Propagandaberichte über die Kriegserfolge und führte gleichzeitig ein Tagebuch, in dem er die Brutalität des Krieges festhielt: Elend, Tod, Kriegsgräuel, insbesondere gegen die jüdische Bevölkerung Polens. Im polnisch-russischen Krieg wurden bei Pogromen in Galizien über 60 000 Juden ermordet, unter Beteiligung der Reiterarmee, mit der Babel ritt – nicht der letzte innere Konflikt, den Babel auszustehen hatte.

Die Tagebuchaufzeichnungen bildeten die Grundlage zu jenem Werk, das seinen bis heute anhaltenden Weltruhm begründete: »Die Reiterarmee«, erschienen 1926. Nur drei Jahre später veröffentlichte Wieland Herzfelde in seinem Malik-Verlag das Werk sowie einen weiteren Prosaband Babels in deutscher Übersetzung, die unter anderem Thomas Mann, Elias Canetti und Kurt Tucholsky tief beeindruckt haben. »Die Reiterarmee« beschrieb, poetisch verdichtet, sehr realistisch den Kriegsalltag, aber auch die Ressentiments, mit denen Babel konfrontiert war, wenn er als Jude erkannt wurde, und den alltäglichen Antisemitismus. Schon die Auftakterzählung »Die Überschreitung des Zbruč« beschreibt die Brutalität gegenüber Juden in Osteuropa, in diesem Fall durch die polnische Armee: »›Panie‹, sagte die Jüdin und schüttelte das Federbett auf, ›die Polen haben ihn abgeschlachtet, dabei hat er sie angefleht: tötet mich auf dem Hinterhof, damit meine Tochter nicht sieht, wie ich sterbe‹.«

Insbesondere zwei Personen machte sich Babel mit dieser Textsammlung zum Gegner: Semjon Michailowitsch Budjonny, den Anführer der Reiterarmee, und Joseph Stalin. Budjonny fühlte sich gedemütigt, da auch die chaotischen Zustände innerhalb der Armee und die Kriegsverbrechen schonungslos von Babel benannt wurden. Und Stalin wiederum hatte ebenfalls wenig Interesse an einer solchen Darstellung der Roten Armee, er notierte: »Unser zappeliger Babel schreibt über Dinge, von denen er keine Ahnung hat. Zum Beispiel, die Reiterarmee.«

Der Erzählungszyklus beeindruckt noch immer und macht deutlich, dass Babel tatsächlich, wie Gorki formulierte, das »Beste ist, was Russland anzubieten hat«. Die kurzen Prosatexte von oft nur wenigen Seiten geben in einer ungeheuren Wucht und Dichte Einblick in eine Lebenswirklichkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, immer aus jüdischer Perspektive, auch wenn Babel sich selber wohl kaum als religiös verstanden hat. Sein Wunsch war es, jenseits von religiösen Zugehörigkeiten und Zwängen wahrgenommen zu werden, wie er auch seinen Protagonisten in »Die Reiterarmee« in einem Traum erleben lässt: »Nacht für Nacht hatte ich denselben Traum. Ich jage im Trab auf Argamak dahin. Am Straßenrand brennen Lagerfeuer. Kosaken kochen sich ihr Essen. Ich reite an ihnen vorbei, sie heben nicht einmal ihren Blick. Die einen grüßen, andere schauen nicht hin, ich interessiere sie nicht. Was hat das zu bedeuten? Ihre Gleichgültigkeit beweist, dass an meiner Art zu reiten nichts Besonderes ist, ich reite wie alle anderen auch, es gibt an mir nichts zu sehen. Ich sprenge dahin und bin glücklich. Der Durst nach Ruhe und Glück wurde im Wachzustand nicht gestillt, daher diese Träume.«

»Wie alle anderen auch« sein zu wollen, aber nicht zu dürfen, ist ein Motiv, das sich auch durch andere Prosatexte Babels zieht. Als Jude auch Gangster sein zu können, ist einer dieser Träume, die Babel literarisch bearbeitete. Vor allem in seinen Texten über Odessa versuchte er, Gegenbilder des Jüdischen zu entwerfen, alternative Bilder zu den antisemitisch geprägten Stereotypen, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Grundlage für Pogrome und Verfolgungen gebildet haben. Dabei steht das Bild des jüdischen Gangsters als Gegenmodell zum passiven Schtetljuden im Mit­telpunkt, wehrhafte Juden, die in ihrer Rolle bestehende Hierarchien in Frage stellten. Babels Gangster stehen für die Suche des Autoren nach einer jüdischen Militanz, nach einer Antwort auf den virulenten Antisemitismus. Benja Krik ist seine wohl bekannteste Gangsterfigur, deren Aufstieg zum Gangsterkönig in den »Geschichten aus Odessa« beschrieben wird. Krik ist angelehnt ist an den realen jüdischen Gangster Mischka Japontschik, der zur Jahrhundertwende in Odessa gelebt hat und der ­Babel auch als Drehbuchvorlage zu einem Film diente. Der Brutalität der Gangster in Babels Texten entspricht die reale Gewalt der russischen Mehrheitsgesellschaft gegen die Juden, die sich immer wieder in Pogromen entlädt. Vielleicht kann man den Erzählungszyklus »Geschichten aus Odessa«, in dem der Aufstieg Benja Kriks zum Gangsterkönig beschrieben wird, als Gegenstück zu Babels unter dem Titel »Die Geschichte meines Taubenschlages« erschienenen kleinen Zyklus lesen, in dessen Mittelpunkt ein wissbegieriger jüdischer Junge ist, der versucht, immer das Gute und Richtige zu tun.

Die erschütternden Schilderungen zeigen, dass das Leben der Juden in Russland ständig bedroht ist: Verwandte des zehnjährigen Erzählers werden bei Pogromen ermordet. Eine Passantin kommentiert das Geschehen mit den Worten: »Den Samen von denen muss man ausrotten, ich kann ihn nicht leiden, den Samen von denen, und ihre stinkenden Männer.« Der Erzähler kommt mit dem Leben davon, aber seine geliebten Tauben werden getötet. Der Junge, der als einer der wenigen Juden zum Gymnasium zugelassen wurde, hatte sie zur Belohnung für die bestandene Aufnahmeprüfung geschenkt bekommen. Während des Pogroms werden seine Tauben getötet und auf seinem Gesicht zerquetscht: »Ich lag auf der Erde, und die Innereien des zerquetschten Vogels liefen mir die Schläfe hinab. Sie wanden sich meine Wangen entlang, besudelten mich und machten mich blind. Zartes Taubengedärm kroch über meine Stirn und ich schloss das letzte unverklebte Auge, um die Welt nicht zu sehen, die sich vor mir ausbreitete.«

Obwohl Babel in den Gangstererzählungen den starken und wehrhaften Juden als Gegenmodell zum unterdrückten Schtetljuden entworfen hatte, muss sich der Gangsterkönig Benja Krik angesichts solcher Realitäten in der Erzählung »Wie es in Odessa gemacht wurde« fragen: »Einen Riesenfehler hat Gott begangen, Tante Pessja. War es denn seitens Gottes kein Fehler, Juden in Russland anzusiedeln, damit sie dort wie in der Hölle leiden? Wäre es nicht besser gewesen, diese Juden lebten in der Schweiz, umgeben von erstrangigen Seen, von Bergluft und lauter Franzosen?«

»Man ließ mir nicht Zeit, fertig zu werden«, soll Isaak Babel gesagt haben, als er im Mai 1939 wegen angeblicher antisowjetischer Tätigkeit und Trotzkismus verhaftet wurde. Kurz zuvor hatte er seiner Muter in einem Brief noch berichtet, dass die Arbeit an seinem »heißersehnten Werk«, einer neuen Sammlung an Erzählungen, bald abgeschlossen sei. Diese Texte sind bis heute ebenso verschollen wie 25 weitere Ordner mit Manuskripten, darunter Vorarbeiten zu einem Roman, autobiographische Skizzen, journalistische Arbeiten, Briefe und unzählige Erzählungen der vorherigen zehn Jahre, in denen Babel kaum noch etwas veröffentlicht hatte, – Texte, die heute wohl zum besten gehören würden, was die russische Literatur des frühen 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Babel hatte sich in seinem Beharren auf einem jüdischen Blick auf das neue Russland, auf der Beschreibung der oftmals brutalen Realitäten und auf seiner distanzierten Haltung zum sozialistischen Realismus immer mehr isoliert, seine Familie lebte im Ausland, und er versuchte immer wieder dorthin zu reisen, mal gelang es ihm, mal wurde ihm die Ausreise verweigert. Angebliche Spionagetätigkeiten waren nach seiner Verhaftung der offizielle Anklagepunkt, unter Folter gestand Babel die Anschuldigungen, um kurz vor seiner Exekution sein »Geständnis« zu widerrufen. 1940 wurde er hingerichtet, nach Stalins Tod 1954 rehabi­litiert, wodurch zumindest seine Texte wieder zugänglich wurden.

Babel war der wichtigste Chronist der Veränderungen und des Niedergangs des osteuropäischen jüdischen Lebens. In der Fragment gebliebenen Erzählung »Die Jüdin« schrieb er: »Die halbe Nacht hindurch wanderte er durch das jüdische Schtetl, seine Heimat. Auf dem Fluss bebten die blanken Schlangen – Spiegelungen. Von den Hütten am Ufer wehte Gestank. Die dreihundertjährigen Mauern in der Synagoge waren aufgebrochen. Mit seiner Heimat ging es zu Ende. Die Uhr des Jahrhunderts kündete mit Glockenschlägen vom Ende des wehrlosen Lebens.«

Isaak Babel: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Aus dem Russischen von Bettina Kaibach und Peter Urban. Hanser-Verlag, München 2014, 864 Seiten, 39,90 Euro

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