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Andreas Knobloch: Wie soll es für den kolumbianischen Club Chapecoense nach dem Flugzeugabsturz weitergehen?

Fußballmärchen mit makabrem Ende

Nach dem Flugzeugabsturz in Kolumbien sind es die fußballerischen Rivalen, die Chapecoense helfen – während der Verband ohne Mitgefühl reagiert.

von Andreas Knobloch

Es sollte der größte Tag in der Vereinsgeschichte des brasilianischen Fußballclubs Chapecoense werden. Es wurde der Tag seiner größten Tragödie. Auf dem Weg nach Kolumbien zum Finalhinspiel in der Copa Sudamerica gegen Atlético Medellin, vergleichbar mit der Uefa-Europa-League, zerschellte am 28. November die Chartermaschine mit der Mannschaft an Bord an einem Berg. Bei dem Unglück, das sich beim Landeversuch ereignete, kamen 71 von 77 Passagieren ums Leben, darunter 19 Spieler, der Vereinspräsident Sandro Pallaoro, der Trainer Caio Junior und weitere Mitglieder der Vereinsführung und des Betreuerstabs. Das Spiel wurde umgehend abgesagt.

Die kolumbianische Luftfahrtbehörde geht davon aus, dass Treibstoffmangel zum Absturz des Regionaljets vom Typ Avro RJ85 der Fluggesellschaft Lamia (Línea Aérea Mérida Internacional de Aviación) führte. Bolivianische und brasilianische Medien berichteten, dass die Luftfahrtbehörde im bolivianischen Santa Cruz, wo die Maschine gestartet war, den Flugplan des Piloten mit Hinweis auf die zu knapp kalkulierten Treibstoffvorräte in Frage gestellt habe. Doch der Pilot versicherte, es damit auf jeden Fall bis Medellín zu schaffen. Lamia-Flug 2 933 erhielt die Starterlaubnis. Das ursprünglich offenbar geplante Zwischentanken im nordbolivianischen Cobija war jedoch durch den verspäteten Start am Montagabend nicht mehr möglich, da der dortige Flughafen nachts nicht geöffnet ist. Eine Zwischenlandung im kolumbianischen Bogotá hätte zusätzliche Start- und Landegebühren gekostet. Es wird darüber spekuliert, dass der Pilot, Miteigentümer der Fluglinie, aus Kostengründen darauf verzichtet haben könnte. Lamia hatte sich darauf spezialisiert, südamerikanische Fußballmannschaften herumzufliegen; auch Lionel Messi und die argentinische Nationalmannschaft waren mit dem nun verunglückten Flugzeug schon unterwegs.

Zwei Crewmitglieder, ein Journalist und drei Spieler überlebten den Absturz, zum Teil schwerverletzt. Der 31jährige Abwehrspieler Helio »Neto« Zampier, wurde am Kopf verletzt und musste am Bein operiert werden, wird aber sehr wahrscheinlich seine Karriere fortsetzen können. Linksverteidiger Alan Ruschel, 27, erlitt mehrere Knochenbrüche und Schäden an der Wirbelsäule, wird aber wohl nicht gelähmt bleiben. Ob er jemals wieder Fußball spielen kann, ist dagegen ungewiss. Vor dem Abflug nahm er ein kurzes Handyvideo auf, das ihn freudestrahlend neben seinem Sitznachbarn Danilo Padilha zeigt. Der Torwart, der dem Team im Halbfinalrückspiel gegen den Copa-Libertadores-Champion von 2014, San Lorenzo aus Argentinien, mit der nach Ansicht der Wochenzeitung Semana »spektakulärsten Parade der Clubgeschichte« in der fünften Minute der Nachspielzeit das 0:0 und damit den Finaleinzug sicherte, war ebenfalls lebend aus den Trümmern geborgen worden. Er verstarb aber auf dem Weg ins Krankenhaus. Dem 24 Jahre alten Ersatztorhüter Jackson Follmann wiederum musste das rechte Bein amputiert werden. »Mein Sohn war glücklich in Chapecoense, er identifizierte sich sehr mit dem Club; es ist ein sehr familiärer Club. Mein Sohn war immer sehr familiär«, sagte Jacksons Vater Paulo Follman kolumbianischen Medien. »Die Aussichten für seine Zukunft waren gut, alles war auf einem guten Weg.«

In der Tat: Chapecoense spielte gerade die beste Saison der 43jährigen Vereinsgeschichte. 2009 noch in der vierten Liga, lehrte die Mannschaft Brasiliens Traditionsteams das Fürchten und heimste viel Sympathie ein. In der Liga belegte man vor dem letzten Spieltag Rang neun. Und auch international sorgte Chapecoense für Furore: Beim sensationellen Siegeszug durch die Copa Sudamerica wurden renommierte Clubs wie Independiente aus Argentinien und Junior de Barranquilla aus Kolumbien aus dem Weg geräumt, bevor im Halbfinale San Lorenzo an Torwart Danilo verzweifelte.

Entstanden war Associação Chapecoense de Futebol oder kurz Chapecoense 1973 aus der Fusion der beiden lokalen Vereine Independiente und Atlético Chapecoense. Damit sollte der Fußball in der etwa 210 000 Einwohner zählenden Stadt Chapecó, im südbrasilianischen Bundesstaat Santa Catarina, wiederbelebt werden. Bis auf eine kurze Hochphase Ende der Siebziger dümpelte der Verein aber jahrzehntelang ohne nennenswertere Erfolge in den Niederungen des brasilianischen Fußballs herum. 1995 spielte eine Saison lang immerhin der frühere deutsche Nationalspieler Paulo Rink für Chapecoense, bevor er später bei Bayer 04 Leverkusen auf Torejagd ging. Nach dem drohenden Konkurs und der Rettung durch lokale Unternehmer ging es ab 2009 jedoch steil bergauf. In nur sechs Jahren gelang Chapecoense der Durchmarsch von der vierten in die höchste Spielklasse, in der man in den vergangenen beiden Jahren jeweils im gesicherten Mittelfeld landete.

Der Flugzeugabsturz in Kolumbien sorgte nun weltweit für Entsetzen. Brasiliens Präsident Michel Temer ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Die Beileidsbekundungen aus aller Welt waren beeindruckend: Der Eiffelturm in Paris, die Allianz-Arena in München und die Cristo-Statue in Rio de Janeiro leuchteten in Grün-Weiß, den Vereinsfarben von Chapecoense. Cristiano Ronaldo, Pelé und Diego Maradona schickten Beileidsschreiben, Uruguays Nationalspieler Edson Cavani trug demonstrativ ein Chapecoense-Shirt unter seinem Vereinstrikot von Paris St. Germain. Selbst das Weiße Haus kondolierte.

Wie aber soll es für den Club weitergehen? Schnell wurde die Idee geboren, Chapecoense drei Jahre lang vor sportlichem Abstieg zu schützen. Damit soll dem kleinen Verein mit gerade einmal 5 000 Mitgliedern und einem Jahresbudget von umgerechnet gut zehn Millionen Euro die Möglichkeit gegeben werden, sich neu aufzustellen. Neben der Mannschaft war fast die gesamte Klubführung bei dem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Lediglich zehn Spieler aus dem Kader Chapecoenses waren in Brasilien geblieben und befanden sich nicht an Bord der verunglückten Maschine.

Sämtliche Erstligaclubs Brasiliens boten Chapecoense kostenfrei Leihspieler für die kommende Spielzeit an. Der frühere Leverkusener und Münchener Profi, Zé Roberto, mittlerweile 42 Jahre alt und mit Palmeiras gerade Meister geworden, erklärte sich wenige Tage nach dem Unglück bereit, künftig für Chapecoense aufzulaufen und auf Gehalt zu verzichten – eigentlich hatte er seine Karriere beenden wollen. Auch die bereits zurückgetretenen früheren Weltstars Ronaldinho Gaúcho und Román Riquelme boten sich als Spieler an.

Nur der brasilianische Fußballverband (CBF) sorgte für Kontroversen. Der Präsident Marco Polo Del Nero sprach sich dafür aus, das für die Tabelle bedeutungslose letzte Meisterschaftsheimspiel von Chapecoense gegen Atlético Mineiro nicht abzusagen. Der Klub solle die überlebenden Spieler und Nachwuchskicker einsetzen. Del Nero »hat mir gesagt, diese Partie muss gespielt werden, das wird ein großes Fest«, sagte Chapecoenses Interimspräsident Ivan Tozzo der Zeitung O Globo. Tozzo antwortete dem Verbandspräsidenten: »Wir haben keine elf Spieler.« Mineiros Präsident wiederum sagte, dass sein Team nicht antreten werde.

Großzügig verhielt sich dagegen Südamerikas Fußballverband Conmebol. Er wird Chapecoense aller Voraussicht nach zum diesjährigen Titelträger der Copa Sudamerica erklären. Finalgegner Atlético Medellín hatte bereits kurz nach Bekanntwerden des Flugzeugunglücks dazu aufgefordert, Chapecoense den Titel zuzusprechen. Das war ein sehr selbstloses Angebot: Bei einem Finalsieg wäre Atlético Medellín der erste Club gewesen, der in einem Kalenderjahr die beiden bedeutendsten südamerikanischen Klubwettbewerbe gewonnen hätte. Ende Juli hatten die Kolumbianer schon die Copa Libertadores, die südamerikanische Champions League, gewonnen.

»Chapecoense wird bereits die Titelprämie in Höhe von zwei Millionen US-Dollar erhalten«, sagte Tozzo. Mit dem Geld sowie der Hilfe des nationalen Verbands will sich der Club neu aufstellen. Gegen alle Prognosen hat Chapecoense in dieser Saison Gegner besiegt, die als viel stärker eingeschätzt wurden als die Mannschaft selbst. In den nächsten Jahren kommt aber die größte Herausforderung: Der Verein muss verhindern, von der Bildfläche zu verschwinden. »Doch so schwer es auch sein wird, wir fangen wieder an«, sagte Tozzo. »Die Leute wollen Fußball, die Leute lieben Fußball in Chapecó.«