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Roland Röder: Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 14.

Konservatives Chamäleon

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 14. von Roland Röder

Wir Kleingärtner sind ordnungsliebend und konservativ; wir wollen keine Veränderung und Unruhe. Es soll alles bleiben wie immer. Veränderung ist der größte Feind. Deshalb sind Parteien wie »Die Linke«, Bündnis 90/Die Grünen, CDU und SPD verkappte Kleingärtner, weil ihnen Ordnung über alles geht. Sie wollen allesamt keine Veränderung in ihrem kleinen Kosmos. Und richtig, sie haben es geschafft, bekommen viel Geld für ihr Getue, aber charakterlich sind sie genauso wie wir Kleingärtner. An uns ist die Planwirtschaft nicht gescheitert. Wir haben unseren Beitrag geleistet.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Eigentlich ist der Kleingärtner ein Chamäleon. Er kann die story der totalen Ordnung erzählen und vor allem entsprechend leben, aber gleichzeitig steht er für totale Veränderung. Er neigt sogar zum anarchistischen Kladderadatsch. Wie das? Insgeheim weiß unsereiner, dass Vielfalt die Welt ernährt und dies im eigenen Garten anfängt. Kein Kleingärtner wäre so bescheuert und würde nur ein oder zwei Gemüsesorten anbauen. Innerhalb weniger Jahre wäre der Boden ausgelaugt und die Schädlinge, die ein Faible für die zwei Gemüsesorten haben, würden sich überbordend vermehren. Ein Kleingärtner, der üppig ernten will – und das wollen alle Kleingärtner –, setzt aus reinem Eigennutz auf Vielfalt.

Nur wir Kleingärtner können die Gesellschaft zusammenhalten. Wo andere trennen und Zwietracht säen, verbinden wir. Kleingärtner sind wie die senilen Nachhaltigkeits- und Lifestyle-NGOs. Also die, die auf der Klaviatur der persönlichen Konsumveränderung spielen und damit die Welt sozialer und ökologischer machen wollen. So als wäre eine bessere Welt käuflich. Wir Kleingärtner ticken ähnlich. Wir tun so, als würden wir mit unseren Gärten Abstand zur großen, bösen Politik halten und machen einen auf Klein-Klein. Die NGO-Fuzzies kaufen sich dumm und dämlich mit Produkten in nachhaltig-grüner Verpackung und fühlen sich dabei sowas von gut und engagiert. Genauso macht es der Kleingärtner: Er baut Erbsen, Bohnen und sonstiges Grünzeug an und hat nichts zu tun mit Monsanto und den anderen aus dem Reich des Bösen. Die Welt ist schön. Das ist wie eine Therapie. Das Leben fängt wieder bei null an, nach all den Schrecken des Alltags. Man ist mit sich im Reinen.

Und wenn eine dieser nachhaltigen NGOs sich dem Thema Garten widmet, dann ist klar, was dabei herauskommt: ein Garten der Migration. Drunter geht es nicht. Und das Ganze gefüllt mit all den großen Wörtern aus der multikulturellen Schatulle: Toleranz, Vielfalt, verschiedene Kulturen, sich begegnen, Dialog – brrrrrrhhhh. Mir bereitet es schon Schmerzen, nur daran zu denken. Nach anfänglichem Medienwirbel zu Beginn des Projekts – »Projekt« ist deren Lieblingswort – hört man immer weniger von den »Gärten der Migration«. Logisch, Migranten haben andere Sorgen. Und die deutschen Betreuungs-NGOs sind auch nicht geschaffen für die Brecht’schen Mühen der Ebene. Aber programmatisch klingt es nicht schlecht.

Wenn ich der Boss wäre und die migrantischen und nichtmigrantischen Gartenfreunde zur Arbeit einteilen dürfte, wäre das eine runde Sache. Und ein bisschen Islam wäre auch okay. Vielleicht hat der normale Islam ja doch irgendwie seine sympathischen Seiten. Immerhin herrscht dort Ordnung.

Denn Ordnung ist das elektrisierende Wort für jeden Kleingärtner. Da horcht unsereiner auf. Ordnung ist noch wichtiger als Ernte. Denn vor der Ernte kommt die Ordnung. Egal wie. Ohne Ordnung ist alles nichts. Das ist Prinzip bei jedem Kleingärtner. Unsereiner liebt Prinzipien. Deshalb haben wir eine himmelblaue Zukunft in einem zerfallenden Etwas, das sich abwechselnd Staat, Familie und Wirtschaft nennt. Mir wird schlecht, wenn ich über all das nachdenke. Ich muss dringend an die frische Luft, zu meinen Hühnern. Die denken nicht so viel, sondern glotzen und scharren vor sich hin, legen ab und zu ein Ei.

Ein kurzer Blick in den Garten: Zurzeit erntbar und direkt essbar sind Grünkohl, zwei Sorten Endiviensalat, Rucola, Mangold und ein kleiner Rest Topinambur. Besser als nichts. Mit diesem Spruch hält sich der Kleingärtner im Jahr über Wasser. Das Leben geht weiter. Geschichte wird irgendwie auch noch gemacht von uns Kleingärtnern. Veränderung und Ordnung sind gleichermaßen die größten Feinde des Kleingärtners. Servus.

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