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Elke Wittich: Die Weltkriegsschlacht von Verdun begann vor 100 Jahren

Über Leichen gehen

Vor 100 Jahren begann die Schlacht von Verdun. Ihre Spuren lassen sich immer noch in den Wäldern und zerstörten Dörfern des ehemaligen Kampfgebiets besichtigen.

von Elke Wittich

»Nach Abschluss der Vorarbeiten war der Beginn des Angriffs auf den 12. Februar 1916 in Aussicht genommen. Die Witterung war indessen in dieser Zeit derart ungünstig, dass der Angriff von Tag zu Tag hinausgeschoben wurde, bis am 21. Februar endlich die Witterungslage, obwohl noch immer recht fragwürdig, den Beginn der Kampfhandlungen gestattete. Diese wurden durch eine lebhafte Feuertätigkeit auf der ganzen Westfront eingeleitet.« So berichtete das deutsche Große Hauptquartier, die mobile Kommandozentrale der deutschen Armee im Ersten Weltkrieg, rückblickend im Oktober 1916.

Die Soldaten, die vor 100 Jahren den Beginn der Schlacht von Verdun mitmachten, dürften andere Eindrücke gesammelt haben. Die jungen Männer wurden in einem endlosen Strom an Nachschub an die Front gekarrt und ahnten sicher kaum etwas von der Hölle, die sie erwartete. Dort mussten sie blind Befehlen folgen, die sehr häufig weder Geländegewinne noch das Er­reichen anderer militärischer Ziele, sondern lediglich ihren Tod zur Folge ­hatten.

Mittendrin in dieser Hölle lag ein kleines Dorf, heutzutage befindet sich dort nur noch eine Gedenkstätte. Etwa zehn Kilometer von Verdun entfernt führt eine Landstraße mitten durch den Wald nach Fleury-devant-Douaumont. In einer Landschaft, die wegen der Dauerbombardements und Schanzarbeiten aussieht wie eine moderne Buckelpiste, liegt der Weg zur Gedenkkapelle »Notre-Dame de l’Europe«, die an der Stelle der zerstörten Dorfkirche errichtet wurde. Von ihm zweigen Trampelpfade ab, an deren Rändern weiße Holzpfosten die ehemaligen Straßen des Dorfes markieren. Steinsäulen zeigen, welche Gebäude dort bis vor 100 Jahren standen.

Fleury hatte eine eigene Schule, eine Kirche und ein kleines Rathaus. Über die 422 Menschen, die Unterlagen aus dem Vorkriegsjahr 1913 zufolge in ­Fleury-devant-Douaumont wohnten, ist nicht viel bekannt. Die meisten lebten wohl von der Land- oder Forstwirtschaft, zehn von ihnen waren Bauern, die eigenes Land bewirtschafteten und wahrscheinlich nebenher Geschäfte oder kleine Handwerksbetriebe führten. Es gab den Gastwirt Hubert Body, den Bäcker Hubert Zimmermann, den Tischler Simon Schuhmacher, der vermutlich zugleich auch Bauer war, und einen vornamenslosen Schuster namens Legay, der mit einer gleichnamigen verwitweten Schneiderin und vielleicht auch dem Maurer A. Legay verwandt gewesen sein könnte. Und es gab einen Kontrolleur für das Bauwesen sowie einige Schneiderinnen und Wäscherinnen. Alte Postkarten zeigen die »Rue Haute« als eine Art Feldweg, an dem dicht nebeneinander verwitterte schmale Häuser mit lang gezogenen Satteldächern stehen.

Von Kriegen war Fleury immer verschont geblieben. Das sollte sich mit dem Ausbau des Forts von Douaumont ändern. Die Arbeiten an den Befestigungsanlagen rund um Verdun hatten die Gegend bereits stark verändert. Douamont, das 1884 noch ein winziges Dorf mit gerade 192 Einwohnern war, brachte es nur ein Jahr später schon auf 576 Bewohner, die meisten waren Italiener, die am Fort arbeiteten. Neue Geschäfte wurden eröffnet, um die Neuankömmlinge zu versorgen, auch eine Eisenbahnlinie entstand, die an Fleury vorbeiführte.

Nachdem die italienischen Steinmetze ihre Arbeit beendet hatten, lebten am Vorabend des Ersten Weltkriegs immer noch 288 Menschen in Douaumont, die meisten waren Soldaten. Allerdings stellte sich berreits im ersten Kriegsjahr 1914 heraus, dass Festungen kaum Schutz gegen die neue Generation von Kriegswaffen boten. Als Konsequenz wurden im Herbst 1915 die Geschütze der Anlage unter den benachbarten Militäreinheiten aufgeteilt, für den Februar des folgenden Jahres war sogar die teilweise Sprengung des Forts vorgesehen.

Zu diesem Zeitpunkt meldeten Aufklärer jedoch einen bevorstehenden deutschen Angriff. Für die Deutschen war die Festung weiterhin ein wichtiges Symbol, und so feierten sie begeistert die Einnahme von Fort Douaumont am 25. Februar – auch wenn die Verteidigungsanlage fast kampflos in ihre Hände gefallen war. Der Kampf um das benachbarte Dorf sollte dagegen viel länger dauern, dabei wurde der spätere General und Präsident Charles de Gaulle verwundet und zum Kriegsgefangenen. Am 4. März 1916 war der Ort schließlich vollkommen zerstört. Zwei Tage später detonierte im Fort ein Lager voller Granaten und Flammenwerfer, die riesige Explosion tötete mehr als 800 deutsche Soldaten. 679 Tote wurden kurzerhand in der Kasematte eingemauert.

Dass la grande guerre, der Große Krieg, womöglich nicht an ihnen vorbeiziehen würde, war den Einwohnern von Fleury vielleicht im August 1914 klargeworden. Damals marschierten Regimenter aus Verdun durch den Wald zum Fort nach Douaumont, mit der Schlacht an der Marne war der Krieg dem kleinen Ort nur einen Monat später ohnehin bis auf wenige ­Kilometer nahe. 1915 wurde Fleury zum Quartier für Soldaten. Berichte über das weitere Leben der ehemaligen Einwohner gibt es kaum. Vermutlich hatten sich nur wenige angesichts des Evakuierungsbefehls dazu entschieden, nicht nach Verdun, sondern ins benachbarte Douaumont überzusiedeln, um im Schutz der dortigen Festung zunächst den weiteren Verlauf des Krieges abzuwarten. Wer gehofft hatte, schnell wieder nach Hause zu können, hatte sich geirrt: Um Fleury wurde wesentlich länger gekämpft als um den Nachbarort, insgesamt 16 Mal wurde das Dorf, beziehungsweise das, was von ihm übrig war, erobert und zurück­erobert.

»Eine Fliegeraufnahme des zerschossenen Dorfes Fleury« ist ein Foto des deutschen Militärs aus jener Zeit betitelt. Es zeigt im Großen und Ganzen: nichts. Lediglich an den Stellen, an denen sich Trümmerteile der Häuser befinden, ist dieses Nichts etwas heller als die Umgebung. Um die Steinhaufen, die einmal eine Ortschaft gewesen waren, kämpfte unter anderem das Königlich-Bayerische Infanterie-Regiment »Kaiser Wilhelm König von Preußen«.

Dieser in Amberg stationierte Truppenverband wurde auch ein Jahr später in der Flandern-Schlacht bei Langemarck eingesetzt, wo 1914 der Grundstein für einen der hartnäckigsten Mythen der Kaiser- und Nazizeit gelegt worden war: die Lüge vom »heldenhaften Opfergang« junger deutscher Soldaten, die begeistert gegen französische Stellungen angerannt seien, »Deutschland, Deutschland über alles« singend. Dass das Ganze eine sinn­lose militärische Operation war, die schließlich abgebrochen wurde, teilte die Militärführung der deutschen Öffentlichkeit nicht mit. Die deutschen Zeitungen übertrafen sich am Jahres­tag von Langemarck in patriotischem Taumel. So schrieb die Deutsche Tageszeitung 1915, der Tag werde »in alle Zeiten ein Ehrentag der deutschen Jugend bleiben«.

Die Nazis machten sich diesen Mythos gern zunutze, immer wieder beschworen sie den Geist von Langemarck. Zudem machten sie sich auch daran, die Niederlage nachträglich zum Sieg zu erklären: 1940 erschien im Völkischen Beobachter ein Foto, das ­einen deutschen Soldaten zeigte, der die Hakenkreuzflagge bei Verdun in französische Erde rammte. Darunter stand der Spruch: »Und Ihr habt doch gesiegt!«

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde schnell klar, dass die Tausenden von Leichen auf den Schlachtfeldern um Verdun – insgesamt starben dort schätzungsweise 230 000 Soldaten – nicht einfach an Ort und Stelle bestattet oder verbrannt werden konnten. Bereits 1919 hatte der Bischof der Stadt, Charles Ginisty, in Paris während einer Gedenkveranstaltung zum ersten Mal eine Idee vorgetragen, die zur Grundlage für das Beinhaus von Douaumont werden sollte: Er habe den Soldaten, die er immer wieder in den Schützengräben besucht hatte, das Versprechen gegeben, sich für den Bau ­einer »Kathedrale für die Toten und einer Basilika für den Sieg« einzusetzen. Der Bau des bewusst religionsneutralen Beinhauses begann am 22. August 1922, am 17. September 1932 wurde die Gedenkstätte eingeweiht.

1938 kam ein Denkmal für die jüdischen Gefallenen der Schlacht von Verdun hinzu. Ganz zufällig war das Jahr der Einweihung nicht gewählt. 20 Jahre nach Kriegsende sollte das Denkmal ein Zeichen gegen den wachsenden Antisemitismus vor allem in Deutschland setzen, denn mit ihm wurde betont, dass im Ersten Weltkrieg ganz selbstverständlich auch Juden für ihre Länder gekämpft hatten.

Im folgenden Jahr bat eine Delegation jüdischer Veteranen des Ersten Weltkriegs Bischof Ginisty, das Denkmal unter seinen Schutz zu stellen, wie Maurice Vanikoff, Vorsitzender des Bundes jüdischer Soldaten, später berichtete. Der Geistliche habe geantwortet, dass er diese Bitte »mit ganzem Herzen« erfüllen werde. Er hielt sein Versprechen. Nachdem die Nazis Frankreich 1940 besetzt hatten, wollten sie das jüdische Denkmal abreißen. Der entschlossene Widerstand nicht nur des Geistlichen, sondern auch weiterer Honoratioren und der Lokalbevölkerung verhinderte dies jedoch. Nach der Befreiung wurde allerdings festgestellt, dass die Besatzer die hebräischen Buchstaben des stacheldrahtumzäunten Monuments mit Zement zugeschmiert hatten.

Eigentlich war auf dem Gelände des Beinhauses auch eine kleine Moschee für die muslimischen Gefallenen geplant. Dieses Bauvorhaben wurde jedoch 1926 aus Geldmangel aufgegeben. Erst 2008 wurde tatsächlich ein Denkmal für die muslimischen Soldaten – ein marokkanisches Regiment hatte Fleury befreit – fertig gestellt.

Nach Ende des Krieges durften die Einwohner von Fleury und Douaumont nicht in ihre zerstörten Dörfer zurückkehren. Mehr als 120 000 Hektar Land beziehungsweise Schlachtfelder wurden zu »roten Zonen« erklärt, in denen zunächst drei Aufgaben bestanden: Die Leichen und Überreste von gefallenen Soldaten mussten gefunden und wenn möglich beerdigt werden. Dazu galt es, Tierkadaver zu beseitigen, die die Wasserquellen vergifteten. Die tierischen Überreste wurden zunächst vergraben, was zur weiteren Verseuchung der Böden führte. Die Kampfmittelräumung gehörte ebenfalls zu den anstehenden Arbeiten.

In der deutschen Öffentlichkeit wurden diese Kriegsschäden kaum erwähnt, lieber empörte man sich über die Höhe der Reparationszahlungen, die man als völlig ungerechtfertigt ansah. Daran hat sich nicht allzu viel geändert: Der deutsche Wikipedia-Eintrag zu den »roten Zonen« besteht zu einem guten Drittel aus einer Schilderung der Kriegshandlungen an der Westfront sowie einem wesentlich kürzeren Absatz über die derzeitige Situation, in dem die Folgeschäden nur in einem knappen Satz geschildert werden.

Dabei hatte sich in Frankreich sehr schnell herausgestellt, dass diese Zonen lange Zeit unbewohnbar bleiben würden. Bereits im April 1919 wurde ein Gesetz erlassen, wonach alle Flächen, die nicht sofort gereinigt werden konnten, von den Behörden enteignet werden durften und Grundstücksbesitzer entschädigt werden mussten. Anscheinend hielten sich jedoch nicht alle ehemaligen Bewohner an das Verbot, in ihre Dörfer zurückzukehren, denn die Volkszählung von 1931 ergab für die sechs Kommunen, die offiziell den Status »gestorben für Frankreich« tragen, noch 133 Einwohner – von insgesamt 1 276 im Jahr 1911. Seit 1946 beträgt die Einwohnerzahl von Fleury-devant-Douamumont offiziell null. Villages détruits, zerstörte Dörfer, heißen die nicht wieder aufgebauten Ortschaften in der Amtssprache. Die zerstörten Dörfer an der Maas, Beaumont, Bezonvaux, Douaumont, Louvemont, Fleury-devant-Douaumont, Haumont, Ornes und Vaux et Cumières haben jedoch immer noch eigene Postleitzahlen, Ortsschilder und sogar eigene Bürgermeister sowie jeweils einen dreiköpfigen Rat. Erstmals wurden diese Repräsentanten anlässlich der Kommunalwahl 1919 vom Präfekten des Maas-Gebiets ernannt.

Sie bestimmen über unbewohnbares, teilweise stark verseuchtes Land. In den immer noch »roten Zonen«, die unter anderem im Maas-Gebiet und an der Somme liegen, sind Flora und Fauna auch nach 100 Jahren noch beeinträchtigt, unter anderem kommen weniger Pilz-, Farn- und Tierarten vor als in vergleichbaren Gegenden. Da in Patronen, Granaten und Bomben verwendete Metalle wie Kupfer, Quecksilber, Blei und Zink nicht biologisch abbaubar sind, vergiften sie weiterhin den Boden. Dazu kommen die chemischen Kampfstoffe wie das aus Chlorgas und Phosgen bestehende Grünkreuz, das von deutschen Truppen erstmals 1915 in Ypern eingesetzt wurde. Dutzende Tonnen Kampfmittel werden jährlich von den ehemaligen Schlachtfeldern geräumt. Untersuchungen in den Jahren 2005 und 2006 ergaben, dass in den am stärksten betroffenen Gebieten immer noch bis zu 300 Granaten auf 10 000 Quadratmetern stecken – allein in den obersten 15 Zentimetern der Erdschicht. Nach Schätzungen des mit der Aufgabe betrauten Zivilschutzes wird es bei gleichbleibendem Tempo der Räumungsarbeiten noch 700 Jahre dauern, bis alle Gebiete sicher sind.

Einige wenige Stellen der »roten Zonen«, unter anderem in Ypern und im an der Maas gelegenen Woëvre, dürfen immer noch nicht betreten werden. Dort sterben 99 Prozent aller Pflanzen an Arsenvergiftung. 19 Prozent des dortigen Erdreichs bestehen einer Analyse der Universität Mainz zufolge aus dem hochgiftigen Element. Aber auch in den nicht derart vergifteten »roten Zonen« sind nur wenige Aktivitäten erlaubt. Streng verboten sind Jagd und Landwirtschaft. Nicht alle halten sich an die Vorschriften, obwohl immer noch Blindgänger im Boden liegen. In den Lebern der Wildschweine in den Wäldern von Verdun werden noch heute überaus hohe Mengen von Schwermetallen nachgewiesen.

Neben der Kampfmittelräumung sind in den »roten Zonen« lediglich Waldarbeiten und Tourismus erlaubt. Der sich besonders an regnerischen Tagen aufdrängende Eindruck, dass man in Fleury und den anderen aufgegebenen Ortschaften buchstäblich über Leichen geht oder in menschlichen Überresten versinkt, täuscht nicht: Immer noch gibt der Boden dort jeden Monat bis zu 500 Knochenteile frei. Manche Touristen scheint das nicht zu stören, ganz im Gegenteil. In den Wäldern um Verdun ist es Warnschildern zufolge nicht nur verboten, abseits der Wege zu gehen, sondern auch, Überreste von Menschen als Souvenir mitzunehmen.

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