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Ute Weinmann: Realsozialistische Liberalität und Konservatismus ergeben in postsowjetischen Staaten eine interessante Mischung

Obenrum konservativ

Die russische Regierung vertritt ein konservatives Familien- und Gesellschaftsbild, dennoch haben fortschrittliche Ideen der russischen Revolution und der Sowjetzeit ihre Spuren in einigen postsowjetischen Ländern hinterlassen.

von Ute Weinmann

Bald 100 Jahre ist es her, seit die russische Revolution der ganzen Welt vor Augen geführt hat, dass das Zarenreich nicht nur einen Hort des Konservatismus darstellte, sondern gesellschaftliche Umbrüche hervorgebracht hat, die ihresgleichen suchen. Rückständigkeit und Avantgarde gepaart mit einer existentiellen Wut auf die autoritären Machthaber bildeten eine hochexplosive Mischung. Theoretische Reflexionen über ein komplett neues Gesellschaftsmodell gingen somit schneller, als Wladimir Iljitsch Lenin es sich je hätte träumen lassen, unter bolschewistischer Federführung in die praktische Schaffung des Sowjetmenschen über. Man denke nur an den rasanten Wandel von der weiblich dominierten Küchensklaverei zum sogenannten neuen Alltag mit seinen jeglicher Privatsphäre spottenden Wohnheimen und riesigen Kantinen in einer vom Kollektivdasein geprägten Fabriklandschaft.

Nicht nur das Frauenbild hat in jener Zeit einen komplett neuen Anstrich bekommen. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung erhielt erstmals Zugang zu Bildung, denn die frisch sozialisierten Proletarierinnen und Proletarier sollten zumindest des Lesens und Schreibens kundig sein. Die Gründe für die Februarrevolution und ein halbes Jahr später für die Oktoberrevolution sind zwar nicht schwer nachvollziehbar; zumindest von staatlicher Seite ist es im heutigen Russland jedoch nicht gern gesehen, wenn diese offen benannt werden. Demnach werden die Revolutionsfeierlichkeiten im kommenden Jahr wohl ohne Verweis auf wissenschaftlich belegbare historische Zusammenhänge vonstatten gehen.

In seiner jährlichen Ansprache vor der föderalen Versammlung gab der russische Präsident Wladimir Putin Anfang Dezember den Ton vor: »Die Lehren aus der Geschichte dienen uns in erster Linie zur Versöhnung, zur Festigung der gesellschaftlichen, politischen und zivilen Eintracht, die wir heute erreicht haben.« Zwist und die Herstellung von Bezügen zur Vergangenheit sind unerwünscht. Kulturminister Wladimir Medinskij formuliert die Zielvorgabe noch deutlicher: Versöhnung bestehe in der »Anerkennung der Kontinuität der historischen Entwicklung vom russischen Imperium über die UdSSR bis zur Russischen Föderation«. Alle Epochen verschmelzen bis zur Ununterscheidbarkeit, Umbrüche bedürfen keiner Erklärung und werden aus dem kollektiven Gedächtnis ausgeblendet.

Dies gilt ebenfalls für die Perestroika und die sich anschließenden Erfahrungen mit dem postsowjetischen Privatisierungskurs, die in Film und Fernsehen praktisch nicht thematisiert werden. In Medinskijs Kulturuniversum gibt es für diese 15 vermeintlich vergeudeten Jahre keinen Platz. Die Säulen der Macht sind statisch, der Wertediskurs ist konservativ. Im Jahr 2013 fand Konservatismus als neue russische Staatsideologie Eingang in den gesellschaftlichen Diskurs. Dem ging die Ankündigung der politischen Führung voraus, die Gesellschaft müsse durch »geistige Bande« zusammengeschweißt werden. Neben der Propagierung traditioneller Werte und der Demonstration der eigenen moralischen Überlegenheit über den sich von innen zersetzenden westlichen Liberalismus wurde der von oben verordnete Trend insbesondere an einer Reihe skandalträchtiger Gesetzesänderungen deutlich, wie dem Adoptionsverbot russischer Waisenkinder durch US-amerikanische Staatsbürger oder dem Verbot sogenannter Homosexuellen-Propaganda.

Es stellt sich jedoch die Frage, ob die russische Bevölkerung in ihrer Gesamtheit den konservativen Umschwung tatsächlich anstandslos mitträgt. St. Petersburger Sozialwissenschaftlerinnen von der Higher School of Economics zogen in mehreren Studien durchaus widersprüchliche Schlussfolgerungen. Zum einen zeichne sich Russland im europäischen Vergleich durch ein traditionell geprägtes Familienbild mit festen Partnerschaften und Kindern aus, zeige sich aber bei weitem offener als beispielsweise Griechenland, Moldawien oder Georgien. Gleichzeitig legten Russinnen und Russen gerade in Bezug auf vielerorts umstrittene Fragen, wie beispielsweise das Recht auf Abtreibung oder die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare, weitaus mehr Toleranz an den Tag als die Bevölkerung in anderen europäischen Ländern. Insbesondere Frauen sind nicht bereit, auf wesentliche Bestandteile der während der Sowjetzeit errungenen Liberalisierung der Geschlechterverhältnisse zu verzichten, wobei sich unverheiratete Frauen im Übrigen deutlich emanzipierter geben als unverheiratete Männer.

Eine länderübergreifende Vergleichsstudie zum Thema Sexualverhalten und Familienbilder in acht ehemaligen Sowjetrepubliken stellt fest, dass Abtreibungen, Scheidungen und Sex vor der Ehe in Russland, Belarus und der Ukraine auf hohe Akzeptanz treffen. Auch in Kasachstan herrschen vergleichbare Einstellungen vor, während sich Aserbaidschan, Kirgistan, Usbekistan und Armenien deutlich davon abgrenzen. Das Maß an Religiosität spiele bei der Formierung einer konservativen Haltung bezüglich der untersuchten Themen eine weitaus größere Rolle als die Zugehörigkeit zum Islam oder einer christlichen Kirche. Auffällig sei zudem, dass ältere und jüngere Menschen eher zu konservativen Familienwerten tendierten als die Altersgruppe zwischen 35 und 45 Jahren, deren Sozialisierung in die Spätphase der Sowjetunion fiel.

Ganz so einträchtig und gefestigt wie in den oberen Machtetagen gerne verkündet stellt sich die russische Gesellschaft zumindest hinsichtlich Gender-Fragen nicht dar. Geht es beispielsweise darum, ob in Zeiten einer schwindenden Anzahl garantierter Arbeitsplätze Männern eine Priorität auf Berufsausübung eingeräumt werden sollte, sind in der Bevölkerung traditionelle Wertevorstellungen genau so anzutreffen wie eine emanzipative Haltung. Russland befindet sich nach wie vor in der Transformation. Selbst wenn die orthodoxe Kirche vehement versucht, ihren Anspruch als oberste moralische Instanz geltend zu machen, trifft sie durchaus nicht immer auf Zustimmung. Seit geraumer Zeit bemühen sich erzkonservative kirchennahe Vertreter aus der Pro-Life-Bewegung, auf die öffentliche Meinung einzuwirken, um ein gesetzliches Abtreibungsverbot mehrheitsfähig zu machen. Vergebens. Das führte schließlich dazu, dass im September Patriarch Kyrill in einem offenen Brief persönlich sein Votum gegen Abtreibung vorbrachte.

Moralismus, Patriotismus und der Verweis auf eine gemeinsame nationale Kultur sollen die Grundlagen für das neue Selbstverständnis bestimmen. In immer kürzeren Abständen sieht sich die Bevölkerung mit rückwärtsgewandten Vorstößen des Staatsapparats konfrontiert, derer sie sich kaum noch erwehren kann. Mal geht es um die Aufstellung eines Denkmals für Iwan den Schrecklichen, mal um verpflichtenden Religionsunterricht als Kampfmittel gegen den Terrorismus. Der pragmatische Sinn dahinter eröffnet sich erst im Nachgang. Während alle über das Für und Wider dieser Maßnahmen diskutierten, kürzte die unlängst angetretene Bildungsministerin Olga Wasiljewa ihre Ressortmittel für die kommenden Jahre um 20 Prozent.

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