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Franka Martin, Juliane Schulz und Katharina Hamann: Michael Breitkopf im Gespräch über »Die Toten Hosen«, den Deutschrock und das 1 000jährige Jubiläum der Stadt Leipzig

»Die Fronten sind klar«

Die Toten Hosen gehören zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Bands. Sie haben 1982 als Punks in linken Jugendclubs begonnen und füllen inzwischen Stadien. Anlässlich der Feiern zum 1 000jährigen Jubiläum der Stadt Leipzig traten sie dort am 22. August auf der Festwiese vor 70 000 Fans auf. Zwei Tage später spielten sie im selbstverwalteten Kulturzentrum Conne Island. Dort sprach die Jungle World mit dem Gitarristen Michael Breitkopf, genannt Breiti, über Rassismus in Deutschland, die Gefahren der Vereinnahmung als erfolgreiche Band und den neuen deutschen Patriotismus.

Interview: Franka Martin, Juliane Schulz und Katharina Hamann

Ihr werdet wahrscheinlich ständig zu allen möglichen Jubiläen und Stadtfesten eingeladen. Warum habt ihr euch gerade für 1 000 Jahre Leipzig entschieden?

Tatsächlich werden wir viel mehr zu privaten Geburtstagen oder Hochzeiten eingeladen. Mit Leipzig war das speziell, es gab jetzt die Möglichkeit, auf diesem Gelände zu spielen, sozusagen im erweiterten Kulturprogramm der ganzen Feierlichkeiten. Das war eine einmalige Gelegenheit, die wir gerne wahrgenommen haben.

Stößt euch ein 1 000jähriges Jubiläum in Deutschland nicht auf?

Inwiefern hätte es mir aufstoßen sollen?

Na ja, unsere Assoziation ist eher 1 000jähriges Reich.

Nein, überhaupt nicht. Wenn man so ein Jubiläum mal als Anlass nimmt, eine Bestandsaufnahme zu machen in allen Bereichen, finde ich das eine gute Gelegenheit. Natürlich wird eine Stadt wie Leipzig alles in schönen Farben malen wollen und Läden wie das Conne Island werden eher darauf hinweisen, was alles nicht passt und verbesserungswürdig ist. Aber einen Geburtstag zu feiern, daran finde ich erstmal nichts Schlechtes. Und dass es zufällig 1 000 Jahre sind – da würde ich keine Bezüge herstellen wollen, wo es sie für mich einfach nicht gibt.

Mit eurem Auftritt unterstützt ihr das Image von Leipzig, weltoffen und tolerant zu sein. Es ist euch wahrscheinlich klar, dass ihr eine Art Werbeträger für die Stadt seid. Habt ihr euch mit der Gefahr der Vereinnahmung auseinandergesetzt?

Die Gefahr haben wir gar nicht gesehen. Es hat nicht mal jemand versucht, uns irgendwie zu vereinnahmen oder von uns Zitate zu bekommen für offizielle Statements. Ich finde eher, dass wir dem Ganzen noch eine Facette hinzufügen konnten, wenn zu unserem Konzert 70 000 Menschen kommen und Pro Asyl, Kein Bock auf Nazis und Oxfam ihre Arbeit vorstellen. Wenn wir ein Lied spielen wie »Europa«, bei dem es um die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer geht, oder auch »Willkommen in Deutschland«, bei dem es darum geht, gegen Fremdenhass Haltung zu zeigen, dann finde ich das eine sehr gute Möglichkeit, den Jubiläumsfeiern etwas hinzuzufügen, was vielleicht sonst nicht vorgekommen wäre.

Das heißt, das Grußvideo zum Jubiläum und die Idee, dass Campino beim Konzert Stationen Leipziger Geschichte referiert, kamen von euch? Das wurde euch nicht angetragen?

Nein, überhaupt nicht. Und mal abgesehen davon: Wir sind leider immer nur sehr kurz in Leipzig und kennen uns nicht gut aus. Wir haben uns hier mit ein paar Leuten getroffen, die sich zum Beispiel mit der Situation der Flüchtlinge in der Stadt beschäftigen. Die haben uns den Eindruck vermittelt, dass die Stadt Leipzig und viele Bewohner sehr wohl bemüht sind, die Situation irgendwie erträglich zu gestalten. Das große Problem liegt eher bei den Behörden des Landes Sachsen, die entweder aus bewusster Schikane oder aus Unfähigkeit für unerträgliche Zustände sorgen. So richtig gut kann ich das aber nicht beurteilen, das waren, wie gesagt, einige wenige Gespräche.

Leipzig hat es im Verhältnis zum sächsischen Umland natürlich recht leicht, gut dazustehen. Aber es gibt in Leipzig die zweitgrößten Demonstrationen einer dieser »-gida«-Gruppen und fast jedes Mal, wenn eine Unterkunft für Geflüchtete geplant ist, und bei jedem Moscheebau bildet sich eine sogenannte Bürgerinitiative aus Protest dagegen. Das Image von Leipzig hat wenig mit der Realität zu tun.

Man sollte auf jeden Fall in jeder Stadt – egal ob Leipzig, Dresden, Düsseldorf, München oder Hamburg – immer wieder darauf hinweisen, wie die Realität aussieht und jeder Schönfärberei entgegentreten. Wir haben in Düsseldorf in den vergangenen 15 Jahren zwei katastrophale Bürgermeister gehabt, die die Atmosphäre vergiftet haben und der Stadt auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, schweren Schaden zugefügt haben. Es kommt nicht darauf an, welche Stadt das ist, sondern darauf, dass es überall Menschen gibt, die sich für Verbesserungen im Sinne von Demokratie und Menschenrechten einsetzen.

Denkst du, es gibt eine Schnittmenge zwischen den Menschen, die mit Pegida und Legida auf die Straße gehen, und den Besuchern eurer Shows?

Es wird sicher Leute geben, die da mitmarschieren und vielleicht Lieder von uns gerne mögen oder sogar zu Konzerten kommen. Wenn sie dann zu Konzerten kommen und sehen, dass da Zigtausende sind, die entgegengesetzter Meinung sind, und mitkriegen, dass auch wir total dagegen sind, dann wäre es ein Traum, dass bei dem einen oder anderen eine Art Denkprozess in Gang käme. Seit Jahrzehnten sagen wir, wie wir zu Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit stehen. Da sind die Fronten total klar.

Euer Lied »An Tagen wie diesen« ist im deutschsprachigen Raum ein Charterfolg und wird bei der Fußball-WM der Männer, bei Wahlpartys und jedem zweiten Schrebergartenjubiläum gespielt. Wie ist das, einen Song zu schreiben, auf den sich das ganze Land einigen kann?

Also erstmal haben wir das Lied aus voller Überzeugung gemacht und veröffentlicht und wir spielen das auch gerne bei den Konzerten. Es gibt nichts an diesem Lied, was für uns irgendwie falsch oder im Nachhinein zu korrigieren wäre. Es trifft eine besondere Stimmung und es war nicht abzusehen, dass es so viele Leute gibt, die das auch berührt. Darüber freuen wir uns erstmal. Es gibt natürlich ärgerliche Gelegenheiten, wenn Leute versuchen, das zu missbrauchen. Wenn wir das sehen und beeinflussen können, gehen wir auch dagegen vor. Aber wenn es bei einer CDU-Wahlparty gespielt wird, wo irgendwelche Leute im Suff auch noch schief dazu singen, dann sollte es zuerst denen peinlich sein. Da haben wir ja auch gesagt, dass es sicher nicht in unserem Sinn war, dass das Lied bei dieser Veranstaltung gespielt wurde. Das Lied ist eben so eine Art allgemeingültiges Partylied geworden.

Aber macht euch das nicht auch ein bisschen Sorge, dass das Lied deutscher Konsens ist?

Lieder machen wir zuallererst für uns. Manchmal denkt man vielleicht später: »Oh Gott ey, das hätten wir uns auch sparen können.« Ist zum Glück noch nicht so oft vorgekommen. Wenn, dann spielt man sie einfach nicht mehr. Nach der Veröffentlichung freuen wir uns, wenn so viele Leute wie möglich unsere Lieder hören. Und wenn »An Tagen wie diesen« nun einmal ein Partylied ist, wo soll ich da die Grenze ziehen und sagen ›Du darfst es noch hören, du aber nicht mehr‹? Oder ›Bei Hochzeiten ist es okay, aber nicht im Schrebergarten‹? Für mich ist wichtig, dass wir zu diesem Lied total stehen können und dass da kein Komma und kein Ton drin sind, die uns irgendwie peinlich wären.

Habt ihr manchmal das Gefühl, ihr müsstet euch von euren eigenen Fans distanzieren? Beim Highfield-Festival waren auf dem Zeltplatz zum Beispiel viele Tote-Hosen-Fahnen zusammen mit Deutschlandfahnen zu sehen.

Zunächst einmal: Am Samstag habe ich zum Beispiel keine einzige Deutschlandfahne gesehen. Aber mein Verhältnis zu Nationalfahnen hat sich in den letzten zehn Jahren schon etwas verändert. Ich war früher auch total allergisch darauf, weil da eine schwarz-rot-goldene Fahne noch eher für sehr rückwärtsgewandten Konservatismus stand, mit dem ich überhaupt nicht zu tun hatte. Aber man muss auch anerkennen, dass Deutschland eine sehr gute Verfassung hat, ein demokratisches Land ist, in dem jeder das Recht und die Freiheit hat, am politischen Prozess teilzuhaben – und dafür stehen diese Fahne und diese Farben auch als Symbol. Ich finde es besser, sie mit diesen Inhalten zu füllen.

In manchem Plattenladen würde man eure Alben unter der Kategorie Deutschrock finden. Ist das eine Hasskategorie für euch, die ihr ja aus dem Punkrock kommt?

Uns interessieren diese Kategorien nicht, wir wissen, wo wir herkommen. Als wir angefangen haben, waren wir leidenschaftlich bei der Punkbewegung Ende der siebziger Jahre dabei. Das sind nach wie vor unsere musikalischen Grundlagen, auch wenn wir hoffentlich über die Jahrzehnte das eine oder andere dazugelernt haben.

Vieles aus dieser Zeit ist uns nach wie vor wichtig, zum Beispiel, die Eintrittspreise für unsere Konzerte niedrig zu halten und das Publikum immer mit Respekt zu behandeln. Ich bilde mir zumindest ein, dass wir uns eine gewisse Selbstironie erhalten haben und uns nicht allzu wichtig nehmen oder um Gottes Willen nicht wichtiger als das Publikum. Wir gehen selbst auch gerne zu Konzerten und sind dann in der anderen Position.

Welches Etikett man uns heute aufklebt oder in welche Schublade man uns steckt, ist mir, ehrlich gesagt, total egal. Wichtig ist unsere Musik und wofür wir stehen.

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