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Jürgen Kiontke: Wer bringt im Film »Passengers« den Müll rausbringt

Liebe als Betrug funktioniert trotzdem

Der Film »Passengers« erzählt von der romantischen Liebe der Zukunft.

von Jürgen Kiontke

Wo die Liebe hinfliegt: Als romantic science fiction adventure movie firmiert »Passengers« von Morten Tyldum, damit liegt man kaum falsch. Denn dieser vor allem zu Beginn sehr schöne Film nimmt sich die Liebe in Zeiten des interstellaren Reiseverkehrs vor.

»Passengers«, das heißt: Die Erde hat abgewirtschaftet, die Menschheit macht sich in einem wirklich schicken Raumschiff auf zu einem neuen Planeten. 5 000 Neubürger und 258 Crewmitglieder halten friedlich Hyperschlaf, bis einige Kometenbrocken den Schutzschirm der »Avalon« perforieren. Passagier Jim wird durch einen Funktionsfehler um den Schlaf gebracht, erstaunt stellt er fest, dass er der einzige wache Mensch an Bord ist. Das Malheur passiert sozusagen kurz nach dem Start – erst 30 Jahre der Reise sind vergangen, 90 kommen noch. Nach ersten Erkundungen in dem mit viel Zuneigung zum Detail designten Schiff – so gibt es eine aus dem Rumpf ragende Glasblase, in der sich ein Schwimmbad befindet –, und einigen Versuchen, die Crew zu wecken, verbringt Jim ein ganzes Jahr allein. Nur Maschinen sprechen mit ihm, wenn auch zugegeben in sehr charmanter Weise. Nicht zuletzt der robotische Barkeeper sorgt für elegante Dialoge. Den Putzrobotern wirft er kleine Sachen auf den Boden, die die Maschinen flugs apportieren.

Der Mensch allein ist selten ein gutes Konzept, zumal im Kino. Meist wird es besser, wenn der Topf einen Deckel findet. Folglich verlottert der Astronaut wider Willen. Es sind nicht die schlechtesten Szenen dieses Films, wenn Jim vor Sinnlosigkeit nackt durch die Gänge schleicht. Wozu waschen und anziehen? Es folgt die Bastelphase, dann der Absturz in die Drogen. Und wenn die nicht mehr helfen: Mehr als einmal steht Jim in der Luftschleuse und will sich töten. Der Mensch, sogar der Mann, ist ein soziales Wesen, das beweist dieser Laborversuch.

»Passengers« ist ein sehr aufwendiger und schöner Film. Das Interieur des Raumschiffs ist glattpoliert und luxuriös, Regisseur Tyldum schafft sehr beeindruckende Bilder. Die Geräte benutzen eine eigene Symbolsprache, Hologramm-Apps bestimmen die Kommunikation. Die Verzweiflung Jims drückt sich im Kampf mit den glatten Oberflächen aus. Bei seinem Versuch, die Tür zum Habitat der Crew zu öffnen, kommt jegliches Gerät zum Einsatz, das an Bord ist. Aber jedes Werkzeug ist nur für einen bestimmten Zweck gedacht, auch körperliche Kraft ist kein erfolgreiches Konzept im Ringen mit der modernen Ausstattung. Es wirkt so, als könne dem Raumschiff schlichtweg niemand etwas anhaben, es hält sich für fehlerlos. Der zu früh Erwachte ist hier einfach nicht vorgesehen.

Und es wird noch besser und problematischer. Denn Jim schwingt sich in seiner Einsamkeit zum Herrscher über Leben und Tod auf. Vier Monate steht er nun schon vor dem Schlaftrog der Journalistin Aurora (Jennifer Lawrence), perfekt schlummert sie vor sich hin. Alle Dossiers über sie hat er gelesen und ist verknallt bis über beide Ohren: Vielleicht nicht mal in Aurora – die hat er live noch nicht erlebt –, aber in die Vorstellung, mit ihr zusammen einsam zu sein.

Aurora aufzuwecken ist ein Verbrechen, das weiß Jim, es ist vielleicht ihr Todesurteil, auf jeden Fall bleibt ihr so das Leben auf dem neuen Planeten versagt. Und Jim schaut das Kinopublikum mit großen Augen an, als wolle er fragen: Wie würdet ihr entscheiden? Was könnten sich die beiden für einen Sternenhimmel anschauen – 360 Grad surround! Der Schauspieler Chris Pratt kann sehr überzeugend sein.

Die Antwort gibt er selbst, denn Filmzeit ist kostbar! Die beiden haben jedenfalls eine tolle Zeit miteinander. Junge Liebe, Blödsinn im Raumschiff machen, Küsse in der Schwerelosigkeit, abendliches Trinken an der Roboterbar, rührende Flirts.

Das kann hier ganz groß werden – wenn der Film beim Innenleben seiner Figuren bleibt: Werden sie sich streiten? Welche Rollenverteilung werden sie entwickeln, so ganz traditionell oder was anderes? Was macht man ohne Nachbarn und Freunde? Man ahnt es: Die beiden werden unter den Bedingungen des Weltalls einiges zu sortieren haben. Und siehe da: Der Barkeeper verplappert sich, und als Aurora von dem Betrug durch Jim erfährt, wird es interessant.

»Passengers« hätte das Zeug zum ganz großen Beziehungsfilm. Leider gelingt es den beiden Verliebten, mit viel Gerenne und Gehetze das Raumschiff zu reparieren. Damit wird der teure Hollywood-Film zu einem, der – wie so oft – seinen Figuren und vor allem dem Publikum nicht so recht traut. Statt des existentialistischen Dramas gibt es einen bald ziemlich öden Abenteuerfilm, sehr clean, sehr blond und hetero und manchmal ein bisschen sehr konventionell in der Rollenverteilung. Aurora sieht gut aus, der Mann beherrscht die Technik.

So kommt die Vorstellung von Liebe ja des Öfteren daher: als ödes Eventkino. Sollen sie doch im kaputten Raumschiff vor sich hinlieben! Wohl bis ans Ende aller Flüge. Nein, darüber, dass sie gemeinsam was zu tun haben, kriegen sie ihre Beziehung stabil, ach so. Niemand soll verstört werden. Auch »Passengers« ist eine Illusionsmaschine.

Wer den Müll rausbringt, erfährt man nicht. Warum sie keine Nachfahren haben, auch nicht. Musste sich Aurora für Schwangerschaftsabbrüche entscheiden in der automatischen Arztstation?

Liebe ist selten logisch. Warum sollte es der Liebesfilm sein? Einmal ist Bob Dylan zu hören: Die Musik dieses Films ist so schlimm wie die verpasste Chance, den Alltag einer Liebe in der Zukunft zu erzählen. Doch ist »Passengers« damit auch wieder ein recht philosophischer Film, er handelt über weite Strecken von Schuld, Glück und Verantwortung in einer Weise, wie sie nicht oft im 3D-Film vorkommt.

Denn die Zweierliebe ist grundsätzlich eine verpasste Möglichkeit: Schließlich könnten die beiden fast beliebig weitere Partner und Partnerinnen aufwecken – und ein ganz anderes Leben führen. Sie tun es nicht.

Passengers (USA 2016). Regie: Morten Tyldum. Darsteller: Jennifer Lawrence, Chris Pratt. Filmstart: 5. Januar