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Jonas Engelmann: Ist klassische Musik konservativ? Ja!

Widerborstige Gesten

Die Popmusik schaut auf die Gegenwart, während die Klassik nur zurückblicken kann.

von Jonas Engelmann

Pop, um das gleich zu Beginn klarzustellen, ist nicht weniger konservativ als klassische Musik. Wirkliche Innovationen gibt es nur alle Jubeljahre und Neues wird so lange wiederholt und aufgewärmt, bis es seines ursprünglich einmal vorhandenen subversiven Potentials beraubt ist. Und was meinem Nachbarn, einem pensionierten Zahnarzt, Verdi, Mozart oder Bach, ist mir, je nach Stimmung, Talk Talk, Bonnie »Prince« Billy oder Pere Ubu: Eskapismus, Zerstreuung. Das Störgeräusch zu Beginn des Pere-Ubu-Debütalbums nehme ich dabei ebenso wenig als ­solches wahr wie mein Nachbar den Klang des Zahnarztbohrers. Aber, und hier trennen meinen Nachbarn und mich mehr als drei Schritte von Tür zu Tür, immerhin ist mir selbst beim ­Nebenbeihören die Bedeutung dieser Missstimmung bewusst, der »Ästhetik der Widerborstigkeit«, wie Jana Sotzko es in einem Text über Pere Ubu genannt hat. Irgendwo vergraben in mir lauert ein Wissen über die Kraft solcher widerborstiger Gesten, die als Versprechen Pop einmal eingeschrieben waren. Ob sie es noch immer sind? Schwer zu sagen, es gibt nicht mal mehr eine Poplinke, die sich darüber streiten könnte. Stattdessen geben »Popkardinäle«, die »alles wissen«, vor, wie Pop zu funktionieren hat: über Authentizität, über harte Arbeit – Joanna Newsom muss aus ihrer Harfe die Musik »herauszerren«, wie Jens Balzer in seinem abgeklärten Aufklärungsbuch »Pop« schreibt. Genauso wie das Quartett, das sich im Wohnzimmer ­nebenan gerade an Schuberts »Der Tod und das Mädchen« versucht. Dass Schubert darin auch seine prekären Lebensumstände musikalisch verar­beitete, dürfte den Hobbymusikern recht egal sein. Sie hören darüber hinweg, weil das Stück aus seinem histo­rischen Kontext herausgelöst ist, während mir Pere Ubus Fiepen zumindest noch eine unwillkürliche Erinnerung zurückbringen kann.

Pop ist vor allem zeit- und kontextbezogen interessant, als Blick auf eine Gegenwart, die sich permanent verändert und auf die Pop reagiert, während Klassik nur zurückblicken kann, einen Moment der Vergangenheit in die Gegenwart holt, ohne dass die konkrete Vergangenheit des Entstehungskontextes eine Rolle spielt.

Vor ein paar Wochen war ich bei einem Konzert der Pet Shop Boys, dort standen Vertreter der Gay Community des Rhein-Main-Gebiets neben aufgebrezelten mittelalten Pärchen, durchschnittlichen Radiohörern, Familien und ein paar Popnerds – alles von Darkroom bis Kinderzimmer, meinte später eine Begleiterin. Eine Mischung, die nicht dazu passen will, dass die Pet Shop Boys mit dem vorgetäuschten Glücksversprechen von Pop spielen, dem Eskapismus, den Pop für viele bietet: »Love Is a Bourgeois Construct«, singen sie und alle singen mit.

Die Pet Shop Boys haben ein Set geliefert, in dem die Hits kaum vorkamen, und wenn, dann in neuen Versionen, aktualisierte Fassungen, die eben nicht nach einem Hit von vor 20 Jahren klangen, sondern absolut gegenwärtig. So etwas kann nur Pop, weil im Pop ein Versprechen liegt: das Versprechen der Veränderung. Pop ist Ideensuche, Klassik ein abgeschlossenes Werk. Klar gibt es im Pop Retrowahn und Stagnation, SPD-Popbeauftragte und 95 Prozent Schrott. Aber eben auch anderes: neue Versionen der alten Versprechen. Das kann Klassik nicht liefern. Muss sie ja auch nicht. Aber selbst wenn sie wollte, gibt es das Material nicht her. Zu ihrer Entstehungszeit war Mozarts »Hochzeit des Figaro« revolutionär – so sehr, dass das Wiener Publikum sich überfordert zurückzog. Heutzutage ­jedoch könnte dies gar nicht mehr passieren. Ebenso wenig wie »White Light/White Heat« von The Velvet Underground, »Never Mind the Bollocks« der Sex Pistols oder »Welcome to the Pleasuredome« von Frankie Goes to Hollywood heute die Wirkung wiederholen könnten, die die Alben zur Zeit ihrer Veröffentlichung erzielten. Popmusik kann auch nur zeit- und kontextbe­zogen verstören und wird danach zu jenem Produkt einer Kulturindustrie, aus dem sich jeder herauspicken kann, was ihm aus nostalgischen, ästhetischen oder ganz anderen Gründen am meisten zusagt. Aber Pop geht eben immer weiter. Und selbst wenn, sagen wir, Kendrick Lamar, Sleaford Mods, Mykkie Blanco und Pisse in 20 Jahren eben auch nur noch Teil dieser großen Popvergangenheit sind, deren Bedeutung für die Gegenwart sich nur jenen erschließt, die sich für Kontexte jenseits des musikalischen Materials selbst interessieren, die ein Ohr für die Störgeräusche haben, sind sie für das Hier und Jetzt jenes Versprechen, das Pop immer noch in sich trägt. Und sei es lediglich als Gespenst der Vergangenheit, dem Mark Fisher mit seinen Überlegungen zur Hauntology auf die Spur zu kommen versucht, Gespenstern, die über die verlorenen ­Utopien trauern, seien es politische oder auch popästhetische, die alle im kapitalistischen Realismus verschwunden sind. Daher: Im Zweifel immer für den Pop!

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