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Andreas Michalke: Berlin Beatet Bestes

Awesome USA!

Berlin Beatet Bestes. Folge 306. ­Shlezvikholsteen.

Berlin Beatet Bestes von Andreas Michalke

Wir flanieren auf der Main Road von Hudson, New York State, einer kleinen, hippen Stadt, auf der sich Antique Stores und Galerien aneinanderreihen und reiche New Yorker ihre renovierten viktorianischen Häuser einrichten. In einem Antiquariat finde ich eine gute Auswahl von Jazz-Büchern, unter anderem eine Hardcover-Ausgabe von Mezz Mezzrows »Really the Blues« von 1946. An der Kasse verkündet die distinguierte Besitzerin des Ladens freundlich: »That’ll be 89 Dollars«. 89 Dollar? Statt 15 sollte das Buch 75 Dollar kosten. Ich hatte die amerikanische 7 irrtümlich als 1 gelesen. Schade. So viel will ich dann doch nicht ausgeben.

Ein paar Tage später sind wir im mittleren Westen, in Kalamazoo, Michigan. Julia hat hier in den Achtzigern ein Jahr lang studiert und jetzt besuchen wir nach 25 Jahren zum ersten Mal ihren Freund Hugh und seine Familie. Kalamazoo ist eine mittelgroße College-Stadt mit Galerien, Cafés, zwei Second-Hand-Plattenläden und einigen Buchhandlungen. Ansonsten ist die Stadt, nach drei Wochen Ostküsten-Schickimicki, erfrischend unprätentiös. Nachdem ich bei Satelite Records bereits eine Tüte Platten gekauft habe, finde ich Julia im Antiquariat nebenan. Weil sie meine Vorlieben kennt und um den Besuch hier nach Möglichkeit abzukürzen, hat sie mir bereits eine Auswahl an Jazz-Büchern zusammengestellt, darunter eine Originalausgabe von »Really the Blues«. An der Kasse sitzt ein freundlich blickender Mann in Jeans und T-Shirt gemütlich in einem Sessel. Vor ihm ein riesiger Bildschirm, der in Bergen von Büchern, die sich rechts und links von ihm auftürmen, zu versinken scheint. Das geordnete Durcheinander in seinem Laden verdeutlicht mal wieder, dass die Arbeit in einem Antiquariat auch eine gewisse Fitness verlangt.

»Are you a Jazz musician?« fragt er mich, als er meine Buchauswahl sieht. »No, just curious«, antworte ich und erzähle, dass Julia und ich nur auf der Durchreise sind und aus Berlin kommen. Ursprünglich käme ich sogar aus Hamburg. »Hamburg? Is that near Shlezvikholsteen?« Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich dahinter komme: »Schleswig Holstein! Yes, that’s the state that’s bordering Hamburg. My family is from Shlezvikholsteen.« Tatsächlich sieht er genauso aus, wie einige Jungs, mit denen ich zur Schule gegangen bin. Blond, kräftig, irgendwie viereckig. Als ich ihn darauf hinweise, blüht er auf: »Wait a minute. I’ve got to show you something. I’ve watched this a million times. This is great!« Und dann warten Julia, Hugh und ich, bis sich auf dem Riesenbildschirm ein Youtube-Video aufbaut. Ein Sprecher ist zu sehen, der sich ZeeGerman nennt und mit breitestem deutschen Akzent ein Videospiel namens »The Waking Dead« kommentiert.

Für »Really the Blues« bezahle ich übrigens angemessene 14 Dollar. Awesome. USA! USA!