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von Guido Sprügel (Text und Fotos): In demokratischen Schulen kann man einiges lernen

Die wollen doch nur spielen

Im schleswig-holsteinischen Dorf Steinhorst gibt es seit etwa zwei Jahren eine offiziell zugelassene demokratische Schule. An der »Infinita« gibt es weder Noten noch Zeugnisse. Trotzdem lernen die Schüler jeden Tag Neues.

von von Guido Sprügel (Text und Fotos)

Eine Schule ohne Noten und ohne Zeugnisse? Was wie ein Kindertraum klingt, ist im Herzogtum Lauenburg in Schleswig-Holstein Realität. Genauer gesagt in dem kleinen Dorf Steinhorst, in dem seit einigen Jahren die demokratische Schule »Infinita« beheimatet ist. Bis die Schule schließlich zwischen Ahrensburg und Bad Oldesloe auf dem platten Land eröffnen konnte, mussten die Gründer aber eine regelrechte Odyssee hinter sich bringen. »Vor drei Jahren wollten wir in einem alten Gutshaus starten, doch drei Wochen vor Beginn platzte der Vertrag. Wir waren dann kurz in einem Raum einer Altenpflegeschule in Bargteheide, bis wir über einen Zwischenstopp in Wentdorf schließlich in Steinhorst gelandet sind«, beschreibt Schulleiter Sebastian Deichmann den schwierigen Beginn des Projekts. Doch von ihrem Traum, der Gründung einer demokratischen Schule, konnte ihn und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter nichts abbringen.

»Da steckt eine Menge Idealismus drin, aber wir wollten unbedingt eine Alternative zum staatlichen Schulsystem aufbauen. Auch für uns selbst«, erläutert Ulrike Hulin, eine der Gründerinnen, ihre Motivation. Das Engagement der Gründerinnen und Gründer und jetzigen Lehrkräfte an der Schule ist wirklich enorm. Von der Finanzierung des Gebäudes, über dessen Renovierung bis hin zu einem vergleichsweise sehr geringen Einheitslohn von rund 1 200 Euro für eine Teilzeitstelle, die in der Regel aber mindestens Vollzeit bedeutet – alles hat der Verein in Eigenregie realisiert. »Den Kredit über 300 000 Euro haben wir über Bürgschaften von Eltern, Förderern und Unterstützern abgesichert. In den ersten zwei Jahren erhält man nämlich überhaupt keine Geldmittel vom Land«, so der 38jährige Schulleiter Deichmann.

Diese Frist ist mittlerweile abgelaufen. Seit April 2015 ist die Schule offiziell zugelassen und erhält staatliche Unterstützung. Die Behördenvertreter waren bei ihrem Kontrollbesuch von der »Infinita« begeistert. Nun decken die staatlichen Zuschüsse 80 Prozent der laufenden Kosten. Der Rest wird durch Elternbeiträge bestritten.

Lernen ohne Lehrplan

Eine der wenigen Übereinstimmungen mit dem Ablauf an staatlichen Schulen ist der Schulbeginn um acht Uhr morgens. Was danach in der ehemaligen Unternehmervilla mit hohen Decken und alten Holzfußböden passiert, hat mit dem Unterrichtsgeschehen der meisten staatlichen Schulen nicht viel gemein. »Nach der Eingangsphase, die von acht bis neun Uhr geht, können die Schüler über den Tag verteilt Kurse besuchen. Diese richten sich nach den Interessen der Kinder und die Teilnahme ist zu 100 Prozent freiwillig«, sagt Deichmann, der schon an diversen demokratischen Schulen gearbeitet hat. Freiwillig? Kein Lehrplan? Wo bei vielen Bildungsbürgern die Alarmglocken schrillen, setzt die demokratische Schule Vertrauen in die Kinder. »Jedes Kind möchte lernen. Aber nicht immer dann, wenn wir es wollen«, erläutert Deichmann. Und so kann es sein, dass die Kinder monatelang keine Schulkurse besuchen. Die Eltern können dann den berechtigten Eindruck haben, dass ihre Kinder in Deutsch und Mathe nichts lernen. Zumindest, wenn man sie mit Kindern staatlicher Schulen vergleicht. Dort gilt trotz aller verlautbarten pädagogischen Veränderungen der letzten Jahre immer noch ein sehr strenger Plan. In der 3. Klasse müssen alle Kinder etwa das Einmaleins können.

An der demokratischen Schule gelten solche Vorgaben nicht. Trotzdem lernen die Schülerinnen und Schüler etwas. »Die Kinder spielen, probieren sich aus, beschäftigen sich mit Themen und stellen Fragen. Bei all dem findet Lernen statt«, so Deichmann. Er misst dem Spielen eine sehr hohe Bedeutung zu. »Wir haben nur gespielt. Oft schwingt da eine Abwertung mit. Doch im Spiel entwickeln sich Kinder«, ergänzt er. Der elfjährige Leo hat zuletzt begeistert den Zauberwürfel entdeckt und kann ihn nun in kürzester Zeit lösen. Einige Wochen hat er sich deshalb nicht mit Mathe beschäftigt. Dann traf er einen Freund, der schon mehr konnte. Das hat ihn motiviert. Er selbst hat entschieden, ab nun wieder etwas mehr Mathe zu lernen.

Die Regeln der Schule werden nicht vom Schulleiter vorgegeben, sondern in der Schulversammlung verabschiedet. Dort hat jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer eine Stimme – und jede Stimme zählt gleich viel. Wie gehen wir miteinander um? Welche Regeln gelten für Handys? Wie verbindlich muss man an Kursen teilnehmen, wenn diese auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet sind, etwa eine Theateraufführung? All diese Fragen werden auf der Schulversammlung diskutiert und abgestimmt. Sie gelten dann verbindlich für die gesamte Schule. Ein Vetorecht haben die Erwachsenen nur in Fragen, die die Sicherheit der Schule betreffen. Aber entscheiden Kinder sich dann nicht immer für Handyflatrate und Filme? »Wir hatten in der Tat Abstimmungen, in denen sich die Mehrheit für eine Freigabe der Handys entschieden hat. Nach drei Wochen waren die Kinder aber so genervt, dass keine Spiele und Gespräche mehr stattfanden, dass sie die Nutzung der Handys wieder eingeschränkt haben«, erzählt Deichmann. Ähnlich verliefen die Abstimmungen im Hinblick auf das Konsumieren von Filmen während des Unterrichts. Nach drei Wochen mit vielen Filmen schränkten die Kinder das selbst wieder ein.

Verschiedene Komitees aus Schülern und Mitarbeitern kümmern sich um das Miteinander. Das Aufräum-Komitee sorgt für die Ordnung am Ende des Schultages, das Lösungs-Komitee schlichtet Streitigkeiten. Den hohen Grad an demokratischer Teilhabe merkt man den Schulkindern an. Mittlerweile besuchen 46 Schülerinnen und Schüler von der 1. bis zur 10. Klasse die Schule. Im Schnitt sind immer drei bis vier Erwachsene über den Tag verteilt zugegen. Siri ist 16 Jahre alt und übt gerade fleißig für ihren Realschulabschluss. »Ich hab’ ein gutes Gefühl«, sagt sie. Dafür muss sich zwar hinsetzen und pauken, aber das Pensum hat sie sich selbstständig eingeteilt.

Im Philosophiekurs wird gerade Erich Fromms »Die Kunst des Liebens« gelesen. Siri machen die Diskussionen mit ihrem Schulleiter Deichmann sichtlich Spaß. Was ist normal? Ist unser Leben normal? Und wie denken die Ureinwohner Südamerikas darüber? Luzi ist mit ihren zehn Jahren wie selbstverständlich ebenfalls Kursteilnehmerin. Sie fragt sich, ob es wirklich Menschen gibt, die völlig ohne technische Hilfsmittel leben. Der Umgang miteinander wirkt respektvoll und offen. Keine Spur von psychosomatischen Beschwerden, unter denen immer mehr Regelschüler leiden.

Viele Eltern wählen aus genau diesen Gründen die »Infinita«. »Unser Sohn litt in der Grundschule sehr unter dem permanenten Druck. Es ging so weit, dass die Schule uns bat, einen Psychologen aufzusuchen. Da haben wir die Reißleine gezogen. Hier ist er ein ganz normales, glückliches Schulkind«, erzählt eine Mutter, als sie ihren Sohn abholt. Dem Kollegium ist es mittlerweile am liebsten, wenn die Kinder direkt an der »Infinita« eingeschult werden. Sogenannte Rückläufer aus den staatlichen Schulen seien oft so demoralisiert und durch den jahrelangen Druck »auffällig« geworden, so dass es viel Zeit brauche, sie in die demokratische Schule zu integrieren.

Und danach?

Die Räumlichkeiten der Schule tragen ebenfalls zu einer entspannten Atmosphäre bei. Im Atelier türmen sich Gestaltungsmaterialien, in einem anderen Raum stehen Regale mit Büchern oder Bastelmaterialien. Leo schaut kurz im Kunstkurs vorbei. Er arbeitet gerade an der Schülerzeitung und braucht Schere und Kleber. Im Nebenraum spielt Ulrike Hulin mit Grundschülerinnen und -schülern am Nachmittag ein Brettspiel. Carlotta ist sieben Jahre alt und eine der Erstklässlerinnen. »Ich durfte mir die Schule aussuchen und wollte gern zur infinita«, erzählt sie sichtlich begeistert. Während die einen konzentriert philosophieren, toben zwei Schüler mit Schweißperlen auf der Stirn im Bewegungsraum. Hier darf man sich richtig verausgaben, so hat es die Schulversammlung beschlossen. Den Jungs scheint das nach einem langen Tag gutzutun. Die Lehrkräfte können ebenfalls ihre Interessen und Stärken einbringen. »Ich biete gerade einen Erdkunde- und einen Rap-Kurs an. Beides Themen, die mich begeistern«, erzählt Matthias Albrecht, der für einen Tag in der Woche als Lehrer in der »Infinita« arbeitet.

Bei so viel Vertrauen in die Kinder wirken Leistungsbewertungen und Zeugnisse wie Relikte aus lang vergangenen Zeiten. »Es gibt Halbjahresgespräche mit den Eltern und Kindern zusammen, in denen wir reflektieren, was im letzten halben Jahr Wichtiges passiert ist, was dem Kind wichtig ist und welche Herausforderungen es gibt – für uns, für das Kind oder für die Eltern«, erklärt Sebastian Deichmann das Vorgehen. Es gibt keine Klassenarbeiten, Noten oder Ähnliches. »Wir möchten, dass sich die Kinder entfalten können und sich als Teil einer Gemeinschaft verstehen«, so Deichmann. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind überzeugt davon, die Kinder dennoch auf das Leben vorzubereiten, auch wenn dieses außerhalb der Schule knallhart nach kapitalistischen Prinzipen strukturiert ist. In den vielen Fragen, die auf der Homepage der Schule beantwortet werden, ist auch genau dies ein Thema: »Finden sich Schüler und Schülerinnen einer demokratischen Schule später in der Gesellschaft zurecht?«, heißt es da. Die Antwort der Schule ist ein klares Ja: »Häufiger als andere Schüler machen sich Abgänger von demokratischen Schulen selbstständig, suchen sich künstlerische Berufe aus oder übernehmen Führungspositionen.« Ganz ohne den Hinweis auf die »Führungspositionen« kommt man eben doch nicht aus. Wahrscheinlich überzeugt dieses Argument dann auch viele Eltern. Man kann es den Betreiberinnen und Betreibern der »Infinita« nicht vorwerfen, sie leben nicht in einer wirklichkeitsfremden Blase.

Den Kindern scheint der Umgang in der demokratischen Schule gutzutun. Keines berichtet von Schulangst, Bauchweh oder Leistungsdruck. Im Gegenteil. »Eines möchte ich auf keinen Fall: zurück auf eine staatliche Schule«, stellt der neunjährige Luis mit Nachdruck fest.

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