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Charlotte Sophie Meyn: In Kampala fand das erste queere Filmfestival Ugandas statt

Queerer Aufbruch

In der ugandischen Hauptstadt Kampala fand zum ersten Mal ein queeres Filmfestival statt – friedlich und erfolgreich. Allerdings waren strenge Vorsichtsmaßnahmen nötig, denn Homosexualität steht in Uganda unter Strafe und homo- und transphobe Gewalt ist an der Tagesordnung.

von Charlotte Sophie Meyn

Die Veranstaltungsorte werden in einer geheimen Whatsapp-Gruppe mitgeteilt. Die Vermieter der Räumlichkeiten wissen nur, dass ein Filmfest stattfindet, aber nicht, mit welchen Themen sich die Beiträge befassen – es handelt sich um das erste queere Filmfestival in Kampala, vom 9. bis 11. Dezember. Die Türen bleiben während den Veranstaltungen des Queer Kampala International Film Festival (QKIFF) geschlossen, die Besucherinnen und Besucher werden gebeten, sich unauffällig zu kleiden, damit niemand in der Nachbarschaft Verdacht schöpft. Anders könnte dieses Festival nicht stattfinden in einem Land, in dem Homosexualität illegal ist. »Wenn öffentlich bekannt werden würde, was wir hier tun, würde die Polizei das Gebäude stürmen, genauso, wie sie es vor wenigen Monaten bei unserer Pride-Parade getan hat«, sagt ein Besucher des Festivals. »Und die Öffentlichkeit würde vermuten, dass wir hier junge Menschen zur Homosexualität verführen.«

Die Vorstellung Homosexualität sei ein selbst gewählter Lebensstil sei und Schwule versuchten, Jugendliche zu ­rekrutieren, ist in Uganda sehr weit verbreitet. In dem christlichen Land gilt Homosexualität als Sünde; gleichgeschlechtliche Beziehungen seien unafrikanisch, der Kampf für ­LGBTQI-Rechte sei ein Versuch des Westens, seine Werte Uganda aufzuzwingen, heißt es. ­Dieses Argument mutet besonders absurd an, wenn man bedenkt, dass im späten 19. Jahrhundert ein schwuler König, Mwanga II., über weite Teile des heutigen Uganda herrschte. In prä­kolonialer Zeit akzeptierten mehrere ethnische Gruppen verschiedene Formen von Homo- und Transsexualität. Aber das ist heute in Vergessenheit ­geraten.

Ugandische Medien sind voller Verschwörungstheorien: Homosexuelle würden Lehrer bestechen, damit diese ihre Schüler zum Schwulsein erzögen, wird etwa behauptet; Schwule steckten auch hinter den islamistischen Terroranschlägen von al-Shabab. Ein Großteil dieser Vorurteile wurde von fundamentalistischen christlichen Gruppen aus den USA übernommen, die in Uganda missionieren und erheblich zum homophoben Klima beitragen. Prediger wie Scott Lively, der behauptet, die »Homolobby« stecke hinter dem Nationalsozialismus und dem Genozid an den Tutsi in Ruanda, stehen in intensivem Kontakt zur politischen Führungsriege des Landes und unterstützen homophobe Prediger und Politiker auch finanziell. »Wir haben enorm viele Probleme in Uganda«, sagt Hassan Kamoga, einer der Organisa­toren des Festivals. »Hungernde Kinder im Norden des Landes, Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, einen Präsidenten, der seit 1986 an der Macht ist und autoritär regiert. Die Politik schürt gezielt Hass auf Homosexuelle, um von diesen Problemen abzulenken.«

Homosexuelle haben in Uganda mit lebenslänglichen Gefängnisstrafen zu rechnen. Das entsprechende Gesetz stammt noch aus der Kolonialzeit und wird nicht konsequent durchgesetzt, sondern als Druckmittel verwendet. 2009 wurde die Einführung der Todesstrafe für homosexuelle Handlungen in Betracht gezogen; dies scheiterte daran, dass westliche Länder drohten, Uganda die Entwicklungshilfe zu streichen. Gefängnisstrafen von mehreren Monaten, Polizeigewalt und Folter ­gehören aber für viele LGBTQI zum Alltag. Viele von ihnen sind geflohen, die meisten in das Nachbarland Kenia.

Fragt man die Menschen auf dem Festival, was ihrer Meinung nach der Grund für die Homophobie in Uganda ist, so fallen immer wieder zwei Stichworte: religiöser Fundamentalismus und Mangel an Bildung und Information. Viele Uganderinnen und Ugander haben keinen Zugang zum Internet und können nicht oder schlecht lesen. Deshalb haben sich die Veranstalter des Festivals bewusst für den Film als Mittel entschieden, um mehr Menschen zu informieren und dem Hass in ugandischen Medien etwas entgegenzusetzen.

Das Festival ist so auch ein Balanceakt: Einerseits will man nicht nur vor Bekehrten predigen, andererseits muss man sicherstellen, dass niemand der insgesamt rund 350 Besucherinnen und Besucher die Polizei ruft. Deshalb wurden sie sorgfältig ausgewählt, entweder, indem LGBTQI Personen aus ihrem Bekanntenkreis einluden, denen sie vertrauen, oder durch Gespräche. »Wenn jemand Interesse gezeigt hat, haben wir uns erst einmal mit ihm unterhalten«, sagt Veranstalter Kamoga. »Nur wenn wir wirklich den Eindruck hatten, dass die Person offen für neue Informationen ist und uns nicht anzeigen wird, haben wir ihr den Veranstaltungsort mitgeteilt.« Es bleibt trotzdem ein Risiko; überall in der Nach­barschaft wurden Freiwillige platziert, die bereit waren, per Handy zu warnen, sollte sich die Polizei nähern. Aber dazu kam es zum Glück nicht. Das Festival verlief ohne Zwischenfälle.

Kamoga ist nicht nur Organisator des Festivals, sondern auch Regisseur. Sein Film »Outed! The Painful Reality« ist einer der Höhepunkte der Veranstaltung. Er erzählt die Geschichte von Vida, der von einer Zeitung als Schwuler geoutet wird. Innerhalb weniger Tage verliert er seinen Job und seine Wohnung, wird von der Polizei gefoltert und von einem Mob durch die Straßen gejagt. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte: 2010 wurden die Fotos und Adressen von 100 homosexuellen Ugandern in der ugandischen Boulevardzeitung Rolling Stone, die nichts mit dem gleichnamigen Musikmagazin zu tun hat, unter der Schlagzeile »Hängt sie!« veröffentlicht (Jungle World 5/11). Die Geouteten wurden daraufhin Opfer gewaltsamer Attacken. Der Mord an dem Schwulenaktivisten David Kato ­erregte internationale Aufmerksamkeit, aber es gab auch andere Todesopfer, über die in den Medien nicht berichtet wurde – zum Beispiel den Mann, auf dessen Geschichte Kamogas Film basiert. Er wurde von einem wütenden Mob totgeprügelt, angeblich weil er ein Motorrad gestohlen hatte. Seine Freunde sind aber bis heute überzeugt, dass der Grund für die Gewalt gegen ihn seine Homosexualität war; der Mann war wohlhabend und hatte Diebstahl nicht nötig. Eigentlich plante Kamoga einen Dokumentarfilm, die Mutter des Toten wollte aber nicht vor die Kamera treten. Daher entschied er sich, die ­Geschichte zu fiktionalisieren. Die Schauspieler, die er gecastet hatte, weigerten sich mitzuspielen, als sie das Thema des Films erfuhren, also wich er auf Laiendarsteller aus.

Kamogas Film ist einer von gerade einmal drei ugandischen Beiträgen auf dem Festival, neben der lesbischen ­Liebesgeschichte »In the Season of Raw Mangoes« und »She Is My Son«, einem Dokumentarfilm über einen Inter­sexuellen und seinen Vater. Das liegt auch daran, dass das ugandische Kino noch sehr jung ist, erst 2005 entstanden die ersten Filme. Das Land hat keine Filmhochschulen, die Regisseure sind meist Autodidakten. Insgesamt wurden auf dem Festival über 30 Filme aus zwölf Ländern gezeigt, darunter Nigeria, Japan und die USA. Aus Deutschland war unter anderem die Dokumentation »Die Schwulenheiler« im Programm, die zuerst im NDR gezeigt wurde. Viele Filme, deren Aufführungsrechte sehr teuer gewesen wären, wurden dem Festival umsonst zur Verfügung gestellt, da die Filmemacher die ugandische LGBT-Bewegung unterstützen wollten. Das Budget ist begrenzt, insbesondere, da sich das Organisationsteam entschieden hat, kein Eintrittsgeld zu verlangen, um finanziell schwache Zuschauer nicht auszuschließen.

Zwischen den Vorführungen gibt es Diskussionspanels, LGBTI aus Uganda erzählen ihre Lebensgeschichten. Viele haben Ähnliches erlebt, wurden in ihrer Jugend aus mehreren Schulen geworfen, mussten mehrmals umziehen, weil sie von Nachbarn bedroht wurden; Familienmitglieder reden nicht mehr mit ihnen, Freunde brachen nach dem Outing den Kontakt ab. Lesbische Frauen werden unter Druck gesetzt, endlich zu heiraten und Kinder zu bekommen; als kinderlose Frau ist man in Uganda Außenseiterin. Eine Transfrau berichtet, dass ihre Mutter sich irgendwann weigerte, weiterhin ihre Schulgebühren weiterzubezahlen. Um ihre Ausbildung finanzieren zu können, blieb ihr als Ausweg nur die Prostitution. Transpersonen wird oft medizinische Hilfe verweigert. Um dem abzuhelfen, haben einige Aktivisten mittlerweile eine Liste mit ­LGBTQI-freundlichen Ärzten zusammengestellt. Für Transgender ist es in Uganda zudem unmöglich, an Hormone oder gar Operationen zu kommen. Dafür muss man ins Nachbarland Kenia fahren und viel Geld bezahlen.

Die Reaktionen des Publikums sind gemischt. Ein Film, der eine schwule Sexszene enthält, sorgt bei einigen Anwesenden für Empörung. Man könne so etwas nicht zeigen, dies sei wohl eine Veranstaltung, bei der Menschen zur Homosexualität rekrutiert würden. Aber es gibt auch viel positive Resonanz, sowohl bei den LGBTQI-Gästen, die sich von den Filmen verstanden fühlen, als auch von den anderen Besucherinnen und Besuchern. Besonders »The Pearl of Africa«, ein schwedischer Dokumentarfilm über das Leben einer ugandischen Transfrau, sorgt für Aufsehen. Viele der Anwesenden hatten zuvor keine Vorstellung davon, was Transgender ist und wie eine Geschlechts­angleichung abläuft, reagieren auf die neuen Informationen aber überwiegend mit Neugier statt Abwehr. Auch ein Dokumentarfilm über das Leben der 73jährigen US-amerikanischen Transgender-Rechtlerin Miss Major Griffin Gracy kommt gut an. »Nach dem Film sind einige Zuschauer auf mich zugekommen und haben mir ­erzählt, dass sie sehr überrascht waren, eine Transfrau in diesem Alter zu sehen«, berichtet Kamoga später. »Sie dachten, das sei nur ein neuer Lebensstil der Jugend von heute.«

»Dass das Festival so friedlich verlaufen ist, ist ein absoluter Meilenstein«, sagt Moses Twinumujuni, einer der Veranstalter, nach dem Abschluss. »Es zeigt, dass wir optimistisch sein können, dass sich unsere Situation verbessert.« Die Hoffnung ist nicht unbegründet: 2016 kandidierte mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Amama Mbazazi erstmals ein Politiker für das Präsidentenamt, der sich öffentlich gegen Homophobie aussprach. Und das Festival für 2017 ist bereits in Planung. Das nächste Mal, so hofft das Veranstaltungsteam, wird es mehr Beiträge aus Uganda selbst geben.

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