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Moritz Wichmann: Micha Brumlik im Gespräch über alte und Neue Rechte

»Multikulturalismus, Immigration und Islam sind ihre Hauptgegner«

Micha Brumlik ist emeritierter Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt und momentan Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Der Erziehungswissenschaftler und Publizist sprach mit der »Jungle World« über alte und Neue Rechte, über Heidegger und die Resakralisierung politischer Herrschaft.

Interview: Moritz Wichmann

Die Neue Rechte orientiert sich am eurasischen Projekt und am Ethnopluralismus. Worum geht es dabei?

Die Neue Rechte legt einen starken Akzent auf kulturelle Identität, aber versteht sich so, dass sie nicht rassistisch ist. Sie sagt nicht, die eine Kultur ist höherwertig als die andere, sondern Kulturen sind grundsätzlich verschieden. Keine ist höher als die andere, aber jedes Volk ist gehalten, seine eigene kulturelle Identität gegen Einflüsse von außen, also Wanderungsbewegungen, moralischen Universalismus und gegebenenfalls auch Menschen- und Bürgerrechte zu verteidigen.

Das eurasische Projekt ist ein Gegenprojekt zu dem, was man als die atlantische Zivilisation bezeichnen kann, also die Beziehungen zwischen den USA und Europa, die westliche Aufklärung und die Zeit seit der französischen und amerikanischen Revolution. Demgegenüber denken die Eurasier in Großräumen, die von Sibirien bis nach Moskau oder Kiew reichen, die keine liberale Tradition haben. Dies ist ein Denken, das sich ganz stark am am konkreten Raum orientiert und weniger an Ideen und Prinzipien.

Diese Fokussierung auf Raum nennen Sie ja als zentrales Merkmal des Denkens der Neuen Rechten. Dabei kritisieren Sie die Raumvergessenheit des westlichen liberalen politischen Denkens und der Linken.

Wir im Westen konnten es uns in den letzten Jahren leisten, über Fragen wie Grenzen, Räume, Siedlungen, Demographie und Bevölkerung nicht nachzudenken, wir mussten uns da keine Sorgen machen. Jetzt sind wir mit der sogenannten Flüchtlingskrise im Rahmen der Globalisierung sehr unsanft darauf gestoßen worden, dass Raum tatsächlich eine Rolle spielt. Wir haben dafür bisher keine Konzepte, es sei denn die der Stadtsoziologie. Da gibt es Überlegungen, wie Räume gerecht gestaltet werden sollen. Um die Fragen nach größeren Maßstäben, wo es um Territorien und Staaten geht, hat sich die Linke in den letzten Jahren nicht gekümmert.

Gibt es Parallelen zwischen dem Denken der Neuen Rechten und dem mancher postkolonialer Denker?

Es gibt eine Strömung innerhalb der postkolonialen Theorie, die sagt, dass westliches Denken Ausdruck eines imperialen Eurozentrismus ist – das sind Überlegungen lateinamerikanischer Denker – und dass es demgegenüber darauf ankäme, die ursprünglichen Kulturen wiederzuentdecken, sie stark zu machen und zu verteidigen gegen die Ideen des westlichen Liberalismus und Universalismus. Das halte ich bei aller Kritik am eurozentrischen Imperialismus für falsch. Auch der Widerstand gegen eurozentrischen Imperialismus motiviert sich weniger aus einem Denken des Eigenen als aus einem Denken, dass alle Menschen Prinzipien haben, sich ihrer Identität, ihrer Herkunft bewusst sind, sich ihrer Lebenswege frei und freiwillig versichern wollen. Diese Kritik am Eurozentrismus zehrt selbst noch von seinen Grundüberzeugungen. Aus indigenen und traditionellen Weltbildern kann man nicht so argumentieren.

Welche Rolle spielt der Philosoph Martin Heidegger für die Neue Rechte?

»Dasein« und »verstandenes menschliches Leben« ist immer völkisch-ethnisch, argumentiert Alexander Dugin (russischer Philosoph und Publizist, Anm. d. Red.) unter Berufung auf Heideggers »Sein und Zeit«. Menschen haben keine eigenen individuellen Lebensentwürfe, sondern sind immer eingebunden in das Schicksal eines Volkes. Das war der Heidegger von 1927. Durch die Herausgabe der »Schwarzen Hefte« Heideggers wurde deutlich, dass er ein überzeugter ideologischer Antisemit und rassistischer Nationalsozialist gewesen ist, wenngleich er den Begriff Rassismus zurückgewiesen hätte. Ein überzeugter Anhänger des NS-Staates aber ist er schon gewesen. Das schwächt natürlich die Berufung der Neuen Rechten – die sich ja irgendwie vom Nationalsozialismus absetzten will – auf diesen Philsophen. Deswegen gibt es derzeit so eine heftige Diskussion um Heidegger.

Was sind die »Schwarzen Hefte«?

Das sind die von Heidegger selbst als Ende seiner Werkausgabe geplanten Aufzeichnungen aus den dreißiger und vierziger Jahren. Da geht es unter anderem darum, was sich im Kriege abgespielt hat und worin das Schicksal des europäischen Judentums bestand. Da gibt es empörende Aussagen, etwa dass der Holocaust gewissermaßen Ausdruck der »Selbstvernichtung des Jüdischen« sei. Theoretiker wie Peter Trawny oder die italienische Philosophin Donatella Di Cesare haben herausgestellt, dass man Heideggers späte Philosophie nicht nur zufällig oberflächlich, sondern vom Grundansatz her antisemitisch ist. Des Öfteren wird in den »Schwarzen Heften« das Jüdische auch mit den sogenannten »Machenschaften« identifiziert. Machenschaften, das ist die Technik, die den Planeten unterwirft, und die wird damit dem Judentum zugerechnet. Das ist deswegen interessant, weil der Planet, die Erde, die Machenschaften – diese Begrifflichkeiten der Neuen Rechten zugleich so etwas wie ökologische politische Ziele an die Hand geben.

Sie haben gesagt, dass Heidegger den Begriff Rassismus ablehnen würde und sich der Ethnopluralismus als nichtrassistisch versteht. Aber kann man das so einfach voneinander abgrenzen?

Das wird eben probiert. Ethnopluralisten und Identitäre würden sagen: »Wir sagen nicht, dass unsere eigene Kultur, in diesem Fall die Deutsche, besser oder höher ist. Aber es ist das Eigene, als solches ein Wert und gegen Einflüsse von außen, durch die Globalisierung, durch Migration, durch Immigration, durch den Islam zu verteidigen.«

Als weiteren zentralen Bestandteil des Denkens der Neuen Rechten nennen Sie das Bemühen um eine Resakralisierung politischer Herrschaft.

Da beziehe ich mich auf einen esoterischen Denker aus Italien, einen Mann namens Julius Evola, der die italienischen Faschisten und Mussolini zeitweise von rechts kritisiert hat. Er meinte, dass moderne Gesellschaften im Verfall begriffen seien, weil sie keinen Begriff des Heiligen mehr hätten, und das seit 2 000 Jahren. Einen solchen Begriff des Heiligen, der die Menschheit an etwas Höheres bindet, schaffe man nur durch eine Form der Sakralisierung, der Heiligsprechung von Herrschaft. Er rechtfertigt damit eine naturgegebene Aristokratie. Dabei fällt auf, dass das der Teil der Ideologie der Neuen Rechten ist, der bisher von den identitären Strömungen noch nicht als »ernst« angesehen wurde. Der Glaube an etwas wie aristokratische Prinzipien, ohne dass die meisten Identitären bisher in der Lage gewesen sind, zu benennen oder zu sagen, wer diese aristokratischen Kreise sind oder sein können, die je nach Möglichkeit die politische Herrschaft übernehmen sollten.

Wie würde so eine Resakralisierung konkret aussehen? Was für ein politisches Projekt wäre damit verbunden?

Das politische Projekt beinhaltet den Glauben an politiche Bünde, verschworene Gemeinschaften, die sich selbst darauf verpflichten, ein Leben zu führen, dass diesen ethnokulturellen identitären Zielen dient. Es geht um so etwas wie eine bündische Hingabe an neue politische Ziele.

In diesem Zusammenhang wird von »Demotie« gesprochen.

Das kommt von Alexander Dugin, der sagt, Demokratie sei eine bestimmte Form von Abstimmung und Mehrheiten. Bei der Demotie soll es um das Volk gehen. Aber wie das Volk dann politisch gestaltet ist, das kann in herkömmlicher Weise demokratisch sein, muss es aber nicht. Man kann sich da auch unterschiedliche Formen autoritärer Herrschaft vorstellen. Dugin behauptet, der Begriff der Demotie sei weiter gefasst als der der Demokratie. Wobei er durchaus der Meinung ist, dass die westlichen liberalen Verfassungen nicht demokratisch sind, weil sie die individuellen Bürger- und Menschenrechte oft über den Mehrheitswillen der Bevölkerung stellen.

In welchem Zusammenhang steht die Politik des rechten Aufbegehrens zur neurechten hegemonialen Politik in Deutschland?

Wenn man sich die Gruppen in Deutschland und Österreich ansieht, kann man sagen, die stehen in einem engen Zusammenhang. Auf der einen Seite gibt es so etwas wie neurechte Think Tanks, Zeitschriften und Publikationen, die bemüht sind, auf einem relativ hohen intellektuellen Niveau diese Ideen, über die wir gerade gesprochen haben, zu propagieren. Diese Gruppen predigen aber auch, dass es an der Zeit sei, Widerstand zu üben gegen Multikulturalismus, Immigration und Islam. Das sind die drei Hauptgegner, gegen die Widerstand geübt werden soll, das verbindet sich mit einer politischen Theorie, die pseudokapitalismuskritisch davon ausgeht, dass es im Interesse des internationalen Kapitals läge, ganze Bevölkerungen auszutauschen, um bessere Verwertungsbedingungen zu schaffen. Hier schließt diese Theorie an linke Überlegungen an.

Wie kann die Linke auf diese Herausforderung durch das »eurasische Projekt« und die Neue Rechte reagieren?

Wir müssen uns Gedanken um den politischen Raum machen. Ob und überhaupt wie, oder vielleicht auch nicht, Grenzen eine bestimmte Rolle spielen und ob und was für Projekte wir haben, um eine multikulturelle, auch eine migrantische Bevölkerung in ein gemeinsames, in ein multikulturelles migrantisches liberales Projekt zu integrieren. Wir müssen deutlich machen, dass der politische Raum, den die Linke verteidigt – sowohl in Europa als auch transatlantisch – vielfältige Identitäten und Lebensentwürfe zulässt, und zeigen, dass Veränderung diesen politischen Raum nicht schwächt, sondern ihn stärken kann.

Sie haben sich mit Armin Nassehis These auseinandergesetzt, dass »rechts und links keine Alternativen mehr sind«. Gibt es bei ihm Anknüpfungspunkte an die Konservative Revolution Ende der zwanziger Jahre?

Nassehi ist anders, das ist kein totalitarismustheoretisches Argument. Er ist ja Schüler des Soziologen Niklas Luhmann und sagt, die gesellschaftliche Komplexität ist sowohl europäisch-national als auch weltweit so hoch, dass man Gesellschaften einfach nicht mehr nach einem oder zwei Prinzipien beurteilen kann. Und einer seiner Hauptkritikpunkte, die er gegen die Linke verwendet, ist, dass sie links dächten und redeten, aber faktisch rechts lebten. Ich kenne selbst viele Leute, linke, ökologisch und grün gestimmte Menschen, die dennoch ihre Kinder in christliche Privatschulen schicken oder diejenigen sind, die zu den Vielfliegern gehören. Da gibt es ein Problem: Kann man ein linkes Prinzip tatsächlich leben und die Gesellschaft durchsteuern? Nassehi sagt nein. Ich stimme dem nicht unbedingt zu, aber es ist etwas, über das man nachdenken kann. Die Gegenrechnung ist, dass die objektive Verfasstheit der globalisierten Welt mitsamt ihren Kapitalverhältnissen einfach nicht mehr so ist, dass man demgegenüber völkisch-identitär ausschließlich leben kann.

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