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Marcus Latton: Wenn Nazis ihr Herz für Obdachlose entdecken

Nach ganz unten getreten

Kaum eine Gruppe ist weniger vor Gewalt geschützt als Obdachlose. Ausländer schlagen dabei nicht häufiger zu als Deutsche – im Gegenteil.

von Marcus Latton

Ausländer können es einfach nicht so gut wie Deutsche. Sieben aus Syrien und Libyen stammende junge Flüchtlinge versuchten in der Nacht zum 25. Dezember im Berliner U-Bahnhof Schönleinstraße, einen schlafenden Obdachlosen in Brand zu setzen. Helfer konnten das Feuer löschen. Die Jugendlichen sitzen in Haft, seit sie sich der Polizei gestellt haben. »Kommt mir jetzt nicht mit: ›Das hätte genauso gut ein Deutscher machen können.‹ Es gibt schlicht und einfach fundamentale kulturelle Unterschiede zwischen Europa und dem Nahen Osten«, kommentierte daraufhin der Berliner AfD-Politiker Marc Vallendar auf Facebook. In gewissem Sinn hat er damit recht. Denn im Gegensatz zu den trotteligen Morgenländern belassen es echte Deutsche häufig nicht beim Tötungsversuch, wenn sie beim »Pennerklatschen« auf ihre Opfer losgehen. Sie sorgen dafür, dass solche Taten häufig ordnungsgemäß vollendet werden.

Mindestens 28 Obdachlose wurden in Deutschland seit 1990 von Neonazis ermordet. Hinzu kommen der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe zufolge zahlreiche weitere Gewaltakte, oft verübt von rechtsextremen Gruppen. Die Zahlen und die Erfahrungen von Wohlfahrtseinrichtungen sprechen bei Hassverbrechen gegen Obdachlose für ein spezifisch einheimisches Kriminalitätsproblem. Dennoch dürften sich fremdenfeindliche Stimmen bestätigt fühlen. In der aufgeladenen gesellschaftlichen Atmosphäre seit dem islamistischen Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin ist für sie der Fall der U-Bahn-Täter ein weiteres Indiz für die große Bedrohung durch Einwanderer.

Dass Internetkommentatoren und rechte Parteien angesichts der ausländischen Staatsbürgerschaft der mutmaßlichen Zündler plötzlich ihre Herzen für Menschen erwärmen können, die auf der Straße leben, überrascht. Doch an den in der gesamten Bevölkerung verbreiteten Ressentiments gegen Wohnungslose haben sie sich zuvor nie gestört. Vermeintliche Schmarotzer und Bettler ohne Meldeadresse, die mit ihrer Anwesenheit die Straßen verschandeln, sind als Wählergruppe uninteressant. Weiter treiben es nur Neonazis, die sie ganz offen als leistungsverweigernde Volksschädlinge und somit legitime Ziele betrachten. Da selbstverständlich auch Migranten für ein sozialdarwinistisches Weltbild empfänglich sind, ist den deutschen Schlägerbanden die Angst zuzutrauen, dass ihnen neben Frauen und Sozialleistungen zusätzlich noch ihre potentiellen Opfer von den Ausländern weggenommen werden.

Die Gewalt gegen die Ärmsten der Gesellschaft dürfte mittelfristig zunehmen, schlicht weil diese immer mehr werden. Zurzeit leben in Deutschland schon mindestens 335 000 Menschen auf der Straße. Die BAG schätzt, dass diese Zahl bis 2018 auf 536 000 steigen könnte. Die unterfinanzierten Hilfswerke müssen stetig um öffentliche Fördermittel kämpfen. Die Unionsfraktion im Bundestag sperrt sich gegen eine bundesweite Statistik wohnungsloser Menschen. Derweil installieren viele Gemeinden und Städte speziell geformte Bänke, auf denen sich niemand längere Zeit hinlegen kann. Bei ihren Versuchen, Obdachlose aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen, werden sie immer kreativer. Die Jugendlichen, die an der Schönleinstraße einen wehrlosen Menschen in den Feuertod schicken wollten, sind in Deutschland nicht die Einzigen mit der Bereitschaft, nach ganz unten zu treten.