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Marcel Richters: Die Deutschlandfahne avanciert zum Modeartikel

Deutschland, du mieses Stück Mode 

Zwei Fashionblogger wollen die deutsche Fahne positiv besetzen. Der Versuch kann nur misslingen.

von Marcel Richters

»Warum denn den Idioten die Flagge überlassen, die ja doch auch einen ästhetischen Wert hat?« Das Berliner Modeblog Dandy Diary will gleich klarstellen: Nationalismus ist für Idioten, damit will man nichts zu tun haben. Also zumindest nicht mit diesem schmuddeligen Nationalismus von Pegida oder der AfD. Aber »die Flagge«, das ist die schwarz-rot-gelbe Nationalfahne Deutschlands, die soll angeblich einen »ästhetischen Wert« haben. Schwarz-rot-gold, kennt man ja. Niemand soll sich mehr mit der Deutschlandfahne auf der Brust unwohl fühlen müssen. Schließlich habe der schwarze US-Rapper Kanye West auch die als Symbol der Rassisten des Ku-Klux-Klan geltende Südstaatenflagge zurückgeholt und der Modedesigner Gosha Rubchinskiy könne die russische Fahne ebenfalls ganz unpolitisch für seine Kollektion benutzen.

Was andere können, können wir schon lange, dachten sich wohl Carl Jakob Haupt und David Kurt Karl Roth. Die beiden Modeblogger betreiben Dandy Diary. Sie haben eine Kollektion mit Deutschlandfahnen entworfen, die vom Münchner Label K1X produziert wird. Für Haupt und Roth steht die Fahne für etwas Positives: »Unsere Gewinnertypen, von Rosberg bis ›Die Mannschaft‹« – also ein Rennfahrer und ein Fußballteam, die sind Weltmeister, auf die könne man doch stolz sein. Doch als einer der Macher die Jacke mit der Deutschlandfahne durch Berlin spazieren trug, war das gar nicht schön. »Ich hab mich ganz unwohl gefühlt und wurde angeguckt und bin dann schnell wieder nach Hause gegangen.« Dabei sei eine Deutschlandfahne doch nun wirklich nichts Schlimmes. Und damit ist auch das Ziel von Haupt und Roth umschrieben: Man soll sich endlich wieder wohl fühlen können mit der Deutschlandfahne.

Wenn das ein bisschen nach Revisionismus klingt, dann ist das kein Zufall. Die Macher selbst beschreiben die hinter der Kollektion stehende Idee als eine »geniale Vermischung aus verklärter Erinnerung, Immendorf, Schröder, Kanzler, Adler, Blixa Bargeld und apokalyptischem Experimental-Punk« und freuen sich darüber, dass das »alles so wahnsinnig deutsch und passend« ist. Was noch alles sehr deutsch ist, wird lieber ausgeblendet. Hätten sich Roth und Haupt darüber Gedanken gemacht, wäre ihnen vielleicht klargeworden, warum vor allem Rechte deutsche Fahnen schwenken, warum sie sich beim Spaziergang damit unwohl fühlten und was mit diesem Symbol alles zusammenhängt. Und dann wäre ihnen auch klargeworden, dass sich die drei Farben mit dem Adler nicht so einfach umdeuten lassen.

Es ist immer schwierig, ein einmal besetztes Symbol neu zu deuten. Versuche gab es schon einige. In letzter Zeit waren bei Demonstrationen gegen das Handelsabkommen TTIP oder zum Thema Datensicherheit beispielsweise immer wieder Kraken zu sehen. Das ändert aber nichts daran, dass diese in der Propaganda der Nationalsozialisten und anderer Antisemiten für die vermeintliche jüdische Weltverschwörung standen. Ebenso kann das Hakenkreuz inzwischen wohl kaum noch als »Glückssymbol« wahrgenommen werden, obwohl es diverse Esoteriker immer wieder so darzustellen versuchen.

Woher diese Obsession kommt, verbotene oder negativ konnotierte Symbole zurückgewinnen zu wollen, ist schwierig zu ergründen. Vermutlich ist es die pure Lust an der Provokation. Im Fall von Dandy Diary kommt noch der Marketingeffekt hinzu. Und irgendwie wohl auch die Sehnsucht, endlich wieder Teil einer nationalen Gemeinschaft zu sein, ohne an deutsche Verbrechen erinnert zu werden. In etwa so, wie es der frühere CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß bereits Ende der sechziger Jahre auf den Punkt gebracht haben soll: »Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.«

Nationalfahnen repräsentieren immer ein nationales Konstrukt, mit allem, was dazugehört. Sie helfen Menschen, sich mit einer Nation zu identifizieren – das ist ihr einziger Zweck. Daran wird der ausgefallenste Versuch der Dekonstruktion nichts ändern. Und die Kollektion von Dandy Diary erst recht nicht, denn Fahnen auf Klamotten zu nähen ist nicht besonders originell. Auch nicht, wenn man sie jungen Models anzieht, die mit ihrem heroin chic und ihrer ethnischen Vielfalt wohl das genaue Gegenteil vom klischeehaften Pegida-Demonstranten sein sollen. Dass ein Migrationshintergrund nicht gegen Nationalismus immunisiert, ist unschwer an Menschen wie Akif Pirinçci zu erkennen.

Das alles scheint die Macher des »Deutschland Pack« – so der von Sigmar Gabriels Ausspruch inspirierte Name der Kollektion – nicht zu stören. Sie wollen endlich wieder so unverkrampft wie hip Flagge zeigen können und stolz auf die Gemeinschaft sein, für die die drei Farben stehen.