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Irene Allerborn und Franz Konietzky: Fußball im Südosten der Türkei

Fußball in Kriegszeiten

Trotz des andauernden Konflikts im Südosten der Türkei läuft der Fußballbetrieb weiter. Mit dem kurdischen Drittligisten aus Diyarbakır, Amed Sportif Faaliyetler Kulübü, identifizieren sich viele Kurden. Fans, Spieler und Funktionäre des Vereins werden immer wieder rassistisch beleidigt und sind unverhältnismäßigen Strafen des türkischen Fußballverbandes ausgesetzt.

von Irene Allerborn und Franz Konietzky

Am Rande von Diyarbakır, einer Großstadt im Südosten der Türkei, strömen Kinder, Männer und Frauen in das grün und rot bemalte Stadion mit Wellblechdach des kurdischen Fußballvereins Amed Sportif Faaliyetler Kulübü, genannt Amed SK oder Amedspor. Angesichts der angespannten Lage im Stadtkern, wirkt die ausgelassene Stimmung vor dem Spiel fast absurd. Amedspor spielt gegen Kocaelispor, einen Verein aus der Nähe von Istanbul. »Ich bin hier, um meinen Vater zu beerdigen. Aber das Spiel lasse ich mir trotzdem nicht entgehen«, sagt Ahmet, ein Besucher aus Köln. Viele Kurden identifizieren sich mit dem Verein, der oftmals in dieselbe Außenseiterposition gedrängt wird wie sie selbst. So schweigen die Zuschauer, als vor dem Anpfiff die türkische Nationalhymne gespielt wird, man hört vereinzelt Pfiffe. Dann feuern die Fans lautstark ihre Mannschaft an. Auf den Rängen vergisst man kurzzeitig, dass man sich im Kriegsgebiet befindet.

Amedspor gewann das Spiel am 19. März mit 2:1. Offene Kämpfe gibt es derzeit nicht in Diyarbakır, doch nach den jüngsten Anschlägen hat erneut eine Repressionwelle eingesetzt, die neben tatsächlichen und vermeintlichen Mitgliedern kurdischer Organisationen auch andere Regierungsgegner und Dissidenten trifft. Die Fankultur spiegelt diese Verhältnisse wider.

Auch in Istanbul finden sich Fans von Amedspor. Bilal und Arin sitzen beim Frühstück in einem Szenelokal im Herzen von Beşiktaş, einem Stadtteil, der für seine linksliberale Einwohnerschaft bekannt ist. Die beiden sind begeisterte Anhänger von Amedspor, ihre Fangruppe heißt Barikat. Arin unterstützt den Verein, obwohl sie keine Kurdin ist. »Es geht darum, auf der richtigen Seite zu sein«, erklärt sie. Sie ist Mitglied der Frauensektion der Gruppe, Morbarikat. Gemeinsam mit den männlichen Fans will die Gruppe andere Stadionbesucher dazu bringen, auf sexistische Gesänge und Beschimpfungen zu verzichten. Bilal zog vor sechs Jahren aus dem Osten der Türkei hierher. »Ich war schon immer Fußballfan«, sagt der junge Mann. Früher habe es nur den regierungsnahen Verein Diyarbakırspor gegeben, dort habe er sich jedoch nicht wohlgefühlt. »Wir brauchten ein eigenes Team, das auch die Rechte der Minderheiten respektiert«, sagt er. Vor drei Jahren begannen seine Freunde und er, den Vorgängerverein von Amedspor, der damals Diyarbakır Büyükşehir Belediyespor hieß, zu unterstützen.

Barikat konnte sich im Vereins­alltag fest etablieren. Arin und Bilal berichten vom engen Kontakt zum Vereinsmanagement: »Wir Fans haben die Namensänderung des Vereins initiiert. Wir haben den türkischen Stadtnamen Diyarbakır durch den kurdischen Namen Amed ersetzt. Wir kooperieren bei der Organisation von Bussen für Auswärtsfahrten, dienen als Vermittler bei Problemen zwischen Spielern und der Vereinsführung und können sogar bei Transaktionen mitreden.« Tatsächlich haben Barikat-Fans Deniz Naki für ihre Mannschaft gewinnen können. Naki, einst Stürmer beim FC St.Pauli, wechselte 2013 zum türkischen Erstligisten Gençlerbirliği Ankara. Nach rassistischen Übergriffen kehrte der gebürtige Dürener dem türkischen Verein den Rücken. »Wir haben ihn daraufhin über Facebook kontaktiert und ihn gebeten, nach Amed zu kommen«, sagt Bilal. Und tatsächlich sagte Naki im Juli vergangenen Jahres überraschend zu – »an meinem Geburtstag«, freut sich Bilal. Naki wurde schon mehrfach für seine Solidarität mit der kurdischen Bewegung vom türkischen Fußballverband bestraft. Erst Anfang November wurde eine Anklage der Staatsanwaltschaft fallengelassen, die für den Fußballprofi fünf Jahre Haft wegen angeblicher Terrorpropaganda gefordert hatte.

Im türkischen Fußballbetrieb wird der Verein Amedspor als Affront gegen den Staat gesehen. Immer wieder werden nicht nur seine Spieler, sondern auch die Fans angefeindet und angegriffen. »Wir haben schon viele Angriffe erlebt. Das führte dazu, dass wir bei Anreisen zu Auswärtsspielen sehr vorsichtig geworden sind. Fahnen werden erst im Stadion ausgepackt«, erzählt Bilal. Oft werden die Fans aufgrund von vermeintlichen Sicherheitsrisiken gar nicht erst zu den Spielen zugelassen, so wie bei dem Spiel gegen Istanbuls Drittligisten Fatih Karagümrük SK im April. Das im religiös-konservativen Stadtteil Fatih gelegene Stadion wurde mit einer überdimensionalen Türkei-Fahne dekoriert, Fans appellierten Wochen vor dem Spiel an die türkische Identität der Anwohner und mobilisierten zu dem Duell. Unter »Allahu Akbar«-Rufen wurde die Partie in Fatih ausgetragen.

Unterstützer von Amedspor zu sein bedeutet, stets mit Repression rechnen zu müssen. Nachdem der Verein mit dem Einzug ins Viertelfinale des türkischen Pokals im Februar seinen bisland größten Erfolg erzielt hatte, wurden nach dem Spiel gegen Istanbul Başakşehir 36 Amedspor-Fans festgenommen. »Die Polizei hat unsere Leute beleidigt und geschlagen. Sie brach zwei Festgenommenen den Arm«, so Arin. Den Fans werde vorgeworfen, »ideologische Propaganda« betrieben zu haben. Für die Rufe »Kinder sollen nicht sterben, sondern zum Spiel kommen« – eine Anspielung auf die Zustände in den kurdischen Gebieten der Türkei – erwartet die Festgenommenen nun ein Gerichtsverfahren. »Als Mitglied der HDP bin ich es gewohnt, mit der Polizei Probleme zu haben. Aber das war der Höhepunkt der Repression«, sagt Bilal.

Die Repression hat dazu geführt, dass die Gruppe Barikat ihre Struktur den Umständen angepasst hat. In vielen Städten organisieren sich Fans unabhängig voneinander, viele gehören der kurdischen Diaspora an. Aus Angst vor eingeschleusten V-Leuten verraten sich die Mitglieder gegenseitig nicht ihren Wohnort. »So etwas wie Mitgliederlisten gibt es bei uns nicht. Jeder kann Barikat sein«, erklärt Bilal. Um der Verfolgung durch die Behörden zu entgehen, brauche es besondere Vorsichtsmaßnahmen. Drei Mitbegründer von Barikat hätten sich dem Kampf gegen den »Islamischen Staat« in Syrien angeschlossen, so die beiden Fans. Die Verbindung zur kurdischen Befreiungsbewegung sei sehr stark. »Doch wir beschäftigen uns auch mit anderen Themen. Wir haben die Streiks der Minenarbeiter begleitet und wollen die aktuelle Migrationsbewegung unterstützen. Amedspor ist nicht nur Fußball. Amedspor ist auch Politik«, so Bilal.

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