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Esther Buss: Retrospektive des neuen argentinischen Kinos in Berlin

Auferstanden aus der Krise

Die Low-Budget-Produktionen des Nuevo Cine Argentino sind großes Kino. Eine filmische Retrospektive der Jahre 1995 bis 2015 zeigt das Haus der Kulturen der Welt in Berlin.

von Esther Buss

La ciénaga« (The Swamp) beginnt mit einer dichten Choreographie aus Close-Ups und Klängen: Grillengezirpe, Vogelgeschrei, Donnerhall, klirrende Eiswürfel, das Schleifen der Liegestühle auf dem Steinboden, camparigrelle alkoholische Getränke, fragmentierte gealterte Körper in Badekleidung, gerötete Dekolletees. Mit einer Filmsprache, die die Figurenzeichnung in den Raum sinnlicher Wahrnehmungen und Blicke verschiebt, beschreibt Lucrecia Martel in ihrem Debütfilm die hermetische Welt einer in der argentinischen Provinz lebenden Mittelschichtsfamilie. Die schwüle Sommerhitze zwingt die Familienmitglieder in die ungemachten Betten, unter die Dusche und vor die rhythmisch kreisenden Ventilatoren. Das moorgrüne Poolwasser fault vor sich hin, aber der eigentliche Morast ist in der Familienkonstellation zu finden. Martels Erzählung bewegt sich in einem hypnotischen Dämmerzustand, der von Blessuren, Alkoholnebel, von Trägheit, Verwesung und unterschwelligem Begehren bestimmt ist – ein Sumpf, in den auch die indigenen Hausangestellten geraten. »La ciénaga« entstand 2001, im selben Jahr also, in dem sich die Wirtschaftskrise in Argentinien zum Staatsbankrott ausweitete. In der Folge kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen in und um Buenos Aires mit vielen Toten. Der damals amtierende Präsident Fernando de la Rúa sah sich zum Rücktritt gezwungen. Deshalb wurde »La ciénaga« als Allegorie auf den Ruin des Staates gelesen (so wie das neue griechische Kino gerne als »Krisenkino« verstanden wird). Allerdings ist Martels Familienerzählung gerade eben nicht symbolisch, sondern vielmehr konkret, physisch, sinnlich. Heute gilt der Film als einer der Gründungsklassiker des Nuevo Cine Argentino, dem das Haus der Kulturen der Welt nun eine Filmreihe ausrichtet.

Das von dem Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmkritiker Alan Pauls kuratierte Festival versucht mit insgesamt elf Spiel- und Dokumentarfilmen einen Überblick über 20 Jahre des neuen argentinischen Kinos zu geben. Als Beginn der Bewegung, die der lange anhaltenden Krise der nationalen Filmproduktion ein Ende setzte, wird oft die Kurzfilmreihe »Historias breves« benannt, eine Sammlung von Kurzfilmen, die 1995 kompiliert wurde und sich aus den herausragenden Produktionen von Filmhochschulabsolventen zusammensetzt.

Paradoxerweise ist die – zumindest anfängliche – Low-Budget-Bewegung aus den neoliberalen neunziger Jahren hervorgegangen. Das neue argentinische Kino mag noch so sehr für filmische Experimente und eine dezidiert kritische Haltung stehen, seine Impulse verdankt es genau den Maßnahmen, die das Land Anfang des 21. Jahrhunderts fast in den Untergang stürzten: Die Aufwertung des Pesos erleichterte den Zugang zu moderner Filmtechnik, zudem profitierten die jungen Filmschaffenden nicht nur von dem modifizierten Förderungsgesetz im eigenen Land, sondern nun auch von der internationalen Filmförderung. Durch den Anschluss an die weltweiten Filmfestivals, zu denen die argentinischen Kritiker und Kritikerinnen überhaupt erst seit den frühen neunziger Jahren reisen konnten, entstand eine belebende Filmöffentlichkeit. Fachzeitschriften erschienen, die den Diskurs beförderten, Filmhochschulen und -festivals entstanden, während die Filme von Lucrecia Martel, Lisandro Alonso, Albertina Carri, Mariano Llínas, Pablo Trapero, Daniel Burman, Diego Lerman und Rodrigo Moreno bald bei den großen Festivals in Cannes, Venedig, Locarno und Berlin vertreten waren.

Wie so viele andere Wellen und Bewegungen ist auch das Nuevo Cine Argentino keine Schule im eigentlichen Sinn. So gibt es weder eine gemeinsame Ästhetik noch ein einheitliches thematisches Interesse; es existiert auch kein Gründungsmanifest. Was die Filmschaffenden indes verbindet, ist die Freiheit im Umgang mit Wirklichkeitskonzepten und ein für soziale Kontexte und geographische Räume geschärfter Blick, der sich vom magischen Realismus vorangegangener Generationen unterscheidet. Viele der Filmemacher und -macherinnen arbeiten mit Laien, statt gestelzter Dialoge und gravitätischer Schauspielgesten findet man eine unprätentiöse Beiläufigkeit, oftmals mischen sich auch dokumentarische Perspektiven ins Fiktionale.

»Mundo grúa« (1999) von Pablo Trapero schildert jenseits gängiger Elendserzählungen den Alltag und die prekären Arbeitsverhältnissen eines Mitfünfzigers in Buenos Aires. Mit seinen Laiendarstellern, den schlichten Schwarzweiß-Bildern und der schnörkellosen Erzählung schließt der Film formal an den italienischen Neo-Realismus an; dennoch gelingt es Trapero, das historische Vokabular zu erneuern. Auch Albertina Carris Film über ihre 1977 von der Militärjunta verschleppten und ermordeten Eltern ist radikal von der Gegenwart aus gedacht. »Los Rubios« (2003) ist ein brüchiger, etwas rumpeliger Erinnerungsfilm, der sämtliche Konventionen des Biopic und der klassischen Dokumentation unterläuft, indem er sich absichtsvoll ungelenk zwischen Making-Of, Dokumentation und Autobiographie bewegt.

Neben urbanen Erzählungen – der Schauplatz ist zumeist Buenos Aires – entstehen seit einigen Jahren auch vermehrt Landschaftsfilme, darunter solche, die die gewaltsame Vergangenheit Argentiniens verarbeiten. Auf dem Filmfestival in Locarno stellte etwa der junge Regisseur Benjamin Naishtat unlängst sein Langfilmdebüt »El Movimiento« (2015) vor, ein düsteres Werk, das in einer von Gewalt und Anarchie beherrschten menschenleeren Pampaslandschaft zu Anfang des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist. Naishtats Film ist im Programm nicht vertreten, dafür aber »Jauja« (2014) von Lisandro Alonso, einem der formal eigenwilligsten Vertreter des Nuevo Cine Argentino.

Vor dem Hintergrund der sogenannten Wüstenkampagne, einer zwischen 1878 und 1880 durchgeführten Militäraktion, erzählt Alonso von dem dänischen Ingenieur Dinesen (anstatt der üblichen Laiendarsteller: Viggo Mortensen), der sich in Begleitung seiner 15jährigen Tochter mit einer kleinen Expedition am Krieg gegen die Ureinwohner in Patagonien beteiligt. Als die Tochter eines Nachts mit einem Soldaten verschwindet, bricht Dinesen allein in die wilde Natur auf, um sie zu suchen und geht in der Wüste buchstäblich irre. Anfangs noch auf einem Pferd unterwegs und mit der aufrechten Haltung eines Militärs, sieht man ihn bald durch Stein-, Gras- und Vulkanlandschaften stapfen.

»Jauja« ist von der Biederkeit und Faktengläubigkeit des Historienfilms und ebenso von seinem bedeutungsvollen Geraune so weit entfernt wie es eben nur geht. Alonso betreibt Erinnerungspolitik mit den Mitteln des Kinos, er errichtet einen hochartifiziellen filmischen Raum (statische Einstellungen, 35 mm, 4:3-Format, runde Bildecken), in dem Geschichte bearbeitet wird. Durch die Zersetzung von Identität, Bewegung, Richtung und Raum lässt Alonso die koloniale Wirklichkeit mehr und mehr in die Schichten eines filmischen Unterbewusstseins sickern – und zeigt sie gerade dadurch als einen Stoff, der in der Gegenwart wirksam wird.

Nuevo Cine Argentino: Filmische Retrospektive 1995–2015. Berlin, Haus der Kulturen der Welt. Vom 9. bis 20. September

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