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Jonas Engelmann: Die Kurzgeschichten des Comiczeichners Adrian Tomine

Die Traurigkeit der Randständigen

Adrian Tomine ist einer der bedeutendsten Comiczeichner der Gegenwart. Seine Kurzgeschichten begeistern durch ihre Subtilität und das Einfühlungsvermögen ihres Schöpfers.

von Jonas Engelmann

Es fällt mir wirklich nicht leicht, darüber zu reden, aber ich muss es einfach loswerden … Sonst belastet es mich die ganze Zeit und es wird nur noch komischer, wenn ich irgendwann versuche, es zur Sprache zu bringen«, erklärt die Protagonistin in Adrian Tomines Story »Amber Sweet«. Die frappierende Ähnlichkeit mit einem Internet-Pornostar hat ihr über Jahre hinweg das Leben zur Hölle gemacht und lässt ihr auch in der Gegenwart keine Ruhe, zwingt sie dazu, sich neuen Bekanntschaften gegenüber immer wieder neu zu erklären.

Die namenlose junge Frau ist eine der Personen, in deren Leben die Leser in Tomines soeben auf Deutsch erschienenem jüngsten Comic für einen kurzen Moment eindringen. Es geht um einschneidende Erlebnisse und Entwicklungsphasen, nach denen die Figuren nicht mehr die gleichen sind wie zuvor.

»Eindringlinge« ist die Sammlung von sechs zuvor in Tomines Comicmagazin Optic Nerve erschienenen Comics treffend betitelt, denn als ein solcher Eindringling fühlt man sich als Leser immer wieder, wenn sich die Abgründe der Leben anderer vor einem auftun und nach dem Weiterblättern einfach nicht wieder verschwinden wollen.

Während andere Comiczeichner sich Mühe geben, die Nachfrage nach abendfüllenden Graphic Novels zu befriedigen, nach immer opulenteren und umfangreicheren Geschichten, hat sich der 1974 im kalifornischen Sacramento, geborene Tomine nach einem Abstecher in die Gefilde breiter angelegten Erzählens mit dem großartigen Werk »Halbe Wahrheiten« darauf besonnen, was ihm am besten liegt: das kleine Format. Trotz der Kürze seiner Short Stories, die zwischen acht und 25 Seiten umfassen, hat sich Tomine für die sechs Geschichten in »Eindringlinge« viel Zeit gelassen. Seit der Veröffentlichung von »Halbe Wahrheiten« 2007 hat der in Brooklyn lebende Tomine neben den Storys für Optic Nerve, in dem fast alle seine Arbeiten zuerst erscheinen, vor allem Albencover und Tourplakate für Bands wie The Eels, TV On The Radio oder The Softies gestaltet, aufsehenerregende Titelseiten für den New Yorker gezeichnet sowie ein ebenfalls kürzlich auf Deutsch erschienenes Büchlein über seine Hochzeit, »Szenen einer drohenden Heirat. Ein voreheliches Memoir«. Die finanzielle Unabhängigkeit, die sich aus den Auftragsarbeiten ergeben hat, schlägt sich in der künstlerischen Freiheit nieder, die seine Comics prägt. Tomine muss keinerlei Erwartungen erfüllen, weder inhaltlich noch formal.

Das Magazin Optic Nerve, das er bereits seit seinem 17. Lebensjahr herausgibt und das seit 1995 im renommierten kanadischen Comicverlag Drawn & Quarterly erscheint, gibt Tomine den Raum, ohne Zeitdruck experimentieren zu können. Diese Freiheit merkt man den Storys, die stilistisch weit auseinandergehen, deutlich an. Mit den in »Eindringlinge« versammelten Geschichten hat er seinen Stil perfektioniert, sie gehören zum Besten, was er bisher gezeichnet hat. Und obwohl sie zwischen 2011 und 2015 in Ausgaben seines Magazins erschienen sind, wirken die Geschichten wie aus einem Guss, zusammengehalten von einem roten Faden der Beschäftigung mit Tod, Trauer, Verlust und Fragen der Identität.

Der Band eröffnet mit »Eine kurze Geschichte der ›Hortiskulptur‹ genannten Kunstform« über den Landschaftsgärtner Harold. Der ist frustriert von seinem Job, von den Erniedrigungen, die er als Dienstleister der Besserverdienenden erfährt, und verliert sich in dem Traum, sich als Künstler zu verwirklichen. Eine neue Kunstform, eine »Synthese von Natur und Handwerk«, von Skulptur und Pflanze, ist seine Vision, die er »Hortiskulptur« tauft. »Also eigentlich ist es wie ein riesen, äh … wie heißt das noch gleich? Kresse-Igel«, kommentiert ein Bekannter auf einer Party zur Bestürzung des künstlerisch veranlagten Gärtners.

Harold ist die Karikatur eines missverstandenen Künstlers, der letztlich einsehen muss: »Himmel noch eins, die Dinger sind aber auch scheußlich.« Er hat recht, bis zu dieser Erkenntnis sind allerdings einige Jahre vergangen, Harold und seine Frau haben inzwischen eine Tochter bekommen, die man nebenbei heranwachsen sieht, und mit der gemeinsam der Künstler im letzen Panel seine Skulpturen zerstört. »Eine kurze Geschichte der ›Hortiskulptur‹ genannten Kunstform« ist im Stil eines Zeitungscomics gezeichnet, jeweils vier Panels bilden die schwarzweißen Strips der Werktage, die mit einem Gag enden, jeder siebte Strip, der »Sonntagsstrip«, ist farbig und umfangreicher.

Während Tomine vordergründig im klassischen Format des Comics über die Freiheiten und Unfreiheiten des Lebens als Künstler reflektiert, über das Gefangensein zwischen Brotjobs und Selbstverwirklichung und über die Ignoranz seiner Mitmenschen gegenüber vermeintlich minderwertigen Kunstformen – eine Ignoranz, die auch Comiczeichnern nicht unbekannt sein dürfte –, widmet er sich nebenbei auch ganz anderen Fragen und Problemen. Von tiefsitzendem Rassismus und Vorurteilen erzählt er, von Selbstzweifeln, dem Älterwerden und den Zwängen des Kapitalismus – subtil, ohne den Leser mit der Nase darauf zu stoßen, und aus ungewohnten Perspektiven.

Tomine, als Asian American selbst Angehöriger einer Minderheit, die mit Alltagsrassismus zu kämpfen hat, wie er in einigen seiner früheren Comics beschreibt, zeigt mit Harold einen durchschnittlichen weißen Amerikaner, dessen Ehe mit einer Afroamerikanerin nach wie vor keine Selbstverständlichkeit darstellt. Nicht für die Mehrheitsgesellschaft und auch nicht für die Eltern von Harolds Frau – wohl aber für den Zeichner Tomine, der dies nicht in den Mittelpunkt der Geschichte rückt, sondern eben subtil miterzählt.

Es sind diese angedeuteten, unter der Oberfläche erzählten Geschichten, die Tomines Comics so besonders machen und mit jedem Lesen neue Erkenntnisse und Perspektiven eröffnen. Während Tomine in seiner ersten Story die Aufmerksamkeit des Lesers immer wieder auf die Selbstüberschätzung Harolds als Künstler lenkt, bleibt am Ende der Lektüre doch vor allem die vermeintliche Nebenfigur seiner Ehefrau mit ihren realen Ängsten und Zweifeln hängen. Ohnehin ist Tomine einer der wenigen männlichen Zeichner, die Wert auf differenzierte weibliche Figuren legen, die Frauen weder als Sexobjekt noch als anderes Klischee zeichnen, sondern sich deren Innenleben ebenso behutsam annähern wie dem der männlichen Protagonisten. So auch in der längsten Geschichte in »Eindringlinge«: »Vorwärts, Owls« erzählt von einem Loser namens Barry, der sich als Kleindealer durchschlägt und die weibliche Protagonistin, die gerade ihre Wohnung verloren hat, bei sich aufnimmt. Barry stellt sich als selbstsüchtiger, übergriffiger Lügner heraus, mit dessen Scheitern im Leben man als Leser nur schwerlich Mitleid haben will. Die Traurigkeit seiner Freundin über die Abgründe des Lebens hingegen bleibt stets nachvollziehbar. Wenn sie auch durch die physische Präsenz des ständig vor sich hinplappernden Barry schier an den Rand der Aufmerksamkeit gedrängt wird, ist es doch wiederum sie, deren Charakter nach dem Lesen bleibt. Ihre Einsamkeit, in den feinen Nuancen ihrer Mimik von ­Tomine eingefangen, hinterlässt einen tiefen Eindruck.

»Ich wollte unsichtbar sein. Mich verflüchtigen«, beschreibt auch die Erzählerin in der kürzesten Geschichte, »Übersetzung aus dem Japanischen«, ihre Gefühle. Auch hier ist es eine Frau, die sich mit ihrer Rolle und dem Gefühl auseinandersetzt, an den Rand gedrängt zu werden – und die versucht, ihre Überforderung angesichts der an sie herangetragenen Erwartungen in Worte zu fassen. Auf nur acht Seiten entfaltet sich in an Fotografien erinnernden Einzelbildern die Reise einer Mutter mit ihrem Kleinkind von Japan nach Amerika, wo der Vater sie erwartet, um dort ein neues Leben zu beginnen.

Die farbigen, aufgeräumten, klaren Panels stehen im Kontrast zur Unaufgeräumtheit der Mutter, zu der Unsicherheit, die sie angesichts des neuen Lebens verspürt, und den Zurechtweisungen ihres Mannes. Sie ist in den Panels nicht zu sehen, bleibt ebenso unsichtbar wie der Rest der Familie, aus dem Off legt sich lediglich ihre Stimme in Form eines Briefes an ihren Sohn über die Bilder: »Ich frage mich, wie alt du wohl bist, da du dies liest. Wie lange bin ich schon fort? Hast du irgendwelche Erinnerungen an unsere Zeit dort drüben, an den Versuch eines anderen, unbekannten Lebens?«

Die Aufmerksamkeit, die Tomine den Mechanismen schenkt, mit denen Frauen nach wie vor an den Rand gedrängt werden und gegen die Dominanz ihrer männlichen Umwelt ankämpfen müssen, macht ihn zu einem der wenigen explizit feministischen Zeichner der Comicszene.

Neben diesem Fokus auf der weiblichen Psyche, den Ausgrenzungs- und Unterdrückungsmechanismen, die auf sie einwirken, nimmt Tomine auch verletzte Männer in den Blick. In der wohl beeindruckendsten Geschichte des Bandes – Chris Ware, einst wichtiges Zeichnervorbild für Tomine, spricht in seiner Rezension des Buches im Guardian sogar davon, es sei die beste Comic-Short-Story, die jemals gezeichnet wurde  – führt Tomine all diese Themenstränge zusammen. »Kaltes Wasser« zoomt in eine Kleinfamilie hinein, die vordergründig mit Alltagsproblemen zu kämpfen hat. Die Tochter Jesse, ein leicht stotternder Teenager, träumt von einer Karriere als Stand-up-Comedian. Bei ihrer Mutter findet sie Unterstützung, ihr Vater bleibt skeptisch und bremst sie aus: »Ich habe was gegen Blamagen.«

Während Jesse dennoch zaghaft mit geklauten Witzen Bühnener­fahrung sammelt, erzählen die Bilder jenseits dessen eine weitere ­Geschichte, die dem tragikomischen Bestreben der Tochter, über sich selbst hinauszuwachsen, eine todtraurige Note gibt. In den Bildern vollzieht sich das langsame Sterben der Mutter an Krebs, angedeutet in Erschöpfung, einem Kopftuch und schließlich einem Stützstock. Ihre Krankheit wird weder von ihr noch vom Vater oder der Tochter angesprochen, zu schmerzhaft erscheint jedes Wort darüber. Schweigen ist es auch, das den Tod der Mutter andeutet: Ein weißes Panel in der Mitte der Geschichte. Was darauf folgt ist ein Kampf mit dem Alltag, den die Hinterbliebenen ebenso wenig bewältigen können, wie sie es schaffen, über ihre eigene Trauer und Verletztheit zu sprechen.

Tomines Fokus liegt vollständig auf den Personen, die Hintergründe im Bild sind lediglich in Umrissen angedeutet. Nur wenn die Umgebung Bedeutung für die Protagonisten ­erlangt, etwa ein gerahmtes Bild der verstorbenen Mutter am Ende des Comics, materialisiert sie sich vollständig. Für die Figuren verschwimmt die Umwelt angesichts der Realität des Todes, sie rückt in den Hintergrund, in die Bedeutungslosigkeit. Der Vater-Tochter-Konflikt stellt sich als Unfähigkeit heraus, die eigene Trauer zu bewältigen, die Bühne wird zum Fluchtpunkt, der Schmerz des Scheiterns zur kleinen Erlösung. Vater und Tochter täuschen sich gegenseitige Stärke vor, um dem anderen den Verlust leichter zu machen. Und doch deuten die Bilder am Ende ein Überwinden der Distanz an, bevor der Zeichner wieder aus der Situation herauszoomt. Erlösend ist dieser Moment für den Leser nicht, das Gefühl, ein Eindringling in fremde Leben gewesen zu sein, bleibt bestehen – lange noch wirkt der Comic nach.

Adrian Tomine: Eindringlinge. Aus dem amerikanischen Englisch von Björn Laser. Berlin 2016, Verlag Reprodukt, 120 Seiten, 24 Euro

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