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Gaston Kirsche: Für den kosmopolitischen Kommunismus!

Weder Wurzeln noch Flügel

Urbaner Globalismus statt ruraler Lokalismus – das ist, nachdem der »Westen« sich totgesiegt hat, nicht die emanzipatorische Alternative. Auch im Postfordismus beruht der Reichtum in den »Global Cities« auf der gewaltförmigen Ausbeutung der Peripherie.

von Gaston Kirsche

In »Bye-bye, Westen« urteilte Ivo Bozic, den »Globalisten« gehöre die Zukunft, in »einem Konflikt zwischen einer urbanen, informierten, sich globalisierenden, sich angleichenden Kultur und einer ländlichen, sich dagegen abschottenden Kultur«. Angesichts des anhaltenden Verstädterung sieht er »die Nationen« im »Todeskampf« und die großen Städte auf dem Weg zu Global Cities. Vom ideologischen Konstrukt des vermeintlich freien »Westens« verabschiedet sich Bozic dabei aus guten Gründen. Denn eine »Wertegemeinschaft« für Demokratie, Freiheit und Respekt ist der Westen sicher nicht, da ein bedeutender Teil seiner Repräsentanten und Repräsentierten auf Führerfiguren, Autorität und Erniedrigung setzt.

Donald Trump verdanke seinen Wahlsieg den Wählern vom Land und aus den Kleinstädten, den »Localists«, also rassistischen, nationalistischen Milieus. Rückständig, ressentimentgeladen. Die »Globalists« dagegen seien »auf­geklärte, liberale, hedonistische Weltbürger« – diejenigen, die Trump nicht gewählt hätten und in den großen Städten wohnten. Bereits bei dieser recht holzschnittartigen Gegenüberstellung fällt auf, dass Lifestyle mit Politik verwechselt wird. Der Hauptgrund für den Wahlsieg Trumps wird übersehen: Der Gegenkandidatin Hillary Clinton gelang es nicht, das Wählerpotential für eine linksliberale Präsidentschaft auszuschöpfen. Viele, die Barack Obama 2008 und 2012 gewählt hatten, blieben im November zu Hause, weil Clinton ein sozialreformerisches Versprechen nicht glaubhaft vertreten konnte. Dies verweist auf ein Problem, das die große These vom Kulturkampf Stadt gegen Land übergeht: Gegen reaktionäre ­Mobilmachungen braucht es gerade in Krisenzeiten ein glaubwürdiges linkes Projekt, dem zumindest die Ahnung innewohnt, dass ein besseres Leben für die gesellschaftlich Benachteiligten ­erkämpfbar ist.

Wie Theodora Becker und Arne Kellermann in ihrer Replik auf Bozic betonen, konzentriert sich die »Entwicklung des Kapitals tatsächlich in den Metropolen«, den Großstädten, mit der ihr »eingeschriebenen Gewalt, die zur ­Barbarei der hängengebliebenen Provinzler ebenso wie zur Idiotie eines Metropolitismus führt«. Sowohl bei Bozic als auch bei dem ihm wider­sprechenden Stefan Laurin meinen sie, »Blindheit gegenüber dem Kapital­verhältnis und Komplizenschaft mit dessen Gewalt« zu erkennen.

Auf Laurins Erwiderung trifft dies zu. Er kritisiert Bozics Abschied vom ­»Westen«. Zwar stellt er zutreffend fest, dass die großen Städte auch provinzi­elle Seiten hätten. Laurin empfiehlt, die »soziale Frage« mit Propaganda für den »freien Markt« zu beantworten. Die Konzepte des Front National, der AfD und der FPÖ ähnelten denen der »autoritären Linken«: »kein Freihandel, ­Zuwanderung einschränken und Schutz einheimischer Produzenten«.

Links gleich rechts und dazwischen der goldige, liberale Freihandelskapitalismus? Es gibt bei autoritären Linken eine offene Flanke nach rechts. Dies verdient scharfe Kritik, keine Frage. Es gibt aber bei faschistischen Strömungen, auch im FN, in der AfD und der FPÖ, eine große Affinität zum Kapitalismus. Ob es sich um den Kapitalismus des Freihandels oder des Protektionismus handelt, macht keinen Unterschied. Für Laurin schon: »Es muss darum gehen, globales Wachstum zu beschleunigen und dafür zu sorgen, dass auch in den kommenden Jahrzehnten die Zahl der Menschen, die in Armut leben, weiter zurückgeht und die Lebensverhältnisse sich in absehbarer Zeit angleichen.« Da ist es wieder, das Fortschrittsversprechen des Kapitalismus. Als ob es beim Kapitalverhältnis nicht um Ausbeutung und Aneignung von Mehrwert durch die Bourgeoisie ginge, wird hier ein Kapitalismus postuliert, von dem alle profitieren sollen: »Dafür muss der Westen kapitalistischer im engeren Sinne werden: aufhören, Exporte zu subventionieren, seine Märkte öffnen und sein Wissen teilen.« Und dann ­haben sich alle lieb.

Bozic betreibt keine solche Apologetik des kapitalistischen Weltsystems. Er verläuft sich bei seiner Suche nach ­einem Gegenmittel gegen die wachsende Zustimmung für reaktionäre Politik bei Wahlen aber in der Innenstadt einer Global City: Als Weltstädte »verbinden sie sich mit anderen potenten Weltstädten, in denen ganz ähnliche techno­logische, soziale und kulturelle Bedingungen herrschen.« Da kann man schon mal durcheinander kommen – ist das jetzt gerade Mailand, Barcelona oder Mexiko-Stadt? Egal: »Die Globalisten, vom Hausmädchen in Singapur bis zum Webdesigner in Kreuzberg, vom Expat in Bangkok bis zum universal Bauarbeiter, sind nicht das Problem, sie sind die Lösung!«

Städte sind wie Staaten Aushandlungsterrain für soziale Konflikte und Akkumulationsregime. Die Kräfteverhältnisse werden hier sozialräumlich verdichtet, die Stadt ist von Netzwerken der Ausbeutung und des Aufbegehrens, des Reichtums und der Armut durchzogen – also vom Klassenantagonismus. In Städten entwickeln sich wie auf dem Land Widersprüche zwischen Herrschaftsformen in einer ­Konkurrenz der Ideologien und Proteste. So steht der Trump Tower als Symbol für die neue Welle an Rassismus, Sexismus und Sozialdarwinismus im Zentrum der Global City New York. Dort haben trotz der linksliberalen Dominanz seit dem Wahlsieg Trumps die antisemitischen und rassistischen Angriffe um 130 Prozent zugenommen.

Beim kritischen Flanieren durch Mexiko-Stadt mit dem schon etwas älteren, schwarz-roten Bozic-o-meter kommt es auf dessen Skala von null für »autoritär« bis elf für »emanzipatorisch« zu ganz verschiedenen Ausschlägen. Auf dem zentralen Platz, dem Zócalo, steht die Zeltstadt einer Lehrer­gewerkschaft, die aus dem ländlichen Guerrero an­gereist ist und gegen rassistische Ausgrenzung an den Dorfschulen protestiert. Das Bozic-o-meter zeigt eine »10«. In einem Stadtbezirk findet eine Versammlung der Partei der Institutionalisierten Revolution statt. ­Einer Kiezinitiative werden städtische Gelder versprochen, wenn sie die Zusammenarbeit mit einer radikalen linken Frauengruppe gegen Männer­gewalt beendet, die beim Drogenkrieg stört. Das leicht verschrammte Bozic-o-meter schlägt kaum aus und zeigt »1«.

Diese für Mexiko typischen Beispiele zeigen die Bedeutung hybrider Ver­ortungen. Die Dorfschullehrer kommen aus Gemeinden der indigenen kleinbäuerlichen Bevölkerung und treten in der Hauptstadt eben nicht als Indigene, sondern als Berufsgruppe auf, bewegen sich in der Weltstadt ebenso als Akteure wie in den Herkunftsdörfern. Die These vom Gegensatz »Globalists« versus »Localists« hilft hier nicht weiter. Denn die vermeintlich »globalistische« städtische Kiezinitiative ist zu ­einem Deal mit der autoritären Staatspartei bereit.

Der von Bozic zitierte Soziologe Ulrich Beck liegt mit seiner Metapher falsch: »Wurzeln und Flügel« zu haben, ist nicht erstrebenswert. Denn die lokale Herkunft muss nicht essentialistisch verstanden werden und kosmopolitische Ideale schweben nicht über den gesellschaftlichen Widersprüchen. Die weltbürgerliche mit der sozialen Befreiung zu verbinden, geht ohne Wurzeln und Flügel besser: »Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarktes die Produktion und die Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre der nationalen Industrie den Boden unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebens­frage für alle zivilisierten Nationen wird. An die Stelle der alten lokalen und ­nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger ­Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.« Vieles hat sich geändert, seit 1848 das »Kommunistische Manifest« veröffentlicht wurde. Aber die Kritik des weltweiten Kapitalverhältnisses gehört weiterhin zu einer Strategie gegen die reaktionäre Offen­sive ebenso wie die Kritik des Identitären. Die Idee eines »Kosmopolitischen Kommunismus«, die wir 1998 in der damaligen Gruppe Demontage entwickelt haben, versucht dem Rechnung zu tragen.