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Markus Ströhlein: Der 70. Jahrestag der Bombardierung Würzburgs

Bomber Harris did it again

Die »deutsche Erinnerungskultur« macht auch vor der Provinz nicht halt. Das zeigen die Gedenkübungen zum 70. Jahrestag der Bombardierung Würzburgs.

von Markus Ströhlein

Sie wünschen sich »Gewaltüberwindung«. Sie fordern »Frieden« und »Nie wieder Krieg!«. Sie sind »auf der Suche nach einer zeitgemäßen Erinnerungskultur«. Vor allem geht es ihnen aber um »Versöhnung« – nicht ohne Grund gibt es in dieser Stadt sogar eine »Versöhnungsglocke«. Dass die Menschen im bayerischen Würzburg zurzeit derart in Friedensseligkeit verfallen, liegt an einem ganz bestimmten Datum. Am 16. März jährt sich zum 70. Mal der »Schicksalstag«, an dem Würzburg »im Bombenhagel der Alliierten unterging«, wie das Lokalblatt Mainpost es ausdrückt.

Die britische Royal Air Force (RAF) beschreibt das Ereignis im Rückblick etwas nüchterner: »225 Lancaster und 11 Mosquitos der No 5 Group attackierten Würzburg. Sechs Lancaster verloren. (…) Einer Nachkriegsuntersuchung zufolge wurden 89 Prozent der bebauten Fläche in der alten Domstadt mit ihren berühmten historischen Gebäuden zerstört.« Einen Monat zuvor hatte die No 5 Group bereits Dresden mit ähnlicher Wirkung angegriffen. Als Truppenteil des britischen Bomber Command unterstand sie dem Befehlshaber Arthur Harris.

Beim Angriff auf Würzburg starben ungefähr 5 000 Menschen. 3 000 Todesopfer, die aus den Trümmern geborgen werden konnten, wurden in einem Massengrab auf dem Hauptfriedhof bestattet. Das zu ihren Ehren errichtete Denkmal wird unter anderem von einem Gedenkstein für die gefallenen Landser flankiert. So sorgten die überlebenden Würzburger dafür, dass die Toten der Heimatfront und der Kriegsfront zumindest ideell nebeneinander ruhen – Volksgemeinschaft in alle Ewigkeit.

Für die britischen Soldaten, die während des Angriffs auf Würzburg starben, gibt es kein Denkmal, was wenig überraschend ist. Sechs Lancaster-Bomber mit jeweils sieben Besatzungsmitgliedern verlor die RAF. Nicht alle Soldaten starben beim Abschuss ihrer Maschinen. Ein britischer Flieger, der den Absturz überlebte, wurde zwei Tage später in einem Dorf nahe Würzburg gelyncht. Er war einer von Hunderten alliierter Soldaten, die nach dem Abschuss ihrer Maschinen sogenannten Fliegermorden zum Opfer fielen.

Nach dem Krieg verwalteten die Amerikaner Würzburg. Angesichts der Zerstörung der Stadt äußerte Gouverneur Murray van Wagoner, der Chef der amerikanischen Militärregierung in Bayern, eine überaus pragmatische Idee. Man solle die Stadt so belassen und als Museum für Kriegsverwüstungen nutzen. Doch statt ein florierendes Freilichtmuseum zu eröffnen, bauten die Würzburger die Stadt wieder auf.

Seither stellen sie sich Fragen, wie sie auch ein Referent im offiziellen Gedenkprogramm der Stadt Würzburg mit dem Titel »70 Jahre Frieden« aufwirft: »Welche Gründe standen hinter dem Angriff? (…) Wie ist er heute zu bewerten?« Das ist freilich nichts, was sich nicht mit den Worten von Arthur Harris selbst beantworten ließe: »Die Nazis begannen den Krieg in dem ziemlich kindischen Wahn, sie würden alle anderen bombardieren und niemand würde sie bombardieren. In Rotterdam, London, Warschau und an beinahe 50 anderen Orten setzten sie ihre ziemlich naive Theorie in die Tat um. Sie säten Wind und jetzt ernten sie Sturm.« Da die »Erinnerungskultur« aber nicht der Förderung manchmal einfacher, aber unangenehmer Einsichten dient, sondern lokaler wie nationaler Gemeinschaftsduselei, finden Harris’ Aussagen in Würzburg wenig Anklang.

Zumal dort auch noch ganz andere Fragen gestellt werden. »Darf man den verheerenden Bombenangriff der englischen Royal Air Force auf Würzburg am 16. März 1945 mit den schrecklichen Gräueltaten der Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 vergleichen oder gar gleichsetzen?« fragte das Volksblatt 2011. Damals sollten neue Texttafeln für einen »Dokumentationsraum« zur Bombardierung entworfen werden. Ein CSU-Lokalpolitiker mühte sich nach Kräften, die Worte »Terrorakt« und »Kriegsverbrechen« in der Dokumentation zu platzieren. Der Stadtrat überstimmte jedoch den Mann von der CSU. Dem damaligen Oberbürgermeister lag sehr daran, dass »die Verantwortung Deutschlands für die ungeheuerlichen Verbrechen des Nationalsozialismus und die Zerstörungen des Krieges unmissverständlich zum Ausdruck kommen soll«.

»Denn inzwischen scheint auch in Würzburg die Bereitschaft vorhanden zu sein, anzuerkennen, dass der 16. März nicht losgelöst von seiner Vorgeschichte in Deutschland betrachtet werden kann«, schreibt die Mainpost in diesem Jahr. Revanchismus und Revisionismus sind Sache eines Häufchens Nazis, das für den 15. März eine Demonstration angemeldet hat. Alle anderen begeben sich auf die »Suche nach einer zeitgemäßen Erinnerungskultur«, wie eine Veranstaltung der Mainpost heißt.

Wie diese »Kultur« aussieht, zeigt das offizielle Programm. Es wird häufig gebetet und allerlei Zeit in Gottesdiensten abgesessen, wie es sich in einer katholische Bischofsstadt eben gehört. Wem »Versöhnung« am Herzen liegt, der kann die »Verlegung der 17. Versöhnungstafel« verfolgen, sich auf den »Weg der Versöhnung« machen, der »Versöhnung über den Gräbern« beiwohnen, auf dem Hauptfriedhof dem Klang der »Versöhnungsglocke« lauschen und »für Versöhnung beten«.

Die offizielle Version der Geschichte darf der Stadtheimatpfleger in seinem Vortrag »16. März 1945 – Tiefpunkt und Wende in der Würzburger Geschichte« wiedergeben. Vorausgeschickt wird in der Ankündigung das Bekenntnis: »Die Zerstörung Würzburgs am 16. März 1945 vor 70 Jahren geschah infolge der verbrecherischen NS-Politik und der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs.«

Was man in Würzburg offenbar auch gelernt hat: Wer erst einmal dieses Eingeständnis abgeleistet hat, der kann sich einiges erlauben. So gehört ein Empfang für den Bund der Vertriebenen ebenso zum Programm wie der Vortrag eines »ehemaligen Elitesoldaten«, der über die psychischen Folgen seines Afghanistan-Einsatzes berichtet – die echten Landser gehen wohl allmählich aus. Ein Höhepunkt ist sicher auch die »besondere Führung« mit der »Trümmerfrau Babette«, die »die Erinnerung an unsere Mütter und Großmütter wachhalten« soll. Ob diese Frauen vor dem Krieg und währenddessen vielleicht stramme Nationalsozialistinnen waren, steht nicht zur Debatte – Oma war keine Verbrecherin, sondern eine »Nachkriegsheldin«.

Und schön, dass auch an die Kleinen gedacht wird. Für sie gibt es eine Kinderführung und im Anschluss »Ersatzkakao, Lebertran und eine süße Nachkriegsleckerei (nach Originalrezepten)«. Vielleicht werden so zumindest die teilnehmenden Kinder vom Bombengedenken kuriert.

Zusammengehalten wird dieser groteske Erinnerungs- und Einfühlungskitsch durch die Parole »70 Jahre Frieden« – selbstverständlich unter Ausblendung der Tatsache, dass die Alliierten Nazideutschland unter Aufbietung aller kriegerischen Mittel zerschlagen mussten, ehe dieser Zustand eintreten konnte. Wer sich über Frieden freut, müsste also am 16. März in Würzburg den Alliierten danken – und auch den Männern der No 5 Group, von denen die Hälfte den Krieg nicht überlebte – oder einfach zu Hause bleiben.

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