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Chucky Goldstein: Mit Flüchtlingen auf dem Weg von Griechenland nach Serbien

Reise ins europäische Chaos

Die griechische Insel Lesbos, die nur knapp zehn Kilometer von der türkischen Küste entfernt liegt, ist für viele Refugees das Eingangstor nach Europa. Von hier versuchen sie, eine Fähre nach Athen zu nehmen und dann auf dem europäischen Festland über die Balkanroute weiterzukommen. Unsere Autoren haben Geflüchtete aus Afghanistan dort eine Weile begleitet.

von Chucky Goldstein

»Ich will einfach nur leben, arbeiten können und meine Familie nachholen. In welches Land ist mir egal«, sagt Wahid aus Kabul. Er war Übersetzer für die ISAF, die von der Nato geführte Mission in Afghanistan, bis die Truppen abgezogen wurden. Zuletzt hat er Waren ausgeliefert und das wurde ihn am Ende zum Verhängnis. Er bekam den Auftrag, Alkohol auszuliefern, da er selbst trinkt. »Ich bin Muslim, aber natürlich trinke ich. Ich bin auch ein Mensch«, sagt er. Er sei auf den Job angewiesen gewesen und habe den Auftrag angenommen. Die Taliban hätten sein Auto angegriffen und seinen Sohn erschossen, der auf dem Beifahrersitz saß. Das sei der entscheidende Moment für ihn gewesen, das Land zu verlassen. »Ich hab meine Familie an einen sicheren Ort in Kabul gebracht und mich auf den Weg gemacht.« Über den Iran erreichte er die Türkei, wo nach seiner Aussage Staat und Schleuser zusammenarbeiten, um aus dem Elend der Menschen den maximalen Profit zu schlagen. In der Türkei habe sein Geld nicht mehr für eine Überfahrt bei gutem Wetter gereicht. Nach Aussage von Markus, einem Rettungsschwimmer aus der Schweiz, kostet diese bis zu 2 000 Dollar. Also stieg Wahid bei Sturm in ein Boot mit kaputtem Motor – eine solche Fahrt sei preiswerter, sie koste »nur« 1 000 Dollar. Für eine Rettungsweste zahlte Wahid 65 Dollar. Diese Westen werden bei Ankunft auf Lesbos aber wertlos, sie werden einfach liegengelassen und prägen das Bild der Strände der Nord- und nördlichen Ostküste.

Angekommen auf Lesbos wollte Wahid so schnell wie möglich weiter nach Athen, um aufs europäische Festland zu kommen. Doch für die Überfahrt mit der Fähre bedarf es einer Registrierung in Moria, nahe Mytilini, der Hauptstadt der Insel. Das dortige ehemalige Abschiebegefängnis ist seit Mitte Oktober zum ersten europäischen »Hotspot« umfunktioniert worden. Dort sollen die griechischen Behörden, unterstützt von Frontex-Beamten, die ankommenden Menschen identifizieren und registrieren. Zwischen Moria und den Stränden, an denen die Flüchtlinge ankommen, liegen über 40 Kilometer und ein organisatorisches Chaos. Im Idealfall werden die Flüchtlinge an der Küste von Rettungsschwimmern und Freiwilligen mit warmem Tee empfangen und von Einheimischen begrüßt, die sofort alle brauchbaren Teile des Bootes in Besitz nehmen, um sie weiterzuverkaufen. Zahlreiche Rettungsschwimmer halten mit Ferngläsern Ausschau nach ankommenden Booten, um diese mit den signalfarbenen Rettungswesten, die überall am Strand liegen, an sichere Landestellen zu winken. Dort angekommen, werden Regencapes, warmer Tee und Rettungsdecken ausgegeben – sofern die komplett von Freiwilligen getragene ­Infrastruktur funktioniert.

Im Sommer mussten die Flüchtlinge noch nach Moria laufen. Inzwischen gibt es Auffanglager, Orte, an denen sie auf den Bus warten und viele von ihnen zumindest ein Dach über dem Kopf haben. Die Organisation dieser Auffanglager ändert sich fast täglich, weil es täglich neue Ereignisse gibt, nach denen man sich richten muss.

Im Auffanglager bei Sykamia, etwa 1 500 Meter von der Küste entfernt, in dem ich Wahid traf, gab es am 21. Oktober noch kein konkretes System. Im auf 150 Menschen ausgelegten und mit 1 500 Menschen völlig überfüllten Auffanglager begannen Ausschreitungen. Die meisten Hilfs­organisationen verließen das Camp, weil sie die Sicherheit der Freiwilligen nicht mehr garantieren konnten, und zahlreiche Refugees begannen ihre Reise lieber zu Fuß, als länger im überfüllten Lager auszuharren. Zwei Tage später wurde auch dort ein Ticketsystem eingeführt, organisiert von örtlichen Kirchen, dem UNHCR und zahlreichen Freiwilligen. Die Busse bringen die Refugees entweder direkt nach Moria oder in ein weiteres, von der NGO »Ärzten ohne Grenzen« betriebenes Auffanglager bei Mantamados.

Die Refugees, die zu Fuß aufgebrochen sind, kommen in der Regel ebenfalls im Auffanglager von Mantamados an, ehe ihre Reise weiter nach Moria geht. Zahlreiche Flüchtlinge irren dennoch über die Insel, wenn die Busse nicht mehr fahren, weil die Auffanglager überfüllt oder weil sie nicht ausgeschildert sind.

Wer Moria endlich erreicht, ist im Chaos angekommen. Der Registrierungsprozess dauert mehrere Tage, es regnet und stürmt die meiste Zeit, es gibt nicht genügend Zelte für die Refugees. Die acht militärisch auftretenden griechischen Beamten, die uns verhören und auffordern, sämtliches Videomaterial zu löschen, erzählen, wie überfordert sie mit der Situation sind. Zahlreiche Hilfsorganisationen und das UNHCR versuchen derzeit, in Moria eine Infra­struktur aufzubauen. Vor den Toren leben Tausende in größtenteils improvisierten Zelten oder unter freien Himmel. Die Polizei scheint kein Interesse daran zu haben, die Situation außerhalb der Einrichtung in irgendeiner Form zu regeln, außer, im Extremfall, mit dem Schlagstock. Draußen vor den Toren versuchen zahlreiche Verkäufer ihr spätestens seit der Wirtschaftskrise karges Einkommen noch ein bisschen durch den Verkauf von Chips, Cola, Decken, Socken und Sonnenblumenkernen aufzubessern – ein Bild, das sich auf der gesamten Balkanroute bietet. Ein freier Journalist, der für das UNHCR arbeitet, sagt uns: »Wir machen den Job der Polizei, weil die Polizei es sonst mit Gewalt tun würde.«

Am Hafen von Lesbos zelten zahlreiche Flüchtlinge nach erfolgreicher Registrierung und warten – sofern sie sich die Überfahrt für 45 Euro leisten können – auf die Fähre, die sie aufs europäische Festland bringt. Auch hier lässt sich keinerlei System erkennen. Außer den Schiffahrtsgesellschaften, die ihre Tickets verkaufen, und weiteren Händlern lässt sich dort im strömenden Regen nur ein Polizeiauto entdecken, das aus sicherer Entfernung die Situation beobachtet.

Beim Warten auf die Fähre treffen wir Naem, auch er ein ehemaliger ISAF-Übersetzer auf den Weg nach Europa. Anders als Wahid hat er jedoch ein konkretes Ziel: Er will nach Frankfurt am Main. Dort möchte er sein Ingenierusstudium beenden, erzählt er. Irgendwann verbreitet sich bei den dicht unter ein Dach gedrängten Wartenden das Gerücht, das die Fähre erst am nächsten Morgen fahre – konkrete Auskunft zum genauen Zeitpunkt kann allerdings niemand geben. Wir beschließen, die Nacht mit Naem und seinem besten Freund Salahudin in einem Hotel in Hafennähe zu verbringen. Im Fernsehen läuft eine Dokumentation von Vice über Menschen, die vor dem »Islamischen Staat« flüchten, Naem erkennt Etappen seiner Fluchtroute wieder und erzählt eher beiläufig von seinen Erlebnissen mit den Taliban, der afghanischen Armee und türkischen Schleusern. Als wir als einzige Europäer am nächsten Morgen das Schiff betreten, ist die mittlerweile zum Ordnen eingetroffene Armee von unserer Anwesenheit offensichtlich erstaunt.

Auf dem Boot erzählen viele über ihre Ziele: Die meisten wollen nach Schweden oder nach Deutschland. Aber ihr nächstes Ziel ist der Victoria-Platz in Athen. Dort werden Tickets für die Busfahrt an die mazedonische Grenze verkauft. Nachts werden die Refugees ohne Ticket von der Polizei in eines der beiden Lager der griechischen Haupstadt gebracht, wo sie über Nacht ­versorgt werden. Bevor es für Naem weitergeht, muss allerdings das Geld von seinem Bruder bei Western Union eintreffen. Gemeinsam mit Naem und Salahudin kaufen wir uns für 30 Euro Tickets, um an die mazedonische Grenze zu kommen. In den Stunden vor der Abfahrt bietet sich uns ein absurdes Bild am Victoria-Platz. Es ist eine laue Nacht, in den umliegenden Cafés und Bars sitzen Touristen und Einheimische. In einem Hauseingang sitzen zwei junge Männer, die sich Heroin spritzen. Ein ganz normaler Sommerabend, würden nicht Hunderte Flüchtlinge auf dem Platz sitzen und auf ihre Weiterreise warten.

Die Fahrt in einem alten Bus unterscheidet sich nicht sonderlich von anderen Reisen mit vergleichbaren Fortbewegungsmitteln in Südeuropa, doch als wir an der mazedonischen Grenze aussteigen, sind die dort wartenden Polizisten sichtlich irritiert. »Ihr seid Deutsche? Ich muss erst einmal nachfragen, was ich jetzt mit euch machen soll.«

Wir müssen zu Fuß zum »offiziellen Grenzübergang« in Evzonoi, während Naem, Salahudin und die anderen Flüchtlinge aus unserem Bus im Camp auf der griechischen Seite erstversorgt werden, nach Mazedonien laufen und sich dort registrieren lassen. Das geht dort deutlich schneller über die Bühne als in Griechenland. Es entsteht der Eindruck, dass Mazedonien sich seiner Rolle als Transitland sehr bewusst ist und die Flüchtlinge so schnell wie möglich zurück in die EU, beziehungsweise raus aus dem eigenen Land schicken möchte. Dasselbe gilt für Serbien.

Nach dem Registrierungsprozess müssen die Flüchtlinge rund einen Kilometer zu den privaten Bussen, Taxis oder Zügen zu Fuß gehen. Für 25 Euro werden sie an die serbische Grenze transportiert. Auf den Weg zu ihren Transportmitteln stehen, wie über all an den Orten, an denen die Flüchtlinge nicht in Bussen oder Camps sitzen, zahlreiche Händler und bieten SIM-Karten, Zigaretten und Süßigkeiten an. Also genau das, was es in den Camps nicht gibt.

Die Busse, Züge und Taxis bringen die Menschen dann quer durch Mazedonien, an die Grenze zu Serbien. Als wir vor Ort sind, sind allerdings wegen eines Gleisdefektes keine Flüchtlinge da, nur ein mazedonischer Minister und der tschechische Botschafter. Das Prozedere hier ist dasselbe: Flüchtlinge kommen an, werden erstversorgt, laufen über die Grenze und werden dort mit Bussen zur Registrierung nach Presevo gefahren.

Der kleine Ort im Süden Serbiens sieht aus wie am Sonntagmorgen nach einem Dorffest. Es sind wegen des Gleisschadens kaum Flüchtlinge vor Ort, allerdings noch zahlreiche Helfer samt Zelten, um die herum jede Menge Müll liegt. Presevo gleicht einer Waschstraße. Die Menschen kommen an einem Ende des Städtchens an, werden zunächst von Teams der »Ärzte ohne Grenzen« versorgt und reihen sich dann in die Schlange zur Registrierung ein, ehe sie in einen Bus steigen, der sie für 35 Euro an die kroatische Grenze bringt.

Hier in Presevo gibt es zahlreiche Freiwillige, die Spenden sammeln und verteilen. Organisiert wird das Ganze von einem Anarchisten, der eine gelbe Weste trägt, auf der »No Borders« steht, und einen Schal, der eine Karte des Nahen Ostens ohne Israel zeigt. Die Freiwilligen haben allerdings vor Ort erhebliche Probleme. Sie dürfen kein selbstgekochtes Essen mehr verteilen und auch keine Second-Hand-Kleiderspenden mehr. Neuwaren aber müssen bei der Einfuhr verzollt werden. Ob dafür die angegebenen hygienischen Gründe eher ein Vorwand sind, lässt sich nicht sagen.

Generell scheinen in Griechenland, Mazedonien und Serbien zahlreiche Menschen die wirtschaft­lichen Möglichkeiten erkannt zu haben, die sich durch die zahlreichen Durchreisenden ergeben. Die meisten begegnen ihnen dort auch relativ freundlich und betrachten sie als lukrative Einnahmequelle statt als störende Fremdkörper. Die Anwerbeversuche am Bussammelpunkt in Presevo erinnern fast schon an das Kobern auf St. Pauli, teilweise kommt es auch zu Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Busunternehmern. Nur stehen die Händler und Busunternehmer, anders als die Koberer auf dem Kiez, an den Grenzpunkten der Balkanroute, neben zahlreichen ehrenamtlichen Freiwilligen, die versuchen, die Flüchtlinge unentgeltlich zu unterstützen und damit in Konkurrenz zum neuen, temporären Wirtschaftszweig treten.

Der Bus setzt die Flüchtlinge und uns in Serbien zwei Kilometer vor der Grenze ab. Der Wiedereintritt in die EU gleicht dem Zieleinlauf eines Marathons. Den gesamten Weg entlang stehen Freiwillige mit Tee, Nahrungsmitteln und Wasser. Der Weg führt zu zahlreichen Zelten, in denen sich die Menschen für einige Minuten aufhalten können, ehe sie in Gruppen von 50 Menschen die Grenze überqueren und sich von nun an wieder in der staatlich organisierten Obhut der Euro­päischen Union befinden.

Bis dorthin war ihr Weg zur Zeit unserer Reise, mit Ausnahme der Insel Lesbos, im Vergleich zu den vergangenen Monaten relativ unkompliziert, wenn auch teuer. Die Grenze zwischen Serbien und Kroatien ist derzeit wieder offen, die Situation der Refugees zwischen Kroatien und Slowe­nien, Slowenien und Österreich und auch innerhalb Deutschlands beziehungsweise der gesamten EU sieht dagegen schon ganz anders aus.

Afghanische Refugees wie Naem und Wahid setzen ihre gesamte Hoffnung in Europa. Sie steigen mit einem Lächeln aus dem Boot, weil sie in Europa angekommen sind und nicht ahnen, welches Chaos sie auf Lesbos und in der EU erwartet. Wahid setzt seine Hoffnungen in Europa und den Westen, weil diese wenigstens versucht haben, die Taliban zu bekämpfen.

Dasselbe Europa, das erst in Afghanistan versagt hat, versagt bereits an der EU-Außengrenze erneut, und das setzt sich vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin fort. Durch den Deal mit der Türkei wird nun einem Staat ­finanzielle Unterstützung und die Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen versprochen, dem laut Wahid nicht an einer Verbesserung der Situation gelegen ist, sondern nur daran, seine eigene Position zu stärken.

Es spricht die Hoffnung auf Europa, die Hoffnung, dass die Menschen im Westen gewillt sind, etwas zu ändern, wenn Wahid sagt: »Erzähl den Menschen in Europa, wie sehr wir leiden auf dem Weg.«

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