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Paulette Gensler: Der Generationenkonflikt der Antideutschen

Krampfhaft links

Sogenannte Jungantideutsche und Bewegungslinke unterscheiden sich nicht sehr voneinander, findet unser Autorin.

von Paulette Gensler

Zuvorderst: Die Autorin war, anders als die »bekannten Namen der Szene«, in jener glorreichen Zeit nicht dabei, als sich antideutsche Politik zu formieren begann, und kann demnach aus Alters- oder vielmehr Jugendgründen auch keine persönlichen Erlebnisse der scheinbar authentischen Epoche schildern, aber eventuell dennoch einen Einblick in das aktuelle Dilemma antideutscher Kritik liefern.

Die Bezeichnung »Jungantideutsche« tauchte in den vergangenen Jahren immer wieder in Kommentarspalten auf und meint ein nicht ganz leicht zu bestimmendes Untergrüppchen der Linken, deren aktiver Kern sich meist in Antifa- oder Feminismusgruppen zusammenfindet, deren Namen irgendetwas mit dem Adjektiv »emanzipatorisch« verkünden. Aus Gruppenzwang und dank Egotronic, Daniel Kulla oder der Antilopen Gang wissen sie dann auch, dass Hipster nicht böse sind und man »Bonze« nicht sagen sollte. Zumindest in Berlin reflektieren und bekämpfen sie fleißig die Geschlechterverhältnisse beziehungsweise die bundesdeutsche Erinnerungspolitik und vermögen es, über den Umweg von Care und Antirassismus doch noch bei »Blockupy« mitzumischen. Sie sind das aktivistische Pendant zu den universitären Kulturwissenschaften.

Im Vergleich zum Rest der Bewegungslinken zeichnen sie sich vor allem durch bessere Layouter, modischere Kleidung, in der Regel sympathischere Solipartys und etwas klügere Parolen aus – sie sind up-to-date, vor allem aber weiterhin krampfhaft links. Das Mitmischen in der Bündnispolitik stumpft schließlich dermaßen ab, dass man »Jungantideutsche« wohl mit Fug und Recht als eine wandelnde Abnutzungserscheinung bezeichnen kann. Vermutlich könnte man genauso von politisch korrekten Pop- oder Bewegungsantideutschen sprechen. Der Übergang zu den sogenannten Antinationalen ist dabei fließend und eher zufällig.

Jedoch wies Joachim Bruhn vor nunmehr 20 Jahren darauf hin, dass das »deutsch« in dem Begriff »antideutsch« keinesfalls die Bezeichnung eines rassischen, völkischen oder nationalen Essentials darstellt, sondern auf die seit Marx kritisierte deutsche Ideologie fokussiert. In demselben Maße dient das »Jung-« in dem heutigen Phänomen der »Jungantideutschen« nicht als Ausweis jener mangelnden Erfahrung, die sich per se an Lebensjahren bemessen lässt. Deutsche Ideologie trägt ihren Namen, da sie erstmals in Deutschland auf den Plan trat und sich mit Auschwitz auf eine bis heute nicht mehr gekannte Weise in die Tat umsetzte. Deutsche Ideologie jedoch nur mit Deutschland zu identifizieren, ist grober Unfug und verweist tatsächlich darauf, dass die Identifikation mit dem Aggressor beständig droht. Nicht erst Jungantideutsche, sondern auch etwa Bernhard Schmid haben Deutschland in ihrer Gegnerschaft dermaßen liebgewonnen, dass sie vor allem die Denunziation des panarabischen und islamistischen Antisemitismus (»diese Variante des Rassismus«) als aktive »Verschiebung des geographischen Schwerpunkts« und als Kompensation einer suggerierten Enttäuschung über »das Nichteintreffen bestimmter negativer Erwartungen in Hinblick auf Deutschland« verkennen (Jungle World 24/2015). Dabei verraten sie mehr über sich selbst als über die von ihnen Anvisierten, denn wer um jeden Preis recht behalten will, setzt sich schon dadurch unmittelbar ins Unrecht.

So richtig die Verurteilung der heutigen Verwendung von Katzen- und Einhornbildern durch die Antideutsche Aktion Berlin (Jungle World 23/2015) auch ist, findet diese jedoch gerade nicht »ausschließlich begeisterte Abnehmer im eigenen Dunstkreis«, sondern vielmehr ist jene Ausdruck des Wunsches, den eigenen Sumpf um jeden Preis zu überschreiten. Die Sehnsucht nach dem »Exotenbonus«, der sich im Übrigen zwar einstellen kann, unterscheidet sich als erklärtes Motiv des ­eigenen Aktionismus aber kein bisschen von den antiaufklärerischen Tendenzen. Somit ist auch die kulturindustrielle Aufbereitung »antideutscher Inhalte« für Facebook, diverse Blogs oder Demotransparente sowie Musikeinlagen keine reine Formsache, sondern verweist auf die Verjüngung und in diesem Zuge auf die Verwässerung der Inhalte selbst. Jungantideutsche betreiben Kritik als Prêt-à-porter-Mode. Ebenso wenig wie sich Kritische Theorie zu einem geschlossenen System verdichtet, das man sich als solches aneignen und als Kritik von der Stange anwenden könnte, ist sie auf der anderen Seite verträglich mit Queerfeminismus, Critical-Whiteness- beziehungsweise Black-Power-Antirassismus und diesen ganzen aktuellen geistfeindlichen Anwandlungen, die jedoch im weiteren Umfeld des eigenen Dunstkreises zumindest latent meist präsenter sind, als man es auf den ersten Blick vermutet. Solche griffigen Gebrauchstheorien popularisieren in ihrer Amalgamierung mit »antideutschen Inhalten« letztere und bringen an Sekundärliteratur geschulte Theoretiker hervor, die ausgestattet mit Halbwissen der Reihe »Theorie.org« oder ähnlichen Verballhornungen von Kritik sich nur in der Phrasendrescherei hervortun können.

Somit betrifft das heutige Dilemma nicht bestimmte Erscheinungsformen, sondern die gesamte geistige Konstitution der Jungantideutschen. Auch jene Reeducation, wie sie Adorno in seinen zahlreichen Aufsätzen und Vorträgen über Bildung und Erziehung konkretisierte, hatte keineswegs die Vermittlung vorgefertigter Botschaften zum Inhalt, sondern betraf die Fähigkeit zum Denken als Grundlage der Mündigwerdung selbst. Auch gegen das existentialistische Motiv der Tiefe, das vor allem in den postmodernen Befehlen zur Verinnerlichung bestimmter Gesinnungen wiederkehrt, ist das rein Äußerliche und Aufgesetzte jungantideutscher Theoriebildung leider nicht als wirklich Besseres zu betrachten. Es gilt vielmehr, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, selbst eine vernünftige Kritik an einem bestimmten Gegenstand formulieren zu können, statt der routinierten Wiedergabe von Parolen zu frönen. Schließlich ist dies eine sehr individuelle Aufgabe, die durch Austausch und Zusammenarbeit vorangetrieben werden, jedoch nie a priori danach verlangen kann. In diesem Zuge wäre auch daran zu erinnern, dass Kritische Theorie die Fortführung und nicht die Ersetzung traditioneller Theorie darstellt. Der Abbruch der Tradition statt deren Reflexion ist das Jugendliche und Pubertäre der »Jungantideutschen«, die von der eigenen Konformität nicht wissen wollen und gerade deshalb umso tiefer in diese hineingeraten. Das antibürgerliche Ressen­timent gegen ein diffuses »Händereichen mit konservativen Kräften« endet in der durch geistesfeindliches Rebellentum motivierten Forderung, sich einer Querfront der aktivistischen Dummheit zuzuwenden oder sich in solcher gar einzubringen.

Das Bild der Flaschenpost ist der Strohhalm, an den sich Kritische Theorie in Zeiten ihrer Marginalität klammern muss, um weiterhin den Schimmer von Hoffnung auf die Verwirklichung des Begriffs der Menschheit zu gewahren, der zu einem Weitermachen und vor allem -leben ermutigt. Die Flaschenpost ist somit ein notwendiger Behelf, nicht die immanente Programmatik Kritischer Theorie. Solange der Schrei nach praktischen Eingriffen auf der Straße dermaßen offensichtlich eine direkte Absage an vernünftige Kritik ist, gilt es, darauf zu bestehen, dass die Trennung von Theorie und Praxis heute nur eine Trennung innerhalb der Kritik beziehungsweise ihrer Erscheinungen zu sein vermag. Eine Demonstration ist keine Praxis im emphatischen Sinne, sondern höchstens eine bestimmte Form, in der sich Kritik mehr schlecht als recht auszudrücken vermag. Die Teilnahme an einer Kundgebung, mit deren Inhalten man halbwegs mitgehen kann, ist deshalb auch noch lange keine Absage an die heutige Unmöglichkeit von Praxis.

Das Problem ist nie die Israelfahne, die überall, solange sie linke, rechte und islamische Politschläger zur Weißglut bringt, probates Mittel der Bloßstellung ist, sondern die Dummheit, vor der sie hergetragen wird und die sie rechtfertigen soll. Konkretisierungsversuche im Rahmen einer Organisations- oder Aktionsdebatte verfehlen den Gegenstand, da sie suggerieren, sie hätten die gültigen Rezepte gegen die Barbarei, während doch vor allem ganz grundlegend die Zutaten fehlen.

Symptomatisch erscheint es dann, wenn Bini Adamczak und Jakob Apfelböck den Gedanken des Antiimperialismus rekonstituieren, indem sie ihn auf Deutschland fokussieren. Jungantideutsche outen sich somit schlichtweg als spezialisierte Antiimps, die nicht an Marx, Freud, Adorno et al. gereift, sondern mit Slime in ihrer pubertären Krise hängen geblieben sind. Am deutlichsten zutage tritt das Ressentimentbehaftete der Jungantideutschen in ihrer notwendigen Bahamas-Feindschaft. Der Name der Zeitschrift taucht ja fast nur noch in Umschreibungen auf, die an ein primitives Tabu erinnert. »Sie, deren Name nicht genannt werden darf«, die meist aber auch nie gelesen wurde, dient den jungen Antideutschen als Bauernopfer, um ihre eigene Isolation zu überwinden sowie als Sündenbock der eigenen Erfahrungslosigkeit und des omnipräsenten Schwachsinns. Da der Unterschied zwischen Jung- und ganz normalen Antideutschen heute so ­gering ausfällt, seien die wenigen sympathischen Altantideutschen in der kategorischen Apostasie begleitet: »Ideologiekritisch und sonst nichts!«

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