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Jacinta Nandi: Fanbrief an Angela Merkel

Um eine Sache zu gestehen

Seit Donald Trumps Wahlsieg braucht man sich für Coolness nicht mehr zu interessieren.

von Jacinta Nandi

»Die Linke ist schuld am Rechtsruck«, sagt mir mein Kumpel Basti.

»Ja?« frage ich.

»Na klar!« sagt er. »Sie hat sich zu viel mit Minderheitenpolitik beschäftigt.« Ich runzele meine Stirn.

»Die Linke?« frage ich. »Gregor Gysi? Ich habe viele Reden von ihm gehört, über Transmenschen oder so hat er nie etwas gesagt. Ich glaube, einmal hat er gesagt, die Flüchtlinge seien nicht schuld an der Finanzkrise. Aber das wird man doch noch sagen dürfen, oder?«

»Nicht die Partei ›Die Linke‹«, seufzt Basti. »Die meine ich nicht. Ich meine die Linke als Bewegung. Die intellektuelle Linke. Die hat sich dauernd über Transgender-Toiletten und solche Sachen aufgeregt.«

»Hat sie?« frage ich.

»Du auch!« sagt er. »Du postest ständig so einen Scheiß.«

»Ich habe nie etwas über Transgender-Toiletten gepostet«, sage ich. »Ich habe nur gesagt, wenn die Toilettentüren in Amerika etwas größer wären, dann wäre die Debatte entschärft. Die haben so kleine Saloon-Türen in ihren Toiletten. Echt peinlich, wenn du kacken oder den Tampon tauschen musst, es gibt keine Privatsphäre.«

»Oder Blackfacing«, sagt er. »Du hast damals so viel zu Blackfacing gepostet.«

»Ach ja«, sage ich und denke nach. »Aber ich habe das nicht als Linke gepostet, sondern als Mensch. Als individueller Mensch. Mit einer Meinung.«

Die Wahrheit ist – und wahrscheinlich werdet ihr mich dafür hassen: Bis 2008 fand ich den Kapitalismus eigentlich voll okay. Ich war nicht total Thatcher-mäßig drauf oder so was, aber ich dachte immer, Shoppen macht Spaß, die Schuhe bei uns sind geil, wir müssen nur ein bisschen auf die Armen aufpassen, dann ist alles super. Ich habe schon immer mit linken Männern geschlafen, aber am Tag danach habe ich sie zum Frühstück zu McDonald’s geschleppt. Aber ich war auch nicht wählerisch, habe auch mit FDP-Wählern geschlafen. Ich fand Merkel heimlich gut. Es hat mich damals sehr genervt, als alle gesagt haben: »Ja, eine Frau. Aber doch nicht diese!« Das ist so, als würde ein Mann dir sagen: »Mach eine Abtreibung, wir kriegen später ein Kind zusammen.« Erst 2008 habe ich gedacht: Ach schade, das klappt nicht mit dem Kapitalismus. Das war eigentlich keine politische Entscheidung, sondern ganz objektiv: Es hat einfach nicht geklappt, oder? Wir haben es ausprobiert, es hat nicht geklappt, jetzt müssen wir etwas anderes versuchen. Damals bin ich tatsächlich in die Linkspartei eingetreten.

Aber es gibt eine Kleinigkeit, die ich an dem Argument, die Linke habe sich zu sehr mit Minderheitenpolitik beschäftigt und deshalb habe Donald Trump gewonnen, nicht verstehe. Ein kleiner Punkt ist mir da nicht klar, eine Stelle, die mir nicht ganz einleuchtet. Und die lautet: WHAT. THE. FUCK. ARE. YOU. FUCKING. TALKING. ABOUT. FOR. FUCK’S. SAKE?

Diese »jämmerlichen« Minderheiten, die für Trumps Sieg verantwortlich sind – warum denkt ihr, dass sie links sind? Warum sind für euch alle Transgender-Menschen links? Warum sind alle Schwulen links? War Guido Westerwelle nicht Mitglied der FDP? Warum sind alle Deutschtürken links? Wählen die Türken nicht immer CDU? Warum denkt ihr, dass alle Behinderten links wählen? Ich denke auch, dass sie das sollten, aus Eigeninteresse. Aber warum geht ihr davon aus, dass sie es bereits tun? Gibt es keine konservative, transgender, behinderte, nichtweiße Alleinerziehende oder was?

»Sich zu sehr mit Minderheitenpolitik beschäftigen« – was man zurzeit so bezeichnet, war gar nicht so politisch. Ich habe sehr viele PoC-Freunde, die Blackfacing scheiße finden, aber ziemlich apolitisch sind. Ich habe auch schwule Freunde, die zum einen denken, Hartz-IV-Empfänger sollten zum Arbeiten gezwungen werden, wenn sie länger als fünf Jahre arbeitslos sind, zum anderen aber wollen, dass die »Homo-Ehe« in Deutschland eingeführt wird. Ich habe auch Transfreundinnen, die denken, dass es transfeindlich sei, wenn Lesben nicht mit Transfrauen schlafen wollen, und lesbische Freundinnen, die denken, dass es lesben- und frauenfeindlich sei, dass Transfrauen das von ihnen verlangen. Was ihr als politisches Versagen der Linken bezeichnet, war gar nicht politisch. Es war nur Meinungsfreiheit.

Es waren Individuen, die ihre Meinung zu ihrem Leben oder der Welt im Allgemeinen in der Öffentlichkeit geäußert haben. Verschiedene Leute haben verschiedene Sachen gedacht und laut gesagt, weil sie glaubten, ihre Meinung frei sagen zu können. Derzeit sind Konservative und Linke sich einig: Die Minderheiten müssen schweigen. Die Menschen hätten entschieden, dass die Minderheiten schweigen sollten, und das müsse man respektieren. Aber eigentlich ist Meinungsfreiheit ein demokratischer Wert, von dem ich dachte, sowohl die Linken als auch die Konservativen wollten ihn schützen.

Trump hat es bereits geschafft, dass dieser demokratische Wert von allen politischen Richtungen angegriffen wird. Es ist interessant, wie schnell man sich an Erscheinungen des Faschismus gewöhnen kann. Der Mensch ist immer voll anpassungsfähig.

Eine Sache muss ich noch gestehen: Ich war bis 2008 nicht nur ein Fan des Kapitalismus, am zweiten Tag nach Trumps Sieg habe ich Merkel angeschrieben. Nachdem sie sich als einzige halbwegs gegen Trump geäußert hatte. Ich glaube zwar immer noch, dass der Kapitalismus nicht die Antwort ist, aber ich habe Merkel einen Fanbrief geschrieben. So uncool bin ich (und so verzweifelt). Ich glaube, ich finde Merkel und Hillary gar nicht so schlimm. Ich denke, ein Großteil der Kritik speist sich aus nichts weiter als Frauenfeindlichkeit und Altersdiskriminierung. Merkel und Hillary sind unfickbare Frauen. Nicht mehr fickbare Frauen. Und nichts ist uncooler als eine Frau, die nicht fickbar ist. Trump ist cool, Trump fickt noch, er fickt alle – und Trump kackt auf einem goldenen Klo. Seit Trumps Sieg ist mir Coolsein egal. Insofern bin ich konservativer geworden. Ich habe plötzlich Bock, wandern zu gehen und Hillary Clinton im Wald zu treffen. Vielleicht fange ich an, zu nähen oder zu stricken. Vielleicht.

Was ich wirklich kaum noch glauben kann: Wenn wirklich alle Menschen ihre Meinung frei äußern dürften, wäre dann der Faschismus unvermeidbar? Ich kann kaum noch glauben, dass es stimmt, was all die Sozialisten, alle Nicht-so-Linksliberalen und auch fast alle Konservativen uns mittlerweile sagen: »Ihr müsst schweigen, sonst kommt es noch schlimmer. Die Weißen sind in der Mehrzahl, die Weißen haben entschieden, die Weißen haben gewonnen, ihr dürft nicht mehr über Diskriminierung sprechen. Klaro?« Ich kann das zwar kaum glauben, bin mir aber, wenn ich ehrlich bin, ziemlich sicher, dass es mir bewiesen werden wird, dass ihr recht habt. Irgendwann mal – lange wird es nicht mehr dauern – wird es wahrscheinlich Gesetze geben, die den Minderheiten die Meinungsfreiheit nehmen. Insofern waren diese unpolitisch persönlichen Meinungen doch immer politisch. Also, solange ich noch kann, werde ich sagen: Ihr seht kacke aus, wenn ihr euch schwarz anmalt für die Oper. Richtig kacke. Hört auf damit. Danke schön. Bitte schön. Richtig kacke seht ihr aus. Tschau.

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