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Julia Schramm: Post-Privacy als antibürgerliches Konzept

Denn sie wissen, was sie tun

Die Sensibilität für den Schutz eigener Daten ist in der Selfie-Gesellschaft denkbar gering. Ob man Konzernen, Geheimdiensten oder Vorgesetzten Einblick ins eigene Privatleben gewährt, hängt von der Vorliebe für große Bühnen ab.

von Julia Schramm

Die Deutschen interessieren sich mehrheitlich nicht sonderlich für Überwachung, die NSA und die Geheimdienste. Was bei Merkel ein erleichtertes Lächeln auslöst, treibt Datenschützer auf die Palme. Mehr noch: Die meisten Deutschen nutzen digitale Kommunikationsdienstleister mit Freude! Wie ganz normale Leute. Im Zweifel vergessen sie die Angst vor den Konsequenzen, die ihnen erstaunlicherweise oft genug bekannt sind. Sie sind Komplizinnen und Komplizen der Geheimdienste. Selbst schuld, tönt es fassungslos. Wie kann es sein, dass die Menschen das Einstampfen ihrer Privatsphäre hinnehmen und noch mit Spaß aktiv dazu beitragen?

Die bürgerliche Privatsphäre entstand nach den blutigen Konfessionskriegen im Zuge der europäischen Reformation. Der absolutistische Staat, Garant für den Frieden, sollte seine Bürgerinnen und Bürger nicht nach ihrem Glauben beurteilen, sondern nach ihrem Handeln. Die Unterscheidung von fides und confessio wurde zum Hort des sich zu den aristokratischen Herrschern abzugrenzen suchenden Bürgertums, das durch Industrialisierung und Veränderungen im Warenverkehr mächtig geworden war und kein Interesse mehr an höfischer Gängelung hatte. Der Anfang westlich-moderner Privatsphäre war also ein Abwehrrecht gegenüber dem Staat, die Trennung von Mensch und Bürger begünstigte den Aufstieg des Individuums.

Der Preis für weniger aristokratisch-feudale Gängelung waren wild wachsende Machtverhältnisse jenseits fester Standeshierarchien. Die transformierte Öffentlichkeit gab dem sogenannten dritten Stand, der sich zur Nation erhob, Macht. Diese Macht lag jedoch zunächst nur bei weißen, männlichen Eigentümern, die für privat erklären konnten, was sie der öffentlichen Kontrolle entziehen wollten. Für alle weniger Privilegieten bedeutete Privatsphäre jedoch Isolation und Unterdrückung, Ohnmacht und Schweigen. Das Private wurde also schon mit der Aufklärung politisch.

Der heutige Entblößungsdrang vieler Menschen in den sozialen Medien kann als Rebellion gegen immer noch zu eng geschnürte bürgerliche Konventionen verstanden werden. Post-Privacy als Zustandsbeschreibung deutet auch darauf hin, dass die sozialen Medien einen Riss in die bürgerlich scheinende Oberfläche spätkapitalistischer Gesellschaften gehauen haben – Selbstermächtigung und Sichtbarkeit ermöglicht haben. Ebenso Selbstbestätigung. Kommunikation dient auch dazu, sich in der vermittelten Gesellschaft der eigenen Existenz zu versichern. Deswegen liegt in der globalen Vernetzung eine revolutionäre Chance. Ebenso – wie sollte es anders sein – aber auch reaktionäres Potential. Das lässt sich nicht zuletzt an den reaktionären Kräften sehen, die durch soziale Medien nicht nur neuen Zulauf und Plattformen bekommen, sondern auch durch das Nutzen sozialer Medien zum Gleichschalten von Öffentlichkeit beitragen. Daran haben viele Menschen Spaß. Und solange die NSA ihnen nicht die Tür eintritt und der NSU mit Waffen die Volksgemeinschaft verteidigt, wird sich die deutsche Gesellschaft auch kaum für Geheimdienstscharmützel interessieren. Im Zweifel trifft es ja ohnehin nur die Abweichler.