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Bernhard Torsch: US-amerikanische Sportler beziehen Stellung gegen Trump

Organisierte Linksverteidigung

Ungewöhnlich deutlich drücken US-amerikanische Athleten, Trainer und Funktionäre ihr Missfallen über Donald Trumps Wahlsieg aus – allerdings nicht in allen Sportarten.

von Bernhard Torsch

Stan Van Gundy ist Cheftrainer des dreimaligen NBA-Titelgewinners ­Detroit Pistons. Am Tag nach den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen kommentierte der Basketballcoach deren Ausgang so: »Wir haben soeben einen offen misogynen und rassistischen Anführer gewählt. Das ist beschämend. Ich habe mich schon für viele Dinge, die in diesem Land passiert sind, geschämt, aber noch nie für das Land selbst. Bis heute.« Andere Basketballtrainer äußerten sich ähnlich, und auch etliche Spieler drückten ihre Bestürzung über Donald Trumps Triumph in Interviews und in den sozialen Medien aus. Steve Kerr, Coach der Golden State Warriors, sagte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Associated Press: »Ich hatte gedacht, wir wären besser als das.« Carmelo Anthony, einer der herausragenden Spieler der New York Knicks, fragte sich öffentlich, wie er das Wahlergebnis seinem neunjährigen Sohn erklären solle. Fast im gesamten US-amerikanischen Profisport war der Schock, den Trumps Erfolg ausgelöst hatte, deutlich vernehmbar.

Einzelne Sportler hatten sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu gesellschaftlichen und ­tagespolitischen Fragen geäußert. Die große Mehrheit von Spielern und Funktionären war aber ostentativ apolitisch, geht es in ihren Sport­arten doch um richtig großes Geld, um Werbeverträge, Ticketverkäufe und den Absatz von Devotionalien. Entsprechend wollten sie es nach Möglichkeit vermeiden, allzu klare Standpunkte einzunehmen, um ­keinen Fan und möglichen Kunden vor den Kopf zu stoßen. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Einerseits schien das Land mit der zweimaligen Präsidentschaft Barack Obamas sein altes Versprechen einzulösen, doch noch zur »Great Society« zu werden, die Lyndon B. Johnson einst versprochen hatte, also zu einer Gesellschaft ohne Diskriminierung, strukturelle Gewalt und Rassismus. Andererseits zeichnete sich in Gestalt von Tea Party und Alt-Right ein reaktionärer bis rechtsextremer backlash ab, der Nichtweiße, Frauen, sexuelle Minderheiten und andere Gruppen wieder auf die ihnen vormals zugedachten Plätze unter der Fuchtel einer weißen heteronormativen Herrschaft verweisen wollte. Die Erfolge emanzipatorischer Kämpfe und ihre Gefährdung sorgten für eine Politisierung von Bevölkerungsteilen, die ­eigentlich bereits abgeschrieben worden waren, da viele angenommen hatten, sie würden ihre postdemokratische Entmachtung einfach hinnehmen. Das Vordringen von LGBTI-Anliegen in den Mainstream und das neue Erwachen antirassistischen Bewusstseins ermutigten viele, wieder in Zusammenhängen zu ­denken, die im von Reagan, Clinton und Bush ökonomisch wie intellek­tuell verwüsteten Land als erledigt gegolten hatten. So kam es, dass die unterschiedlichen sozialen Bewegungen immerhin ahnten, dass ihre jeweiligen Einzelerfolge ohne ein größeres umklammerndes Konzept ­immer fragil bleiben würden. Das ist der Grund, warum man in den vergangenen zwei Jahren in den USA wieder vom »Sozialismus« reden konnte, ohne als »Commie« von der Bühne gebuht zu werden.

Im amerikanischen Profisport sind Menschen, die aus benachteiligten Bevölkerungsgruppen stammen, weitaus stärker vertreten als zum Beispiel im Showbusiness, weswegen ihre Aussagen und Taten häufig deutlich links in dem Sinne sind, dass sie nicht allein auf kosmetische Korrekturen abzielen, sondern ein ­System hinterfragen, aus dem Rassismus, Homophobie und der durchaus mit militärischen Mitteln geführte Kampf gegen die Armen erst entstehen. Colin Kaepernick vom American-Football-Team San Francisco 49ers begründete seine Weigerung, zur Nationalhymne aufzustehen, nicht nur mit Polizeigewalt gegen Schwarze. Er werde weiterhin zur Hymne knien, statt zu stehen, solange »Menschen in diesem Land unterdrückt werden«, gab er zu Protokoll. Auf seinem Instagram-Account ­postet er Bilder von Malcom X und Fidel Castro. Andere Stars wie der Footballspieler Michael Bennet, die Kampfsportlerin Ronda Rousey und die Boxlegende Sugar Shane Mosley unterstützten Bernie Sanders’ Versuch, die Demokratische Partei während des Wahlkampfs weiter nach links zu wenden.

Auffallend ist, dass sich viel mehr Spieler und Trainer aus der NBA, der National Basketball Association, offen und kritisch zum Rechtsrutsch in den USA äußern als ihre Kollegen vom Football. Während ganze NBA-Mannschaften ankündigten, Trump-Hotels zu boykottieren, wirken die Auftritte Kaepernicks trotz etlicher solidarischer Nachahmer eher wie die Handlung eines Einzelnen. Das hat womöglich mit der autoritären Tradition im Football zu tun. Football-Coaches werden in der amerikanischen Populärkultur nicht ohne Grund häufig als herrschsüchtige Tyrannen karikiert. Unter Trainern und Spielern ist die Ansicht verbreitet, Football sei ein kontrollierbareres Spiel als Basketball, weswegen der Autorität des Trainers traditionell ein höherer Stellenwert eingeräumt wird als im Basketball. Vielleicht ist es aber auch so, wie es Chris Kluwe, ein ehemalige Punter der Minnesota Vikings, ausdrückte: »Die NFL-Trainer sind verdammte Feiglinge, die glauben, ein Kinderspiel sei wichtiger als die Gesundheit des Landes, durch die das Spiel überhaupt nur existieren kann.«

Die USA wären freilich nicht die vielfältige Nation, die sie sind, wenn es nicht auch etliche Prominente aus dem Bereich des Sports gäbe, die sich für Trump aussprechen. Zu seinen Unterstützern gehören zum ­Beispiel der frühere Boxprofi Mike Tyson, der Baseballspieler Clay Buchholz von den Boston Red Sox, der Basketballspieler Dennis Rodman und der Golfer John Daly. Auffallend ist, dass sich besonders viele längst im Ruhestand befindliche ältere Männer als Trump-Fans öffentlich in Erscheinung getreten sind. Das korreliert mit dem, was Wahlforscher über Trumps Wählerschaft herausgefunden haben. Die ist überwiegend etwas älter und in dem Sinne weiß, als sie sich mit den Werten und Idealen des Wasp, des weißen angelsächsischen Protestanten, identifiziert. Sie geht in die Kirche, zahlt ungern Steuern und denkt von sich, alles aus eigener Leistung geschafft zu haben. Sie hat große Angst vor dem ­Abstieg, ortet die Gefahr aber nicht im krisenhaften Charakter des Systems, sondern in Menschen, denen sie, egal ob tatsächlich oder nur in ihrer Phantasie, etwas abgeben sollen.

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