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Cord Riechelmann: Wie konservativ ist die Ökologie?

Ökologie ohne Natur

Der Ökologie geht es um das Bewahren bestimmter Systeme. Wie konservativ ist sie?

von Cord Riechelmann

Die Frage, ob die Ökologie oder der Ökologismus konservativ ist, lässt sich ­relativ leicht beantworten. Ökologie oder die ökologische Kritik an den gegenwärtigen Verhältnissen kann immer dann konservativ oder auch reaktionär werden, wenn sie mit dem alten, aber nach wie vor wirkmächtigen Naturbegriff arbeitet oder sich an ihn bindet. Nach dieser Vorstellung ist die Natur zwar das andere, der Gegensatz zur Kultur, sie ist aber gleichzeitig ein physischer Ort, den man besuchen kann. Sie ist ein Schatz, den man einzäunen oder horten, und eine Wesenheit, die man retten oder der man Gewalt antun kann. In dieser in der Romantik zu voller Blüte gekommenen Vorstellung gilt Natur als etwas der ­verkommenen Kultur Vorgängiges, schwer zu Entschlüsselndes und irgendwie Heileres.

Das Gegenmodell sieht Natur als Geschichte an, was Charles Darwin zumindest für die lebenden Teile der ­sogenannten Natur bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts unternommen hatte. Dass die Vorstellung von der Natur als Geschichte, das heißt, als nicht von der Menschenwelt getrennter, alles andere als allgemein anerkannt ist, kann man sehen, wenn man ein anderes, gerade erschienenes Buch liest: ­Edward O. Wilsons »Die Hälfte der Erde. Ein Planet kämpft um sein Leben«. Der Evolutionsbiologe und Ameisenforscher Wilson fordert darin, die Hälfte der Erde der Natur zu überlassen und das Menschenleben in der anderen Hälfte so weiterzuführen wie immer schon. Man muss nur einen Satz aus Wilsons Werk zitieren, um die unbedachten politischen Konnotationen aufzuzeigen, die im alten Natur-Kultur-Gegensatz wie in der an den Naturbegriff geketteten Ökologie immer mitschwingen: »Zuzulassen, dass gebietsfremde Arten jeglicher Couleur sich ansiedeln, ist die ökologische Variante des russischen Roulettes«, schreibt Wilson an einer Stelle, an der er die Gefahren eingewanderter oder eingeschleppter neuer Arten für »natürlich« entstandene Ökosysteme aufzählt. Ohne hier auf das spezielle Problem invasiver Arten eingehen zu wollen, macht Wilson damit klar, dass mit der Unterscheidung zwischen Kultur und Natur immer auch Unterscheidungen wie die von gebietsfremd und einheimisch einhergehen. Unterscheidungen also, die derzeit in der renationalisierten Politik nicht nur Europas ziemlich hässliche Folgen haben.

Um Wilson, der auf dem Gebiet der Erforschung der Ameisengesellschaften unbestritten einer der wichtigsten Biologen weltweit ist, nicht allein als Urheber konservativer ökologischer Gedanken dastehen zu lassen, kann man an eine Empfehlung der EU aus diesem Jahr erinnern. Darin heißt es, dass man sich in Zukunft mehr um den Schutz einheimischer Arten kümmern werde, die immer mehr durch Arten aus anderen Gegenden oder Kontinenten bedroht würden. Wie das allerdings auf einer großen zusammenhängenden Landmasse, wie Europa sie darstellt, die über die Meere und die Luft ohnehin an die ganze Welt angeschlossen ist, gehen soll, verriet die EU nicht. Bevor man sich in die detaillierte Betrachtung der dann vor allen möglichen Eindringlingen zu schützenden Seen, Wälder und Wiesen verliert, kann man einen Blick auf den zugrundeliegenden großen Gegensatz von Natur und Kultur werfen.

Dazu sind in diesem Jahr zwei Bücher erstmals auf Deutsch erschienen, nämlich François Julliens »Von Landschaft leben: oder das Ungedachte der Vernunft« und Timothy Mortons »Ökologie ohne Natur. Eine neue Sicht der Umwelt«. In beiden Büchern geht es vordringlich darum, den Gegensatz von Natur und Kultur als westliche Erfindung zu entlarven, die keinerlei Anspruch auf Universalität stellen kann. Der französische Sinologe und Philosoph Jullien zeigt in seinem Buch vor allem für die großen asiatischen Kulturen Chinas, Indiens und Japans, dass die Vorstellung der Trennung von Kultur und Natur dort überhaupt nicht verbreitet ist. Seit den frühesten bekannten Überlieferungen sehen chinesische Dichter und Gelehrte das Verhältnis von Kultur und Natur als ein »In-Beziehung-Setzen« von Bergen, Gewässern, Pflanzen, Tieren und Menschen. Genau jenes, allerdings gesellschaftlich vermittelte In-Beziehung-Setzen von Steinen, Wind, Wetter und Lebewesen aller Art versucht Morton für die Gegenwart zu leisten.

Auch weil die klassische ökologische Kritik und der gängige Ökologismus fast immer Begriffe und Vokabeln nutzen, deren Herkunft und politische Konnotationen sie kaum bedenken, betreibt Morton konzentrierte Begriffsarbeit. Ihn interessiert, wie die Vorstellung von Natur als Substanz und Essenz im Widerspruch zur flüchtigen und oberflächlichen Kultur in die Welt kam und sich durchsetzte. Denn dass die Natur und das Natürliche weiterhin wirksame Vorstellungen sind, die man nicht so einfach aus der Welt räumen kann, weiß er zum Glück. Auch deshalb konzentriert er sich auf eine Auseinandersetzung mit den ästhetischen Konzeptionen von Natur, Umgebung und Umwelt in Dichtung, klassischer, experimenteller und neuester Musik sowie der bildenden Kunst von Henry David Thoreau über Brian Eno bis zu DJ Spooky. Als Leifaden und begriffliche Grundierung dient ihm dabei Theodor W. Adornos »Ästhetische Theorie«.

»Das vorgeblich geschichtslos Naturschöne hat seinen geschichtlichen Kern«, hatte Adorno dort geschrieben und sich damit auf einer richtigen Fährte in eine falsche Position gebracht. Bei aller ätzenden bis ausweglos erscheinenden Kritik an der menschlichen Gesellschaft und ihres Geschichtsverlauf bleibt auch bei Adorno das Naturschöne ein Ausblick auf bessere Zeiten, obwohl er es doch gerade erst in die Geschichte eingemeindet hatte. Deutlich wird das besonders an einem Brief aus den sechziger Jahren, den er an den damaligen Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek geschrieben hat. Wäre es nicht schön, fragt Adorno darin, wenn der Frankfurter Zoo ein Wombat-Pärchen erwerben könne? Er könne sich an diese freundlichen und rund­lichen Tiere »mit viel Identifikation« aus seiner Kindheit erinnern und wäre froh, wenn er sie wiedersehen dürfte.

Für Morton ist Adorno nicht nur an solchen Stellen Romantiker geblieben. Es war die Romantik, die die Natur als nichtentfremdete, nichtkaputte Lebensform in das desaströse Leben in der Kultur als Ausweg zum Besseren einführte. Die Romantiker ließen das Natürliche als etwas aufscheinen, dem man nur unverstellt lauschen müsse, um in die Nähe des reinen Blicks oder des reinen Tons zu kommen, um sich auf den Weg ins bessere, natürlichere Leben aufzumachen. Eine Vorstellung, die ästhetisch nicht nur in den Künsten einen tatsächlich neuen Kosmos er­öffnete. Man musste nur vor die Tür in den Wald gehen, um mit Philosophen wie Friedrich Schelling und Dichtern wie Heinrich Heine wahrhafte »Purzelbäume« neuer Empfindungen zu schlagen, wie Heine schrieb. In den USA entwickelt sich mit dem »Nature Writing« eine auch heutzutage noch äußerst produktive Form der schreibenden Auseinandersetzung mit der Natur.

Für Morton liegt aber in der Produktivität und ihrer Wirkung eines der Hauptprobleme in der Auseinandersetzung mit der Umwelt. Denn wenn es nicht einmal einem Begriffsakro­baten wie Adorno, der sich zudem mit materialistischem Denken auskennt, gelingt, den Romantiker in sich kritisch zu zerstören, wie soll das dann heute gelingen? Morton zufolge geht das nur, wenn man den Begriff der Natur ganz fallen lässt. Anstatt der konservativen ökologischen Auffassung zu folgen, die sich wie Wilson die Begrenzung außerhalb liegend vorstellt, sollte man die innenliegenden Grenzen erkennen. Um den Kreaturen zu helfen, sei immer eine gesellschaftliche Vermittlung erforderlich. Die schöne Seele könne nicht in alle Ewigkeit weiterträumen, weil den Menschen gerade der traumartige Charakter des Eintauchens in die Natur von ihr trennt. Es müsse, schreibt Morton, vor allem nicht nach Identifikation gesucht werden, sondern nach Wegen, ökologisch zu denken, auf denen die Distanz zu den Tieren und zur Umwelt beibehalten wird. Ökologie könne es ohne Natur, aber nie ohne Menschen geben.