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Julia Schramm: #ausnahmslos ist eine notwendige Kampagne

Giftige Mischung

Die Debatte über die Gewalt von Köln wird oft rassistisch, antifeministisch und populistisch geführt. Die Kampagne #ausnahmslos setzt dem etwas entgegen.

von Julia Schramm

Die Silversternacht in Köln. Alle schreiben darüber, alle reden darüber, alle spekulieren und meinen, sind empört, entsetzt und verängstigt. Das sagt erstmal gar nichts darüber aus, was in dieser Nacht wirklich passiert ist und ob es sich wirklich um einen »Zivilisationsbruch« handelt, wie es Justizminister Heiko Maas nennen musste. Es zeigt vor allem, dass die Tatsache, dass nichtweiße Nichtdeutsche junge Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt haben, in Deutschland und anderen westlichen Ländern tiefsitzende Ressentiments freisetzt. In der Debatte über die Straf­taten von Köln und den Umgang mit deren Ursachen und Folgen geht es um »unsere Werte«, um »uns« gegen »sie«. Als gäbe es sexualisierte Gewalt nur in »ihren« Ländern und nicht bei »uns«. Das ist natürlich Blödsinn. Jede Frau weiß, dass betrunkene Horden junger Männer der absolute Horror sind. Und zwar fast immer, fast überall. Es steht also zu vermuten, dass es bei der Debatte, die seit nunmehr drei Wochen tobt, um etwas anderes geht.

Die Ereignisse von Köln haben mehrere Ebenen in der gesellschaftlichen Debatte zutage gebracht, deren Komplexität nur zu gerne mit ­einfachen Parolen in Kommentaren auf Facebook aufgelöst wird. Da wäre zum einen die Flüchtlingsdebatte. Seit Monaten wird immer rassistischer über Flüchtlinge geredet. Die Parteien überbieten sich mit Forderungen, die sonst nur auf NPD-Plakaten zu finden sind. »Kriminelle Ausländer abschieben« beispielsweise, auch wenn die Bundestagsparteien es etwas eleganter ausdrücken. Diese Debatte, kombiniert mit dem Thema sexualisierter Gewalt, wird zu einer giftigen Mischung aus Rassismus und Sexismus. Plötzlich erheben diejenigen ihre Stimme gegen sexualisierte Gewalt, die andernfalls Frauen die Schuld für diese geben. Birgit Kelle beispielsweise, die sonst der Meinung ist, dass Frauen einfach die »Bluse zumachen« sollten, wenn sie nicht belästigt werden wollen.

Gegen diese perfide Form des rassistischen und gleichzeitig antifeministischen Populismus hat sich unter dem Hashtag #ausnahmslos ein Bündnis formiert, das sich gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus wendet. Es ist ein sehr breites Bündnis mit einem zugänglichen Hashtag, einer gut organisierten Kampagne und einem klaren Ziel: dem Kampf gegen sexualisierte Gewalt, und zwar nicht nur, wenn diese von »Fremden« ausgeht. Unter den Initiatorinnen sind die Gewinnerinnen des Grimme Online Award für die Twitter-Kampagne #aufschrei sowie die Initiatorinnen von #schauhin, einem Hashtag zur Sensibilisierung gegen Alltagsrassismus. Zu den Erstunterzeichnerinnen gehören Bundesministerin Manuela Schwesig, Katja Kipping, Claudia Roth, die Rapperin Sookee sowie weitere mehr oder weniger prominente Feministinnen. Inklusiver geht’s kaum. Entsprechend ausgeprägt sind Kritik und Anfeindungen in den sozialen Netzwerken. Neben den üblichen Internetusern, die alles, was Feministinnen tun, aus Prinzip hassen und bekämpfen müssen, wird der Aufruf dafür kritisiert, dass er die Ereignisse von Köln relativiere, indem er die arabisch-muslimische Kultur in Schutz nehme. Viele der neuen deutschen Frauenschützer scheinen aus obskuren Gründen darin den Hinweis auf den ach so rückständigen »Moslem« zu vermissen. Hier zeigt sich, dass eine Sicht auf die patriarchalen Strukturen in arabisch-muslimischen Gesellschaften, die nicht rassistisch ist, gar nicht so einfach ist. Dass Religionen immer schon Feinde der Frauenrechte waren, ist nun wahrlich kein Geheimnis. Aber Religion wird hier zum Aufhänger, um rassistischen Ressentiments freien Lauf zu lassen. #ausnahmslos setzt dem etwas entgegen.

Doch auch hier ist es, wie so oft, kompliziert. Denn zu den Erstunterzeichnerinnen gehören auch solche, die es zwar mit dem Sexismus und Rassismus ernst nehmen, beim Thema Antisemitismus jedoch so gar nicht die Augen aufmachen wollen. Neben der antirassistischen Ikone Angela Davis finden sich auf der Liste der Erstunterzeichnerinnen auch solche, die Zionismus für Rassismus halten und zum Boykott Israels auffordern. Auf Nachfrage und nach einem Statement der Amadeu-Antonio-Stiftung winden sich die Initiatorinnen des Bündnis um ein klares Statement und verweisen darauf, dass sie für die politischen Ansichten der Unterzeichnerinnen keine Verantwortung übernehmen. Einzelne Initiatorinnen haben sich dagegen bereits vom Aufruf distanziert.

Das Problem ist ein strukturelles. In der postmodernen Theorie rund um Postkolonialismus und Rassismus, nennen wir es »Butlerismus«, wird Antisemitismus ausgeblendet. Der Jude als Feindbild – eine gute deutsche Tradition, nicht nur in der rechten und linken, sondern auch in der feministischen Szene.

Die Autorin gehört zu den Unterzeichnerinnen der Kampagne #ausnahmslos.

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