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Andreas Michalke: Berlin Beatet Bestes. Folge 371

More or Less Music

Dahlia Amihud: Pessach Songs.

von Andreas Michalke

Um dem jährlichen Kreuzberger Böllernahkampf zu entkommen, verbringen meine Freundin und ich Weihnachten und Silvester in Tel Aviv. Stundenlang laufen wir auf der geschäftigen Dizengoff-Straße umher, bis uns die Füße wehtun. In einer Gasse an der Hausnummer 75 befindet sich der Plattenladen Hamor Records. Während meine Freundin draußen sitzt, ein Buch liest und raucht, durchkämme ich die Single-Kisten. Der aufgeräumte kleine Second-Hand-Laden sieht aus wie viele andere Geschäfte, die in letzter Zeit im Zuge des Vinyl-Revivals eröffnet wurden. Der Laden bietet hauptsächlich Platten aus den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern – von Johnny Cash bis Clash. Aber auch in meinen Fachgebieten finde ich einiges: Kinder- und Militärmusik und religiöse Platten.

Hamor Records hat sogar eine eigene Sparte mit israelischer Militärmusik. Eine EP, die ich besonders suche – Jacob Sandlers »Jacob Sandler Sings Nasser’s Dream«, die dem Sechstagekrieg gewidmet ist – finde ich zwar nicht, dafür aber endlich Dahlia Amihuds »Pessach Songs« und Miriam Avigals »Chanukka Songs«. Die Comic-Cover dieser 6- beziehungsweise 8-Song 7"« EPs sehen aus, als hätten zeitgenössische Indie-Zeichner sie gestaltet. Platten wie diese Scheiben mit Kinderliedern sind keine rein kommerziellen Produkte. Sie sind, so wie mancher Punk und Hardcore: »More than Music«. Vielleicht aber auch »Less than Music«. Weil ich sie eher selten abspielen werde. So sehr ich sie als Sammlerstücke liebe – die Musik auf ihnen nervt ganz schön.

Als ich fertig mit der Suche bin, bezahle ich und komme mit dem Ladenbesitzer ins Gespräch. »Wo kommst du her?« fragt er. »Aus Berlin, ursprünglich Hamburg.« »Ah, Hamburg!« meint er erfreut und zeigt auf einen Sankt-Pauli-Aufkleber hinter ihm. »Mit Sankt-Pauli ist mit mein Tel Aviver Fußballverein befreundet. Wir zeigen bei den Spielen sogar Pauli-Fahnen.« Im Laden ist noch ein weiterer Kunde. Maoz lebt seit vier Jahren in München. Dort betreibt er ein kleines Café, in dem er auch Platten verkauft. Ich sehe zwei LPs von Aris San auf dem Tresen liegen. »Die 10" von Fortuna Records habe ich in Berlin gekauft«, sage ich. Und dann reden wir nur noch über Musik. Als ich später draußen meine Freundin abhole, fragt sie: »Und? Was habt ihr so gequatscht?« Ich: »Och, nichts weiter. Über Musik und so … «