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Klaus Walter: Das prekäre Leben eines Pop-Kritikers

Warum macht man das eigentlich?

Die kritische Auseinandersetzung mit Pop findet zumeist unter prekären Bedingungen statt. Klaus Walter berichtet von einer Vortragsreise zur Bochumer Folkwang-Universität der Künste.

von Klaus Walter

Mit dem Fahrrad zur U-Bahn, im Briefkasten die neue Mojo, Titel: »David Bowie. The 100 Greatest Songs«. Die CD dazu: »Davidheroesbowie – Mojo presents the artists that influenced David Bowie«. Unter den Künstlern: Jacques Brel, Frank Sinatra, Pretty Things, Little Richard, Lotte Lenya, Nina Simone. Über die sagt Michael Gira von den Swans: »Wenn man Nina Simone hört, denkt man: Gott, was für eine Sängerin. In einer einzigen Zeile bringt sie fünf verschiedene Aspekte von sich unter.« Gira sagt das in Electronic Beats, dem Pop-Magazin der Telekom, dazu später mehr.

Abfahrt Hauptbahnhof nach Bochum, eigentlich 14.42 Uhr. Verspätungsalarm: Störung zwischen Frankfurt und Köln. Also früher los, 13.30 Uhr. Ersatzverbindung: 14.29, Umsteigen in Köln. Der Zug steht schon bereit – fährt aber nicht los. Keine Durchsage im Zug, nur auf dem Bahnsteig. Neue Ersatzverbindung: 15.10 Uhr, Umsteigen in Essen, auf dem Bahnsteig verkauft ein Mann die Obdachlosenzeitung, zwei Euro. Im Regionalexpress im Stehen zwei Seiten lesen über den besten Bowie-Song: »Life on Mars?« »›Hunky Dory‹ (so der Titel des Albums, auf dem »Life on Mars?« zu finden ist – Anm. d. Red.) fordert erdrutschartige Veränderungen und verurteilt den Status quo. Die intellektuellen Leitsterne des Albums sind Andy Warhol, für den Ruhm ein glanzvoller Schwindel war, und Nietzsche, der glaubte, Kunst werde von außergewöhnlichen Menschen geschaffen und sei ›die eigentliche Aufgabe des Lebens.‹«

Bochum Hauptbahnhof, kurz vor halb sechs, Bus 353 bis Knappenstraße. Zum Institut für Populäre Musik der Folkwang-Universität der Künste, gleich neben der Zeche. Ringvorlesung »Pop ist ein weites Feld«. Mein Thema: »Der silberne Löffel im Arsch von Damon Albarn – Klassenverhältnisse in der britischen Popmusik einst und jetzt«, Vortrag mit Videos. Erster Clip: »Forgiven« von Actress.

Dazu O-Töne, Diedrich Diederichsen über Actress und »das Recht auf Opazität, von dem Édouard Glissant gesprochen hat: das Nichtverstanden-Werden und Nichtverstanden-werden-Müssen als Voraussetzung für kulturelle Entwicklung. Die Nische ist nicht nur ein ›Abseits als sicherer Ort‹ (Peter Brückner), sondern auch staatsfern, autoritätsfern. Sie lässt sich nicht von einem zentralen Ort aus schließen, beherrschen oder definieren.« Im Magazin Wire verbindet Dan Barrow das Recht auf Opazität mit der undurchdringlichen, staats- und autoritätsfernen Musik von Actress & Co.: »Die zwischenzeitlich geäußerte Kritik seit den Unruhen in Großbritannien 2011 – wo ist die ganze Protestmusik geblieben? – verfehlt ihren Punkt. In einem Klima, in dem progressive Politik in der Defensive ist und es an der historischen Fähigkeit mangelt, radikale ästhetische Ausdrucksweisen hervorzubringen, muss das Verlangen nach textlichen Inhalten auf Kosten der Form – stumpfe programmatische Meinungen werden existierenden Songstrukturen aufgezwungen – dem Müllhaufen der Kultur zugeführt werden. Das Werk von Actress, Dean Blunt und Inga Copeland repräsentiert an sich einen Akt politischen Widerstands. Noch wichtiger aber ist, dass es etwas betont, was Theodor W. Adorno das antisoziale Moment des Kunstwerks genannt hat. Im schwarzen Spiegel der Platte findet eine Gesellschaft, die nichts als Herrschaft anbietet, ihr Anderes.« Weitere Clips: »Panorama from 1964 about The Kop at Anfield, Liverpool«, Marianne Faithfull: »Working Class Hero«, Rolling Stones: »Factory Girl«, Sleaford Mods: »Job Seeker«, James Blunt: »You’re beautiful«.

Aus dem Vortrag: »You’re beautiful« – mit seichten Popsongs wie diesem wurde James Blunt berühmt. Aber der britische Sänger kann auch anders. »Damon Albarn hat einen silbernen Löffel im Arsch stecken.« Mit diesen Worten hat der Schlagersänger kürzlich einen Klassenkampf der besonderen Art eröffnet. James Blunt hat darauf hingewiesen, dass Damon Albarn, mit seiner Gruppe Blur einer der Superstars des Britpop, ein Kind der Upper Class ist – wie viele britische Pop-Größen. Und dass er dieses Privileg zu kaschieren sucht, mit einem vorgetäuschten Working-Class-Akzent.

Die Räume des Instituts für Populäre Musik der Folkwang-Universität kenne ich. 2010 war das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas. Im Zuge dessen wurde dort, wo sich heute das Institut befindet, ein Studio für das Internetradio Byte FM eingerichtet und ein stundenweiser Sendebetrieb finanziert. Einmal im Monat fuhr ich von Frankfurt nach Bochum, um hier Sendungen aufzunehmen, meistens mit Pop-Leuten aus der Region. Diese Arbeit wurde okay honoriert, bei Byte FM die Ausnahme, die Regel ist das sogenannte Ehrenamt. Nach Ablauf des Kulturhauptstadt-Jahres wurde das dafür installierte Studio wieder geschlossen, Teile des Equipments wurden nach Hamburg transportiert, in die Byte-FM-Zentrale. Was aus dem Rest der Technik wurde, weiß ich nicht. Jetzt sitzt das Institut für Populäre Musik der Folkwang-Universität in diesen Räumen, die kaum wiederzuerkennen sind, komplett umgebaut. Leiter des Instituts ist Hans Nieswandt (DJ, Produzent, Buchautor und Journalist – Anm. d. Red.), der mich zu zwei Vorträgen eingeladen hat. Der erste war im Oktober, Thema: »Autotune & Pornographie, Körper-Apps & Selbstoptimierung«.

Für einen Vortrag von ungefähr 90 Minuten, inklusive Videoclips, gibt es 100 Euro brutto. Um 13.30 Uhr bin ich in Frankfurt losgefahren, eine Stunde nach Mitternacht werde ich zurückkommen. Der Vortrag ist ein überarbeiteter Remix aus Radiosendungen und Printtexten, daran habe ich etwa einen Tag gearbeitet. Für 100 Euro. Warum macht man das? Angenehme Umgebung, Hans Nieswandt ein guter Gastgeber, man kennt sich, auch die anderen Referenten hier, Karl Bruckmaier, Diedrich Diederichsen, Olaf Karnik, Dirk Scheuring, Spex-Academy, alte weiß(haarig)e Männer droppen knowledge. Man kann reden, wie man will und über was man will, Hans hängt sich nicht rein, man kann Worte wie Kontingenz, Othering oder Opazität in den Mund nehmen, ohne sie auf der Stelle erklären zu müssen – so Sachen halt, geht nicht an jeder Uni, auch nicht bei jedem Radio. Das alte Lied der prekären Akademie-Ökonomie: Freedom of Speech, die Lizenz, spezielle Themen spezialistisch, möglicherweise schwer verständlich zu behandeln, kostet Geld. Minderheitendiskurse werden minderwertig honoriert oder gar nicht. Geht eigentlich nicht, man macht es trotzdem, weil neben den Studierenden auch interessierte Leute aus der Umgebung kommen, die das Hardcore –Continuum nicht für eine Erfindung der Band Fugazi halten, Leute, die Wert legen auf den Unterschied zwischen »Higher than the sun« und »More brilliant than the sun«. Und vielleicht kann man irgendwem noch eine Light-Version des Vortrags verkaufen.

Mit ein paar der Interessierten im Auto zurück zum Bahnhof, der Zug fährt erst in einer Stunde. Schnell was essen in der Fußgängerzone, ein Teller Nudeln, ein Bier, ein Wein, 22 Euro inklusive Trinkgeld. Zurück zum Bahnhof, eine Flasche Wein für die Fahrt, 4,49 Euro inklusive Plastikbecher. Noch Zeit für den Zeitungskiosk. Die neue Electronic Beats. Eigentlich ekelhaft, aber ich kann das Heft nicht ungekauft stehenlassen. Auf dem Cover Karen O.: »Was ich tue ist irgendwie absurd.« Geht mir auch so. Was ich tue, ist irgendwie absurd. Außerdem: »Rebellion auf Rollen: Wie die afro-amerikanische Rollschuh-Szene Dance Music revolutionierte.« Super-Thema. Und Michael Gira von den Swans: »Wie viele Feinde kann man sich machen?« Also doch kaufen und sich ein bisschen ekeln, auch vor sich selbst, 4,50 Euro.

Auf dem Cover der Electronic Beats ist das Telekom-Logo in Telekom- & FDP-Magenta und ebenfalls in Magenta ein Aufkleber: »Jetzt mit Augmented Reality! Mehr auf Seite 13.« Auf Seite 13 in Magenta: »Augmented Reality – Erhalte in nur drei einfachen Schritten Zugang zu Unmengen an Extras!« Ab Seite 16: »Empfehlungen« von Richard Hell, Adam Harper, Heatsick und so weiter, ein Gespräch mit Holly Johnson über Bowie, ein Bericht über Berlins sex­positive Danceparty »Gegen«. Geld schießt eben doch Tore. Dank Telekom kann Electronic Beats mit Arto Lindsay ein paar Tage in Rio verbringen und noch ein paar weitere in New York. Man kann einen Autoren nach Philadelphia schicken, zu Besuch beim 90 Jahre alten Marshall Allen im Studio des Sun Ra Arkestra. Man hat Zeit, Geld und Platz, die großzügig Porträtierten nehmen sich Zeit und kriegen vermutlich gutes Geld dafür, dass sie außerhalb der üblichen Promo-Schedules für ausführliche Interviews zu haben sind. Unter solchen Bedingungen muss ja was halbwegs Interessantes rauskommen, Geld schießt Tore.

Eigentlich hatte ich im Zug die neue Testcard lesen wollen. 310 eng beschriebene Seiten Pop-Kritik, Thema des Hefts: »Bug-Report – Digital war besser«. Hier schreiben Autoren der Jungle World wie Roger Behrens, Jonas Engelmann und Christian Werthschulte, Waltraud Blischke über »t-cardcomp – Die Musikliste zur ungeregelten Geschmackssynthese«, ein Text über »Rumorende Algorithmen. Die Sounds der Digi­talisierung« von Raphael Smarzoch, übrigens auch ein Referent an der Folkwang-Universität. Oder: Eve Massacre: »Network of Blood. Von ›Augmented Reality‹ bis zum ›Liquid Self‹: Nathan Jurgensons Webtheorien«. Super-Themen, nicht immer Super-Texte. Wer für Testcard schreibt, bekommt kein Geld, dementsprechend wenig Zeit bleibt für redaktionellen Feinschliff, dementsprechend holprig, redundant, unelegant sind manche Beiträge. Der Zug passiert Düsseldorf, der zweite Becher Weißwein, dann doch die Electronic Beats mit dem magentafarbenen Augmented-Reality-Sticker.

Die Zeitschrift gönnt sich den schönen Luxus und lässt auch Musikerinnen und Musiker schrei­ben. In der Rubrik »Empfehlungen« feiert diesmal Laetitia Sadier das neue Album von Ariel Pink. Er sei gesegnet mit einem einmaligen Verständnis klassischer Songwritertechniken, schreibt die ehemalige Sängerin von Stereolab. Und weiter: »Unterstützt von der legendären Kim Fowley, die einige der Songs mitgeschrieben hat, während sie sich von einer Krebstherapie erholte.« Hä? Wirkt der Weißwein schon? Arme Laetitia Sadier. Bei der Übertragung aus dem Englischen (oder Französischen?) wurde Kim Fowley Opfer einer Geschlechtsumwandlung. Dabei postet die legendäre Kim doch dauernd Dirty-Old-Man-Fotos. Alter, gebrechlicher, mutmaßlich todkranker Mann im Krankenbett, umgeben von mehr oder weniger leicht bekleideten Frauen, 30, 40, 50 Jahre jünger als er.

Demnächst in Electronic Beats womöglich: Das neue Buch des legendären Kim Gordon über die wilden Jahre mit seiner legendären Band Sonic Youth. Der legendäre Kim Deal von den legendären Pixies und den Breeders, der legendären Band, die er mit seinem Zwillingsbruder Kelley Deal gegründet hatte, mit einem Erfahrungsbericht aus dem Heroin-Rehab.

Geld schießt auch Eigentore. Wenn etwa Michael Gira im Interview von der telekomfinanzierten Electronic Beats mit der folgenden Frage konfrontiert wird: »Wie siehst du die zunehmende Mitwirkung der Industrie an Kunst und Kultur?« Die Antwort von Gira ist – wie das ganze Interview – auf ziemlich durchgeknallte Weise, nun ja, interessant, wie es eben interessant ist, wenn der Gründer der Swans über die göttliche Stimme von Nina Simone spricht, über seinen Hass auf HipHop oder über Analverkehr von Walen. Scheißinteressant, dieses Heft, wie einst Warhols Interview. In seiner devoten Streberhaftigkeit hat Electronic Beats allerdings dann doch mehr von der Apotheken-Umschau. Oder von Mobil, dem Reisemagazin der Deutschen Bahn. Ankunft Frankfurt Hauptbahnhof: 23.59 Uhr, Umsteigen in die U4.

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