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Ivo Bozic: über regressive Naturromantik

Das einfache Leben

Die neue Naturromantik ist eine Reaktion auf die derzeitigen politischen und ethischen Wirrungen. Eine Hinwendung zur Natur bedeutet sie nicht.

von Ivo Bozic

Im Magazin Landlust ist das Leben einfach, einfach schön: alte Einmachgläser, dekorative Strohballen, reizende Haarkränze aus duftenden Wiesenblumen; man kann ganz einfach rote Kerzen in rote Äpfel stecken, schon hat man einen romantischen Adventskranz. Den weihnachtlichen Mürbeteig füllen wir einfach »mit fruchtigem Aprikosenmus, zimtiger Nussmischung sowie feiner Orangenfüllung« und in der kalten Jahreszeit stricken wir uns gemütliche Pulswärmer. Ja, hier hat noch jedes Substantiv sein Adjektiv, hier schmeckt’s, hier ist’s gesund, hier ist’s übersichtlich – und besonders wichtig: ganz natürlich.

Allein im zweiten Quartal 2016 verkaufte die Landlust 946 159 Hefte und damit deutlich mehr als Spiegel und Stern. Abgesehen von einigen Fernsehzeitschriften ist sie das erfolgreichste Magazin Deutschlands: ein großer Markt für Idylle. Die Welt jenseits dieser Idylle sieht bekanntlich anders aus: Islamisten, Putin, Trump. Außerdem: Bots, Apps, Algorithmen; »Daten« werden in »Clouds« geschoben, ohne dass man sie anfasst, ja, ohne dass sie haptisch überhaupt existieren. Und die alten Werte – sie gelten nicht mehr. Gott ist tot, die Familie gay, überall Sex und Chemie. Die Ökonomie ist ebenfalls aus den Fugen: Krisen, Crashs, auch die neue Arbeitswelt kennt keine Gewissheiten mehr. Schließlich droht auch noch beständig die Apokalypse: Weltkrieg und Klimawandel.

Da wundert es wenig, wenn Menschen lieber in Magazinen wie Landlust, Landleben oder Landidee blättern. Sie ziehen das einfache, naturverbundene Leben, das stille Glück im heimischen Landhaus oder der auf Landhaus getrimmten Stadtwohnung dem Weltchaos vor. Zumindest als Projektion, als Sehnsuchtsort – denn wer wirklich auf dem Land lebt, also auch arbeitet, dessen Welt besteht weniger aus duftenden Zimtschnecken und wintergrünem Thymian in mediterranen Terrakottatöpfen als aus Traktor, Gülle und Gummistiefeln.

Dass sich heute viele Menschen von der digitalisierten, globalisierten, entwerteten Welt überfordert sehen und deshalb »zurück zur Natur« wollen – während gleichzeitig immer mehr in die großen Städte ziehen –, ist historisch nichts ganz Neues. In der Biedermeierzeit Anfang des 19. Jahrhunderts zog sich das neue Bürgertum, erschrocken von den politischen Wirren jener Zeit, zur Hausmusik in seine schrecklich gemütlichen Wohneinrichtungen zurück. Vor allem aber geschah Vergleichbares in der darauffolgenden Zeit der Industriellen Revolution, als eine ganz ähnliche Verunsicherung um sich griff wie heute. Auch damals verstanden viele die Welt nicht mehr, kamen nicht mit den technologischen Entwicklungen mit, waren von den neuen Maschinen, Verkehrsmitteln und Wirtschaftsformen, dem allgemeinen Wertewandel überfordert.

Damals entstand als Reaktion die Lebensreformbewegung, was eigentlich nur ein Überbegriff ist für eine Vielzahl von Reformbewegungen, denen es darum ging, die vermeintlich drohenden »Zivilisationsschäden« und »Zivilisationskrankheiten« durch eine Rückkehr zu »naturgemäßer Lebensweise« zu vermeiden und zu heilen. Damals etablierte sich die Naturheilkunde, die Reformpädagogik, die Freikörperkultur, Landkommunen verschiedenster Art: völkische, anarchistische, religiöse und esoterische. Die Rohkost und die Vollwertkost erlebten hier ihre erste Hochphase, der Vegetarismus ein Revival. Die damals gegründeten Reformhäuser und der Deutsche Vegetarierbund sind Überbleibsel dieser Zeit.

Auch heute sind es es bei weitem nicht nur städtische »Lohas« aus dem neuen Bürgertum, die zurück zur Natur wollen und damit einen hübsch dekorierten Wintergarten mit Petroleumlampe und selbstgebackenen Dinkelplätzchen meinen. Die Natur ist insgesamt gut angesehen. Die Naturbewusstseinsstudie 2015 des Bundesamtes für Naturschutz zeigte: Am wenigsten Bedeutung messen Männer bis 29 Jahren der Natur bei, doch selbst von ihnen bejahen 70 bis 86 Prozent Aussagen des Inhalts, dass die Natur zu einem guten Leben gehöre, dass sie ihre Vielfalt schätzten und es sie glücklich mache, sich in der Natur aufzuhalten. Bei den über 65jährigen beträgt die Zustimmung 89 bis 97 Prozent.

Allerdings zeigen alle Studien auch ein starkes Gefälle zwischen Naturliebe einerseits und dem Wissen über und dem Engagement für Natur andererseits. Bei einer Umfrage der Deutschen Wildtier-Stiftung von 2015 gaben 22 Prozent der Eltern an, dass ihre Kinder »nie oder fast nie« ein freilebendes Tier zu Gesicht bekommen. Wieland Freund und Richard Kämmerlings diagnostizieren daher in der Welt, ebenso wie Axel Bojanowski im Spiegel eine neue Naturromantik. Natur »als possierlicher Erholungsraum«, Natur als »Sinnersatz«, als »das Andere der Gesellschaft«, als »Projektionsfläche eines unentfremdeten Lebens«. Die Natur, die ist irgendwo da draußen, woanders. Sie wird nicht als Lebensraum angesehen, nicht als Grundlage und Teil unseres Seins, sondern sie wird »besucht«. Ein Zustand, der von der üblichen Umweltpädagogik eher noch verstärkt wird. Die Natur ist demnach immer gut und der Mensch immer böse. Klimawandel, Wasserverbrauch, Pestizide, Regenwaldabholzung – was vermittelt wird, ist: »Der Mensch« möge doch bitte »die Natur« in Ruhe lassen. Dass Kinder Natur so als etwas außerhalb ihrer selbst Stehendes ansehen, wird in Kauf genommen.

Naturromantik und Naturentfremdung widersprechen sich nicht, sondern gehören zusammen: Die Idealisierung der Natur führt eben nicht zu einem rationalen Verhältnis zu ihr und damit auch nicht zu rationalen Handlungen, die etwa dem Schutz der Natur dienlich wären, sondern zu duftenden Zimtschnecken in selbstgetöpferten Schälchen. Oder zu ökologisch völlig irrelevanten Ersatzhandlungen: Benzinsteuererhöhung, Emissionsrechtehandel, Biotomate, Tofuwurst – einem modernen Ablasshandel. Vor allem wird Natur zum Bezugspunkt, wenn persönliche Interessen ethisch aufpoliert werden sollen, wenn etwa Natur und Gesundheit miteinander identifiziert werden. Das tun die Landmagazine, wenn sie suggerieren, dass »natürliche« oder selbst hergestellte Lebensmittel gesünder seien als industriell verarbeitete, was selbstverständlich nicht zu belegen ist. Dasselbe gilt für den Biomarkt und erst recht für die unzähligen Ernährungstrends, die zum Teil sogar unveränderte Neuauflagen der Lebensreformbewegung sind.

Ob Rohkost, bio, laktosefrei, glutenfrei, »clean«, vegetarisch oder vegan: Dass auch diese Ernährungsformen als Reaktion auf das Überforderungsgefühl gegenüber der heutigen Zeit verstanden werden können, erklärt die Soziologin Jana Rückert-John. Sie sagte dem Fernsehsender N-TV: »Die verschiedenen Ernährungstrends fokussieren alle verschiedene Aspekte. Sie präferieren jeweils eine bestimmte Art der Ernährung und schließen eine andere aus. Typisch für alle ist, dass man sich auf bestimmte Produkte oder eine bestimmte Auswahl beschränkt, die dann gegessen werden. Im Fachjargon sind Ernährungstrends Strategien der Komplexitätsreduktion.« Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen, meint, dass tradierte Ordnungssysteme wie Religion und Familie an Bedeutung einbüßen, deshalb verlagere sich die Sinnsuche in die eigene Küche: »Was ich esse, ist eine Facette des Ichs, die ich vergleichsweise leicht selbst bestimmen und ändern kann.«

Das »Zurück zur Natur« dieser Tage, die Glorifizierung des – vermeintlich – Ursprünglichen ist keine Hinwendung zur Natur, sondern die Simulationen einer Natürlichkeit, die es gar nicht gibt. Denn in der Natur ist nichts naturgegeben und unveränderlich. Im eigenen Kühlschrank, im Vorgarten oder Wohnzimmer möchte man eine kleine heile Welt schaffen, inmitten der großen allgemeinen Konfusion. Die rousseausche Hoffnung, dass der Mensch in der Annährung an seinen Naturzustand zu seinem guten Wesen zurückfinde, ist angesichts der politischen Weltlage zwar verständlich. Doch anders als zu Zeiten Jean-Jacques Rousseaus können wir heute wissenschaftlich belegen, dass mit unserer Vorstellung von Natürlichkeit weder Gesellschaft noch Natur »geheilt« werden können. Wollten alle Menschen einen Deko-Strohballen in ihren Vorgarten legen, benötigte man anderthalb Milliarden Tonnen Stroh – das ist doppelt soviel wie jährlich weltweit überhaupt Weizen produziert wird.