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Markus Ströhlein: Small Talk

»Eingedampft auf eine Einzelperson«

»Das Motiv aber konnten wir nicht sicher feststellen«, sagten die Richter bei der Urteilsverkündung im Prozess gegen Rolf Z. Sie verurteilten den Angeklagten Anfang der Woche wegen des Mordes an dem Briten Luke Holland zu elf Jahren und sieben Monaten Haft. Z. hatte den 31jährigen im September 2015 vor einer Bar in Berlin-Neukölln erschossen. Z. stand auch auf einer Verdächtigenliste im Mordfall Burak Bektaş. Bektaş war 2012 ebenfalls auf offener Straße in Neukölln erschossen worden. Die Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş hat den Prozess gegen Z. beobachtet, Jens Reiche gehört zur Initiative und hat mit der Jungle World gesprochen.

Small Talk von Markus Ströhlein

Welche Erkenntnisse hat der Prozess gebracht?

Wir haben erfahren, dass in der Ringbahnstraße dieser Altnazi Rolf Z. wohnte, der NS-Devotionalien hortete. 2006 gab es bei Z. eine Hausdurchsuchung, bei der sich eine Hitler-Büste und eine Fahne der Naziband Landser in seiner Wohnung befand und die Polizei illegale Munition sicherstellte. Sein Umfeld wurde völlig ignoriert und das Verfahren eingestellt. Zudem wussten wir nicht, dass in der Akte zum Mord an Burak Bektaş bereits im Dezember 2013 Z. als möglicher Tatverdächtiger genannt wurde. Die Polizei kontaktierte den Hinweisgeber nur telefonisch und interessierte sich nicht weiter für den Tipp. Wir wussten ebenfalls nicht, dass Z. in der Tatnacht bereits seine Gefährlichkeit unter Beweis gestellt hatte.

Unmittelbar vor dem Mord an Luke Holland?

Ja. Er besuchte das Apfelfest in Oranienburg. Er wirkte offenbar etwas orientierungslos auf dem Gelände, so dass ein junger Mann mit Rastas, der wohl landläufig als linksalternativ gelten würde, ihn zum Bahnhof brachte. Dort angekommen hielt Z. dem jungen Mann etwas Spitzes an den Hals. Der ging davon aus, dass es ein Messer war. Dann jagte Z. ihn über den Bahnsteig, der junge Mann flüchtete über die Gleise. Als die Polizei kam, unterzog sie Z. einem Alkoholtest. Er hatte fast drei Promille. Die Beamten durchsuchten ihn, fanden kein Messer und setzten ihn in die S-Bahn nach Berlin – nicht etwa in eine Ausnüchterungszelle. All dies wussten wir vor dem Prozess nicht in dieser Exaktheit. Die Polizei hätte drei Mal Zugriff auf Z. haben und so den Mord an Holland unter Umständen verhindern können.

Fremdenfeindlichkeit war den Richtern zufolge nicht als Motiv nachzuweisen. Wie gut wurde dies untersucht?

Es wurde zwar erwähnt, dass sich in der Wohnung des Angeklagten Nazidevotionalien befanden. Dies wurde jedoch nur als Sammelleidenschaft bewertet. Dann gab es die Aussagen des Freundeskreises, denen zufolge Z. sich für die NPD aussprach, sich über die arabischen und türkischen Läden in seiner Gegend aufregte und darüber, dass auf der Straße kein deutsch gesprochen werde. Wenn ein Gericht das nicht hören will, ist aber nichts zu machen. So wurde der Mord entkontextualisiert. Stattdessen sollen Z.s Besuche in der Kneipe Del Rex, vor der der Mord geschah, ein Zeichen der Weltoffenheit gewesen sein.

Luke Hollands Eltern sind von rassistischen Motiven überzeugt. Gibt es die Möglichkeit weiterer ­juristischer Schritte?

Die Nebenklage könnte das Urteil anfechten. In diesem Fall lautet der Richterspruch aber auf Mord. Eine strengere Verurteilung ist also nicht möglich. Aber es war gut, dass die Eltern während des Prozesses anwesend waren. Sehr oft wird in Verhandlungen, in denen es um Nazigewalt geht, den Opfern unterstellt, sie hätten ebenfalls ein wenig Dreck am Stecken. Ähnliches ist auch bei Luke geschehen: Er sei als DJ ein Ruhestörer gewesen, war in Boulevardmedien zu lesen. Die Eltern haben verhindert, dass ein falscher Eindruck entsteht.

Hat das Urteil indirekte Auswirkungen auf den Fall Burak Bektaş?

Die Ermordung von Burak Bektaş und die lebensgefährliche Verletzung seiner beiden Freunde wurden komplett herausgehalten. Mögliche Zusammenhänge wurden ignoriert. Das ist sehr ernüchternd. Die Tat wurde eingedampft auf eine Einzelperson, die sich für den Zeitraum 1933 bis 1945 interessiert und nur ein einziges Mal auffällig wurde, nämlich mit dem Mord an Luke Holland.