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Boris Mayer: Die Probleme von College-Football-Spieler in den USA

Nicht einmal für ein Taschengeld

Der Versuch von College-Football-Spielern in den USA, mit einer eigenen Gewerkschaft gegen die erbärmlichen Lebensumstände vieler studentischer Sportler vorzugehen, ist fehlgeschlagen.

von Boris Mayer

Vor gut einem Jahr waren sie noch optimistisch, die Football-Spieler der Northwestern University, die mit der National College Players Association eine Gewerkschaft für College-Spieler gründen wollten. Sie sind gescheitert: Die amerikanischen College-Sportveranstaltungen der National Collegiate Athletic Association, kurz NCAA, gelten auch weiterhin als Amateursport.

Auch als College-Sport ist American Football eigentlich Big Business. Allein über Fernsehgelder nehmen die teilnehmenden Universitäten pro Jahr deutlich mehr als eine Milliarde Dollar ein. Eine genaue Zahl ist schwierig zu berechnen, da es sich dabei nicht um einen großen Fernsehvertrag handelt, sondern um viele kleinere Deals. So haben manche Teams ganz allein eigene Verträge, wie zum Beispiel die Notre Dame Fighting Irish mit NBC, in anderen Fällen haben sich Universitäten zu Konferenzen zusammengeschlossen und vermarkten unter Labels wie Big Ten, SEC, Big 12 oder Pac-12 die Rechte gemeinsam. Aber auch innerhalb dieser Zweckgemeinschaften hängt es vom sportlichen Erfolg ab, wer wie viel kassiert.

Wie in anderen Sportarten sind Fernsehgelder jedoch nur eine Einnahmequelle von vielen, dazu kommen unter anderem Ticketverkäufe – viele Universitäten haben Stadien, die mehr als 80 000 Menschen fassen –, Sponsorenverträge, Veranstaltungen und die Verkäufe von Lizenzen für Fanausstattung.

Die Hauptpersonen des College Football bekommen von den Millionengewinnen jedoch kaum etwas ab. Den studentischen Sportlern dürfen die Colleges und Universitäten lediglich Stipendien anbieten, dazu kostenlose Unterkunft und die Grundverpflegung, aber mehr nicht. Im Vergleich zu den anderen Studenten sind die Sportstars sogar finanziell wesentlich schlechter gestellt, denn es ist ihnen verboten, nebenher Geld zu verdienen – wer arm ist, muss auf alle Extras wie Kneipenbesuche, Partys und Kino verzichten, weil nicht einmal ein Taschengeld gezahlt werden darf. Ein Nebenjob neben der Ausbildung könnte, so sehen es die Regeln vor, Wettbewerbsverzerrung sein, denn eine Universität könnte angehende Spieler mit hochbezahlten Nebenjobs ködern. So wurden Spieler schon aus nichtigen Gründen gesperrt, einer zum Beispiel, weil er eine bezahlte Autogrammstunde abgehalten hatte – in seiner Freizeit, mit seinen Postkartenbildern und mit seiner Unterschrift. 2011 wurde selbst der Chefcoach von Ohio State, Jim Tressel, für zwei Spiele gesperrt, weil er fünf seiner Spieler nicht anzeigte, die ein paar ihrer Memorabilien gegen Tattoos eingetauscht hatten. Der heutige NFL-Star Dez Bryant wurde gar des Colleges verwiesen, weil er verschwiegen hatte, dass er sich einmal mit einem seiner Football-Idole getroffen hatte; auch dies gilt als Wettbewerbsverzerrung.

Die Argumentation der NCAA gegen angemessene Entlohnung der Spieler ist seit Jahrzehnten gleich: Football und Basketball bringen den Colleges zwar Geld ein, aber andere Sportarten verursachen nur Kosten. Auch für die Sportarten, die keine Gewinne erwirtschaften, bekommen die Athleten allerdings Stipen­dien. Insgesamt verdiene kaum eine Universität an ihrem Sportprogramm.

Was in dieser Argumentation weggelassen wird: Es ist teils selbstverschuldet, dass die Sportprogramme keinen Gewinn bringen. Die Coaches verdienen beispielsweise Millionen von Dollar. Für die sportliche Infrastruktur sowie deren Modernisierung und Erhaltung werden ebenfalls regelmäßig sechs- bis siebenstellige Summen ausgegeben – die Universitäten können den Spielern neben dem Stipendium eben nichts anderes bieten als prominente Trainer und moderne Trainingsanlagen um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen.

Fair ist das System nicht. Eine Menge College-Athleten kommen aus derart armen Verhältnissen, dass sie nicht wissen, woher sie in der vorlesungsfreien Zeit, wenn die Kantine geschlossen ist, Essen bekommen sollen.

Ein gängiges Argument lautet, dass dieses System Menschen einen College-Abschluss erlaubt, die ihn sich sonst nie hätten leisten können. Aber das stimmt nur halb. Zwar erhalten viele arme Menschen dadurch eine Chance. Aber da von ihnen als Sportlern erwartet wird, fast ein Profipensum an Training zu absolvieren, reicht es bei den meisten nur gerade so, die akademischen Anforderungen zu erfüllen, auch in schwierigen Fächern, die nicht gerade Aussichten auf einen späteren guten Job versprechen.

Gegen das System wehren können sich die College-Sportler kaum, denn es gibt auch Regeln dagegen, sich einen Berater zu nehmen. Das macht es schwierig, die richtige Strategie zu finden.

Die Football-Spieler der Northwestern University haben trotzdem versucht, eine Spielergewerkschaft zu gründen, ganz nach dem Vorbild der amerikanischen Profiligen. Dafür war es notwendig, das National Labor Relations Board (NLRB) zu überzeugen, dass sie an der Universität beschäftigt sind. Sie bekommen zwar kein Geld, aber die Leistungen der Universität sind Geld wert – Stipendium, Unterkunft, Nahrung. Der regionale Direktor des NLRB, Peter Sung Ohr, hatte ihrem Anliegen auch stattgegeben, mit der Begründung, der Zeitaufwand für die Spieler sei charakteristisch für einen Vollzeitjob. Er führte dabei auch die Einnahmen des Football-Programms der North­western University an: Im Zeitraum von 2003 bist 2012 waren es 235 Millionen Dollar.

Die Spieler votierten daraufhin in einer Urabstimmung, ob die Spielergewerkschaft gegründet werden sollte. Doch die Stimmen wurden nicht ausgezählt, denn zunächst musste das NRLB der vorläufigen Erklärung Ohrs zustimmen.

Das NRLB lehnte den Antrag einstimmig ab. Nicht, weil die Verantwortlichen der Argumentation, der Analyse und der abschließenden Einschätzung Ohrs widersprachen, sie lehnten ab, weil sie die eigene Zuständigkeit in Frage stellten. Dazu zogen sie eine sehr vage ­gehaltene Regelung heran, die aus einem mehr als 60 Jahre alten Urteil des Supreme Court stammt, in dem es in einem Satz heißt, dass das NRLB Anträge ablehnen dürfe, wenn es die Richtlinien des Gesetzes nicht effektiv umsetzen kann. Diese Richtlinien besagen, dass das NRLB für »Stabilität in den Arbeitsbeziehungen« sorgen muss.

Das Problem ist, dass die North­western University als einzige Privatschule Mitglied in der Big Ten Conference ist, alle anderen 13 Mitglieder sind staatliche Universitäten. Damit würden die Athleten der Konkurrenten unter die Obhut des State Labor Board fallen und eben nicht unter die des NRLB. Zwei dieser Staaten, Ohio und Michigan, haben nach dem Antrag der Northwestern-Studenten bereits Gesetze erlassen, die studentischen Athleten den Status ­eines Universitätsbeschäftigten an Staatsuniversitäten explizit verwehren. Damit wäre alles, was die Studenten der Northwestern erreichen, nicht auf ihre Kollegen an den staatlichen Universitäten übertragbar, was eine Asymmetrie der Arbeitsbedingungen für Athleten anderer Bildungseinrichtungen zur Folge hätte.

Auf den ersten Blick wirkt diese Erklärung plausibel. Sie ist es aber nicht: Niemand käme auf die Idee, den Busfahrern einer Privatuniversität die Gründung einer Gewerkschaft zu verwehren, nur weil die Busfahrer staatlicher Universitäten in manchen Staaten als Angestellte des öffentlichen Dienstes kein Recht darauf haben, in Gewerkschaften organisiert zu sein.

Doch auch das NRLB weiß, dass die Argumentation nicht ganz schlüssig ist. »Anweisungen vom Capitol Hill fehlten«, hieß es vom National Labor Relation Board, und dass es Gerüchten zufolge im Kongress Bestrebungen gebe, gegen die Einordnung von College-Sportlern als Beschäftigte vorzugehen. Immerhin aber ließ das NRLB offen, ob es sich den Fall in Zukunft erneut anschauen wird.

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