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Christine Pfeifer: Ist klassische Musik konservativ? Nein!

Klassik ist Punk

Der Kulturindustrie ist es egal, ob sie ernste oder Unterhaltungsmusik vermarktet. Konservativ ist lediglich das Bestehen auf einer Musik­richtung als einzig wahrer und guter.

von Christine Pfeifer

Als Kind hatte ich mit meiner Bontempi (Beethoven nach Zahlen statt Noten) genauso viel Spaß wie beim falschen Mitsingen von englischen Popsongs. Es gab nur Musik und die Unterscheidung, ob sie mir gefällt oder eben nicht. Und das ist bis heute die beste Kate­gorisierung. Trotzdem findet Musik natürlich nicht jenseits von gesellschaftlichen Verhältnissen statt, auch wenn immer irgendwer ein l’art pour l’art-Fähnchen schwenkt; aber sie ist nie per se konservativ. Wenn ich schwermütig bin und eine Midlife-Crisis habe, höre ich ja nicht zwangsläufig »Die Moldau«, weil der verklärte Blick zurück irgendwie konservativ ist und Orchestermusik angeblich auch. Und wenn ich wütend bin, drehe ich nicht seit 20 Jahren reaktionär »Bikini Kill« auf volle Lautstärke. Einige Verdi-Arien ­wären auch passend. Sie zu hören, gilt aber als elitär, obwohl mit »La ­donna è mobile« für Tiefkühlpizza ­geworben wird. Die Zeiten, in denen sich nur Privilegierte musikalische Ausbildung und Unterhaltung leisten konnten, sind lange vorbei. Karten für Klassikveranstaltungen können erschwinglich und Tickets für Popkonzerte wahnsinnig teuer sein. Es gibt kostenlosen Musikunterricht im Internet und Klavier-Apps fürs Handy. Abgesehen davon, dass es auch lustig sein kann, sich für die Oper zu verkleiden, ist das Tragen von Jeans nicht verboten. Das Publikum könnte teilweise ­etwas doof gucken. Ähnliche Blicke würden mir vermutlich aber auch zugeworfen, wenn ich im bunten Blümchenkleid zum Goth-Festival nach Leipzig fahren würde, auf dem jedes Jahr Sanitäterinnen junge Frauen in zu eng geschnürten Korsetts wiederbeleben müssen. In vielen Szenen herrschen strengere Dresscodes als beim Schleswig-Holstein-Musikfestival. Bei den Bregenzer Festspielen geht ein Regenmantel unter Umständen sogar als zweckmäßig durch. Das Seebühnenspektakel dort unterscheidet sich nicht wesentlich von der in Hamburg boomenden Musicaleventkultur. Aufgeführt werden die erfolgreichsten Gassenhauer des immer gleichen männlich dominierten Kanons großer Opernhäuser. Trotzdem kann es schön sein, an einem lauen Augustabend mit Dosenbier auf einer Seepromenadenbank zu sitzen und zuzusehen, wie die Höllenhunde Feuer spucken, während der Mezzosopran über den See hüpft. Und am nächsten Tag läuft dann im Rahmenprogramm eine moderne Oper wie »Geschichten aus dem Wiener Wald«. Neue Inszenierungen fristen allerdings oft ein Nischendasein und trotz tradi­tioneller Fördertöpfe bekommt nicht jeder Bassbariton ein Rigoletto-Engagement; andererseits verdient Nigel Kennedy als Punk-Violinist nicht schlecht. Kulturindustrie funktioniert für E und U gleich. Viele Menschen ­finden Adornos Lieblingskomponisten Arnold Schönberg genauso anstrengend wie die japanische Noise-Band Melt-Banana.

Dass klassische Musik so einen konservativen Ruf hat, liegt – zumindest im Westen – am Mief der Wirtschaftswunderjahre. Als sich die rebellierende Jugend auf Rockkonzerten am Saal­mobiliar abarbeitete, beschimpften Mutti und Vati die neue Musik mit Worten, die heutzutage aus Kinderbüchern gestrichen werden, wählten CDU und gingen kopfschüttelnd wahlweise ins Konzert oder zum Frühschoppen mit Blasmusik. Trotzdem ­haben einige dieser Rock ’n’ Roller später die wilde These vertreten, dass Pop keine richtige, echt handgemachte Musik sei. Das konservative Kleben an der eigenen Musikscholle beschränkt sich nicht auf Klassikfans.

Vielleicht wird in Schnellroda viel Wagner gehört, der sich interessanterweise auch in Tel Aviv großer Beliebtheit erfreut. Heutige (neurechte) Konservative hören wahrscheinlich alles von Helene Fischer bis Xavier Naidoo.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hingegen haben sich die Leute mit jeweils populärer Musik vergnügt, die heute in der Klassikschublade liegt. Sie hatten ja damals nichts anderes. Trotzdem waren die Künstler Rebellen und Popstars. Claude Debussy wurde am Pariser Konservatorium wegen seiner Verstöße gegen die Harmonielehre ­regelmäßig vor der ganzen Pianistenklasse verspottet.

Der Tenor Richard Tauber war ein Publikumsliebling, der auch auf Wohltätigkeitsmatinees für die Künstleraltershilfe sang, bis er 1933 von der SA als »Judenlümmel« angepöbelt und verprügelt wurde. Tauber oder Debussy zu hören ist, nicht mehr oder weniger konservativ, als mit Hüftschwung Elvis-Platten aufzulegen.

George Gershwin konnte U- und ­E- Musik, er gab Klavierkonzerte, schrieb Filmmusik und seine Kompositionen wurden für Broadway-Musicals verwendet. Ohne seinen heute lebenden Kollegen Danny Elfman und dessen Orchesterkompositionen sähen zahlreiche Filme von »Corpse Bride« über »Milk« bis »Notorious B.I.G.« ziemlich alt aus und die Simpsons hätten keine Titelmelodie. »Rhapsody in Blue« entstand wie das neue Album von Lady Gaga. Erst komponierte Gershwin auf dem Klavier, dann machte ein Arrangeur beziehungsweise Produzent daraus einen Hit.

Für »Porgy and Bess« wohnte Gershwin in South Carolina, um sich vor Ort mit afroamerikanischer Musik auseinanderzusetzen. Jahrzehnte später nannten Run-DMC und Aerosmith ein nicht gänzlich unähnliches Projekt crossover. Wenn es Jahrhunderte der musikalischen (Klassik-)Evolution nicht gegeben hätte, hieße unser Pop immer noch Minnesang und Volkslied.