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Juliane Schumachr: Was der Klimawandel für Nordafrika bedeutet

Nicht nur vom Wetter reden

Welche Auswirkungen die globale Erwärmung auf Nordafrika haben wird, ist umstritten. Das Ausmaß der Folgen für die Menschen ist auf jeden Fall von den sozialen Verhältnissen abhängig.

von Juliane Schumachr

Als im November die jährliche UN-Klimakonferenz in Marrakesch im Süden Marokkos stattfand, bekamen auch viele Kleinbauern und -bäuerinnen der Umgebung Besuch von Journalisten. Bereitwillig berichteten sie von größerer Hitze, ausbleibendem Regen und den harten Bedingungen für die Landwirtschaft in den kargen Berggebieten. Ihre Erfahrungen sollten in den Berichten die bereits spürbaren Folgen des Klimawandels verdeutlichen.

Nun sagen einzelne Wetterereignisse wenig über grundsätzliche Änderungen des Klimas aus. Zwar gehört Nordafrika den Prognosen der Klimaforschung zufolge zu den Regionen, die am stärksten von der globalen Erwärmung betroffen sein werden. Die spezifischen Probleme der Menschen sind aber vor allem ein Beispiel dafür, wie schwierig es ist, die konkreten Auswirkungen des Klimawandels herauszuarbeiten – und dafür, welche widerstreitenden Interessen dabei eine Rolle spielen.

Der Weltklimarat IPCC geht in seinem jüngsten Bericht von 2014 davon aus, dass die Temperatur auf dem afrikanischen Kontinent stärker ansteigen wird als im globalen Durchschnitt. Der Klimawandel sei bereits zu spüren: In weiten Teilen Nordafrikas lasse sich über das 20. Jahrhundert ein Anstieg der Durchschnittstemperatur feststellen, Marokko und Algerien hätten in den vergangenen Jahrzehnten einen kontinuierlichen Anstieg der Lufttempe­raturen erlebt, der durch natürliche Schwankungen kaum zu erklären sei.

Dieser Temperaturanstieg wird sich den Prognosen zufolge sehr wahrscheinlich fortsetzen. Dramatische Auswirkungen wird der Anstieg des ­Meeresspiegels haben. Sollte dieser, wie prognostiziert, bis Ende des Jahrhunderts etwa einen Meter betragen, würde das zahlreiche Millionenstädte an der Küste wie Alexandria und Tripolis bedrohen. Bereits nachweisbar ist auch die Versauerung der Meere durch den erhöhten Gehalt an Kohlendioxid, sie könnte zur Verringerung der Erträge aus dem Fischfang führen. Vorsichtiger ist der IPCC, was die Niederschläge angeht. Deren Veränderungen sind wegen der starken natürlichen Schwankungen und regionalen Unterschiede schwer vorherzusagen. So zeigten die Daten der vergangenen Jahrzehnte einen Rückgang der Niederschläge in manchen Gegenden Nordafrikas, in anderen eine Erhöhung. Viele Modelle gehen davon aus, dass die Gebiete entlang der Mittelmeerküste trockener werden und der Süden der Region – auch die Sahel­zone – durch die Verschiebung der Luftströme in den inneren Tropen feuchter werden könnte. All diesen Prognosen liegt ein gemeinsames Problem zugrunde: Es gibt wenige Daten. Während in Europa Klimadaten seit Anfang des 20. Jahrhunderts erhoben werden, gibt es sie für weite Teile Afrikas erst ab den siebziger oder achtziger Jahren, teils widersprechen sich diese Daten überdies. Viele Regionen Afrikas sind daher weiße Flecken auf den Klimakarten, für die keine Aussagen möglich sind.

Nun ist der IPCC, der alle paar Jahre den aktuellen Forschungsstand zur globalen Erwärmung zusammenfasst, ein sehr vorsichtiges Gremium. Seine Prognosen stellen sozusagen den kleinsten gemeinsamen Nenner der Klimaforschung dar. Viele andere Studien aus der Wissenschaft wie der Politik stellen die möglichen Folgen des Klimawandels sehr viel dramatischer dar. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie und des Zypern-Instituts haben berechnet, wie sich der Anstieg der mittleren Temperatur im Nahen Osten und in Nordafrika konkret aus­wirken würde: Bei einer globalen Erwärmung um zwei Grad könnte demnach die Zahl der sehr heißen Tage von derzeit ungefähr 16 auf über 200 steigen. Zudem würde sich die Höchsttemperatur von derzeit 43 Grad Celsius auf 46 Grad, bis zum Ende des Jahrhunderts auf fast 50 Grad erhöhen, was nicht nur dramatisch für die Landwirtschaft wäre, sondern auch das Risiko hitzbedingter Todesfälle stark erhöht.

»Noch in diesem Jahrhundert könnten Teile des Persischen Golfs von nie dagewesenen tödlichen Hitzewellen betroffen sein, die auf den Klima­wandel zurückgehen«, heißt es in einer Veröffentlichung des Massachusetts Institute of Technology Ende 2016. Auch die Weltbank warnt, der Klimawandel könnte ganze Regionen unbewohnbar machen, die Fläche für Landwirtschaft verkleinern, den Druck auf die ohnehin knappen Ressourcen erhöhen und damit zu verstärkter Migration und neuen Konflikten führen. Weitere Probleme, die häufig genannt werden, sind verschärfte Wasserknappheit, die Ausbreitung von Steppen und Wüsten sowie das Versalzen großer und fruchtbarer Flussdeltas, etwa des Nil in Ägypten oder des Moulouya in Marokko. Gerade diese beiden Beispiele zeigen jedoch die Problematik. So lässt sich die Entwicklung derzeit wissenschaftlich kaum nachweisen, zudem lässt sich der Anteil, den der Klimawandel daran hat, nicht eindeutig bestimmen.

Die Desertifikation, die Ausbreitung von Wüsten, war das große Thema der siebziger und achtziger Jahre, nicht zuletzt wegen der Dürren und Hungerkatastrophen in der Sahelzone in jener Zeit. Bislang gibt es keinen Konsens ­darüber, ob diese auf natürliche Schwankungen zurückgingen – die Regen­menge nahm nach den Dürrejahren wieder zu –, eine frühe Folge des Klimawandels oder durch Abholzung und Überweidung verursacht waren. Der Beitrag des Klimawandels zur Zerstörung von Ökosystemen und zur fruchtbaren Böden ist bisher eher gering im Vergleich zu anderen Faktoren, etwa dem raschen Bevölkerungswachstum, dem Wachsen der Städte, der Ausbreitung von landwirtschaftlicher Fläche und der Intensivierung der Landwirtschaft. Die Versalzung des Nildeltas ist ein Problem, seit in den sechziger Jahren der gigantische Assuan-Staudamm die Menge an Wasser und Sedimenten, die der Nil ins Delta trägt, drastisch verringert hat.

Dementsprechend gilt es, skeptisch zu sein, wenn Regierungen oder inter­nationale Institutionen allein den Klimawandel für Armut, Migration, die dramatische Situation der Kleinbauern und -bäuerinnen oder Hungersnöte verantwortlich machen. Der Klimawandel ist kein isoliertes Problem. Er verstärkt die bestehenden Umweltprobleme und die Folgen jahrzehntelanger falscher Ressourcen- und Sozialpolitik.

Die Weltbank hat nach ihrer schweren Legitimationskrise Anfang des Jahrtausends das Thema Klimawandel für sich entdeckt. Sie ist nun für die Organi­sation und Verteilung von Klimageldern zuständig und erstellt selbst viele Studien. Solche Forschungsarbeiten unterschlagen aber meist, ­warum gerade die ärmeren Menschen in der Region so stark von den einsetzenden Folgen des Klimawandels betroffen sind. Hitze führt noch nicht zu Hitzetoten, Dürre nicht zu Hunger. Dass Hunger bei der globalen Überproduktion an Nahrungsmitteln längst nicht mehr auf einen Mangel an Ressourcen zurückgeht, sondern auf einen Mangel an Geld, diese zu kaufen, ist längst bekannt. Eine funktionierende Verwaltung und Infrastruktur, Sozialsysteme und ein gewisser Wohlstand der Bevölkerung können Ereignisse wie eine Hitzewelle oder Überflutung relativ harmlos ablaufen lassen – fehlen sie kann daraus eine Katastrophe ­werden lassen.

Dass der Klimawandel die Menschen der Region besonders hart treffen dürfte, ist auch eine Folge von drei Jahrzehnten neoliberaler Politik. Häufig unter dem Druck internationaler Organisationen wie der Weltbank oder dem Internationalen Währungfonds (IWF) wurden in der ganzen Region Subventionen, etwa für Kleinbauern oder Arme, gestrichen, Sozialsysteme abgebaut, staatliche Ausgaben für Hilfs- und Notfallprogramme gekürzt, wurde Infrastruktur privatisiert und die Landwirtschaft häufig nach Maßgaben der Exportwirtschaft umgebaut – mit dramatischen Folgen für Millionen Menschen. Diese Politik setzt sich fort, wie jüngst zu sehen in Ägypten, wo die Regierung für einen Kredit des IWF die Wechselkurse freigeben musste, was zu starker Inflation führte. Selbst Zucker ist in Ägypten seither nur noch auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Eben solche neoliberalen Programme preist die Weltbank zurzeit als »Anpassung« an den Klimawandel: etwa die Um­stellung der Landwirtschaft auf »intensivere« Produktion, häufig mit gentechnisch veränderten »klimaresistenteren« Getreidesorten, oder die Priva­tisierung von Wasserbetrieben zur »effizienteren« Nutzung.

Gerade angesichts der Tatsache, dass der Klimawandel nicht aufzuhalten sein wird und seine Folgen über die nächsten Jahrzehnte deutlicher zu Tage treten werden, wäre es nötig, alternative Ansätze und Einschätzungen der Situation mit Nachdruck vorzubringen, wie es etwa Kleinbauernverbände wie Via Campesina oder die kleinen landwirtschaftlichen Forschungszentren tun, von denen es in der Region viele gibt. Sie haben wiederholt darauf hingewiesen, dass es gerade in trockenen Regionen wie Nordafrika und dem Nahen Osten seit Jahrtausenden Wissen und Methoden gibt, auch mit wechselndem und heißem Klima umzugehen, – und dass das Problem fehlende Mittel und die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen sind. Solche Stimmen verhallen allerdings in der globalen Klimapolitik meist ungehört.

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