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Alexander Behr, Tobias Zortea (Text) und Lisa Bolyos (Text und Fotos): Der Umbau der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba und seine Folgen

Eine Stadt aus Wachs und Gold

Äthiopien soll mit rabiaten Mitteln zu einer Industrienation gemacht werden. Gegen die gigantischen Bauvorhaben der autoritären Regierung gibt es jedoch seit Jahren Widerstand, trotz enormer Repression und einem ausgeklügelten Spitzelsystem. In der sich rasant verändernden Hauptstadt Addis Abeba versuchen kritische Künstler und Intellektuelle, ihren Weg zu finden.

von Alexander Behr, Tobias Zortea (Text) und Lisa Bolyos (Text und Fotos)

Es ist spät nachts in Addis Abeba, die Straßen sind wie leergefegt. Am Straßenrand stehen weiß-blaue Ladas, noch 25 Jahre nach dem Ende der sowjetischen Bruderstaatlichkeit ist das die häufigste Automarke unter den Taxis in der äthiopischen Hauptstadt. Auch das Informantennetz könne mit dem der ehemaligen DDR mithalten, ist hier des Öfteren zu hören: Eins zu fünf soll das Verhältnis von Spitzeln zur Normalbevölkerung betragen. Der Vergleich mit der DDR kommt nicht von ungefähr. Der Geheimdienst der Regierung von Mengistu Haile Mariam (1977 – 1991) wurde in Lehrgängen des Ministeriums für Staatssicherheit ausgebildet. Und auch heute noch, unter dem seit 2012 regierenden Ministerpräsidenten Hailemariam Desalegn von der Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front, scheint das Spitzelwesen einwandfrei zu funktionieren.

Dennoch scheuen sich viele Äthiopierinnen und Äthiopier nicht, die Regierung zu kritisieren. »Das große Problem ist, dass sich die Regierung nicht für die Leute interessiert. Statt sich zu überlegen, was sie ändern muss, wird geschossen«, sagt ein Taxifahrer. Doch mittlerweile sei es wieder ruhiger geworden. »Weil die Menschen Angst haben, sind sie ruhig«, erzählt er.

Beyene Tesema* lebt seit den neunziger Jahren in Addis Abeba und unterrichtet an der Kunstuniversität. »Ich würde mich mit Statistiken zurückhalten, aber es ist offensichtlich, dass die Regierung Informanten einsetzt, um das Land unter Kontrolle zu halten. Wenn du was Falsches sagst, riskierst du, verhaftet zu werden«, berichtet

er. »Die Regierung mag wirklich niemand«, bestätigt auch Feysel Tsegaye*, der als Historiker im städtischen Museum arbeitet. Er hat ein abgeschlossenes Studium, konnte aber vier Jahre lang keinen Job finden. Der junge Mann kommt aus der Region Oromia, die Addis Abeba umschließt. Von dort gingen die großen Protestbewegungen der vergangenen Jahre aus. Vor einem Monat wurde sein bester Freund bei Protesten getötet. »Sie sagen Demokratie, aber das ist nur ein Wort, dem keine Praxis folgt. Es ist ganz einfach: Sie regieren mit der Waffe, also sind sie die Stärkeren«, sagt Tsegaye.

Gesten des Widerstands

Grund für die Proteste ist der gigantische Entwicklungsplan der äthiopischen Regierung: Addis Abeba, das je nach Schätzung vier bis sieben Millionen Einwohner hat, soll von Grund auf umgebaut und großflächig erweitert werden. 8 000 Kleinstädte will die Regierung in den ländlichen Regionen aus dem Boden stampfen lassen. Ziel ist es, aus dem Land, in dem rund drei Viertel der 102 Millionen Einwohner in der Landwirtschaft tätig sind, eine Industrienation zu machen – komme, was wolle. Im Jahr 2014 sah der »Masterplan« der Regierung eine Erweiterung von Addis Abeba vor, die weit in die Region Oromia hineinreichte. Ob das leitende Motiv wirklich die Behebung der Wohnungsnot war oder eher der unbürokratische Zugang zu wertvollem Bauland, also amtliches land grabbing, ist nicht klar, Bauern und Studierende aus der Region stellten sich jedenfalls gegen diese Pläne. Im April 2014 begannen Proteste, die sich bis zum Sommer 2016 auf mehrere Regionen des Landes ausweiteten. Die Regierung reagierte mit Waffengewalt. Mindestens 500 Menschen sollen während der Proteste erschossen worden sein. Der »Masterplan« wurde schließlich zurückgenommen, die bisherige Stadtgrenze bleibt bis auf weiteres bestehen.

Doch seit dem 9. Oktober gilt in Äthiopien der Ausnahmezustand. Dieser ermächtigt die Regierung zu weitreichender Repression und zur Inhaftierung unliebsamer Personen. Die Regierung selbst spricht von mehr als 11 600 Inhaftierten, die seit dem 9. Oktober für alle möglichen Vergehen, von Mord und Terrorismus bis zu Regierungsbeleidigung und Flaggenverbrennung, im Gefängnis sitzen. Jede Form von Organisation wird erschwert oder gleich verhindert – zum Wohle der Bevölkerung, wie es heißt. Soziale Medien wie Facebook, Twitter und Whatsapp wurden abgestellt, nur ausgewählte Fernsehsender können empfangen werden, Demonstrationen sind verboten und jede Kommunikation mit Regimegegnerinnen und -gegnern im Ausland wird unterbunden.

Ebenfalls verboten ist es, die Arme über dem Kopf zu verschränken. Diese Geste wurde bei den Demonstrationen der Oromo, der größten Bevölkerungsgruppe in Äthiopien, zum Zeichen des Widerstandes. Spätestens als der Marathonläufer Feyisa Lilesa, der bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro Silber gewann, als Zeichen der Solidarität diese Geste zeigte, erlangte sie Weltberühmtheit. Wie absurd das Verbot ist, zeigt folgendes Beispiel: Ein Freund sei erst kürzlich verhaftet worden, weil auf seinem Facebookprofil ein Foto seines Kindes mit über dem Kopf verschränkten Armen zu finden gewesen sei, erzählt ein Fotograf bei einer Vernissage in Addis Abebas herausgeputztem Stadtteil Bole.

Autoritäres Wachstum

In Arat Kilo, einem anderen Stadtteil der Haupstadt, kann man der Stadtentwicklung mit bloßem Auge zusehen. Jeden Tag scheint ein neues Stück Straße aufgerissen, ein Kanal verlegt, weitere Betonringe gegossen zu werden. Die roten Baustellen-LKW prägen das Straßenbild, sie werden hier wegen der vielen Unfälle, die sie verursachen, mit trockenem Humor Qey Shibir (»Roter Terror«) genannt – nach Mengistus politischer Kampagne, der in den Jahren 1977/78 Hunderttausende Menschen in Äthiopien zum Opfer fielen.

Wie überall auf der Welt dient die gezielte Entwicklung einer Stadt immer auch der sozialen Neuordnung. In Addis Abeba sind die verschiedenen Bevölkerungsschichten nicht in konzentrischen Kreisen je nach Einkommensstärke um ein reicheres Zentrum angesiedelt. Neben Fünfsternehotels stehen einfache Ziegelbauten, hinter dem Campus der Universität beginnt eine Hüttensiedlung, durch die sich enge Gassen winden.

»Die Stadt ist immer schon schnell gewachsen. Aber was im letzten Jahrzehnt passiert ist, gleicht einem Wunder – wobei ein Wunder nicht notwendigerweise etwas Positives ist«, sagt Bisrat Kifle, der in Addis Abeba aufgewachsen ist. Er hat die Stadtentwicklung Tag für Tag mit eigenen Augen gesehen. In den etwas über 30 Jahren seines Lebens haben sich Addis Abebas Fläche und Bevölkerungszahl beinahe verdreifacht. Als Kind ging er zu Fuß zur Schule, später kam der öffentliche Verkehr. Er hat ganze Viertel verschwinden sehen und neue auftauchen. Kifle ist Architekt mit eigenem Büro und einer Stelle an der Universität. Sechs Jahre lang war er im Planungsbüro der Stadtregierung tätig. Heute arbeitet er an einem Videoprojekt, das informelle Wohnsiedlungen dokumentiert. »Ich möchte, dass meine Studierenden aus den Siedlungen für die Planung lernen«, so Kifle. »Man nimmt oft an, dass das Informelle keinen Mehrwert hat, dabei übersieht man aber die vielschichtige Raumnutzung und die sozioökonomischen Strukturen, die den offiziell geplanten Bauprojekten völlig abgehen.«

Ketselawork Seifu, die auf Sheger FM eine panafrikanische Musiksendung produziert, zeigt auf eine Anhöhe hinter ihrem Haus. Hier habe eine Art Künstlerkolonie existiert, viele kritische Musikerinnen und Dichter habe es gegeben sowie Bars und Cafés, in denen sie zusammengekommen seien. Eines Tages kamen die Bagger – die Siedlung musste dem »Entwicklungsplan« weichen. Später habe man gesagt, das sei ein Irrtum gewesen, hier sollte gar nicht gebaut werden. Aber da war die Szene schon zerschlagen. Auch Mimi Workalemahu*, die in Arat Kilo ein kleines Restaurant betreibt, sieht das Ende ihrer Gaststätte kommen. »Ein Jahr« sei die Antwort der Behörden auf ihre Frage gewesen, wie lange die Straße so noch existieren werde. Dann muss auch ihr Haus neuen Bauprojekten weichen, denn für den Grund, auf dem es steht, hat sie keine Eigentumsrechte.

Von Protesten hört man wenig, kein Wunder bei den drakonischen Strafen, die allen drohen, die sich gegen die Pläne der Regierung wenden. Der Architekt Kifle erzählt von einem der wenigen Beispiele von Widerstand gegen eine Räumung. »Diesmal betraf es eine Siedlung in Hana Mariam, im Südosten der Stadt. Die Leute hatten dort jahrzehntelang gewohnt, natürlich ohne ein verbrieftes Recht auf das Land. Es ist hier generell so, dass das Land der Regierung gehört, und wenn du geräumt wirst, steht dir nur eine Ausgleichszahlung für dein Haus zu. Sieht man sich an, woraus viele Häuser gebaut sind, kann man die Höhe dieser Zahlungen leicht ermessen.« Nach Hana Mariam kamen eines Junitages die Behörden, um die Räumung zu verkünden. Doch die Menschen, die dort wohnten, begehrten dagegen auf. »Es gab Tote auf beiden Seiten, es war furchtbar für uns, in dieser Stadt zu leben, wissend, dass so mit den Menschen umgegangen wird«, so Kifle.

Teilen und herrschen

Äthiopien gilt als ein autoritäres Entwicklungsregime, wird gar Entwicklungsdiktatur genannt. »Damit schießt sich die Regierung selbst ins Knie«, sagt Kunstdozent Tesema. »Ohne das notwendige Maß an Demokratisierung kann Entwicklung gar nicht gelingen.« »Natürlich brauchen wir Entwicklung«, meint auch Koki Anbesse*, die vergangenes Jahr an der Kunstuniversität in Addis Abeba graduiert hat und sich nun einen Studienplatz in Mitteleuropa sucht. »Aber es sind nicht die Straßen, die Häuser und die Städte, die wachsen müssen, sondern unser Horizont.« So wie Anbesse versuchen unzählige Menschen, das Land zu verlassen. »Das deutet darauf hin, dass der Wohlstand und die Entwicklung, von denen hier ständig die Rede ist, nicht so wirklich bei den Leuten ankommen«, meint Tesema.

Bis 1991 war Äthiopien ein zentralistisch geführtes Land, das erst nach dem Ende der Regierungszeit Mengistus föderalisiert wurde. Die neue Verfassung sollte den Bundesstaaten und den darin lebenden ethnischen Gruppen politische Mitsprache sichern. Doch es setzte eine Ethnisierung ein, die an das ehemalige Jugoslawien erinnert. Anstatt »die Macht vom Zentrum an die Peripherien abzugeben«, wie Beyene Tesema die Hoffnung formuliert, die in die Föderalisierung gesetzt worden sei, habe die Reform neue Probleme gebracht. Äthiopien wird heute von einer kleinen Elite aus der Bevölkerungsgruppe der Tigray regiert. Die zwanghafte Einteilung in ethnische Gruppen wiederum lässt befürchten, dass politische Konflikte in ethnische überführt werden.

»Früher wussten wir gar nicht, wer von unseren Freunden und Freundinnen aus welcher Volksgruppe kommt«, bestätigt die Künstlerin und Kuratorin Yodi Berhanu*. »Aber jetzt wird das in die Studentenausweise geschrieben. Die Leute fangen an, sich entlang ethnischer Zugehörigkeit zu organisieren, anstatt anhand der Fragen, die sie wirklich beschäftigen. Und damit ist das Ziel auch schon erreicht: Die Regierung will nicht, dass wir gemeinsam die Stimme erheben.« Gemeinsam mit anderen organisiert Berhanu Poetry-Slam-Abende. Unter dem Titel »Wax and Gold« wird dann – je nach Polizeipräsenz – mehr oder weniger offen über die Verhältnisse referiert. »Wachs und Gold« bezeichnet im äthiopischen Sprachgebrauch die Doppeldeutigkeit des Gesagten, die subtile literarische Art, über Dinge zu sprechen, die im Klartext zu benennen politisch nicht opportun ist.

»Alle sind hier mit dem Überleben beschäftigt«, sagt Yodi Berhanu auf die Frage nach ihren Perspektiven. »Die Ressourcen, nachzudenken, sich eine Zukunft auszumalen, kreativ zu sein, die gibt es hier nicht. Die Leute, die dieses Land einmal geliebt haben, geben auf. Und wenn du dich mit ihnen zusammentust, um darüber zu reden, dann stellt dir die Regierung nach. Vielleicht verhaften sie dich. Vielleicht machen sie dir das Leben aber auch nur so unbequem, dass du die Stadt so schnell wie möglich verlassen möchtest.« Auch Berhanu denkt mittelfristig daran, aus Addis Abeba wegzuziehen.

Am Vorplatz des hübschen gelben Bahnhofs »La Gare« in der Innenstadt von Addis Abeba fahren Busse ab. Der Bahnhof selbst ist nur noch Fassade. Wirft man einen Blick hinter das abgesperrte Gebäude, so sieht man aus dem Boden gerissene Schienen – hier kommt so schnell kein Zug mehr vorbei. Schon seit acht Jahren ist die Hälfte der alten Bahnstrecke außer Betrieb. Von Djibouti, dem wichtigsten Wirtschaftshafen für das Binnenland Äthiopien, kommt man mit dem Zug nur noch bis Dire Dawa, eine mittelgroße Stadt im Nordosten des Landes. Im Oktober wurde die neue Bahnstrecke Addis Abeba–Djibouti eröffnet, ab 2017 soll sie auch Personen transportieren. Der neue Bahnhof liegt im südwestlichen Außenbezirk Lebu, die Bahnlinie verläuft wenige Kilometer von der alten entfernt auf einer eigenen Trasse. Sie wurde von verschiedenen chinesischen Bauunternehmen angelegt, die mit Krediten chinesischer Banken in Höhe von vier Milliarden US-Dollar in die Infrastruktur investiert haben. Die chinesische Bauindustrie ist im Stadtbild der äthiopischen Hauptstadt deutlich sichtbar. Allerdings sind es türkische Unternehmen, die mit insgesamt etwa 30 000 Beschäftigten den ersten Platz der Investoren im Privatsektor belegten. Laut türkischem Außenministerium lag das Volumen der Exporte nach Äthiopien im Jahr 2015 bei 383 Millionen US-Dollar, die Importe aus Äthiopien in die Türkei betrugen weniger als ein Zehntel dessen.

»Es ist der neu entstehende Mittelstand, der mit seinem Wunsch nach einem höheren Lebensstandard Privatinvestoren anzieht«, erzählt der Architekt Kifle. Allerdings übt auch das billig verscherbelte Agrarland große Anziehungskraft aus. Hier wird im großen Stil Kaffee angebaut, Baumwolle für die heimische Textilindustrie und Blumen für den europäischen Markt. Äthiopien ist nach Kenia der zweitgrößte Schnittblumenproduzent des Kontinents. »Hungerblumen« sagen lokale Menschenrechtler dazu und fragen, wie es sein kann, dass Europa mit Blumen versorgt wird, während im Land selbst Menschen hungern, weil nicht genug landwirtschaftliche Fläche für die Nahrungsproduktion zur Verfügung steht.

* Namen auf Wunsch geändert.

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