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Raphael Smarzoch: Die akustischen Werkzeuge des Horrorfilms

Klänge des Grauens

Wie man dem Zuschauer Angst einjagt: Musik und Geräusch im Horrorfilm.

von Raphael Smarzoch

Ein Anruf reißt Pater ­Karras aus seinen Nachforschungen. Sharon, Regans Erzieherin, ist am Apparat. Sie klingt aufgeregt. Er solle bitte schnell vorbeikommen. Sie habe etwas beobachtet, dass sie ihm zeigen müsse. Es ist schon dunkel, als er sich auf den Weg macht. Sharon nimmt ihn bereits draußen in Empfang. Aufgeregt gehen beide die Treppe zu Reagans Zimmer hoch. Die Raumtemperatur liegt unter null. Sie frösteln. Man sieht ihren Atem. Reagan windet sich im Bett. Sie sieht nicht aus wie ein junges Mädchen, sondern ähnelt einem Monstrum. Ein Mischwesen aus Mensch und Dämon, das schwer atmet und seltsame Laute absondert. Sharon knüpft Reagans Nachthemd auf. Wie aus dem Nichts erscheint in vernarbter Gravur der Schriftzug »Hilf mir« auf ihrem Bauch.

Dieser Moment wird von flirrenden Streicherfiguren begleitet, disharmonischen Klängen, die das teuflische Treiben auf der Leinwand in Szene setzen. »Wie eine kalte Hand, die deinen Nacken berührt«, so hat Regisseur William Friedkin die Musikauswahl für seinen Film »Der Exorzist« beschrieben. Der Soundtrack enthält Kompositionen von Krzysztof Penderecki, George Crumb oder Anton Webern. Musik, die sich jenseits einer tonalen Klangsprache bewegt, mit Dissonanzen experimentiert und aus erweiterten Spieltechniken resultiert. Sie klingt für viele Ohren fremd, unnatürlich oder unheimlich. »Schrille Töne, Cluster, atonale Sachen, die sich aus der Harmonik entfernen, die sich von angenehmen Hörgewohnheiten entfernen – die erzeugen Angst und Horror«, sagt Komponist Stefan Will, der zusammen mit Marco Dreckköter die Musik für die Filme »Rammbock« und »Blutgletscher« schrieb, zwei Horrorfilme des jungen österreichischen Regisseurs Marvin Kren. »Das Beunruhigende entsteht durch das Unberechenbare und Nichtmelodiöse«, ergänzt Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger. »Dieses Neue, Unvertraute, in der Kombination mit scheinbar vertrauten Bildern, erzeugt etwas Anderes, etwas Fremdes dann wieder. Das ist diese Effektivität, die darin liegt.«

Doch auch vertraute Klänge, einfache Melodien und eingängige Harmonien können Gefühle der Angst und Beklemmung auslösen, wenn sie beispielsweise stetig wiederholt werden, wie es im Hauptthema des Films »Halloween« der Fall ist. Die ständige Repetition versinnbildlicht womöglich das Trauma des Täters, seine Mordlust, die ihn immer wieder zum Töten zwingt. Sie erzeugt Stress, ruft aber auch psychoakustische Täuschungen hervor, klangliche Illusionen, die einen gespenstischen Effekt haben. Man nimmt etwas wahr, das in den Aufnahmen gar nicht vorhanden ist, akustische Phantome. Der britische Musikwissenschaftler Kevin Donnelly geht sogar noch einen Schritt weiter und behauptet, Filmmusik sei per se gespenstisch. Schließlich sei es manchmal unmöglich, genau zu sagen, ob die unheimlichen Klänge des Soundtracks tatsächlich ein Teil der akustischen Ebene des Films sind oder womöglich doch aus der Umgebung des Zuschauers rühren. Kommen die schaurigen Klaviergeräusche und flüsternden Stimmen aus dem Film oder doch aus dem Nebenzimmer?

Musik in Horrorfilmen ist mehr als reiner Sound. In Alfred Hitchcocks berühmter Duschszene aus dem Film »Psycho« illustriert sie die Zerstörung des Körpers. Die Messerstiche werden mit schrillen Streichertönen dargestellt, die mit energischem Stakkato das Eindringen des Stahls spürbar machen. Eine Idee, die auch in »Masks« aufgegriffen wird, dem zweiten Horrorfilm von Andreas Marschall, der unter anderem seit den achtziger Jahren Plattencover und Musikvideos für Bands wie Kreator, Blind Guardian oder Sodom entwirft. Der Film erzählt die Geschichte der jungen Schauspielstudentin Stella, die an einer privaten Schauspielschule angenommen wird. Geleitet wurde die Institution von dem Lehrer Mateusz Gdula, der eine menschenfeindliche Ausbildungsmethode entwickelt hatte, die authentischen Gefühle der Schauspieler hervorzuholen. In dem Film tritt auch ein Mörder auf. Seine Opfer ersticht er mit einem Stilett. In einer Szene rammt er seinem Gegenüber die Klinge mitten ins Ohr. Ihr Eintritt in den Körper wird mit einem Sinuston untermalt, der an ein Tinnitus-Geräusch erinnert. Sound und Musik lassen den Zuschauer die Materialität der Tatwaffe körperlich spüren. »Diese Szene ist ein gutes Beispiel dafür, wie stark ich versuche, den Zuschauer eine körperliche Sensation zu geben, ihn körperlich den Schmerz des Opfers fühlen zu lassen«, sagt Andreas Marschall. »Wenn man das in einem großen Kino sieht mit maximaler Lautstärke, dann tut das wirklich körperlich weh. Solche Effekte kommen öfters vor in ›Masks‹.«

Effekte, die auch elektronischen Ursprungs sind. Der Einsatz elektronischer Klangerzeuger ist in vielen Horrorfilmen von essentieller Bedeutung. George A. Romero verfremdete in seinem Debüt »Night of the Living Dead« aus dem Jahre 1968 Orchesteraufnahmen mit elektronischen Filtern. John Carpenter schuf schaurig-minimalistische Synthesizer-Etüden und Charlie Clouser bedient sich heutzutage digitaler Klangsyntheseverfahren, um die Foltermaschinen der »Saw«-Filme zu ölen.

Elektronik bietet nicht nur neue Mittel zur Herstellung seltsamer und unheimlicher Sounds, sondern verweist auch auf die Weiterentwicklung des Horrorgenres und seine Reifung. Dracula, Frankenstein und weitere artverwandte Zeitgenossen wurden noch von dem klanglichen Technicolor opulenter Orchesterarrangements begleitet und frönten einer musikalischen Überwältigungsästhetik. Einem Sound, der mit der Atmosphäre von Burgruinen, Katakomben und Schlössern harmonierte. »Die Modernisierung des Horrorgenres bestand vor allem darin, dass eben nicht mehr zeitlich entrückte, in der Vergangenheit liegende Szenarien eine Rolle spielten«, sagt Stiglegger. Der Horror dringt von nun in die Gegenwart ein, in moderne Settings, urbane Zonen und Kleinstädte. Das erforderte auch neue Klänge, abstrakte Störgeräusche, wie man sie in »The Texas Chainsaw Massacre« hört, oder Musik, die an Werbejingles erinnert. Man denke nur an das Wiegenlied aus »Rosemaries Baby«. Elektronische Cut-ups aus Alexandre Ajas »The Hills Have Eyes« und Klänge aus digitalen Anwendungen, die den Skype-Horror »Unfriended« begleiten, lassen sich als akustische Sinnbilder einer »hypermedialen Gegenwart« auffassen, so Stiglegger.

Geistliche Musik allerdings erfreut sich dauerhafter Beliebtheit, auch in zeitgenössischen Horrorfilmen. Choräle, ritueller Gesang, Beschwörungen, Engelschöre und dunkle Baritone: Man hört sie in Brian de Palmas »Carrie« oder in John Carpenters »The Fog«. In dem Film »Carnival of Souls« öffnet der Sound einer Kirchenorgel ein Portal ins Jenseits. Darüber hinaus spielen Horrorfilme immer wieder mit religiösen Thematiken. Das beweisen zahlreiche Exorzismus-Filme von »The Last Exorcism« bis hin zu »Deliver Us from Evil«.

In dem Film »The Omen« kommt der Teufel in Gestalt von Damien auf die Welt, der sogar im letzten Teil der Trilogie das Weiße Haus besetzt. Der Soundtrack spielt mit akustischen und textlichen Verweisen, die an eine christliche Messe erinnern. Allerdings vermittelt diese Musik keine christliche Botschaft. Der Komponist Jerry Goldsmith hatte einen originellen Einfall, um die satanische Thematik des Films in seinen Soundtrack zu integrieren. »Es wird unter anderem die Dies-Irae-Sequenz zitiert«, erklärt der Musikwissenschaftler Frank Hentschel. »Das ist eine Sequenz, die sich auf das Jüngste Gericht bezieht. Die Musik wird aber dann nochmal umgekehrt. Die Intervalle werden genau gespiegelt«, sozusagen rückwärts abgespielt, wie es für satanischen Botschaften üblich ist.

Die Empfänglichkeit des Horrorfilms für sakrale Klänge und Thematiken liegt aber auch im Religiösen selbstbegründet. Erfahrungen des Heiligen waren schon immer eine ambivalente Angelegenheit, Erlebnisse auf der Schnittstelle zwischen Faszination und Schaudern, Leben und Tod. Die Verarbeitung religiöser Themen im Horrorfilm weist auch auf die religiösen Qualitäten des Genres hin. Für manche Zuschauer ist das Betrachten dieser Filme eine religiöse Handlung, ein Ritual, das bestimmten Gesetzen gehorcht und immer wieder durchgeführt werden muss – eine Zeremonie des Schreckens in Klang und Bild. Für andere Zuschauer hingegen besteht das Ritual einfach aus einem Film, einem Bier und einer Tüte Popcorn.