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Volkan Agar: Ein Besuch bei Kärntens Rechten und Linken

Grillhähnchen und Gartenzwerge

Der längste Wahlkampf der österreichischen Geschichte ist zu Ende, nach elf Monaten wurde am Sonntag der neue Bundespräsident gewählt. Ein Rückblick auf die vergangenen Monate und eine Reise nach Kärnten, eine Hochburg der FPÖ, in der sich aber auch linke Inseln befinden.

von Volkan Agar

Wer nicht Tracht oder Lederhosen trägt, fällt hier auf. Das Festgelände am Fuß der barocken Wallfahrtskirche Maria Loreto ist ein einziger Heuhaufen, gesäumt von unzähligen hölzernen Speise- und Schankständen, vor denen sich Kärntner Familien mit angereisten Rentnergruppen mischen. Vor einer Bühne üben ein paar Dutzend Frauen zu Countrymusik eine Choreographie ein, dahinter toben Kinder auf einer Hüpfburg. »Gackern« heißt das zehntägige Fest, für das die Ostkärntner Gemeinde St. Andrä bekannt ist. Zehntausende Besucherinnen und Besucher kommen jährlich zu dieser Veranstaltung im August, die von der Gemeinde sowie der lokalen Geflügelindus­trie ausgerichtet wird. Als besonderen Gast zählte das »Gackern« in diesem Jahr den Bundespräsidentschaftskandidaten der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), Norbert Hofer.

An der Theke des Stands »Gasthaus Pöltl« saß Viktor, der Besitzer des Trachtenladens »Lavanttaler Trachtenmode«, und trank seinen Spritzer, eine Weißweinschorle. »Dieses Mal wird die FPÖ, wird Hofer gewinnen«, sagte er siegessicher über die bevorstehende Wiederholung der Bundespräsidentschaftswahl. Grund dafür sei nicht, dass man in Kärnten etwa »Probleme mit Asylanten« habe. Seine Sympathien für Hofer begründete er wie viele andere: »Wir brauchen einen jungen und dynamischen Präsidenten, der was verändert. Deswegen Hofer.« Ein Tattoo in Frakturschrift zierte seinen rechten Unterarm: »Meine Ehre heißt Treue«, der Wahlspruch der SS.

Nur neun Kilometer nördlich von St. Andrä, in der 25 000 Einwohner zählenden Gemeinde Wolfsberg, blickten Frauen und Männer mittleren Alters von einem Golfplatz aus neugierig auf das Treiben am Eingang einer blau und gelb gestrichenen stillgelegten Mühle. Einige Ankommende aus Wien oder Graz, junge und alte Wolfsbergerinnen und Wolfsberger wurden an einem Stand mit T-Shirts und Jutebeuteln begrüßt, bekamen Flugblätter in die Hand gedrückt und weißgepunktete Bänder an die Handgelenke geschnürt. Tagsüber Workshops, die »Brauchen wir einen neuen Antifaschismus?« oder »Stop Deportations!« hießen, abends Konzerte österreichischer, italienischer und kroatischer Bands, die Post-Punk, Industrial oder Synthwave spielten – das war das Programm des Sommerfests der »Anteaters Against Every­thing«. Zum ersten Mal fand diese Mischung aus Politcamp, Landurlaub und Festival zweitägig statt, mit über 200 Besucherinnen und Besuchern fiel das Fest dieses Mal viel größer aus als in den beiden ersten Jahren – mit dem »Gackern« kann es allerdings noch lange nicht mithalten. Während die letzten Autos geparkt und Programmhefte eingesteckt wurden, begann der erste Workshop über die Wertkritik bei Karl Marx.

Einsame Ameisenbären

Seit 2009 bespielt der Verein »Container25« die Mühle in Wolfsberg als Veranstaltungsraum. Auf Initiative lokaler Künstlerinnen und Künstler stellte die Eigentümerin die stillgelegte Mühle zunächst für Konzerte und Ausstellungen zur Verfügung. 2011 gründete sich dann das Kollektiv »Anteaters Against Everything«, hinter dem knapp zehn junge Erwachsene stehen, von denen wenige in Wolfsberg geblieben und die meisten zum Studieren nach Wien oder Graz gezogen sind. »Unsere Konzerte und Ausstellungen waren schon immer jenseits des Mainstream«, sagt Christof Volk, 40 Jahre, Sozialarbeiter mit Dreitagebart und Mitbegründer von Container25. »Das Politische kam aber erst mit den Anteaters so richtig rein«, fügt er hinzu. »Anteater« heiße Ameisenbär auf Englisch, so Marlene Radl, die in Wien Politikwissenschaft studiert und ihre Basecap rückwärts trägt. »Das ›against‹ kommt von den Spaceinvaders«, sagt der Dritte, Markus Gönitzer, Student der Geschichtswissenschaft. Die »Spaceinvaders«, Mosaikbilder des französischen Straßenkünstlers Invader, sind als Stickermotive bekannt, mit der Ergänzung »against racism«, »against sexism« oder »against nationalism« kleben sie auf Straßenschildern und Laternen in österreichischen und deutschen Städten.

Alle Kollektivmitglieder kennen sich von der Schule. Der Name »Anteaters Against Everything« soll den Versuch ausdrücken, in Wolfsberg und im Kärntner Land eine Gegenkultur zu etablieren. Das ist kein leichtes Unterfangen im südlichsten und ärmsten Bundesland Österreichs, das Wirkungsort von Jörg Haider war und politisch so weit rechts steht wie wenige andere Bundesländer – auch Jahre nach dem Tod des Kärtner Landeshauptmanns ist es noch bekannt als »Haiderland«.

Als Alexander Van der Bellen die erste Stichwahl der Bundespräsidentschaftswahl im Mai mit 50,3 zu 49,6 Prozent der Stimmen – nur 30 000 Stimmen Vorsprung – gewann, wurde das knappe Ergebnis als Zeichen für eine tiefe Spaltung der österreichischen Gesellschaft gewertet. In Kärnten fiel das Ergebnis damals mit 58,1 Prozent der Stimmen sehr viel deutlicher aus – zugunsten Hofers. Bei der Wahlwiederholung vom Sonntag, die Van der Bellen wieder für sich entscheiden konnte, ist Kärnten mit 54,6 Prozent der Stimmen für Hofer nach dem Burgenland das Bundesland mit dem zweithöchsten Simmenanteil für den Rechtsextremen. Nach dem erneuten Wahlsieg Van der Bellens sprach Eva Glawischnig, die Vorsitzende der Grünen, von einem »historischen Tag«, einer »historischen Zäsur« im Namen der Demokratie.

Dem Rechtsextremismus treu

Für Kärnten wäre solch ein Urteil nicht nur unangemessen, sondern fahrlässig. Dessen Verstrickungen mit dem Rechtsextremismus sind kein Geheimnis. In Kärnten treffen sich jedes Jahr ehemalige Wehrmachts- und SS-Angehörige, Heimat- und Kameradschaftsverbände, Burschenschafter und Neonazis an einem 20 Meter hohen Eisenkreuz, der »Heimkehrergedenkstätte« auf dem Ulrichsberg. Die Mär von Treue, Ehre, Tapferkeit und der kollektiven Unschuld Österreichs an den NS-Verbrechen wird hier jedes Jahr aufs Neue heruntergebetet. »Des Soldaten Ehre ist seine Treue« steht auf einer großen Tafel der Gedenkstätte – eine Abwandlung des SS-Wahlspruchs. Bis 2009 beteiligte sich das österreichische Bundesheer mit Blaskapelle und Shuttleservice an der geschichtsrevisionistischen Veranstaltung, bis bekannt wurde, dass der geschäftsführende Vorsitzende der »Ulrichsberggemeinschaft« im Internet Nazidevotionalien verkauft hatte. Proteste seit Anfang des Jahrtausends sorgten dafür, dass das Treffen zuletzt an Bedeutung verlor.

Kein Wunder, dass sich die »Anteaters« vor allem mit NS-Aufarbeitung in Kärnten beschäftigen. Wer ihre Mühle betritt, gelangt in einen großen Veranstaltungsraum, in dem abends die Konzerte des Sommerfests stattfanden. An einer Wand hängen ein Transparent mit einem Ameisenbären und der Aufschrift »It’s not my revolution if I can’t dance« und drei Gartenzwerge, die ihre rechten Arme zum Hitlergruß erheben. Von der gegenüberliegenden Wand streckt ihnen ein anderer Zwerg den Stinkefinger entgegen. Dazwischen hängen drei weitere Zwerge, die Augen, Ohren und Mund verschließen. »Ein Kunstwerk«, sagt Markus Gönitzer. Erst kürzlich veranstaltete das Kollektiv Workshops in örtlichen Schulen, in denen der Forscher Andreas Peham über Rechtsextremismus und NS-Geschichte referierte. Vor der ersten Stichwahl im Mai luden die Kollektivmitglieder Peham in den Container25 ein. Nach dessen Vortrag hätten Interessierte aus der Gemeinde gemeinsam mit den regelmäßigen Besucherinnen und Besuchern der Mühle leidenschaftlich diskutiert, erinnert sich Radl – darüber, was »rechtsextrem« bedeute und wie rechtsextrem die FPÖ sei. »Das Schöne ist, dass wir hier generationenübergreifend arbeiten«, sagt sie. »Wenn du so etwas in Wien veranstaltest, kommen immer dieselben 20- bis 30jährigen. Hier kamen sogar unsere Großeltern.« Am Abend, wenn die Bands auftreten, reiht sich die ältere Generation vor der Bar auf und schaut den Jungen beim Tanzen zu, einige wippen zur Musik. Es gehe nicht darum, aufs Land zurückzukommen »und den Leuten hier zu erzählen, wie beschissen ihre Ideologien sind«, sagt Gönitzer. Es gehe »ein bisschen in Richtung politische Bildungsarbeit«, beschreibt er die Tätigkeit und das Ziel des Kollektivs.

Das Kollektiv steht vor einer großen Aufgabe. Es richtet sich gegen den »Kärntner Konsens«. Die in Kärnten dominante Erinnerungskultur ist geprägt vom »Kärntner Abwehrkampf« 1918 bis 1920. Damals kämpfte die provisorische Kärntner Landesregierung gegen Truppen des jugoslawischen Königreichs um Gebiete im Südosten des heutigen Bundeslandes. Per Plebiszit entschied sich die Bevölkerung später für die Zugehörigkeit zu Österreich, auch viele Angehörige der Minderheit der Kärntner Sloweninnen und Slowenen taten das. Minderheitenrechte, die damals versprochen wurden, wurden bis heute nicht gewährt. Lange Jahre politischer Auseinandersetzungen, inklusive des »Ortsschildstreits«, liegen zurück. Die Geschichte der deportierten Kärntner Slowenen und jene der Partisaninnen und Partisanen, die sich widersetzten, hat noch immer keinen Platz im kollektiven Gedenken der Kärntner Bevölkerung.

Abwehrkämpfe

Beim »Gackern« erklärte der Wirt Alfred Reichl, was man unter Kärntner Normalität verstehe. Während der Trachtenhändler Viktor noch die unfaire Berichterstattung über Hofer beklagte, erzählte der Mittsechziger und pensionierte Polizist Reichl, der beim diesjährigen »Gackern« mit gebeugter Haltung im Familienbetrieb aushalf: »Die Leute in Kärnten sind nun einmal national eingestellt.« Das habe auch, aber nicht nur mit dem Abwehrkampf zu tun, sondern gegenwärtig vor allem mit dem Versagen der beiden Volksparteien SPÖ und ÖVP, die für die Stagnation verantwortlich seien. Wem er bei der Stichwahl im Mai seine Stimme gegeben hat, wollte er nicht verraten. Er erzählte aber einen Witz, über den sich auch andere Anwesende freuten: »Solange es Bäume gibt, hängt die Grünen an ihnen auf!« Am benachbarten Stand wurde ein anderer Festgänger seinen Frust über die deutsche Migrationspolitik los. »Die Merkel« habe eigentlich immer gute Arbeit geleistet, sagte der Mann, der vor einigen leeren Weingläsern stand und gerade noch sein Gleichgewicht bewahren konnte, »bis sie letzten Sommer einfach die Grenzen aufgemacht und die ganzen Asylanten reingelassen hat«.

In Wolfsberg beim Sommerfest der »Anteaters« lief ein Film über den Partisanenwiderstand in Kärnten. Andere saßen draußen und unterhielten sich über eine Demonstration in Feldkirchen in Kärnten: Nur zwei Dutzend Personen seien am vorigen Tag zu einer Demonstration aus Anlass eines Angriffs auf vier Flüchtlinge gekommen, der sich dort vor kurzem in einer Kneipe zugetragen hatte. Die Täter seien einschlägig bekannt. Trotzdem habe die Staatsanwaltschaft Klagenfurt das Strafverfahren gegen sie eingestellt, erzählte ein Besucher aus Wien kopfschüttelnd.

Gegen den Container25 habe es bisher weder Angriffe noch offene Anfeindungen gegeben, sagt Sozialarbeiter Volk: »Wir sind ganz gut bei der Wolfsberger Bevölkerung angekommen.« Die jüngere Generation teilt diese Einschätzung nicht. »Vielen ist der Container25 zu radikal, zu politisch«, sagt Radl. Sie erzählt von ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschülern, denen die Mühle nicht ganz geheuer sei, weil man dort »nicht einfach feiern kann, ohne dass irgendetwas politisch inkorrekt ist«. Andere sprächen ablehnend von einer »kommunistischen Hochburg«. Die skeptische Außenwahrnehmung dürfe man »nicht einfach wegromantisieren«, sagt sie. Was sie auch beschäftige: »Wie viel von dem, was wir machen, ist für uns selbst gedacht? Und was davon ist wirklich nach außen gerichtet?« Über die Bundespräsidentschaftswahl wolle man sich hier nicht den Kopf zerbrechen. Dem Kollektiv gehe es darum, dem einfachen Weltbild der Rechten »komplexe Antworten« entgegenzustellen. Es gehe also um mehr als nur Realpolitik. Was das für die Zukunft des Projekts bedeute, können die drei nicht sagen. Erst einmal so weitermachen wie bisher, stimmen sie überein. »Irgendwann kann man sich dann vielleicht mal die Straßennamen im Ort vornehmen. Viele sind nach prominenten Nazis benannt«, sagt Volk. »Das wäre dann aber schon eine größere Nummer.«

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