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Carl Melchers: Tadzio Müller, Klimaschützer, im Gespräch über Klima, Körper, Coming-out und Strategien linker Politik:

»Die Linke muss geil sein«

Tadzio Müller ist Referent für Klimagerechtigkeit und Energiedemokratie bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung und war vorher jahrelang unter anderem in der Klima­bewegung aktiv.

Interview: Carl Melchers

Wie sehen Sie nach dem ereignisreichen Jahr 2016 dem neuen entgegen?

Zunächst einmal hat mich als Klimaschützer – und als Schwulen, Linken und Antifaschisten auch – der Wahlsieg ­Donald Trumps, eines bekennenden Klimawandelleugners, tief getroffen. Ich war gerade auf der UN-Klimakonferenz in Marrakesch, als die Nachricht kam, und hätte mich am liebsten an Ort und Stelle bewusstlos gesoffen. Blöderweise war mir auch noch meine Flasche Whisky von den UN-Polizisten abgenommen worden. Auch die Wahlerfolge der AfD sind nicht gut. Aber dennoch sehe ich dem neuen Jahr mit einem gewissermaßen trotzigen Optimismus entgegen, den ich nicht zuletzt aus meinem HIV-Outing und vielen, völlig unerwarteten und unglaublich positiven Reaktionen ziehe, die ich darauf bekommen habe.

Tadzio Müller ist Referent für Klimagerechtigkeit und Energiedemokratie bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung und war vorher jahrelang unter anderem in der Klima­bewegung aktiv.
Tadzio Müller ist Referent für Klimagerechtigkeit und Energiedemokratie bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung und war vorher jahrelang unter anderem in der Klima­bewegung aktiv. (Foto: privat)

Sie haben sich am 1. Dezember zum Welt-Aids-Tag auf Facebook mit ­einem relativ langen Text als HIV-positiv geoutet. Wie fielen die Reaktionen aus?

Für mich war das einer der bewegendsten Momente meines Lebens. Ich hatte das ja sogar public gepostet, also für jeden Facebook-User sichtbar, und dann haben Leute, die ich überhaupt nicht kenne, von irgendwoher, geschrieben: »Danke, dass du das schreibst, das hat mir gerade ganz viel Kraft gegeben.« Leute aus Mauritius, Australien, Kanada, Brasilien, Finnland – alle haben mir ­geschrieben, wie stark und mutig sie das fanden.

Wie ist es eigentlich dazu gekommen?

Ich muss dazu ein bisschen ausholen. Bekannt bin ich ja, wenn überhaupt, als Öko-Klima-Mensch, so ein klassischer »Politchecker«, wie das im Szenejargon heißt. Jemand, der dauernd zentral in Organisationsprozessen wirkt. Da soll man funktionieren. Und ich kann von mir sagen: Das habe ich als erfolgreicher Mitorganisator von Akten massen­haften zivilen Ungehorsams. Etwa 2015 bei den Antibraunkohleprotesten im Rahmen der Kampagne »Ende Gelände«. Am Abend vorher dachten wir gar nicht, dass wir erfolgreich sein würden. Als wir in der Grube waren und merkten, wir haben es geschafft, an allen Polizeiketten vorbeizukommen, wir haben diese Riesenbagger tatsächlich dichtgemacht, da gab es ganz ­vorherrschend dieses Gefühl: Wir haben es geschafft.

So habe ich Sie auch kennengelernt, als durchaus unorthodoxen und innovativen Medienstrategen der Antiatomkampagne »Castor schottern« im Wendland. Aber wo lag das Problem?

Dass ich eine Seite von mir bei dieser Tätigkeit als Vollzeitkader völlig verleugnet habe. Weil ich anscheinend dachte, dass ich nur so als Kader funktionieren kann. Ich habe mich so sehr vernachlässigt, dass ich immer wieder totale Pathologien produziert habe. Sodass ich mich als queerer Kinky-Sex-Schlampen-Mensch völlig abgegrenzt habe und mich marginalisiert gefühlt habe innerhalb einer radikalen Linken, in der es, etwas überspitzt formuliert, keine Körper gibt.

Können Sie das erklären?

Wir in der Linken in Deutschland misstrauen Körpern, weil die Nazis es ­geschafft haben, Körper anzusprechen und zu mobilisieren. Viele Linke hier­zulande haben, ob bewusst oder unbewusst, einen von der Frankfurter Schule beeinflussten Hintergrund. Da wird ­gesagt, Emanzipation könne nur über den Kopf kommen, nämlich aus der Vernunft. Damit lassen wir ein riesiges Politikfeld der anderen Seite offen, nämlich den Körper und die Affekte. Die sind in Deutschland tendenziell tabuisiert und gelten manchmal sogar als antiemanzipatorisch.

Aber es gibt doch einen nicht unwesentlichen Teil der Linken, bei dem es nur noch um Emotionen, Identität und die Einrichtung von safe spaces geht.

Da läuft auch viel falsch, gerade die Diskussion um sogenannte safe spaces und den politisch richtigen Sprach­gebrauch kann ungewollt sehr exkludierend und auch sehr sektiererisch wirken. Die Linke sollte andere nicht abschrecken. Die Linke muss geil sein. Ich merke auch, dass wir als Linke solche Fragen von Körpern und Affekten viel mehr in unsere politische Praxis aufnehmen müssen. Ich kämpfe beispielsweise ja auch nicht nur gegen den ­Klimawandel, weil ich denke, dass der ein riesiges Gerechtigkeitsproblem ist, sondern weil ich eine Art von Politik entwickeln möchte, in der es sich geil anfühlt, für diese Sache zu kämpfen. Natürlich ist es wichtig, dass das auch ­rational begründet wird. Der ganze Klimawandel ist etwas, das man nicht ohne Wahrheitsanspruch denken kann.

Was meinen Sie, wenn Sie von Affekten sprechen?

Die deutsche Linke hat einen rationalistischen Überschuss. Für mich ist da ein ganz zentraler Begriff die Scham – davon schreibt ja auch Didier Eribon in »Die Rückkehr nach Reims«. Scham ist auch so ein Begriff, der in der deutschen Linken so überhaupt nicht existiert.

Welche Rolle spielt Scham für Sie?

Leider eine ziemlich große, weil ich mich die ganze Zeit für Sachen schäme. Ich schäme mich dafür, dass ich meine Freundin siebeneinhalb Jahre lang angelogen habe, weil ich hinter ihrem Rücken mit Typen rumgevögelt habe. Ich schäme mich dafür, dass ich manchmal am Anfang der Woche Peitschenstriemen auf dem Rücken habe – dann gehe ich nicht zum Sport. Oder ich schäme mich, dass ich beim Treffen am Montag ein come down habe, weil ich am Wochenende zwei Tage wach und drauf war. Und noch vor einigen Jahren habe ich mich dafür geschämt, dass ich HIV-positiv bin. Zu merken, wie stark Scham meine eigenen Handlungen strukturiert – und gleichzeitig die Wucht zu spüren, wenn man diese Scham loslässt, das ist unglaublich.

Wie sind Sie eigentlich zur Politik des zivilen Ungehorsams gekommen?

Meine grundlegende Politerfahrung ­waren die Anti-WTO-Proteste in Seattle 1999. Ich kann mich noch an den ­Moment erinnern, als nach stundenlangen Blockaden und Polizeikrawallen die Ansage kam, dass der Gipfel für den ersten Tag ausgesetzt sei. Nirgendwo waren noch Bullen zu sehen, überall waren unsere Leute, neben mir knutschte dieses Hippie-Pärchen herum, andere tanzten. Nach neun Jahren Ende der Geschichte hatten wir es geschafft zu sagen: »Nein, die Geschichte ist nicht zu Ende.« Ich kann mich noch ganz genau an das körperliche Gefühl von Ermächtigung erinnern. Dieser Zusammenhang von Körpern auf der Straße, massenhaftem zivilen Ungehorsam und gigantischem politischen Ermächtigungs­gefühl, das ist meine politische Grunderfahrung.

Eine ähnliche Form von Ermächtigung haben Sie auch nach dem ­Outing erfahren?

Ganz genau. Tatsächlich kann ich die Erfahrung des Outings nur mit der des »Battle of Seattle« vergleichen, was die positive Energie angeht, die diese beiden Ereignisse für mich hatten. Ich ­benutze durchaus mit Absicht nicht das englische Wort empowerment, da ich nicht denke, dass die Bedeutung so grundverschieden ist, wie manchmal gesagt wird. Es ist eher so, dass bestimmte Begriffe und Konzepte, die im angloamerikanischen Kontext ganz selbstverständlich gebraucht werden, in Deutschland – verständlicherweise – als verbrannt gelten, weil sie die Nazis in einer bestimmten Weise besetzt ­haben. Die deutsche Linke ist sicher zurecht sehr vorsichtig mit bestimmten Begriffen und Konzepten, beispielweise auch leadership.

Vielleicht weil das Konzept auch auf Englisch nicht emanzipatorischer ist als auf Deutsch?

Auch da kommt es doch auf die Inhalte an. Natürlich will ich nicht Führerprinzip, Hierarchie, Befehl und ­Gehorsam. Deswegen sage ich auch, die Vorsicht ist berechtigt, aber es heißt nicht, dass es nicht auch anders möglich ist. Hier in Deutschland haben Linke eine Tendenz dazu, sehr ­rationalistisch zu sein. Die deutsche Linke misstraut aus nachvollziehbaren historischen Gründen stark ­affektiv aufgeladenen Politauftritten und auch dem, was man vielleicht Charisma nennen könnte. Wenn man sich beispielsweise diese Kämpfe um die North Dakota Access Pipeline anschaut, gibt es in den Native American Communities ein ganz klares Verständnis von leadership, auch in den sozialen Bewegungen.

Würden Sie sich selbst als einen charismatischen leader bezeichnen?

Ich würde mich nicht als den Anführer einer sozialen Bewegung bezeichnen, sondern eher als Geschichtenerzähler, wobei das auch eine Form von leadership ist. Meine Geschichte war zunächst die des massenhaften kollektiven zivilen Ungehorsams von Seattle.

Heiligendamm, »Castor schottern« und »Ende Gelände« – versuchen Sie seitdem, die Erfahrung von Seattle zu reproduzieren und Menschen dieses kollektive Ermächtigungsgefühl zu verschaffen, das Sie damals empfunden haben?

Genau. Das ist eine Art von Aktion, bei der man, wenn sie erfolgreich ist, individuell und kollektiv ein enormes Ermächtigungsgefühl schaffen kann.

Der kollektive Akt hat ja neben dem Feel-good-Effekt auch ein konkretes politisches Ziel. Was ist abseits des vergleichbaren Ermächtigungsgefühls die Verbindung zwischen dem kollektiven zivilen Ungehorsam und dem individuellen Akt des Outings?

Auf keinen Fall geht es mir um eine reine Feel-good-Politik. Da bin ich ganz der strategisch denkende Kader. Ich denke nur, dass dieser Aspekt zu wenig mitgedacht wird. Aber jetzt muss ich den Unterschied zwischen Makro- und Mikropolitik erwähnen, der erst einmal ein bisschen banal klingt. Aber was ich die letzten Jahre gemacht habe, war, ein makropolitisches Projekt voranzutreiben, eine große soziale Bewegung an den Start zu bringen, weil ich den Klimawandel für die größte ­Gerechtigkeitskrise halte, vor der die Menschheit je stand. Was ich in der Zeit aber nicht gemacht habe, ist, das Mikropolitische zu beachten, nämlich, wie es mir als Subjekt in diesen Prozessen geht, was das mit mir selbst gemacht hat, als jemand, der eine ziemlich wilde Sexualität hat. Als ich merkte, dass es diese Bewegung erst einmal gibt, wurde mir klar, dass ich mich selbst total vernachlässigt hatte.

Gab es da ein bestimmtes Schlüsselerlebnis?

Ich war in Montreal beim Weltsozialforum 2016. Am Ende habe ich das ­Abschlussplenum geschwänzt und bin zur Montreal Pride, wo ganz viele hübsche schwule Männer herumsprangen. Ich traf da diesen radikalen queeren Aktivisten, und wir fingen an, wild herumzuknutschen. Nach einer Stunde oder so drehte er sich zu mir um und fragte: »Leidest Du eigentlich an internalisierter Homophobie?«

Als guter linker Akademiker nahmen Sie das zum Anlass, mit dem Knutschen erst einmal aufzuhören und die Frage gründlich zu reflektieren.

Absolut. Ich habe mich 15 Minuten allein an den Straßenrand gesetzt, Kette geraucht und plötzlich gemerkt: Der hat total recht. Ich bin zwar jemand, der immer sehr offen über seine Sexualität gesprochen hat, aber eigentlich gar nicht in der Lage war, sich selbst zu akzeptieren. Das hat damit zu tun, dass ich aus einem ganz klassischen bürgerlichen Haushalt komme. Da gibt es ­keine Sexualität. Daher habe ich mir viel von meiner Sexualität hinter dem Rücken meiner Partnerinnen und Partner angeeignet und mich immer wieder selbst belogen. Das hat auch damit zu tun, dass ich seit fünf Jahren HIV-positiv bin, was ja mit enormer Scham einhergeht.

Das heißt, Sie waren an einem Punkt, an dem Sie nicht mehr weiter­machen konnten?

Es gab zwei Punkte. Der eine war der junge Mann aus Toronto, als ich merkte, ja, ich leide unter internalisierter ­Homophobie, ich kann gar nicht selbst akzeptieren, wer und wie ich eigentlich bin. Ich reproduziere ganz viele Vorurteile über schwule Männer in mir selbst. Der zweite Punkt war, als ich ­total high bei einem Typen zu Hause war, und der sagte zu mir: »Du beschwerst dich die ganze Zeit, dass dein Leben kulturell und sozial so hetero­sexuell ist. Dann hör doch mal auf, wie eine Hete auszusehen.« Dann hat er mich davon überzeugt, meine Haare abzurasieren.

Was war das Besondere an diesem Haareschneiden?

Das war kein Haarschnitt, sondern ein performativer Akt. Denn als er mir die Haare abschnitt, brach ich nach zweimal Rasierersummen in Tränen aus und fing an zu erzählen, wie sehr ich um mich ein Gefängnis gebaut hatte. Als mir die Haare vom Kopf fielen, merkte ich, dass ein Damm gebrochen war, und ich diese verschiedenen Teile von mir, das Schwule, das Polyamoröse, das Kinky-Sein und auch das HIV-Positive, endlich akzeptieren kann und muss und nach außen kommunizieren sollte. Das war es, was mir erlaubte, endlich zu mir selbst zu stehen.

Hatten Sie vor dem öffentlichen schon ein privates Outing?

Ich bin schon seit mehr als fünf Jahren HIV-positiv und habe darüber natürlich in meinem Freundeskreis geredet. Ich muss sagen, es ist schockierend, wie wenig Leute darüber wissen, was der Stand der Dinge ist: dass ich Medika­mente nehme, deswegen de facto nicht ansteckend bin, dass ich ein ganz normales Leben haben kann.

Gab es jenseits der Ermächtigung auch ein politisches Ziel, das Sie mit dem Outing vor Augen hatten?

Der erste offen schwule amerikanische Politiker, Harvey Milk, hat einmal ­gesagt: »Every gay person must come out!« Ihm ging es um Schwule, mir in dem Fall um HIV-Positive. Das Problem, das man mit HIV hat, wenn man Zugang zu unserem Gesundheitssystem besitzt, ist nicht ein medizinisches. Das Problem ist das Stigma. Mir fiel auf, dass ich in einer extrem privilegierten Situation bin. Ich bin in einer Linken, in der man mir daraus keinen Strick drehen wird, und habe einen stabilen Freundeskreis und eine Familie, die es mittlerweile auch weiß. Andere, die in meiner Situation sind, haben nicht diese ganzen kulturellen und gesellschaftlichen Ressourcen. Das war für mich ein Schritt zur eigenen Emanzipation.

Und wie funktioniert da der Schritt zur Makropolitik?

Ich arbeite bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, wo man sich schon die Frage stellt, wie prominent man den Kohleausstiegsdiskurs, der vor allem ein globaler Gerechtigkeitsdiskurs ist, in ­einer Situation behandelt, in der man damit potentiell die Lausitz der AfD auf dem Silbertablett reicht – zumindest stellt man sich die Frage, ob man das damit unfreiwillig tut. Ich habe darauf noch keine endgültige Antwort, aber ich weiß, dass ich nicht willens bin, die ganzen rosa, lila, grünen Inhalte, also Klima, LGBT, Feminismus, jetzt hintanzustellen, nur weil eine traditionelle Linke es nicht geschafft hat, ihre Basis am linken Großprojekt zu halten. Es gibt jetzt einen backlash gegen die Frauen, die Homos und die Ökos in der Linken. Uns wird gesagt: Ihr habt die »Arbeiterunterstrichinnenklasse« der AfD in die Hand gegeben. Das ist natürlich totaler Bullshit. Das war nicht unsere Schuld.

Wo steht die Linke gerade und was muss passieren?

Wir leben in einem Land, das gerne so tut, als sei es Energiewendeweltmeister, während es eigentlich Braunkohleweltmeister ist. Wir verbrennen mehr vom dreckigsten aller fossilen Brennstoffe als jedes andere Land der Welt, einschließlich Chinas und Indiens. Wir können nicht 15 Jahre lang warten, bis die AfD besiegt ist, um dann erst wieder über den Kohleausstieg zu reden. Das geht einfach nicht. Wir wissen auch genau, wenn die Feministinnen und die Schwulen aufhören, über ihre ­Themen zu reden, dann wird linke Politik dadurch nicht attraktiver. Wolfgang Gehrcke und Diether Dehm argumentierten kürzlich im Neuen Deutschland ungefähr so: Scheiß auf diese Orchideen und das »Korbflechten von Minderheitsthemen«, zurück zum Sozialstaat! So eine Linke ist doch für niemanden geil. Das ist für mich die offene Frage und das Projekt für das neue Jahr: Wie kriegt man attraktive linke Erzählungen hin, in der die Schwulen, Frauen und Ökos trotzdem dabei sind, und die überzeugen, weil sie geil sind.

Sind Ihre positiven Erfahrungen aus der »Ende Gelände«-Besetzung einerseits und dem Outing andererseits etwas, woran Sie anknüpfen können?

Das ist der Dreh, den ich für dieses neue Jahr gern kriegen würde. Als verseuchte halbmigrantische Ökoschwuchtel – meine Mutter ist Brasilianerin, mein Vater ist Deutscher – kann ich mich als Projektionsfeld für Hass aus dem AfD-Bereich imaginieren. Das bin ich ­natürlich ganz konkret, aber ich möchte irgendeine Form von Erzählung ent­wickeln. Das ist mein eigenes Projekt für mich nächstes Jahr. Ich glaube, da kann man auch über Klassengrenzen hinweg eine gemeinsame Erzählung finden.

Sie sind erfolgreich, charismatisch, eloquent und bieten ein Gegenbild zu allem, was die Reaktion von AfD bis Trump momentan anstrebt. ­Stehen die linken Parteien bei Ihnen nicht schon Schlange und wollen Sie anwerben?

Nein, bisher noch nicht. Ich muss aber auch sagen, dass ich letztlich ein sozialer Bewegungsromantiker bin. Ich­ ­glaube tatsächlich, dass alles Gute, Wahre und Schöne auf der Welt immer zuerst einmal von sozialen Bewegungen gefordert wurde. Da entstehen dann auch die Lösungen. Der zweite Grund, warum ich ein bisschen skeptisch wäre, ist, dass ich eben auch ein Leben mag, in dem ich am Sonntagnachmittag mit tellergroßen Pupillen aus dem Kit-Kat-Klub stolpern kann mit zwei nackten Männern im Arm, und da nicht irgendein Boulevardjournalist steht. Das hat eben auch etwas mit Freiheit und Emanzipation zu tun. Ich möchte nicht der nächste Volker Beck werden.

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