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Paulette Gensler: Heideggers Adepten

Sehnsucht nach etwas Festem

Die Kritik an Heidegger entbindet nicht von der Auseinandersetzung mit seinen aktuellen Adepten und ihrem Jargon.

von Paulette Gensler

Eigentlich ist dies eher ein Nachtrag zu als eine Replik auf Uli Krugs Beitrag »Schein und Zeit« (Jungle World 16/2015), der die lächerliche Empörung über antisemitische Passagen in den frisch veröffentlichten »Schwarzen Heften« mit dem »kategorialen Antisemitismus, wie er der Heideggerschen Ontologie innewohnt«, konfrontierte. Dem ist ebenso wenig zu widersprechen wie der Tatsachenbehauptung, »dass Heidegger (ähnlich wie Nietzsche) zum Stammvater vor allem des Poststrukturalismus wurde«. Der dezent schadenfrohe Unterton des Textes ist hierbei verständlich und gerechtfertigt, denn allzu selten ergibt sich die Gelegenheit, einem breiteren Publikum zu zeigen, dass man all die Jahre mit der Kritik im Recht war. Die Prognose aber, dass diese neuen Fundstücke nun »auch die Heidegger-Rezeption der vergangenen Jahrzehnte in erhebliche Schwierigkeiten bringen« würden, könnte einer schnellen Ernüchterung weichen, zumindest wenn man das Nachwirken des deutschen Meisterphilosophen in der Linken betrachtet.

Zunächst ist kaum zu vermuten, dass Heidegger von heutigen Schnell- und Schmalspur-Studenten noch in ausreichendem Maß gelesen wird, um eine Wirkung zu entfalten, die mit jener zu vergleichen wäre, auf welche Adorno seinerzeit reagierte. Noch mehr fällt ins Gewicht, dass die über die Stränge des Poststrukturalismus vermittelte Rezeption Heideggers mittlerweile eine nahezu komplett bewusstlose ist. Foucault, Lacan, Lyotard, Derrida und Deleuze sind ebenso reell dem Sein zum Tode gefolgt wie ihr großes Vorbild. Diese erste Generation des Poststrukturalismus war es aber vornehmlich, die sich noch direkt auf Heidegger bezog und deren Vertreter versuchten, sich der Radikalität ihrer jeweiligen Auslegung gegenseitig in energischen Scheindebatten zu versichern.

Der Bezug auf jene offenen Konservatoren Heideggers ist keineswegs komplett abgeschnitten. Innerhalb der straffen universitären Zeitökonomie haben sie jedoch durch die zweite, ausschließlich auf in Praxis zu überführende Spezialisierungen ausgerichtete Generation der Butlers und Spivaks eine erhebliche Konkurrenz erhalten. Und der Trend zur thematischen Engführung hält weiter an. In letzter Konsequenz entspringen den akademischen Generationswechseln, von denen jede mit Stolz und Strafbedürfnis ihre Radikalität gegenüber der vorangegangenen verkündet, das Konglomerat aus »queer theory« und »critical whiteness« sowie die Tendenz, »race«, »class« und »gender« immer kleinteiliger zu untersuchen.

Aus dieser Forscher- und Publizistenschar konnte sich kaum noch ein Name zu einer vergleichbaren Bekanntheit wie die Vorgänger aufschwingen, sie bilden eher ein amorphes Milieu. Für dieses gilt nun jedoch, dass es als Adressat der Kritik gar nicht bemerkt, dass es gemeint ist, eben weil viele dort nicht einmal wissen, dass sie Heideggerianer sind und vermutlich auch nicht wirklich wissen, wer Heidegger überhaupt war beziehungsweise worin sein Denken bestand. Für die Kritik an diesen Erscheinungen stellt das insofern ein massives Problem dar, da ihre Genese an Heidegger zwar dargestellt, ihre Geltung so aber kaum mehr begründet werden kann. Anders ist es nicht zu erklären, dass das adressierte Milieu Adorno, Marx und Freud als weiße, heterosexuelle, despotische, rassistische, elitäre  cis-Typen ablehnt, während man sich auf die theoretischen Grundlagen eines bekennenden Nationalsozialisten bezieht, dessen Werk weder sprachlich noch inhaltlich zugänglicher ist als das der drei Vorgenannten. So droht der Nachweis des Heideggerismus im Poststrukturalismus zunehmend die tatsächliche Kritik an diesem zu ersetzen. Und auch diese Tendenz ist mehr als nachvollziehbar: Einerseits zerfasert der Gegenstand in einer Geschwindigkeit, die scheinbar versucht, den Weltlauf der Vorgeschichte in seiner Irrationalität und Willkür noch zu überholen; andererseits sind diese heutigen Nachfahren Heideggers auch schlicht uninteressant. Sich aber von ihnen und ihren Ergüssen abzuwenden, erkauft man mit einer Kritik, die eben nicht mehr wirklich zu treffen vermag, da sie nicht mehr »im Angesicht des Autors richtet« (Benjamin), die darum eben nicht mehr »Kritik im Handgemenge« (Marx) ist.

Gerade die oberflächliche Beschäftigung der postmodernen Adepten mit ihrer eigenen theoretischen Grundlage ist es ja, die jeder Kritik Hohn spricht, welche sich auf diese Grundlage ernsthaft einlässt oder gar versucht, sie zu fassen. Die reine Identifikation von Heideggerscher Ontologie und Poststrukturalismus entspricht hingegen selbst wieder einem bestimmten Bedürfnis. Man glaubt zu wissen, woran man ist, denn schließlich hat ja auch Adorno schon dazu geschrieben. Dabei ist diese Lust am Wiedererkennen, die in der Konsequenz immer auch eine Lust an Heidegger selbst ist, nicht dem kleinen Kreis der Ideologiekritiker vorzuwerfen, der tatsächlich noch in der Lage ist, diese Entwicklung nachzuvollziehen, da die betreffenden Texte auch wirklich gelesen wurden. Der Vorwurf müsste sich vielmehr an ihr bewegungsantideutsches oder gar antinationales Publikum richten, bei dem die Erkenntnis als Phrase über Heidegger zum Ticket verkommt und sich schließlich als Jargon sedimentiert. Kritik jedoch versucht wie Liebe, das Ähnliche am Unähnlichen zu erkennen, womit beide der inhärenten Gefahr der Projektion ausgesetzt sind. Nun war der Naturbursche Heidegger ein den Ursprung suchender, erzkonservativer Fortschrittsfeind, während sich seine heutigen Apologeten aus linken, naturverleugnenden Fetischisten der Produktivkraftentwicklung zusammensetzen. Die Gemeinsamkeit zwischen Heidegger, dem Poststrukturalismus sowie dem Jargon der Kritik an beiden wäre in erster Linie in dem grundlegenden Bedürfnis zu sehen, das Adorno in der »Negativen Dialektik« als die Sehnsucht nach »etwas Festem« beziehungsweise nach Halt erkannte. Dieses Bedürfnis ist es, das sich schließlich zum Jargon auswächst.

Dabei ist die Kritik des »Jargons der Eigentlichkeit« in erster Linie tatsächlich Sprachkritik. Ihre selbst gestellte Aufgabe besteht darin, wie es in der angehängten Notiz Adornos heißt, die »implizite Philosophie«, das heißt den unwahren Gehalt, welchen die Form der Sprache selbst setzt, zu kritisieren. »Die zeitgemäße deutsche Ideologie hütet sich vor faßbaren Lehren (…). Sie ist in die Sprache gerutscht.« (Hrvb. PG) Adornos Kritik verweilt keineswegs bei dem Ausdruck Rilkes, Jaspers’ und Heideggers, sondern zeigt ihre Dringlichkeit vor allem durch den Verweis auf die immense gesellschaftliche Verbreitung des Jargons. So zeigt sich auch die heutige »Heideggerisierung der Linken« in einem starken Ausmaß im sprachlichen Ausdruck: Neologismen, Unterstrich-Wörter, eine spezielle Sprache als Normsprache der Gesinnung, Adverbisierung beziehungsweise Partizip-Bildung (»frauisiert«, »illegalisiert«), Isolation der Worte von ihrem geschichtlichen oder grammatikalischen Kontext. All diese formalen Aspekte finden sich bei Heidegger, wenn auch teilweise im direkten Gegenteil. Und vielleicht ist es gerade diese formelle und inhaltliche Verkehrung ins Gegenteil – von der schon Freud erkannte, dass sie keineswegs eine Abkehr vom Ursprünglichen darstellt –, in der die bewusstlose Vermittlung, die sich als Radikalität geriert, zu erkennen ist. Das ist der späte poststrukturalistische Heideggerismus, welcher zunehmend auch in die Sprache mancher Autoren der Jungle World rutscht. Der dermaßen durch die Form gesetzte Gehalt müsste bestimmt statt behauptet, entwickelt statt identifiziert werden. Man kann sich hierbei nicht auf Adorno ausruhen, da Kritische Theorie immer eher als gestellte Aufgabe denn als Leitfaden zu betrachten ist.

Der »Jargon der Eigentlichkeit« bietet eine Skizze der Herangehensweise, befreit jedoch nicht von der Praxis einer tatsächlichen Kritik. Indem man das poststrukturalistische bewusstlose Abschneiden der eigenen philosophischen Herkunft bis zu einem gewissen Grad ernst nimmt, ist es möglich, in den Artikulationen des Amorphen den kategorialen Antisemitismus und Aufklärungsverrat des heutigen Poststrukturalismus zu bestimmen. Denn keineswegs bedeutet der Verzicht auf Identifizierung, die späteren Erscheinungen in irgendeiner Weise als minder gruselig zu erkennen. Materialistische Kritik droht aber ins Idealistische herabzusinken, wenn sie von der gesellschaftlichen Entwicklung abstrahiert, die diese Verschiebungen bedingt.

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