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Franziska Krah: Der Philosoph Constantin Brunner

Die Unfähigkeit zu denken

Der Philosoph Constantin Brunner propagierte die Emanzipation des Judentums und warnte schon früh vor dem Erstarken des Antisemitismus und des Nationalsozialismus.

von Franziska Krah

Als Constantin Brunner 1936 im niederländischen Exil sein Testament verfasste, äußerte sich der deutsch-jüdische Philosoph ein letztes Mal zum Antisemitismus seiner Zeit, zum »Blödsinn der Menschengeschichte«, der zu namenlosem Unglück geführt habe, und dazu, »dass eine ganze große Gruppe von Menschen keinen Platz haben soll in der Menschenwelt: die Juden Genannten«.

Im folgenden Jahr starb er im Alter von 75 Jahren. Brunner war nicht nur Philosoph, sondern auch Antisemitismusforscher – und zwar einer der bedeutendsten seiner Generation, die zwischen 1900 und 1933 publizierte. Nicht nur wegen dieser Schwerpunktsetzung in seinem philosophischen und schriftstellerischen Schaffen ist Brunners Arbeit als außergewöhnlich zu bezeichnen.

Als junger Mann, der in einer Hamburger jüdisch-orthodoxen Familie groß geworden war, begann er das Studium der vergleichenden Religionswissenschaften mit dem Ziel, die beste aller Religionen auszumachen. Er sollte dabei allerdings nicht zur selben Einsicht wie Lessings Nathan kommen. Brunner brach das Studium mit der Überzeugung ab, jegliche Glaubensrichtung sei grundsätzlich abzulehnen. Die Religion ordnete er schließlich – ebenso wie den Glauben an Gespenster, die Rassentheorie und den Antisemitismus – dem Bereich des Aberglaubens zu.

Der Begriff des Aberglaubens sollte später zu einer wichtigen Kategorie in seiner Philosophie werden. Diese arbeitete er seit der Jahrhundertwende heraus, nachdem er nach dem Abbruch seines Studiums für einige Jahre im Literaturbetrieb tätig war. Als maßgeblich für das menschliche Dasein galt ihm schließlich das Denken. So versichert er 1918 in seinem 500seitigen Opus »Der Judenhass und die Juden«, man könne sich einzig und allein durch Denken retten, denn: »Gedanken, die können fliegen und nehmen dich mit ins Hohe, wo du über der Wirklichkeit bist und sie überschaust.« Der Aberglaube stehe dazu im Kontrast und sei mit einer Unfähigkeit zu denken gleichzusetzen. Alles Unglück werde den Geistern zugeschrieben, Glück hingegen auf das eigenständige Handeln zurückgeführt. Brunner zufolge lebe diese Eigenart noch im sogenannten Kulturmenschen fort. Statt Geister sehe dieser jedoch eher die Verantwortung im »dafür höchst geeigneten gespenstigen Juden«.

Brunner zufolge gelten Juden in der deutschen Gesellschaft als die »Anderen«. Die gesellschaftliche Sonderstellung führt er auf die historische Entwicklung zurück. Wenngleich er von der jüdischen Bevölkerung fordert, sich zu assmilieren, stellt er den Antisemitismus dennoch nicht als Problem der Juden, sondern als eines der Antisemiten dar. Dies wird allein daran deutlich, dass er den damals gängigen Begriff der »Judenfrage« konsequent ablehnte und stattdessen von einer »Antisemitenfrage« sprach. Folgerichtig nimmt seine Analyse die Antisemiten ins Blickfeld.

Brunner liefert schließlich einen vornehmlich psychologischen Erklärungsansatz. Mit seinen Überlegungen zu einem erhöhten Geltungsstreben und daraus entwickelndem Minderwertigkeitsgefühl, das er bei Antisemiten erblickt, erinnert er dabei weniger an die Psychoanalyse von Sigmund Freud – der Brunner Optimismus vorwirft – als an Alfred Adlers Individualpsychologie. Brunner entwirft eine Pathologie des Antisemiten, bezeichnet sie als verrückt und als besessen von Wahnideen. Sogar einen Krankheitsbegriff entwickelt er für sie: »Psychopathia antisemitica«. Mit ihrer hohen Ansteckungsgefahr und den Ausbrüchen von Zeit zu Zeit sei diese mit Tollwut zu vergleichen. Problematisch sei nicht nur, dass die Krankheit von den Betroffenen selbst nicht erkannt werde, sondern kaum Heilungschancen bestünden, da sich Antisemiten ihre Wahnideen nicht ausreden ließen und die Gesellschaft diese überdies als normalpsychologische Erscheinung, als politische Haltung akzeptiere.

Brunner arbeitet hier mit dem Begriff des »latenten Antisemitismus«. Dieser durchdringe die gesamte deutsche Gesellschaft und mache Antisemitismus überhaupt erst gefährlich. Generell galten schließlich Juden noch immer als verächtliche Gruppe, was allein am negativen Beiklang deutlich werde, der dem Begriff »Jude« anhafte.

Brunner verurteilte darüber hinaus die Passivität der Nichtjuden. Diese hätten schließlich nur ihr eigenes Interesse und keines für die Juden, »sogar eines heimlich gegen sie, keinen guten Willen, aber verborgen lauernden bösen des Hochmuts und des Streites«. Deshalb setzten sich nur wenige Nichtjuden für Juden und deren Rechte ein, während diese – trotz faktisch rechtlicher Gleichstellung – fortwährend diskriminiert und benachteiligt würden. Die Diskriminierung von Juden sei also weniger ein Problem der geringen Anzahl tatsächlicher Judenhasser, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Brunner greift daher nicht nur die antisemitischen Demagogen, sondern die gesamte Gesellschaft an. Ohne diese bliebe Antisemitismus eine bedeutungslose Randerscheinung. Hellsichtig hatte Brunner vor dem Erstarken des Nationalsozialimus in Deutschland gewarnt; als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, floh er noch im März desselben Jahres nach Den Haag. Seine Bücher wurden in Deutschland verboten.

Heute ist Brunners Philosophie in Vergessenheit geraten. Allein sein Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig. Zwar zeugen seine Texte vielfach von Humor, wenn er etwa in einem Aufsatz seinen Lesern rät, sie sollten sich doch für weitere Informationen an die Völkischen richten, da diese alles über ihn und überhaupt auf jede Frage eine Antwort wüssten. Seine vom kleinen Brunner-Kreis als lebendig, enthusiastisch und eindringlich gelobte Sprache wird allerdings zu Recht mit dem Stil Luthers verglichen und ist dabei ebenso ausfallend wie anstrengend.

Tatsächlich galt Bruner stets als äußerst polemisch und forderte mit seinen Zuspitzungen die Ablehnung geradezu heraus. Auf der langen Liste seiner Gegner vom »Fach« steht an vorderster Stelle Gershom Scholem. Er verachtete den Systemphilosophen Brunner offen und bezeichnete ihn in einem Brief als einen der widerwärtigsten deutsch-jüdischen Autoren, dessen Schriften ihm unerträglich seien. Sie hätten sämtliche seiner »Anti-Stoffe« mobilisiert. Auch der zionistisch gesinnte Martin Buber war kein Freund von Brunner, würdigte ihn aber immerhin, indem er ihn als leidenschaftlichen Denker charakterisierte. Dagegen hat sich Max Horkheimer, der die Schriften Brunners erst etliche Jahre nach dessen Tod kennenlernte, mehrfach in Vorträgen auf ihn bezogen und ihn so nachträglich nobilitiert. Mit Wohlwollen schauten auch Rose Ausländer, Leo Baeck, Albert Schweitzer und Albert Camus auf Brunners Werk.

Brunner selbst konzentrierte sich in seinen Texten stark auf die Debatten seiner Zeit. So wird in seiner Antisemitismusanalyse unter anderem der Sozialdarwinismus angegriffen. Viel Raum nimmt dabei die Kritik an den rassentheoretischen Konzeptionen eines Houston Stewart Chamberlain und der Rassenkunde allgemein ein. Und doch lassen sich auch etliche merkwürdig anmutende Überlegungen finden, die unter frühen Rassismuskritikern durchaus gängig waren. Auch seine scharfen Äußerungen gegen den Zionismus sollten nicht kontextlos gelesen werden, beziehen sie sich doch auf die zionistische Bewegung in Deutschland, in einer Zeit, als ein jüdischer Staat in weiter Zukunft lag.

All diese Punkte können zum Verständnis dafür beitragen, warum Brunner kaum noch gelesen wird. Völlig vergessen ist er nicht. 2012 fand im Jüdischen Museum Berlin eine Konferenz statt, die sich dem Philosophen widmete. Aus dieser Tagung ging der Ende vergangenen Jahres erschienene Sammelband »Constantin Brunner im Kontext« hervor. Darin beschäftigen sich mehrere Aufsätze mit Brunners Kritik am Antisemitismus, die bei Forschern sonst nur randständig behandelt wird. Besonders lesenswert ist darüber hinaus ein Aufsatz des kürzlich verstorbenen Hans Goetz, der über Brunners Auffassung von Kunst und Religion reflektiert. Als Verfechter der Kunst und Verächter der Religion bezeichnete dieser schließlich letztere als abergläubische Variante von ersterer. Goetz stellt dabei heraus, dass Brunners Religionskritik ebenso scharf wie die von Nietzsche formuliert war. Ein Aufsatz von Jürgen Stenzel über die Rezeption des Brunnerschen Werks bietet überdies weitere Hinweise darauf, warum Brunner von einigen verschmäht wurde und wird. Insgesamt stellt der Band einen lesenswerten Beitrag zum Verständnis eines beinahe vergessenen Denkers dar.

Irene Aue-Ben-David, Gerhard Lauer, Jürgen Stenzel (Hrsg.): Constantin Brunner im Kontext, Ein Intellektueller zwischen Kaiserreich und Exil. De Gruyter, Berlin/Boston 2014, 408 Seiten, 99 Euro

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